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FREIZEIT Der Hegel in uns allen

Der Historiker Uwe Nitsch, 36, über die von ihm organisierten »Philosophischen Diners« in Berlin
aus DER SPIEGEL 35/2000

SPIEGEL: Herr Nitsch, muss man Kant und Hegel gelesen haben, wenn man ein »Philosophisches Diner« besuchen möchte?

Nitsch: Eben nicht. Menschen ohne akademischen Background haben beim gemeinsamen Philosophieren oft die pragmatischeren Argumente, weil sie tiefer in der Realität verwurzelt sind. Bei uns ist das Zitieren von Autoritäten nach dem Motto »wie Kant schon sagte« eher hinderlich. Wir möchten herausfinden, wie wir selbst zu den Dingen stehen.

SPIEGEL: Sind Themen wie »Guter Tag - schlechter Tag« oder »Was ist ein guter Rat?« nicht besser in einer nachmittäglichen Talkshow aufgehoben?

Nitsch: So was macht neugierig auf den philosophischen Hintergrund. Im Unterschied zur Talkshow werden bei uns zu Meinungen Begründungen gefordert.

SPIEGEL: Gibt es nach dem Boom der Small-Talk-Kultur ein neues Interesse an Ernsthaftigkeit?

Nitsch: Ja. Die Menschen möchten sich wieder konzentriert mit einer Sache auseinander setzen. Wir zeigen den Teilnehmern, dass sie schon jetzt täglich philosophieren. Etwa bei Entscheidungen, was richtig oder was falsch ist. Das sind klassische philosophische Fragen.

SPIEGEL: Welche Berufsgruppe interessiert sich dafür am meisten?

Nitsch: Wir hatten schon alles. Versicherungsangestellte, Arbeitslose, Immobilienmakler, die Inhaberin eines Friseursalons. Es kommen überwiegend Frauen.

SPIEGEL: Wird auch ordentlich gezecht?

Nitsch: Während der vier Gänge limitieren wir den Wein. Zwei Gläser pro Kopf lockern die Gesprächsatmosphäre auf, reichen aber nicht für einen Schwips. Nach dem Kaffee, mit dem wir den offiziellen Teil des Abends beenden, kann jeder weitermachen, wie er möchte.

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