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Der Gral von Bielefeld

Ortstermin: Auf der Suche nach dem sagenhaften Zettelkasten des verstorbenen Meisterdenkers Niklas Luhmann
aus DER SPIEGEL 41/2003

Der Wächter am Eingang der Uni trägt das Abzeichen »Bielefelder Heimschutz« am Ärmel. Er sagt nach langem Blättern: »Das ist bei U, Zahn U, Treppe hoch, schräg links.«

Die soziologische Fakultät liegt jenseits einer mit Noppen ausgelegten Wandelhalle aus Waschbeton. Sie hat die Ausmaße eines Flughafens und ist gefüllt mit Grüppchen murmelnder Studenten. Ein Fahrstuhl steigt auf im Zahn U und spricht: »4. Obergeschoss«. Lange Betongänge entlang zum Raum U4-208, das sind 19 Quadratmeter und ein blauer Plastikeimer »Altpapier": »Diese Uni war immer schon stolz auf ihre Nüchternheit«, sagt Martin Löning, ihr Archivar. »Und hier war sein Büro. Einmal hat er sich bei einem Kongress vorgestellt: Ich bin Niklas Luhmann aus U4«, sagt Gerhard Trott von der Pressestelle.

Beide Männer halten Augenkontakt beim Sprechen.

Niklas Luhmann gehört zu den einflussreichsten Denkern des letzten Jahrhunderts. Seine Universaltheorie beschreibt, wie Systeme funktionieren, egal ob in Wirtschaft, Kunst, Psyche oder Recht. Er schrieb über alles. Über Minnesang, Kostenrechnung und Geißeltierchen. Seine Theorie passte immer. Luhmann war eine Ein-Mann-Theoriefabrik. Aus dem Raum U4-208 feuerte er brillante Texte in die Welt hinaus - mit einem Output, der die Sekretärinnen verzweifeln ließ, seine Jünger glauben machte. Er schrieb wie ein Erleuchteter.

Das Geheimnis seiner Produktivität sei, so erklärte Luhmann, ein 24-teiliger unbeschrifteter Kasten aus Buchenholz: der Bielefelder Zettelkasten.

Über 30 Jahre hat Luhmann an diesem Kasten gearbeitet. Er notierte alles. Gedichtzeilen, Adelsmanifeste aus dem Mittelalter und synaptische Verweise auf Fachaufsätze. Er prüfte Bücher auf ihre »Verzettelungsfähigkeit«, notierte Theoriepartikel, Anschlussmöglichkeiten und beschriftete die Oktav-Zettel mit alphanumerischen Kürzeln, gestaffelt in mehrere Ordnungen hinein. Das Inventar der Welt.

Archivar Martin Löning ist einer der ganz wenigen, vielleicht der Einzige, der Luhmanns Zettelkasten nach dessen Tod 1998 gesehen und auch geöffnet hat. Ein einziges Mal.

»Es war ziemlich unübersichtlich«, erinnert er sich. »Die Zettel waren so zusammengequetscht, dass sie teilweise hinten aus den Kästen quollen. Es gab zerrissene Kalenderblätter mit Notizen, Rückseiten von Briefen, Fotos, gevierteilte Kinderbilder ... - ja, Zeichnungen von seinen Kindern. Er muss alles beschrieben haben, dessen er habhaft werden konnte.«

Luhmann sprach von seinem Kasten wie von einem hölzernen Lebenspartner. Er hat ihn aufgezogen, dann ist er gewachsen und hat schließlich eigenständig Ideen produziert. Der Kasten sei klüger als er selbst.

Im Internet finden sich Luhmann-Foren, in denen die Jünger vom Zettelkasten reden wie vom Stein der Weisen. Es gebe sehr viele Anfragen, den Kasten zu sichten, sagt Trott. Es heißt, der Kasten berge das gesamte Wissen des Gelehrten, er sei das System der Systeme, die Verkörperung eines alles verschlingenden Hirns.

Und wo steht er jetzt? Die beiden schauen sich an. »Es gibt Differenzen«, sagt Löning. »Differenzen«, sagt Trott. Und hält Augenkontakt.

Luhmanns Zettelkasten steht im Zentrum eines Erbschaftskriegs. Die Nachkommen streiten um die 24 Buchenholzkästen wie um den Heiligen Gral. Tochter gegen Bruder, Bruder gegen Tochter. Luhmann hinterließ zwar ein Testament, aber das muss ebenso klar gewesen sein wie seine Theorie: »Es gibt Auslegungsspielraum«, sagt Trott.

Freiheitsgrade hätte es Luhmann genannt. Kontingenzen. Systemische Unschärfen. Seine Tochter jedenfalls ging davon aus, dass ihr allein der wissenschaftliche Nachlass zustehe und setzte einen Aufbewahrungsvertrag mit der Uni Bielefeld auf. Der Zettelkasten wurde aus Luhmanns Haus in Oerlinghausen an einen sicheren Ort in der Universität gebracht, um dort eines Tages gesichtet und enträtselt zu werden.

Doch dann erhoben die beiden Söhne Anspruch und belegten den Kasten mit Tabu. Niemandem ist seither ein Blick erlaubt, es gibt keinen Zutritt und kein Bild. »Wir können Sie nur bis zur Tür begleiten«, sagt der Archivar.

Der Weg führt vom Uni-Gelände hinauf auf die Ausläufer des Teutoburger Waldes. Dort stehen das »Zentrum für interdisziplinäre Forschung« und ein hagerer Gelehrter in Strickweste mit bayerischem Akzent: »Bitte folgen Sie mir.« Es geht einige Treppen hinunter in einen kahlen, durch Neonlicht erleuchteten Gang. »Geräteraum 016« steht neben einer Stahltür.

»Dahinter ist er«, sagt der Archivar. Seine Stimme hallt ein wenig hier unten. Manche Zettel, sagt er, seien 40 Jahre alt, man müsste sie konservieren, sichten, kopieren. Wobei ungewiss sei, ob der Kasten sein Wissen auch preisgebe. Ob nicht der Schlüssel zu den Zetteln doch in Luhmanns Hirn liege und für alle Zeiten entschwunden sei.

Es gibt nur den Schlüssel zu Raum 016, und der ist tabu. Der Streit um den Zettelkasten wird wohl vor Gericht ausgetragen werden. Sofern sich die Kinder nicht noch einigen. Aber, sagt jemand: »Ich glaube, die reden gar nicht mehr miteinander.«

Gesellschaft besteht aus Kommunikationen. Das ist der Kernsatz der Luhmannschen Theorie. Gewiss wird er auch in dem Zettelkasten zu finden sein, notiert auf irgendeinem Zettel. Vielleicht auf der Rückseite einer zerrissenen Kinderzeichnung. ALEXANDER SMOLTCZYK

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