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Der beste Weg

Schwarze Amerikaner scheffelten Olympiamedaillen und verdienten sich einträgliche Werbeverträge. Wichtiger war ein weiterer Schritt voran zur Emanzipation. *
aus DER SPIEGEL 34/1984

Ich lebe hier«, sagte der schwarze US-Star Lewis Alcindor, »aber ich bin in diesem Lande nicht zu Hause.« Enttäuscht über fortdauernde Diskriminierung, weigerte sich der beste US-Basketballspieler seiner Generation, 1968 im US-Olympiateam zu spielen. Er verzichtete lieber auf eine Goldmedaille.

Alcindors Rassegenossen Tom Smith, Lee Evans und John Carlos wählten den anderen Weg. Sie starteten 1968 in Mexiko, siegten und demonstrierten mit hochgereckten Fäusten vom Siegerpodest Black Power. Die Mannschaftsleitung schickte die unbotmäßigen Schwarzen nach Hause.

In Los Angeles, 16 Jahre später, feierten die Amerikaner überschwenglich alle ihre Sieger, ob weiß oder schwarz. Statt Black-Power-Symbole trugen Amerikas schwarze Sieger die Stars and Stripes um das Stadion und genossen das Bad in der Menge.

Abermals lösten erstaunliche Leistungen Schwarzer die Diskussion darüber aus, welche physisch-psychischen Sonderheiten die Repräsentanten der schwarzen Rasse wohl zu Siegen über den (vorwiegend weißen) Rest der Sportwelt befähigten.

Farbigen Boxern verhülfen angeblich günstig eingestellte Beckenknochen zum wuchtigen Punch, verbreiteten Sport-Theoretiker. Jesse Owens, den vierfachen Olympiasieger von 1936, habe ein extrem großes Fersenbein känguruhähnliche Sprungkraft verschafft, Owens-Nachfolger Carl Lewis verfüge über ungewöhnlich kontraktionsfähige Muskeln.

Wissenschaftler suchten auch ernsthaft herauszufinden, warum Schwarze dagegen im Schwimmen keiner Weltrekorde fähig seien. »Ihre Muskeln kühlen schneller ab«, fand Anthropologie-Professor Dr. Edward E. Hunt von der Pennsylvania State University heraus, und den britischen Professor Derek Charrington führte ein 15 000-Dollar-Forschungsauftrag zu der Erkenntnis, daß »schwarze Schwimmer im Wasser schneller abkühlen« und ihre »Fettstoffe im Körper anders verteilt« seien.

Dabei erklären einfache Tatsachen den Sachverhalt einleuchtend: In den USA zum Beispiel waren die Pools für Schwarze tabu, erst neuerdings dringen schwarze Studenten in Uni-Schwimmteams vor. Aber auch in der Praxis widerlegte die farbige Enith Brigitha aus Curacao alle Theorie: Nach hartem Training in holländischen Becken verbesserte sie den Weltrekord einer DDR-Schwimmerin. Zudem gelangte sie beim Olympia 1972 in fünf Finals.

Auch von den Theorien über schwarze Landsportler blieb wenig übrig: Jesse Owens ließ sich nach seinem Triumph 1936 an der Howard-Universität vermessen. Ergebnis: keinerlei ungewöhnliche Abweichungen außer an seinem Fersenbein - es war besonders klein.

Bestehen bleibt die Tatsache, daß Menschen - jeder Hautfarbe - zweierlei Muskelfasern besitzen, »schnelle«, die sich bis zu 40mal, und »langsame«, die sich nur zehnmal pro Sekunde zusammenziehen können. Bei der Mehrzahl aller Menschen sind beide Muskelarten ungefähr gleichmäßig verteilt. Einen Marathonläufer von Weltklasse befähigen 80 bis 90 Prozent langsamer Muskeln zu seiner Dauerleistung. An Carl Lewis maßen Mediziner 85 Prozent Schnellkraftmuskeln.

Zur Messung werden den Muskeln durch eine Biopsienadel Gewebeproben entnommen und mikroskopisch untersucht. Fehlt ein Übergewicht an schnellen Muskeln, bringen weder Training noch optimale Bedingungen einen erfolgreichen Sprinter hervor.

Bei dem schwarzen US-Soziologen Harry Edwards von der Berkeley-Universität weckte die Suche nach Eigenarten an Schwarzen, die eine besondere Sporttauglichkeit bewirkten, den »Verdacht auf Rassismus«. Der US-Anthropologe Cobb (Howard-Universität) bestätigte: »Im Körperbau der Farbigen gibt es kein einziges Merkmal, das allen Farbigen gemeinsam ist.«

Dagegen stimmen Theoretiker und Praktiker über eine andere Ursache der Black Power im Sport überein. Der (weiße) US-Olympionike Melvin Patton gab als Extrakt seiner Erfahrung an, daß »Schwarze mehr zu gewinnen haben als wir und sich deshalb mehr anstrengen«. Soziologe Edwards nannte schwarze Siege das Ergebnis eines »ungewöhnlich großen Aufwands einer ungewöhnlich großen Zahl junger Menschen«.

Das belegen viele Beispiele aus der Geschichte der farbigen Amerikaner im Sport. 1904 war George Coleman Poage als erster Farbiger zum Olympia in St. Louis aufgeboten worden und brachte zwei Bronzemedaillen zurück. Der stärkste Schwergewichtsboxer seiner Zeit, Jack Johnson, durfte erst 1908 und nicht in den USA, sondern in Australien gegen den weißen Titelverteidiger kämpfen und siegen. 1915 zwangen ihn Morddrohungen und Pistoleros am Ring in Havanna, den Titel durch eine freiwillige Niederlage (gegen einen Weißen) aufzugeben.

Den ersten schwarzen Sprinter mit Siegchancen, Howard Drew, sperrten weiße Rasseneiferer in der Kabine ein, bis ein weißer Rivale Olympiasieger geworden war. So erkämpfte erst 1924 ein

schwarzer US-Sportler, der Weitspringer William DeHart Hubbard, eine Goldmedaille.

Aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg nutzten Profiklubs, US-Colleges und -Universitäten das Potential jener zahlreichen Schwarzen, die mit Sporthilfe aus ihrer materiellen Misere auszubrechen trachteten. Mit Stipendien warben sie künftige Olympiasieger an. Aber Jackie Robinson, den die Brooklyn Dodgers 1947 als ersten schwarzen Baseball-Profi einsetzten, empfingen noch Transparente: »Wir wollen keine Nigger.«

Inzwischen sind Schwarze - in der US-Bevölkerung mit 12 Prozent vertreten - in Profiligen des Basketball, Baseball und American Football überrepräsentiert. In der Basketballiga spielen über 60 Prozent Schwarze. Die schwarze Schautruppe der Harlem Globetrotters bringt ihre Gegner mit: gewöhnlich ein heillos unterlegenes weißes Team.

»Sport ist für den schwarzen Mann der beste Weg voranzukommen«, fand auch der Biochemiker und Weitsprung-Olympiasieger von 1960, Ralph Boston. »Aber ohne Goldmedaille habe ich gegen Weiße keine Chance.« Zum Beweis gleicher Fähigkeiten förderte und finanzierte ein Farbigen-Syndikat die erste Schwarze im weißen Sport: Althea Gibson siegte 1957 und 1958 in Wimbledon.

Der Sport habe ihm »Türen geöffnet, durch die Herr Jedermann nicht kommt«, erfuhr Ralph Metcalfe, der 1932 und 1936 vier Olympiamedaillen aller Kaliber erspurtet hatte. Er brachte es zum Stadtrat in Chicago. Zehnkampf-Olympiasieger Rafer Johnson, 1960 US-Fahnenträger in Rom, gelangte später in den Stab des demokratischen Präsidentschafts-Anwärters Robert Kennedy.

Seit dem Olympia in Rom, mit der dreifach golden dekorierten Wilma Rudolph als Topstar, stießen Amerikas schwarze Athleten auf Konkurrenz aus Afrika: 1960 verblüffte Marathonsieger Abebe Bikila aus Äthiopien die Sportwelt. Als er seinen Sieg 1964 wiederholte, drangen schon Läufer aus. Kenia in die Weltelite vor.

Auch mittellose Olympiasieger aus Kenia wie Kipchoge Keino verschafften sich durch den Sport Betriebskapital. Von Startgeldern kaufte Keino eine Teefarm und gründete ein Busunternehmen. Amerikaner und Afrikaner einte ein Motiv: Aufbruch aus Armut und Hoffnungslosigkeit. Der Zufall teilte die Laufbranche auf: Die Amerikaner beherrschten Sprint und Sprung, die Afrikaner Mittel- und Langstrecke. 1968 siegten in 13 Lauf-Entscheidungen nur zwei Weiße.

Aber 1968 mußten schwarze Spieler vieler US-Profiteams bei Auswärtsspielen noch getrennt von weißen Mitspielern übernachten. Schwarze Amateure waren gerade gut genug, Medaillen anzuschaffen. Olympiasieger Cassius Clay wurde trotz seiner Goldmedaille nicht einmal in einer Hamburger-Braterei bedient. »Vier Stunden im Stadion werden schwarze Athleten anerkannt«, kritisierte Soziologe Edwards. »Den Rest der Zeit leben sie auf dem Abfallhaufen.«

Deshalb hatte Edwards zum Mexiko-Olympia mit seinen Anhängern unter den schwarzen Athleten die Black-Power-Rebellion vorbereitet. Sie weckte in vielen Amerikanern erst das Bewußtsein für bestehende Diskriminierung. Zugleich warnte Edwards seine farbigen Mitbürger, sich nur auf eine Profikarriere vorzubereiten. Die Chance auf hochdotierte Verträge betrage 1 zu 1000. »Schickt eure Kinder lieber in die Bibliotheken«, empfahl der schwarze Wimbledon-Sieger Arthur Ashe den Eltern.

Die zentrale Bedeutung der Bürgerrechtsbewegung Dr. Martin Luther Kings, aber auch der Black-Power-Aktion von 1968, wurde beim Olympia in Los Angeles durch eine Sonderausstellung im Rahmen des Kulturprogramms veranschaulicht. Das Afro-Amerikanische Museum zeigte den beschwerlichen Weg schwarzer Athleten von 1904 bis 1984 durch die amerikanischen Sportinstitutionen.

Die Spiele selbst unterstrichen, daß sich die schwarzen US-Stars aus der Rolle einfacher Medaillenbeschaffer gelöst haben. Schon bei der Eröffnung tanzten Schwarze die historischen Szenen mit. Die Enkelin von Jesse Owens trug die Fackel ins Stadion, Rafer Johnson entzündete das olympische Feuer, Edwin Moses sprach den olympischen Eid.

Auch die Familiengeschichte des Superstars Carl Lewis verdeutlichte den Trend. Seine Mutter stammt aus Birmingham im Staat Alabama. Dort hatte die Nationalgarde vor etwa 20 Jahren noch Rassenunruhen beenden müssen. Heute verwaltet ein schwarzer Bürgermeister Birmingham, und schwarze Goldmedaillisten sangen auf dem Siegerpodest ihre Nationalhymne mit. Die Nation bereitete ihnen Jubelempfänge daheim.

Freilich ändern Sportsiege nichts an Massenarbeitslosigkeit. Aber »meine Kinder haben viel bessere Chancen zur Ausbildung, als ich sie hatte«, sagte Olympia-Busfahrer Leslie Montgomery. Und John Bertrand, ein arbeitsloser Schwarzer, der sich eine Karte für das Olympia-Stadion abgespart hatte, empfand nach dem dreifachen Sieg schwarzer Amerikaner »eine Art Hoffnung«.

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