SPIEGEL TV

Der Fall Dagobert "Wir waren wie zwei Boxer"

Kaufhauserpresser Arno Funke und Cheffahnder Michael Daleki lieferten sich jahrelang ein spannendes Duell. 20 Jahre nach der spektakulären Festnahme von "Dagobert" hat SPIEGEL TV nun Jäger und Gejagten erstmals zusammengeführt. Eine imposante Begegnung.

Arno Funke

Es war ein bizarres Katz-und-Maus-Spiel. Vier Jahre lang narrte alias "Dagobert" die Polizei, erpresste den Kaufhauskonzern Karstadt, tüftelte spektakuläre Geldübergaben aus. Er galt als unberechenbar. Seine Enttarnung kostete den Steuerzahler mehr als fünf Millionen Euro. Und doch zollten ihm viele Bürger Respekt, feierten ihn als trickreichen Ganoven.

Es hagelte Hohn und Spott für die Polizei, die Funke erfolglos jagte - allen voran der Hamburger Chefermittler Michael Daleki. "Ich habe darunter gelitten, dass das immer unterstützt und verniedlicht wurde", sagt der inzwischen 60-Jährige.

20 Jahre, nachdem Funke festgenommen wurde, haben sich die SPIEGEL-TV-Reporter Amrei Topcu und Gerrit Jöns-Anders auf die Suche nach dem Bösen im Menschen gemacht. Entstanden ist eine vierstündige Dokumentation, die am Samstagabend um 20.15 Uhr auf Vox läuft, in der sich die beiden einstigen Kontrahenten erstmals begegnen. Ein Wiedersehen mit gemischten Gefühlen. All die Jahre hatte der ehemalige LKA-Chef Einladungen zu Talkshows abgelehnt. Das Buch, das Funke ihm mit süffisanter Widmung zusandte, schickte Daleki zurück.

Treffpunkt ist der Ort, an dem die letzte Geldübergabe scheiterte: an einem stillgelegten Eisenbahngleis in Berlin-Charlottenburg. Erpresser Funke, der heute als Karikaturist arbeitet, wirkt angespannt. Sein einstiger Widersacher, der inzwischen pensionierte LKA-Chef Daleki, scheint eher vorfreudig.

Die beiden geben sich die Hand, Funke lacht nervös.

"Geht's gut?", fragt Daleki. "Ja, mir geht's gut", entgegnet Funke und schiebt verlegen nach: "Sie sehen gut aus." Zeitgleich zieht er eine Zeichnung unter dem Arm hervor und entrollt sie: Sie zeigt Daleki zu Zeiten der Jagd - mit struppigem Schnurrbart. Mürrisch blickt der Fahnder drein auf dem Bild. Ganz anders als beim Zusammentreffen: Daleki muss lachen, als er sich darauf sieht.

"Tat abgehakt?", fragt der ehemalige Ermittler neugierig. Er habe manchmal Alpträume, räumt der ehemalige Erpresser ein. Dann, so sagt Funke, sitzt er im Traum wieder im Gefängnis und grübelt: "Was habe ich denn jetzt wieder angestellt?"

"Strafe muss sein", sagt Daleki nüchtern. "Das ist klar", entgegnet Funke und blickt verlegen zur Seite.

Zu SPIEGEL ONLINE sagt Daleki: "Herr Funke hat seine Strafe abgessesen und für das, was er angerichtet hat, angemessen gebüßt. Seine Schuld ist getilgt (ob das auch für den monetären Schaden gilt, weiss ich natürlich nicht!). Für mich war das Treffen so in Ordnung. Er war für mich keine Überraschung. So war er mir ja beschrieben worden." Obwohl er ihn nie zuvor gesehen habe, habe er ihn direkt wiedererkannt, so Daleki. "Im persönlichen - mit Verlaub - sehr kurzem Kontakt fand ich ihn sympathisch. Bemerkenswert sein Humor. Er ist mit Sicherheit ein charmanter Geschichtenerzähler."

Mit Wodka zugedröhnt zur Geldübergabe

Wie jeder Erpresser träumte der einstige Autolackierer aus Berlin-Tempelhof vom schnellen Geld: Am liebsten einen Drohbrief formulieren, einwerfen und irgendwo die Beute abholen. Funke weiß, so einfach ist das nicht. Um seiner Forderung von Anfang an Nachdruck zu verleihen, zündet er am 25. Mai 1988 in der Sportabteilung des Berliner KaDeWes eine Bombe - und fordert erst im Anschluss eine halbe Million D-Mark.

Der Schaden ist enorm. Der Konzern zahlt sofort. Zu groß ist die Angst, dass der Täter noch einmal zuschlägt. Keiner ahnt, dass sich Funke in Wahrheit für die Geldübergabe Mut antrinken muss. Eine halbe Flasche Wodka schüttet er in sich rein, um die Nerven zu behalten. Im Film beschreibt er eindringlich, wie er sich in seinem Versteck zusammenkauerte, während Hubschrauber über ihm kreisten.

Die Erpressung hat funktioniert. Funke verprasst das Geld. Im Juni 1991 ist er blank und greift erneut auf die bequeme Geldbeschaffung zurück: In einer Hamburger Karstadt-Filiale zündet er eine Rohrbombe. Dieses Mal verlangt er das Doppelte. Die Polizei gründet eine Sonderkommission. Ihr Chef: Michael Daleki, ein Mann mit FBI-Erfahrung.

Per Zufall schafft sich Funke sein Alter Ego: Während er über die Abwicklung des Deals grübelt, fällt sein Blick auf einen Turnbeutel, der auf seinem Schreibtisch liegt und in den das Lösegeld gepackt werden soll. Darauf ist die Comic-Figur Dagobert gedruckt. Ab jetzt nennt sich Funke Dagobert.

Dagobert entkommt mit dem Radl oder zu Fuß

Er entwickelt für die damalige Zeit ausgefallene Konstruktionen mit Fernsteuerungen und Magnetvorrichtungen, mit denen er das Lösegeld auf Reisen schicken will. Er macht auf David Copperfield, arbeitet mit doppeltem Boden, nutzt das verzweigte Berliner Tunnelsystem, präpariert eine Streusandkiste, hebelt Gullideckel aus.

Trotzdem scheitern etwa 30 Geldübergaben. Funke entkommt den Fahndern immer wieder - sei es zu Fuß oder per Mountainbike.

Einmal speist ihn die Polizei mit 2000 D-Mark ab. Funke zündet prompt zwei Bomben in Bremen und Hannover, es entstehen Schäden in Millionenhöhe. Er habe so reagieren müssen, sagt er im SPIEGEL-TV-Film fast trotzig. Angeblich hätte er lieber darauf verzichtet. "Aber es blieb mir ja nichts anderes übrig. Es musste Folgen haben, sonst können wir die Sache ja gleich sein lassen."

Die Öffentlichkeit amüsiert sich, wie der Erpresser die Ermittler austrickst. Disney-Fans weisen die Polizei auf Parallelen aus den Comicheften hin. Die Fahnder fühlen sich vorgeführt.

"Dagobert war der Underdog, der einsame Held, der sich mit der großen Staatsmacht einen ebenbürtigen Kampf lieferte. Er war findig und ideereich und hat der Polizei in den Augen der Öffentlichkeit sehr oft ein 'Schnippchen geschlagen'", sagt Daleki SPIEGEL ONLINE und betont: "Er war gefährlich - aber das kam nicht rüber. Und wir haben ihn geschnappt - das war gut so. Das Verbrechen darf nie gewinnen, das ist mein Credo. Und die Epressung ist ein Verbrechen, sogar in meinen Augen ein sehr perfides."

In der TV-Dokumentation gibt Funke immerhin zu, dass die Parallelen zwischen ihm und der Comic-Ente purer Zufall seien. "Ich habe mir natürlich kein 'Micky Maus'-Heft genommen und mich davon inspirieren lassen."

Auf die Fahnder wirkt Funke anfangs gewieft - und auch verantwortungsbewusst. In ihren Augen will er Geld, aber Personenschaden möglichst vermeiden. Umso überraschter sind sie, als er in einem Kaufhausfahrstuhl eine Bombe zündet - während der Öffnungszeiten.

Im SPIEGEL-TV-Film schildert Funke, wie er sich damals abgesichert hat, dass er nicht auch noch zum Täter wird, der den Tod Unbeteiligter in Kauf nimmt. Und auch Ermittler Daleki betont vor der Kamera, im Fall "Dagobert" sei alles gutgegangen - aber es hätte eben genauso gut "auch in die Hose gehen können".

Funke geht die Puste aus

Der Showdown im Kriminalfall Dagobert fand dort statt, wo sich die beiden nun erstmals begegnen: an einem einsam gelegenen Gleis mitten in einem Waldstück. "Eine Situation, die kein Regisseur erfinden kann", sagt Daleki.

Funke hatte damals gefordert, dass das Geld in eine selbstgebaute Lore gepackt wird. Doch diese entgleist. Dagobert tappt im Dunkeln aus dem Dickicht des Waldes, um ihn herum blitzen die Taschenlampen auf. Er entkommt trotzdem.

Doch Funke ist müde geworden. Müde nach der Jagd auf das Geld. Er wird leichtsinnig. Längst verzerrt er seine Stimme nicht mehr, wenn er sich bei der Polizei meldet. Die Gespräche werden länger. Die Fahnder merken: Dem geht die Puste aus.

Funke kündigt seine Anrufe weiterhin an. Und da er sich nur aus Telefonzellen meldet, observiert die Polizei zeitweise tausend Telefonhäuschen - eine logistische Meisterleistung.

Sie führt die Fahnder schließlich ans Ziel: Als Funke am 22. April 1994 in der Treptower Hagedornstraße den Hörer abnimmt, ist er umzingelt. Er habe sich sofort an die Ecke gestellt, gibt Funke im SPIEGEL-TV-Film zu. Er habe extra mit beiden Händen gewedelt, um zu signalisieren, dass er unbewaffnet sei. Später wurde es ihm so ausgelegt, dass er den Beamten zugewinkt habe. Es hätte so wunderbar in die Legende des trickreichsten Erpressers der deutschen Kriminalgeschichte gepasst.

Das Landgericht Berlin verurteilt Funke zu sieben Jahren und neun Monaten, nach der Revision beim Bundesgerichtshof werden daraus neun Jahre. Davon sitzt er sieben ab. Heute gilt er als resozialisiert.

"Wir waren wie zwei Boxer", sagt Funke in der TV-Dokumentation. "Und dann hat die Polizei den Punktsieg enthalten."

"Täter: Mensch - Das Böse in uns", Sonnabend 20.15 Uhr, VOX

Mehr lesen über Verwandte Artikel