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EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Der Angstgegner

Wie der Fußball die deutsch-türkische Freundschaft gefährdet
aus DER SPIEGEL 29/2003

Franz Daufratshofer befürchtet, falsch verstanden zu werden. Also erzählt er zunächst ein wenig von sich. Wie er beruflich herumkommt in der Welt, Korea und Russland, Taiwan und Türkei, und wie es sich beinahe zwangsläufig ergab, dass er »mit vielen Kulturen bewandert« ist. »Ich bin es gewöhnt, mich mit fremdländischen Kulturen auseinander zu setzen«, sagt er.

Die Türken beispielsweise, das hat er auf vielen Reisen erfahren, sind »sehr liebenswerte Menschen, sehr gastfreundlich«. Leider, sagt Daufratshofer, sind sie, wie alle Südländer, »schnell mit dem Feuer an der Oberfläche«.

Es geht in dieser Geschichte um Fußball, um Sport, um Fairplay. Es geht, nach dem Willen der Beteiligten, nicht um Politik. Nur ist es mitunter schwierig zu erkennen, wo das eine anfängt und das andere aufhört.

Daufratshofer ist Vorsitzender der Spielvereinigung Baisweil-Lauchdorf. Der Verein kickte bis vor kurzem in der Kreisklasse Ostallgäu. Es ist die zweitunterste Spielklasse, die Gegner heißen Bidingen, Mauerstetten und Sulzschneid. Der Jugend wolle man Begriffe wie Fairness und Disziplin vermitteln, sagt Daufratshofer.

Dass dies nicht immer einfach ist, liegt seiner Meinung nach an Türk Dostlukspor Kaufbeuren, einer Truppe, die, von drei, vier Kosovo-Albanern abgesehen, ausschließlich aus Türken besteht.

Schon in der Vergangenheit fand Daufratshofer häufig Grund zur Klage: Spieler seien beschimpft, beleidigt und bespuckt worden, wiederholt habe es versteckte Fouls und grobe Tätlichkeiten mit Körperverletzung gegeben.

Im vergangenen Herbst trat der Streit in eine neue Phase. Im Spiel gegen Buching verteilte der Schiedsrichter drei rote Karten und eine gelb-rote. Ein Spieler von Türk Kaufbeuren hatte seinen Gegner mit dem Fuß vors Sprunggelenk getreten, ein anderer schlug seinem Gegenüber nach einem Gerangel zweimal hart ins Gesicht.

Die Woche drauf war Baisweil-Lauchdorf in Kaufbeuren zu Gast. In der 81. Minute ging ein Spieler hinter dem Rücken des Schiedsrichters zu Boden - und mit ihm die deutsch-türkische Freundschaft. Sein Gegner habe ihn beleidigt, behauptet Aslan S., daraufhin habe er seinen Arm gehoben und den Mann unglücklich im Gesicht getroffen.

Die rote Karte, schrieb hingegen der Schiedsrichter in seinem Bericht, habe Aslan S. bekommen, weil er seinem Gegner »mit dem Ellenbogen voll auf die Nase schlug, der stark blutete und ausgewechselt wurde«. Das Opfer erstattete Anzeige, S. erhielt eine sechsmonatige Sperre und die Erlaubnis, das fällige Schmerzensgeld in Raten zu zahlen. Kurz darauf trafen sich die Clubs der Kreisklasse Ostallgäu zu einer geheimen Sitzung. Nacheinander traten die Vertreter von 13 Vereinen gegen Türk Kaufbeuren in den Zeugenstand. Einem seiner Spieler sei durch einen Faustschlag die Nase gebrochen worden, berichtete der erste. Einem anderen, gab der nächste zu Protokoll, wurden durch einen Fußschlag zwei Rippen gebrochen.

So ging es weiter: Mal war es ein Nasenbeinbruch nach einem absichtlichen Kopfstoß, mal bekam jemand die gegnerischen Stollen ins Gesicht, einmal wurde der Linienrichter mit einer Flasche bedroht. Man fürchte um die Gesundheit seiner Spieler und um die Zukunft des Fußballs, hieß es.

Mikail Sevimli, Trainer und Vorsitzender von Türk Kaufbeuren, versteht die Aufregung nicht. »Wenn der Schiedsrichter zufrieden ist und keine Karte zeigt, ist doch alles in Ordnung«, sagt er.

Sevimli kam 1972 aus der Türkei nach Deutschland. Seit 25 Jahren arbeitet er in einer örtlichen Spinnerei, sein Deutsch hat einen schwäbischen Einschlag. »Dostluk« ist das türkische Wort für »Freundschaft«; sie wollen spielen, nicht diskutieren. Zu dem Treffen war er nicht eingeladen. So erfuhr er von dem Boykott durch einen Brief.

In Zukunft werde man gegen Türk Kaufbeuren nicht mehr antreten, schrieben die Vereinsvorsitzenden. Gleichzeitig betonten sie, dass ihr Schreiben »nicht gegen Ausländer im Allgemeinen oder gegen unsere türkischen Mitbürger gerichtet ist«. Aus dem Sport war auf einmal ein Politikum geworden.

Für Türk Kaufbeuren war es die Wende, zumindest sportlich. Die Hinrunde war enttäuschend verlaufen. Nach elf Spielen stand die Mannschaft auf dem vorletzten Tabellenplatz.

Als der erste Gegner nicht antrat, wurden die drei Punkte Kaufbeuren gutgeschrieben. So rückte der Verein vom elften auf den neunten Platz. Auf diese Weise gewann Kaufbeuren nacheinander zehn Spiele, holte 30 Punkte in Folge - und fand sich am Ende auf dem zweiten Tabellenplatz wieder, was dazu berechtigte, um den Aufstieg in die Kreisliga Süd zu spielen. Das erste Spiel, gegen Oberstdorf, gewannen sie 2:1, trotz der fehlenden Spielpraxis; niemand wurde ausfällig, niemand verletzt. Das entscheidende zweite Spiel gegen Kimratshofen ging 1:2 verloren, niemand musste vom Platz, keiner kam ins Krankenhaus. Aber der Aufstieg wurde verpasst.

Berühmt ist Türk Kaufbeuren trotzdem geworden: Die türkische Zeitung »Hürriyet« druckte ein Foto, das die Mannschaft vor der Entscheidung zeigt: Ernst blicken die Männer in die Kamera, stolz hält der Torwart die türkische Flagge vor der Brust. »Sie machen Geschichte« steht in großen Buchstaben darüber. HAUKE GOOS

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