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Internet Den kleinen Horror laden

Das begehrteste aller Computerspiele wird übers Datennetz angeboten - Experten befürchten den Kollaps.
aus DER SPIEGEL 22/1996

Der Eingang zur Hölle liegt mitten in Texas: Die Bewohner des Südstaaten-Städtchens Mesquite sind ruhige, gelassene Menschen, die ihre Spareribs scharf, aber noch genießbar braten. Doch gleich neben dem Ford-Händler steht das schwarze, siebenstöckige Haus, aus dem seit vier Jahren das Böse kommt.

So lange schon arbeiten hier die Programmierer, Grafiker und Musiker der Firma id-Software an immer schlimmeren Grausamkeiten. Reanimierte Nazis, pickelige Zombies, rothäutige Dämonen oder ratternde Roboterspinnen mit Doppel-MGs: Das Team aus Texas verwandelt mit seinen digitalen Spielen den Heimcomputer in eine Höllenmaschine.

Die id-Spiele gehören zu den Bestsellern des Horrorgenres: »Wolfenstein 3D«, ein Terror-Trip durch endlose Nazi-Katakomben; »Doom«, der Kampf eines US-Marine-Infanteristen gegen Hunderte mutierter Aliens; oder dessen Fortsetzung, für die der Slogan »die Hölle auf Erden« wirbt. Allein »Doom II« (SPIEGEL 32/1994) hat sich zweimillionenmal verkauft. Mit dem Spiel hat id-Software mehr als 30 Millionen Dollar umgesetzt.

Nun herrscht hypernervöse Abgabestimmung in der texanischen Hölle. In weniger als 50 Tagen, so Firmenchef Jay Wilbur, will die Firma ihr neustes Werk freigeben: Auf »Quake« warten weltweit nicht nur reflexbegabte Computerspieler (Wilbur: »Draußen kauen sich schon manche Leute die Knöchel blutig"), die Premiere des jüngsten id-Werks haben auch Telefon- und Netzwerkfirmen vorgemerkt.

Denn »Quake« soll nicht nur per Versandhaus oder beim Computerhändler um die Ecke zu kaufen sein - Wilbur und seine Programmierer werden das Spiel per Internet in die Szene schicken. Getreu der alten Dealermaxime, »anfixen ist kostenlos«, wird »Quake« als Gratissoftware im Internet verfügbar sein.

In ein paar Wochen wird ein id-Programmierer die Software auf zwölf leistungsstarke Hochgeschwindigkeitsrechner (Internet-Adresse: http://www.idsoftware.com) kopieren, und wenige Stunden später werden Spielfans auf der ganzen Welt »Quake« auf ihre eigenen Rechner übertragen.

Der zu erwartende Ansturm (Wilbur: »Wir rechnen mit über drei Millionen Kunden, die sich per Netz die Software besorgen werden") schreckt Internet-Unternehmen. Die Dortmunder Firma Eunet, einer der größten Netzanbieter in Deutschland, kann ihren Internet-Kunden schon heute nur verstopfte Leitungen in die USA anbieten. »Die ohnehin langsamen Verbindungen werden noch langsamer«, fürchtet Marc Sheldon, Marketingchef bei Eunet, wenn die Fans sich den kleinen Horror laden.

Auf eine harte Probe stellte id das Internet schon 1993, als die Entwickler »Doom« über einen amerikanischen Universitätsrechner ins Netz sendeten. Mehr als 1500 gleichzeitige Ladevorgänge brachten den »maximum overload«, wie Wilbur noch heute mit viel Schadenfreude erzählt: »Wir haben den Rechner zum Absturz gebracht.«

Das Netz wird von »Quake« nicht nur beim Laden belastet. Die Horrorsoftware macht erst richtig Spaß, wenn verschiedene Spieler kämpfen - per Internet. »Quake« erlaubt Schlachten zwischen Bielefeld und Aberdeen. Die Folge: Noch mehr Staus auf dem verstopften Datenhighway. Peter Steinlechner, Redakteur des Szeneorgans Power Play, berichtet schon von nächtelangen »Quake«-Sitzungen der Tester. »Erst per Netz macht das Ding richtig Spaß.«

Ob »Wolfenstein«, »Doom« oder »Doom II«, populär wurden die id-Spiele nicht wegen ihrer ausgefeilten Handlung oder dank gut gezeichneter Grafik: Die Horrorgames aus Texas sind nihilistische Meisterwerke voller Gewalt. Der Spieler klickt sich in eine Welt, in der nur der Starke mit Schrotflinte, Kettensäge oder Bazooka überleben kann: »Was sich bewegt, muß man abknallen«, lautet eine Handlungsanweisung.

Die Darstellung dieser Gewaltwelten ist beeindruckend realistisch. Viele »Doom«-Spieler berichten von Schwindelgefühlen, mancher duckt sich, wenn ein Zombie Feuerbälle wirft. Kampferprobte Veteranen der id-Abenteuer klagen über Beziehungskrisen nach durchspielten Nächten vor dem Bildschirm. Die Mehrheit der id-Kunden ist männlich.

»Quake« dürfte wieder enormen Spaß bereiten: noch detailgenauere Darstellung auf dem Schirm und dazu ein Heavy-Metal-Soundtrack von Trent Reznor, Chef der US-Band Nine Inch Nails.

Doch das ist nur Beiwerk: »Quake« wird noch brutaler als die bisherigen id-Spiele. »Köpfe werden abgetrennt und fliegen über den Boden. Zombies reißen sich Fleisch aus dem Leib und werfen damit nach dem Spieler«, lobt das Nachrichtenmagazin Time. Wer per Gratisversion auf den Geschmack gekommen ist, kann für 50 US-Dollar eine umfangreichere Version auf CD-Rom kaufen.

Bei solch feinsinnigem Marketing wird »Quake« wohl nicht nur ein kommerzieller Erfolg, sondern auch ein Aufreger für Jugendschützer und Pädagogen werden. Vom RTL-Programm gestählte Kinderseelen werden »Quake« ohne bleibende Schäden überstehen, auch wenn das Spiel schon jetzt hierzulande als Kandidat für eine Indizierung gehandelt wird.

Damit rechnen auch die »Quake«-Macher; bisher wurden alle Spiele der Texaner nach wenigen Wochen verboten. »Uns wird das eher nützen und Aufmerksamkeit bringen«, sagt Wilbur. »Aber wenn die Regierung den Deutschen vorschreiben will, was sie spielen dürfen und was nicht, soll sie das von mir aus tun«, sagt er. »Quake« sei »ja nur ein Spiel und nicht die richtige Welt«.

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