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Der Bargeld-Generator

Ortstermin: Das Frankfurter Amtsgericht verhandelt über die Bestechungskultur der Republik.
aus DER SPIEGEL 16/2007

Es ist beinahe sein letzter Fall, der Richter nimmt Platz zwischen seinen beiden Schöffen, er blickt in Gerichtssaal 13 E. Voll ist es heute, denn auf dem Ankündigungszettel tauchen die Wörter »Siemens« auf und »Korruption«. Zwei Wochen noch, dann geht der Frankfurter Amtsrichter Wolfgang Jakubski, gesättigt mit Erkenntnissen, die er nicht zu machen wünschte, in Pension.

Auf der Anklagebank eine bullige Gestalt in hellblauem Businesshemd, Herr C., ein Elektromeister, Arbeitgeber von 30 Angestellten, 57 Jahre alt, bisher unbescholten, gebürtiger Grieche, verheiratet, Vater von zwei Kindern. Um Korruption geht es, Schwarzgeld, Schmiergeld, Scheinrechnungen, Bestechung, um solche Dinge, die man vor sich selbst begründen muss, damit man sie beiseitewischen und sich selbst weiterhin für ehrenwert halten kann.

Es wird nicht auffallen.

Einmal nur.

Macht doch jeder.

Ich brauch den Job.

14-mal hat der Elektromeister C. krumme Summen auf Rechnungsformulare schreiben lassen, 5939 Euro, 3677 Euro, 6087 Euro und immer ein paar Cent hinter dem Komma, insgesamt etwas über 70 000 Euro. Es waren Luftrechnungen, gerichtet an die Siemens-Sparte Gebäudetechnik, und die Anklage sagt, er habe keinerlei Arbeit dafür getan. Als Gegengeschäft habe er Bargeld einem Siemens-Kontaktmann überreicht. Diesem Kontaktmann, Herrn L., habe er auch sein Segelboot in Griechenland überlassen, zu einem unangemessen niedrigen Preis.

Vor gut vier Jahren war das, die Siemens-Gebäudetechnik hatte für eine Deutsche-Bank-Tochter Arbeiten zu erledigen im Trianon-Hochhaus, das ist einer der auffälligsten Türme der Frankfurter City. Die Siemens-Leute engagierten Subunternehmen dafür.

Herr C. blickt auf seine Hände und streitet die Fälschung im Prinzip nicht ab. Aber ein bisschen Ehre will er retten, verliert sich in Details, der Richter fragt und bohrt und bittet um das Erscheinen des Zeugen L.

Der Zeuge L. war früher Bauleiter bei Siemens, verantwortlich für 30 Leute, aber dieses Leben ist vorbei. Die braunen Haare werden schon grau in den Spitzen, 44 ist er, trägt Jeans und mausgraue weiche Schuhe und eine Lederjacke aus besserer Zeit.

In jener besseren Zeit gab es gute Arbeit und Urlaub auf Segelbooten, erst war er immer auf der Ostsee mit seinen Freunden, dann wollten die etwas Neues, ich kenne da jemand, sagte L., vielleicht kann er etwas für uns tun. Dreimal schöner Urlaub im Mittelmeer, jetzt ist er Teil der Anklageschrift gegen Herrn C.

Die Rechnungen, darum geht es ja vor allem. Seine Aufträge im Trianon-Turm bekam der Zeuge L. von jener Tochterfirma der Deutschen Bank, genauer: von einem Herrn D., einem inzwischen verurteilten Gebäudemanager, der die Gewohnheit entwickelte, gierig nach Geld zu verlangen, bar auf die Hand.

»Irgendwann gibt man nach«, sagt L., sehr sachlich klingt das, keineswegs klagend, »und dann fängt's an.«

Einmal nur.

Ich brauch den Job.

Er habe Angst gehabt um die Aufträge, Existenzangst, für sich und seine Leute. Siemensianer zu sein, das hieß früher: Sicherheit. Das gilt nicht mehr. Das Geld musste her. »Da habe ich gefragt, ob wir nicht Bargeld generieren könnten.« Der Angeklagte habe ja gesagt, sehr schnell.

Die Praxis, die ist so: Man stellt Scheinrechnungen, beispielsweise für 60 000 Euro und bekommt 20 000 in bar zurück. Das ist die Quote.

»Es ist grausam«, sagt der Zeuge, immer noch sachlich, »aber man gewöhnt sich dran. Im täglichen Geschäft ist das so. Meine Meinung ist, in Frankfurt läuft kein Auftrag ohne Vergütung oder ohne dass man sich gut kennt.«

Bauleiter ist er jetzt nicht mehr, weil er von Siemens natürlich kein gutes Zeugnis bekommt. Er hat eine Dreiviertelstelle in einem Zweimannbetrieb, als eine Art Hausmeister, und wartet auf seinen Prozess. Schönen Tag noch, sagt er, als er auf seinen grauen, weichen Sohlen den Gerichtssaal verlässt.

Der Angeklagte blickt auf seine Hände. »Er hat mich gefragt, dann habe ich ja gesagt.« Von der Angst, einen guten Kunden zu verlieren, sagt er nichts. Was passiert sei, das bedaure er. 48 000 Euro von den 70 000 hat er an Siemens zurückgegeben, er kann es beweisen.

Der Richter seufzt.

Es ist nicht der große Konzernskandal, nichts, sagt er, deute darauf hin, »dass der Zeuge auf Anweisung von oben gehandelt hat«. Es ist eine kleine, schäbige Geschichte aus dem Korruptionsalltag der Republik, aber das macht den Richter auch nicht froh, es ist so schrecklich, weil es so normal ist.

Zehn Monate Haft auf Bewährung und eine Geldstrafe von 25 000 Euro, das ist das Urteil, Herr C. wird es wohl annehmen, es hätte schlimmer kommen können. Man müsse ihm zugutehalten, heißt es in der Begründung, dass der Angeklagte gedacht habe, »er müsse mit den Wölfen heulen«.

Er selbst, fügt der Richter noch hinzu, habe ja jahrelang nicht glauben wollen, dass es in Deutschland eine »weitverbreitete Bestechungskultur« gebe, »entschuldigen Sie das Wort«, aber so sei das wohl. Er wundert sich ein bisschen, dass sich die beiden Schöffen nicht schockierter zeigen, einer ist Gartenbauingenieur, einer Speditionskaufmann von Beruf. Besonders überrascht, so ist von beiden zu hören, habe dieser Fall sie nicht. So etwas kenne man doch.

Nur der Richter sagt, und er sagt es immer wieder, dass es ihn grause und dass er allmählich Zweifel habe, ob solche Prozesse etwas ändern in der Welt. Aber optimistisch bleibe er, das müsse man ja. Amtsrichter Jakubski packt seine Sachen, es war sein vorvorletzter Fall. In zwei Wochen geht er in Pension, er bedauert es nicht. BARBARA SUPP

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