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EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Der Mann, der sich aufgab

Heimweh ohne Geld - ein Frachtgutarbeiter wurde zum Paket.
Von Ralf Hoppe
aus DER SPIEGEL 41/2003

Groß war die Holzkiste nicht, dafür sperrig und schwer, Billy hatte das Ding bereits von der Ladefläche seines Lieferwagens bugsiert, aber er musste es noch durch den steilen Vorgarten bis zur Haustür befördern, und die Vorgärten am DeSoto Drive waren nicht gerade winzig. Billy verschnaufte kurz, dann drückte er seine Sackkarre unter die Kiste, ruckelte, schob - und erschrak.

Zwei Augen.

Die Kiste starrte ihn an.

Und William Ray Thomas, 34, genannt Billy, Angestellter der Firma Pilot Air Freight, Auslieferer im Bezirk Dallas/Fort Worth, ließ die Sackkarre los, als hätte ihn etwas gebissen. Zwei Augen, sie waren immer noch da. Starrten ihn an, aus einer der Ritzen zwischen den grob gehobelten Kistenbrettern, große, weiße Augen mit schwar-zen Pupillen, und Thomas spürte, wie ihm plötzlich sehr kalt wurde, obwohl es ein sonniger Morgen war, Samstag, der 6. September; im Radio hatten sie gesagt, es würde heute noch wunderbar warm werden.

Und dann waren die Augen plötzlich weg. Dafür drang ein Geräusch aus der Kiste. Es klang wie ein Stöhnen, ein Rascheln, ein Krabbeln.

Gefolgt von einem lauten Knall.

Etwa 16 Stunden zuvor und rund 2400 Kilometer entfernt, an seinem Arbeitsplatz im Untergeschoss eines roten Backsteinbaus in New York, Stadtteil Bronx, hatte Charles D. McKinley, 25, sich in die Holzkiste gezwängt und von einem Helfer einnageln lassen.

Denn McKinley, Hilfsarbeiter in der Poststelle der Computerfirma Metro Machine Technics, hatte Heimweh. Er wollte zu seinen Eltern, zu Mum und Dad nach Dallas (Texas), aber er besaß keine 270 Dollar und 74 Cent für ein Ticket. Andererseits schickte er doch jeden Tag Pakete auf die Reise, Rechner, Monitore, Ersatzteile - warum nicht sich selbst? McKinley, offenbar keine Leuchte in solchen Dingen, hielt das für einen glänzenden Einfall: Er würde als Frachtgut reisen und die Kosten seiner Firma aufdrücken.

Am Freitag, 5. September, um 17.45 Uhr, wurde die Kiste von einem UPS-Boten abgeholt, ein Lkw brachte sie zum John F. Kennedy Airport, von dort aus ging es zum Flughafen Newark in New Jersey. Die Kiste wurde auf die Cargomaschine, Flug 2863, verladen, Zwischenziel: Fort Wayne (Indiana). McKinley ist etwa 80 Kilogramm schwer und 1,72 Meter groß, seine Kiste war flach, 38 Zentimeter hoch, und fast quadratisch: 91 mal 106 Zentimeter. McKinley kauerte darin wie ein Embryo, die Beine angezogen, verkrümmte Seitenlage. Er hatte ein Handy dabei und ein Brecheisen.

Die Maschine, eine Boeing 727, hob ab um 23.53 Uhr. Im Frachtraum sank die Temperatur ziemlich schnell auf knapp über null; McKinley trug ein T-Shirt, darüber ein Sweatshirt. Er schnatterte, zitterte, japste nach Luft. Zwischendurch döste er weg; es kam ihm vor wie eine Ewigkeit, wahrscheinlich waren es nur ein paar Minuten. Sobald er wach war, fühlten die Bretter sich eisig an. Seine Beine waren taub. Der Rücken ein einziger verkrampfter Schmerz. Am schlimmsten war der Durst: McKinley bereute, kein Wasser mitgenommen zu haben; er bereute überhaupt alles.

Auf dem zweiten Teil der Flugstrecke, zwischen Fort Wayne und Dallas, versuchte McKinley sich zu befreien. Er strampelte, klopfte, presste sein Brecheisen in die Bretterspalten, nur um festzustellen, dass es aussichtslos war: Er lag unter einem Berg von Kisten, Kartons, Frachtstücken.

Er war eingemauert, war allein, er fror.

Er fummelte sein Handy aus der Tasche, knipste es ein, aus, ein, aus, in der Hoffnung, die Elektronik des Flugzeugs zu stören und so auf sich aufmerksam zu machen - aber vergebens.

Charles D. McKinley ergab sich seinem Schicksal.

Am DeSoto Drive, einige Stunden später, sah der Auslieferer Billy Ray Thomas zu, wie die Kiste sich selbst zerlegte, knallend, krachend. Verdammt, da war ein Typ drin. Und dieser Typ hatte ein Brecheisen, und er hebelte die Kistenbretter aus, eins nach dem anderen, jedes Mal ein Knall. Angelockt von dem Krach kamen jetzt auch die Empfänger des Frachtguts hinunter zum Lieferwagen, ein Mann, eine Frau, Schwarze, beide Mitte 50.

Die Frau brachte kein Wort heraus, sie schüttelte nur den Kopf, immer wieder.

Der Mann sagte, etwas mühsam: »Mein Sohn, was tust du da eigentlich?«

Und der Typ aus der Kiste grinste und sagte: »Hi Dad, ich dachte, ich besuche euch mal.«

Charles McKinley stieg aus der demolierten Kiste, stapfte, wenn auch etwas unsicher, durch den Vorgarten hoch zum Haus, einfach so, und er ließ die Bretter und alles da liegen, und das genau war der Moment, als der Paketauslieferer Billy Ray Thomas zornig wurde. Er wählte die Nummer der Polizei. Mr. McKinley, der Vater, sagte noch zu seiner Frau: »Aber warum nimmt er denn nicht den Bus?«

McKinley hatte sich satt getrunken und heiß geduscht, als die Polizei eintraf.

McKinley war auffällig heiter und sehr entspannt, immer noch fröhlich gab er dann im Zentralgefängnis von Dallas, gekleidet in einen weißen Overall und orangefarbene Turnschuhe, dem Reporter Dave Levinthal von den »Dallas Morning News« ein Interview - worin er seine Tat ziemlich zutreffend als Idiotie beschrieb.

Er hatte etwa 120 Tage Gefängnis vor sich und jede Menge Ärger; aber er wirkte gelassen, glücklich und ein klein bisschen erstaunt.

Kein Wunder. Er lebte. RALF HOPPE

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