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Der Augenzeuge »Den Bezug zur Natur verloren«

Fionn Pape, 29, aus Göttingen beschriftet mit Kreide Wildpflanzen auf Gehwegen und Mauern, um auf Artenvielfalt aufmerksam zu machen. Bei gutem Wetter ist er alle zwei Wochen unterwegs.
Aufgezeichnet von Jonas Schulze Pals
aus DER SPIEGEL 39/2021
#mehralsUnkraut: Artenschützer Fionn Pape mit Bitterkraut

#mehralsUnkraut: Artenschützer Fionn Pape mit Bitterkraut

Foto: Karsten Socher / DER SPIEGEL

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»Bei der Aktion #mehralsunkraut oder auch #krautschau, wie sie in Deutschland genannt wird, geht es darum, Wildpflanzen in der Stadt zu benennen: mit Kreide ihren Namen danebenzuschreiben. Auf Gehwegen, an kleinen Mauern oder an Treppenstufen. Viele machen zusätzlich Bilder von den Schriftzügen und laden sie in den sozialen Netzwerken hoch.

Der Trend ist vor einigen Jahren in Frankreich und Großbritannien entstanden. Anfang 2020 bin ich über Twitter darauf aufmerksam geworden. Ich fand die Idee sofort klasse.

Wir wollen mit der Aktion zeigen, dass es auch in Städten eine hohe Biodiversität gibt. Allein im Stadtgebiet Göttingen kann man mehr als 700 Pflanzenarten finden. Leider wissen das nur sehr wenige Menschen. Viele haben durch das Leben in der Stadt den Bezug zur Natur verloren.

Wir leben nicht nur in einer Klimakrise, sondern auch in einer Biodiversitätskrise. Weltweit sterben viele Arten durch die Lebensweise des Menschen aus. Ich glaube: Nur was wir kennen, das wollen wir auch schützen. Wenn also fast niemand die vielen Arten kennt, dann setzt sich auch keiner für den Naturschutz ein.

Bei gutem Wetter bin ich alle zwei Wochen unterwegs und gehe zu belebten Plätzen. Oft werde ich unterwegs angesprochen. Die Leute erzählen mir zum Beispiel, dass ihnen bestimmte Pflanzen häufiger auffallen. Das ist das Charmante an der Aktion: dass ich Menschen außerhalb meiner Blase erreichen kann.

Ich hoffe, dass die Menschen Wildpflanzen durch die Aktion weniger als Unkraut wahrnehmen. Nur weil etwas nicht bewusst irgendwo hingepflanzt wurde, heißt das ja nicht, dass es sofort wegmuss. Ich finde es schön, wenn man auch mal Unordnung zulässt.

Früher galt Artenkenntnis noch als eine Art Geheimwissen, heute kann man viele Pflanzen auch mit Apps auf dem Handy bestimmen. Da ich Biologie mit dem Schwerpunkt Biodiversität studiert habe, kenne ich die heimische Flora gut. Für den Notfall nehme ich mein Bestimmungsbuch mit.

Die Kreide ist vergänglich und wird vom Regen weggespült. Das bedeutet mehr Arbeit für mich, aber es passt auch zu den Wildpflanzen. Viele Arten sind kurzlebig und sprießen nicht wieder an derselben Stelle.«

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