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EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Der andere

Wie eine Frau der Ähnlichkeit von Zwillingen zum Opfer fiel
aus DER SPIEGEL 39/2009

Schuldig? Wieso? Er, Jared Rohrig, 25 Jahre alt, seit einem Jahr Polizist in der Probezeit, aus Milford, Connecticut, dunkler Anzug, steifes Hemd, seriöse Krawatte - er soll ein Sextäter sein, ein Vergewaltiger, ein mieser Betrüger?

Nicht schuldig, sagt Jareds Anwalt und fügt hinzu, der Fall sei einfach zu verteidigen.

Ja, überhaupt: Was genau wirft ihm die Gegenseite eigentlich vor? Dass Jared Rohrig mit einer Frau geschlafen hat, die ihn für jemand anders hielt? Ist das strafbar?

Die Gegenseite, also die Frau, trägt in den Unterlagen der Polizei keinen Namen. Sie hat Anspruch auf Schutz vor der Öffentlichkeit, sie heißt nur »das weibliche Opfer«.

Jared gilt als Beschuldigter und steht deshalb mit Name und Anschrift in den Akten. Seinen nackten Hintern hat die Polizei auch betrachtet, als Beweismittel.

Weder die Frau noch Jared reden öffentlich über die frühen Morgenstunden des 19. Juli. Was damals geschah, lässt sich nur aus Gerichtsunterlagen rekonstruieren. Solange es kein Urteil gibt, hat Jared Rohrig wohl als unschuldig zu gelten. Als Mistkerl, ja, vielleicht, aber eben nicht im strafrechtlichen Sinne.

Der 18. Juli war ein Samstag. Jared verbrachte den Abend mit seinem Zwillingsbruder Joe zu Hause in der Flax Mill Lane in Milford. Die beiden wohnen noch im Haus ihrer Eltern, einer Villa im Neuengland-Stil. Die Rohrigs sind wohlhabende Leute, der Vater betreibt ein Restaurant, die Mutter ist im Schulausschuss der Stadt.

Jared und Joe sind eineiige Zwillinge. Man muss sie schon recht gut kennen, um sie unterscheiden zu können. In der Nacht zum 19. Juli, knapp drei Stunden nach Mitternacht, bekamen sie Besuch: Die Frau, »das weibliche Opfer«, ließ sich von einer Freundin an der Hauseinfahrt absetzen. Sie hatte sich vorher am Telefon mit Joe verabredet - jedenfalls hatte sie geglaubt, dass es Joe war.

Mit Joe verband die Frau seit drei Monaten eine lockere Beziehung, die beiden hatten ein paarmal miteinander geschlafen. Es war nichts Ernstes, zumal Joe bereits eine feste Freundin hatte.

Kurz bevor die Frau in der Einfahrt stand, saßen Joe und Jared noch in dem kleinen Pool, der schräg hinterm Haus stand. Joe verkündete, er sei jetzt müde und werde ins Haus gehen. Jared solle der Frau doch Bescheid sagen.

Joe verließ das Becken, und Jared ging nach vorn, die Einfahrt hoch - die Frau war gerade angekommen, sie dachte, sie würde von Joe abgeholt. Mit Joe war sie ja eigentlich verabredet.

Die Frau und Jared stiegen ins Becken, sie redeten ein wenig, aber viel zu erzählen gab es nicht. Wenig später begannen sie zu knutschen. Und Jared blieb in der Rolle seines Bruders, er nahm die Frau auf den Schoß, und sollte er je geplant haben, die Frau über ihren Irrtum aufzuklären, dann war dieser Plan spätestens jetzt verworfen.

Die beiden verließen den Pool, gingen die Treppe hinauf, in Jareds Schlafzimmer. Die Frau kannte das Haus der Rohrigs nicht, sie wusste nicht, wo welcher Bruder sein Zimmer hatte. Sie dachte, sie sei mit Joe.

Als sie miteinander schliefen, fiel ihr nichts auf. Was Jared jetzt anstellte, hätte Joe nicht anders gemacht. Der gelegentliche Sex mit dem echten Joe hatte noch nicht jene Routinen entstehen lassen, an denen sich feste Paare erkennen würden.

Doch dann stand Jared auf, und als die Frau auf seine linke Hinterbacke sah, fehlte dort etwas. Der Joe, den sie kannte, trägt eine Tätowierung am Hintern: einen Cowboy, der dort angebracht wurde, um ein älteres Tattoo zu überdecken, den Namen einer Ex-Freundin. Der Joe aber, mit dem sie gerade Sex hatte, war am Hintern fahl wie der Mond.

Die Frau begriff nun, dass sie mit dem falschen Zwilling geschlafen hatte. Bis eben noch war der Sex gemeinsamer Wille beider gewesen, bis eben noch hatte die Frau nicht gewusst, dass sie ein Opfer war. Doch nun begann sie zu weinen, sie stand auf, wollte zum echten Joe.

Über das, was dann geschah, gibt es unterschiedliche Aussagen in den Polizeiunterlagen. Die Frau sagt, Jared habe sie festgehalten, er wollte weitermachen. Sie habe gerufen: »Stopp, runter von mir«, aber Jared habe nicht gehört. Als sie weiterweinte, habe er ihr ein Kissen aufs Gesicht gedrückt. Jared sagte dagegen aus, Gewalt sei nicht im Spiel gewesen.

Als es vorbei war, ging die Frau los, den echten Joe suchen. Mit dem Display ihres Handys leuchtete sie in sein Gesicht, sie versuchte Unterschiede zu entdecken, sie wollte ihn wecken, er grunzte nur. Die Frau tippte »Help« in ihr Handy, sie wollte abgeholt werden, vergebens. Keiner ihrer Freunde war noch wach. Jared sagte: »Oh, ich vermute, ich sollte dich jetzt wohl nach Hause fahren«, und weil die Frau niemand anders erreichen konnte, willigte sie ein.

Sie stiegen in Jareds Auto, er gab sich nicht mehr die Mühe, weiterhin Joe zu sein. Joe hätte natürlich Joes Wagen genommen, er hätte auch den Weg gekannt. Jared musste sich leiten lassen. »Was hast du gedacht, wie lange der Schwindel hält?«, fragte sie ihn. Seine Antwort: »So weit habe ich nicht geplant.« Und dann sagte er noch: »Ich habe mich dämlich benommen. Du hast allen Grund, sauer zu sein.«

»Ich brauche dein Mitleid nicht«, antwortete die Frau.

Anfang Oktober beginnt der Prozess gegen Jared Rohrig. Er will auf nicht schuldig plädieren. ANSBERT KNEIP

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