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KRIMINALITÄT Der Großwildjäger

Der Österreicher Thomas Müller ist der Star unter Europas Kriminalpsychologen. An Hunderten von Fällen hat er gelernt, aus Tatorten die Persönlichkeit eines Verbrechers herauszulesen. Er träumt davon, den Code des Bösen zu entschlüsseln. Von Hauke Goos
aus DER SPIEGEL 1/2005

Am Tag nach seinem Besuch im Gefängnis sitzt Thomas Müller in einem Bremer Hotelzimmer und freut sich darauf, eine Geschichte zu erzählen. Auf einer Kommode liegt ein Stapel Bücher, zwölf Exemplare des Werks »Bestie Mensch«, das er im vergangenen Jahr geschrieben hat. In der Geschichte geht es um sein Buch, zwei oder drei Gläser Tee und einen verurteilten Doppelmörder. Es ist eine Art Nahtod-Erlebnis.

Müller trägt einen Anzug und eine rote Krawatte, gerade hat er auf einer Tagung vor Psychiatern, Staatsanwälten und Polizisten einen Vortrag über die Tatortanalyse gehalten. Er zeigte ihnen Dias von einem aufgeschlitzten Kalb und von einem Mädchen, das so brutal gewürgt worden war, dass das Weiße ihrer Augen blutrot leuchtete. Zwischendurch schilderte er den Fall eines Antiquitätenhändlers, den man in einer Blumeninsel in seinem Wohnzimmer fand, zerteilt und verschnürt zu sieben Paketen. Nur die Hoden fehlten.

Müller stand im Konferenzraum des Hotels vor einem riesigen Vorhang, auf dem das Bremer Rathaus und der Roland abgebildet waren, es sah aus, als redete er mitten auf dem Marktplatz. »Ich glaube, der Täter hat die Hoden gegessen«, sagte er.

Während die Tagungsteilnehmer sich bei Schnittchen und Salat erholen, erzählt Müller oben in seinem Zimmer, wie er an einem Oktober-Tag vor gut einem Jahr nach Hamburg gefahren war, um Lutz Reinstrom zu besuchen, der Mitte der Neunziger als »Säurefassmörder« bekannt geworden war.

Es war ein eisiger Morgen, die Heizung im Auto funktionierte nicht, Müller war müde. Er fror. Reinstrom lud ihn auf einen Tee ein. Er stellte zwei Gläser auf den Tisch, Zucker, eine Thermoskanne mit heißem Wasser. »Pfefferminz- oder Früchtetee?«, fragte er. Reinstrom war zu lebenslanger Haft mit anschließender Sicherheitsverwahrung verurteilt worden, weil er zwei Frauen getötet, ihre Leichen in Salzsäure gelegt und in Fässern im Garten vergraben hatte. Müller ist Kriminalpsychologe, ihn interessiert, warum ein Täter tut, was er tut.

Reinstrom redete, schenkte Tee nach, redete weiter. Müller spürte, wie die Wärme in seinen Körper zurückkroch. Eine Stunde verging und noch eine halbe.

Plötzlich, sagt Müller, fiel ihm auf, dass Reinstrom seinen Tee nicht angerührt hatte.

Warum Reinstrom seinen Tee nicht trank, beschäftigte Müller in den nächsten Minuten mehr als das, worüber sie redeten, und auch der Gedanke, der Mann wolle ihn möglicherweise vergiften, ging ihm immer wieder durch den Kopf.

Müller lächelt. Er liebt diese Geschichte, weil es in ihr um Macht geht und um Manipulation. Die Kriminalpsychologie ist

eine komplizierte Wissenschaft, er kann zwar erklären, was er macht, darf über Details jedoch nicht sprechen. Also hat er sich darauf verlegt, die öffentliche Neugier mit Geschichten zu befriedigen.

Irgendwann war die Zeit reif für ein Buch. Auf dem Umschlag ist ein Foto von Müller abgebildet, in extremer Nahaufnahme. Die Tee-Geschichte steht gleich am Anfang.

Als sein Buch fertig war, schickte er Reinstrom eine Fassung ins Gefängnis.

»Ich möchte Ihnen zu einem interessanten und reißerischen Buch mit kommerziellen Zielen und narzisstischer Aufwertung Ihrer Person als Profiler gratulieren!«, schrieb Reinstrom zurück. In die Tee-Geschichte, ließ er ausrichten, habe Müller sich »reingesteigert«.

Müller lehnt sich weit zurück und grinst. Es gibt ein Foto von Müller und Reinstrom, auf dem die beiden im Gefängnis nebeneinander stehen. Müller sieht aus wie ein Großwildjäger, der gerade die Begegnung mit einem Ungeheuer überlebt hat.

Müllers Fachgebiet ist die Tatortanalyse, die Kunst also, aus den Entscheidungen, die ein Täter am Ort des Verbrechens trifft, auf seine Persönlichkeit zu schließen. Sein Job besteht darin, sich anzuschauen, was Menschen anderen Menschen antun. In den vergangenen zehn Jahren ist Müller zu einem der besten Kriminalpsychologen der Welt geworden, er hat Tausende Tatortfotos analysiert und Dutzende Mörder im Gefängnis besucht. »Man kann seriös arbeiten und trotzdem Spaß haben«, sagt er. »Ohne Spaß wird man verrückt.«

In Müllers Wiener Büro lehnt ein Pappaufsteller aus der Werbekampagne für den Film »Das Schweigen der Lämmer«, Robert Ressler steht da neben Anthony Hopkins, dem Kannibalen des Films.

Ressler hat in den siebziger Jahren beim FBI die Behavioral Science Unit gegründet, eine Spezialistentruppe, die Mörder mit den Erkenntnissen der Verhaltenspsychologie jagen wollte. Später half er Thomas Harris, »Das Schweigen der Lämmer« zu schreiben. Es war Ressler, der die Idee propagierte, dass man Ungeheuer befragen müsse, um Ungeheuer zu fangen.

In dem Film wird die junge FBI-Schülerin Clarice Starling zu dem Psychiater Dr. Hannibal Lecter geschickt. Das FBI suche einen Mann, der Frauen tötet, um sie anschließend zu häuten, sagt sie. Ob er ihr helfen könne?

Bei jedem einzelnen Ding müsse sie sich fragen: Was ist es in sich selbst? Was ist seine Natur?, sagt Lecter. »Was tut er, dieser Mann, den Sie suchen?«

»Er tötet Frauen«, antwortet Starling.

Nein, sagt Lecter, das sei nebensächlich. »Die Frage ist, welche Bedürfnisse er durch Töten befriedigt.«

Den Satz merkt sich Müller, als er den Film sieht. Er nimmt sich vor, Ressler kennen zu lernen.

Müller kommt aus kleinen Verhältnissen, jahrelang tat er als einfacher Polizist Dienst und studierte nebenbei Psychologie.

1991 hält Ressler einen Vortrag in Wien, Müller sitzt unter den Zuhörern. Der Übersetzer hat Mühe, dem Amerikaner zu folgen.

»I think I can do the job for you«, sagt Müller.

»Let''s see«, antwortet Ressler.

Es ist der Beginn einer Freundschaft. Müller besucht die FBI-Schule in Quantico, Virginia, belegt Kurse in Tatortanalyse, Todeszeitermittlung und Profilerstellung.

Ressler nimmt ihn mit zu Jeffrey Dahmer, der zwischen 1978 und 1991 in Milwaukee 17 junge Männer tötete, ihnen Löcher in den Schädel bohrte und Säure

ins Hirn träufelte. Anschließend zerstückelte er die Leichen und bewahrte die Köpfe wochenlang im Kühlschrank auf.

Was für ihn das Unangenehmste gewesen sei, will Müller wissen. Und Dahmer schildert, wie er begann, die Leichen in seiner Duschwanne zu lagern, weil in seinem Apartment der Platz knapp wurde, und wie er die Toten mit Eiswürfeln bedeckte, um den Verwesungsprozess zu verlangsamen. Und weil Wasser das Eis zum Schmelzen gebracht hätte, sagt Dahmer, habe er während dieser Zeit nicht duschen können: Das sei das Unangenehmste gewesen.

»Es gibt Menschen, die in Erfahrungswelten leben, die wir nicht betreten können«, sagt Müller, es ist ein Zitat von John Steinbeck. Müller spricht mit Serienkillern, Vergewaltigern und Sexualmördern, weil er wissen will, wie es in diesen Erfahrungswelten aussieht.

»Woher soll ich wissen, was es für ein Gefühl ist, eine Frau auszuweiden?«, sagt er. »Ich kann nicht so denken wie ein Serienmörder, ich kann nur seine Schuhe benutzen.«

In Wien baut Müller den Kriminalpsychologischen Dienst auf. Er will verstehen, welche Entscheidungen der Täter am Tatort getroffen hat: Warum das Messer in der Brust steckt, beispielsweise, oder warum der Kopf des Opfers mit einem Müllsack zugedeckt wurde. »Es gibt einen Moment, in dem kein Täter lügt: wenn er sein Verbrechen begeht«, sagt er. »Ein Tatort ist kein Zufall. Er gibt alle Informationen darüber, wie gefährlich ein Täter ist.«

Gleich sein erster großer Fall macht ihn berühmt, 1997 trägt er maßgeblich dazu bei, den österreichischen Bastler Franz Fuchs zu fassen, der das Land drei Jahre lang mit Briefbomben terrorisierte. 4 Menschen starben, 13 wurden verletzt, darunter Helmut Zilk, der damalige Wiener Bürgermeister.

»Verhalten ist bedürfnisorientiert«, sagt Müller in Hof bei Salzburg. Im Saal sitzt mittleres Management: der Verkaufsleiter eines Maschinenbaukonzerns, der Geschäftsführer einer Firma, die Dämmstoffe verkauft, zwei Sparkassenangestellte. »Verhalten: bedürfnisorientiert«, notieren sie. Sie haben 698 Euro für das Seminar bezahlt, plus Mehrwertsteuer. Sie haben sich vorgenommen, Müllers Welt zu verstehen.

»Wenn man das Verhalten eines Menschen ändern will, muss man auf seine Bedürfnisse eingehen«, sagt Müller. Draußen liegt der Hotelgarten unter Schnee, aus dem Fenster des Konferenzraums kann man den Fuschlsee sehen. Die Teilnehmer nicken. Dann erklärt Müller ihnen, wie er versucht hat, aus den Entscheidungen des Briefbombers auf dessen Bedürfnisse zu schließen.

Der Briefbomber schrieb mehrere Briefe, der längste über 20 Seiten lang. Jede Seite war sorgfältig im Blocksatz ausgerichtet. Die Briefe enthielten nicht einen Rechtschreibfehler.

Offenbar hatte der Autor profunde Kenntnisse in EDV und Elektronik, Physik und Chemie, zudem kannte er sich in der österreichischen Gegenwartspolitik ebenso aus wie in der Geschichte der alten Römer.

Müller schlug vor, den Briefbomber mit einem Psycho-Duell zu zermürben.

Er entwickelte ein Fünf-Phasen-Programm. Zuerst trat Müller vor Gericht als Sachverständiger auf. »Denken Sie daran, da draußen ist einer, der baut verdammt gute Bomben«, sagte er. Der Täter sollte wissen, dass seine Arbeit Anerkennung fand.

Dann versuchte er, dem Briefbomber ein schlechtes Gewissen zu machen. In einem der Bekennerschreiben hatten die Ermittler einen Hinweis darauf gefunden, dass der Täter kleine Kinder mag.

Müller besuchte einen Neonazi, der wegen der Briefbombenanschläge irrtümlich im Gefängnis saß, und ließ ihn darüber klagen, dass er seine neugeborene Tochter bisher nicht habe sehen dürfen. Das Gespräch nahm Müller auf und spielte es dem ORF zu.

Müller hat ein Dia vorbereitet, auf dem die Batterien in einem Zünder zu sehen sind.

»Fällt euch irgendetwas auf?«, fragt er.

»Dass sie ausgerichtet sind wie eine militärische Armee«, sagt einer der Zuhörer.

Müller fand es bemerkenswert, dass die Batterien in einem Bombenzünder auf den Millimeter genau ausgerichtet waren, offenbar war der Bastler ein zwanghafter Charakter. Vielleicht ließ er sich mit Stress unter Druck setzen.

Mit Zustimmung der Behörden versorgte Müller zwei Journalisten mit Insider-Informationen und authentischen Fotos. Sie schrieben ein Fahndungsbuch, das in ganz Österreich verkauft wurde.

Auf Seite 137 beginnt das Kapitel »Exklusiv: So erkennen Sie den Attentäter«.

Es ist ein Täterprofil.

Der unbekannte Briefbomber, heißt es da, ist Österreicher, männlich, wahrscheinlich über 50. Er wohnt in einem Einfamilienhaus, weil er über einen Raum verfügen muss, wo er alles liegen lassen kann. Er besitzt Spezialwerkzeug und eine Hobbywerkstatt, ist katholisch, weil er sich mit Hierarchien und geistlichen Titeln auskennt. Wahrscheinlich hat er Abitur. Er ist chemisch versiert und historisch interessiert, und er ist ordnungsliebend, denn die Bauart der Bomben zeigt, »dass er nicht nur unheimlich geschickt ist, sondern auch unglaublich genau«.

Müller hoffte, dass der Briefbomber das Fahndungsbuch lesen würde, er wollte ihn »zu einer kalkulierten Fehlleistung bringen«.

In Phase IV sagte Österreichs Generaldirektor für Innere Sicherheit bei jeder Gelegenheit, dass Österreich die gesetzliche Grundlage für die Rasterfahndung schaffen werde, »die bei der Fahndung nach dem Briefbomber sehr hilfreich sein wird«.

Dann kam Phase V, in der der Sicherheitsdirektor verkündete, man wisse, dass in Österreich nur zehn Menschen als Täter in Frage kämen. »Diese zehn Personen werden bereits observiert.«

Am 1. Oktober 1997 trat in Österreich das Rasterfahndungsgesetz in Kraft. Am Abend des 1. Oktober fuhren zwei Frauen an dem Haus von Fuchs vorbei, insgesamt dreimal. Sie wollten in Slowenien Wein kaufen und hatten die Ausweise vergessen. Es war ein Zufall.

Fuchs hatte sich seit Tagen die Kennzeichen vorbeifahrender Autos notiert und jeden Hubschrauber fotografiert, der über sein Haus flog. Jetzt setzte er sich in seinen Mitsubishi, um die beiden Frauen, die er für Geheimpolizistinnen hält, zu stellen.

Eine der Frauen rief übers Handy die Polizei. Als die Beamten Fuchs zur »Lenker- und Fahrzeugkontrolle« baten, nahm der eine rohrförmige Bombe aus dem Handschuhfach und stieg aus. Er war so nervös, dass er sich versehentlich beide Hände wegsprengte. Von den insgesamt 20 Punkten in Müllers Täterprofil trafen am Ende 18 zu, eine unerreichte Quote.

Als das Seminar zu Ende ist, lassen sich die Teilnehmer Müllers Buch signieren, es ist ein bisschen wie die Autogrammstunde eines Popstars.

Warum nimmt er all die Einladungen an, setzt sich in Talkshows zu Johannes B. Kerner und zu Frank Elstner, fliegt zwischendurch rastlos durch Europa und gibt zudem noch Seminare, hält Vorträge, spricht auf Tagungen? »Weil ich hochgradig narzisstisch bin«, sagt Müller und grinst.

Vor zwei Jahren hat er sich von dem Dramaturgen Jochen Herdieckerhoff überreden lassen, Schillers »Räuber« und Shakespeares »Richard III.« zu bearbeiten, aus kriminalpsychologischer Sicht. Müller besorgte sich die beiden Dramen, strich an, kürzte, schrieb einen neuen »Richard«, und irgendwann stand er allein auf einer Wiener Bühne und spielte Shakespeare mit Playmobilfiguren nach.

Richard befiehlt, einen Rivalen zu töten und ihm danach den Kopf zu bringen. Warum, fragte Müller, behalten Mörder mitunter Körperteile ihrer Opfer? »Edmund Kemper, der in Kalifornien neun College-Studentinnen umgebracht hat, hat sie alle enthauptet und die Köpfe im Garten seiner Mutter vergraben, so dass sie mit Blickrichtung zum Schlafzimmerfenster der Mutter in der Erde steckten«, sagte Müller, während hinter ihm auf einer Dia-Leinwand Edmund Kemper erschien. »Kemper hat mit seiner Mutter immer gestritten, und seine Mutter hat immer gesagt: ,Edmund, du bist für nichts gut, du isst nur meinen Kühlschrank leer, wenn du wenigstens zu mir aufblicken würdest.'' Und Kemper hat immer gesagt: ,Ma, du weißt gar nicht, wie viele Menschen jeden Tag zu dir aufblicken.''«

Es ist eine grauenhafte Geschichte, aber als Müller fertig war, lachten die Leute.

Der Theaterabend war ein glücklicher Moment in Müllers Karriere. »Du stehst da oben, die Scheinwerfer sind auf dich gerichtet, du kannst das Publikum gar nicht

erkennen«, sagt Müller. »Und irgendwann wird dir klar: Du spielst nicht für die. Du spielst nur für dich.«

Wenige Monate später war er so gut wie tot.

Die »Zeit« veröffentlichte ein Dossier, das vorgab, die Tatortanalyse zu erklären. In Wahrheit war es eine Abrechnung mit Thomas Müller.

Er schreibe Gutachten leichtfertig, behauptete die Autorin, sei selbstherrlich und geltungssüchtig. »Weil Müller als mitreißender Selbstdarsteller in seinen Hörern die Überzeugung reifen ließ, er habe mit der Tatortanalyse den Stein der Weisen gefunden, florierte seine Geschäftsidee einige Jahre«, schrieb sie.

Die »Zeit« kritisierte zum Beispiel, dass er nach wie vor mit dem »Crime Classification Manual« arbeitet, das zu sehr vereinfache und überdies veraltet sei. »An diesem Manual haben 112 FBI-Agenten zehn Jahre lang gearbeitet, haben Tausende Tötungsdelikte analysiert«, sagt Müller. »Es ist nicht perfekt, aber es gibt nichts anderes.«

Um auf die Vorwürfe zu antworten, begann Müller sein Buch zu schreiben. Er wolle seine Arbeit »gläsern machen«, sagt er. Schon vor zwei Jahren hatte er aus demselben Grund seine Mitarbeit an einer dreiteiligen ZDF-Dokumentation zugesagt*.

Anfang Dezember fliegt Müller nach Köln, das ZDF hatte Medienjournalisten zu der Pressekonferenz eingeladen, auf der der Dreiteiler gezeigt wird, den der Dokumentarfilmer Gunther Scholz über verurteilte Sexualmörder und Vergewalti-

ger gedreht hat. Müller führte einen Teil der Gefangeneninterviews, außerdem tritt er als Experte auf.

In einem der dokumentierten Fälle geht es um einen Serientäter in Bern, der Frauen die Handtaschen wegriss und sie bis zur Bewusstlosigkeit würgte. Einige der Opfer erhielten danach Post vom Täter. Mal schickte er eine handschriftliche Notiz, mal einen Ausweis zurück. Offenbar genoss er es, den Frauen zu zeigen, dass er ihren Namen kannte und wusste, wo sie wohnten.

In der Nacht vom 31. Juli auf den 1. August 2002 wurden erneut zwei junge Frauen überfallen. Erst eine 23-Jährige, die vor ihrer Haustür niedergestochen wurde, eine knappe Stunde später eine 20-Jährige auf ihrem Heimweg. Diesmal schnitt der Täter seinem Opfer die Kehle durch.

Müller fuhr nach Bern. Ein früheres Opfer hatte den Täter als jungen Mann von normaler Statur beschrieben, mit unreiner Haut und Gesichtspickeln. Der Täter schrieb der Polizei daraufhin einen ausführlichen Brief. Offenbar fühlte er sich gekränkt.

Der Mann, sagte Müller, ist offenbar eitel. In der Eitelkeit liege seine Gefährlichkeit - und seine Schwachstelle.

Als der Unbekannte verschiedene Schreiben an die Polizei schickte, gab die Polizei den Medien ein Phantombild. Es zeigte ein schlecht rasiertes Gesicht, dazu den Hinweis: »Könnte Kratzspuren aufweisen«.

Daraufhin ging bei der Polizei ein Schreiben ein, in dem sich der Täter über die Bemerkung lustig machte, sein Gesicht könne zerkratzt sein. Außerdem störte ihn das Phantombild eines schlecht Rasierten. Dann meldete sich eine junge Frau, die beim Jogging die flüchtige Bekanntschaft eines jungen Mannes gemacht hatte, kurz darauf hatte er ihr einen Brief an ihre Arbeitsstelle geschrieben. Die Schrift stimmte mit dem Bekennerschreiben überein.

Am 20. August 2002 wurde Mischa E. festgenommen, 27 Jahre alt, unauffällig, in der Schweiz ein bekannter Sportler. Er legte in 29 Fällen ein Geständnis ab.

Ob er keine Angst habe, dass er sich durch seine Freimütigkeit die Arbeit erschwere, wollte auf der Pressekonferenz des ZDF ein Journalist von Müller wissen. »Ich erkläre immer nur was ich mache, nicht wie«, antwortete er.

Jetzt geht Müllers Zeit beim Kriminalpsychologischen Dienst zu Ende, zum 1. Januar wechselt er zur Wiener Sicherheitsakademie, auf eine halbe Stelle. Es ist der Versuch, sich selbständig zu machen, frei zu sein für das, was ihn fasziniert.

Müller will zeigen, dass die Entscheidungen, die ein Täter am Tatort trifft, wie eine Sprache sind, ein Code, ähnlich aufschlussreich wie die DNA. »Wie ein Täter gebaut ist, steht uns zur Verfügung. Wir können es nur noch nicht lesen.«

Müller setzt auf Zusammenarbeit, will, dass Rechtsmediziner und Psychologen, forensische Psychiater und Juristen endlich miteinander reden. »Wir sind Teil einer Bewegung«, hatte Ressler gesagt. »Was wir machen, wird in 20, 30 oder 50 Jahren Polizeialltag sein.«

Müller will den Code knacken.

Das Böse an sich interessiert ihn, die Frage, wo es seinen Ursprung hat, wie es sich tarnt und wann es hervorbricht. Was macht den einen zum Serienmörder und den anderen zum Kriminalpsychologen?

Er will keine Rätsel lösen, er will ein Geheimnis ergründen.

* »Maske des Bösen«, ZDF. Teil eins am Dienstag, dem 11.Januar, 22.45 Uhr; Teil zwei am Mittwoch, dem 12. Januar, 22.45Uhr; Teil drei am Donnerstag, dem 13. Januar, 23.00 Uhr.

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