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STRAFJUSTIZ »Der Mann ist ein Ereignis«

Frauen säumen den Weg des Hochstaplers Gert Postel, der in Leipzig in U-Haft sitzt. Was hat er, was andere nicht haben? Eine der Frauen spricht. Von Gisela Friedrichsen
aus DER SPIEGEL 25/1998

Sie vergräbt ihr Gesicht in den Händen. Die glatten schwarzen Haare fallen in die Stirn. Mit einem Ruck richtet sie sich auf. Sie lacht verlegen. »So etwas ist mir noch nie passiert. Das ist gar nicht meine Art.« Sie schüttelt sich, die Haare fliegen nach hinten. »Ich bin normalerweise ein recht rational denkender Mensch, eigentlich eher zurückhaltend. Ich war ganz zufrieden mit meinem Leben, wirklich. Aber - aber er kann so wunderbar Geschichten erzählen!«

Es muß ein Sonntag gewesen sein. Sie fühlte sich schlecht. Wieder stand eine Arbeitswoche bevor, der Montag mit den Bürogesprächen über Fußball und das Familienleben am Wochenende. Manchmal überwand sie sich und las den Sportteil der Zeitung, um mitreden zu können.

Sie ging in eine Sauna in der Nähe, nichts Luxuriöses. Ein baumlanger Kerl spricht sie an. Normalerweise läßt sie sich nicht einfach anquatschen, schon gar nicht in der Sauna. Er hat etwas Jungenhaftes, hat so eine nette, offene Art. Er sagt, er sei Arzt in Tübingen. »So hab' ich ihn kennengelernt - wir beide ganz nackt.«

Am Dienstag lädt sie ihn zum Frühstück ein. Es beginnt gleich mit einem Streit. Er kritisiert, daß sie die Heimatzeitung liest. Man hat die »FAZ« zu lesen, das Weltblatt. »Das hat noch keiner gewagt, mir solche Vorschriften zu machen. Aber er ist so gebildet, viel gebildeter als ich. Ich bin ja nur Durchschnitt.« Er deutet an, ihr noch etwas sagen zu müssen.

Am Donnerstag eröffnet er ihr, nicht Arzt in Tübingen zu sein, sondern Gert Postel. Postel? Der Name sagt ihr nichts. Er sei derjenige, der im sächsischen Zschadraß als Oberarzt für Psychiatrie, Schwerpunkt Maßregelvollzug, gearbeitet habe. Er platzt mit haarsträubenden Episoden nur so heraus: vom rußlanddeutschen Assistenzarzt dort, der mit der Hand aus Büchsen ißt, was er nur kriegen kann, und Spritzen früher durch die Pyjamahose verabreichte. Vom Psychologen aus der ehemaligen DDR, der keine Ahnung vom Fach hat, aber wie Hitlers Enkel aussieht. Vom Colonialclub im Leipziger Paulaner, einem »ostfreien« Raum, in dem sich Westjuristen und ein paar Ärzte regelmäßig zu Schmähabenden treffen.

Sie schüttet sich aus vor Lachen. »Er ist ein Wahnsinnserzähler.« Zum Schluß sagt er, daß er von der Polizei gesucht werde. Denn er habe nur Postbote gelernt. Er sei auch einmal mit Reiner Pfeiffer befreundet gewesen, mit dem zusammen er ein Buch geschrieben habe. Ohne ihn hätte es die Barschel-Affäre nicht gegeben. Ohne wen?

Der Kopf schwirrt ihr. Barschel? Pfeiffer? Was war da gleich noch mal? Er nimmt sie in den Arm. Sie könne ihn nun auf der Stelle vor die Tür setzen. Er würde das verstehen. Denn er sei eine Zumutung für jede Frau. Zwei Tage später, am Samstag, zieht er mit Sack und Pack bei ihr ein.

Sie ist, sagen wir, Mitte 30. Sie hat in Deutschland studiert, in Amerika Zusatzqualifikationen erworben. Sie lebt, sagen wir, im Rhein-Main-Gebiet. Sie arbeitet - etwa im Bankgewerbe - in verantwortungsvoller Position, zuständig für Kundenbetreuung. Da geht es um Millionengeschäfte.

Ihre Auslandserfahrung, ihr in vernünftigen Grenzen gehaltener Karriereeifer, die nüchterne, analytische Denkweise und unkomplizierte Ausstrahlung haben ihr Anerkennung eingetragen. Kolleginnen halten sie nicht für gefährlich. Und ihren Kollegen bedeutet sie nicht eine lockend-bedrohliche Beunruhigung. »Ich muß in meinem Job vor allem Vertrauen vermitteln.«

Sie ist großgewachsen, schlank, von sportlicher, fast ein wenig schlaksiger Statur. Wenn sie lacht, die Haare zurückwirft, scheint hinter ihrer Brille ein zartes, ungeschminktes Gesicht auf. Vor Jahren war sie kurz verheiratet, ihr Ex-Mann hat heute eine Familie mit Kindern. »Natürlich hatte ich immer wieder Lover. Aber die einen haben mich aufs Podest gehoben, weil ich so tüchtig bin. Das mochte ich nicht. Und die anderen haben versucht, mich kleinzumachen, damit sie sich um so größer vorkamen. Ich habe da eher auf Distanz gehalten.« Sie stockt, zögert: »Manchmal denkt man schon an Kinder. Man wünscht sich schon einen Mann.«

Und nun ist in ihrem Leben, äußerlich unverändert, nichts mehr, wie es vorher war. »Ich habe in den wenigen Wochen, die er bei mir war, Dinge erlebt, die andere wohl im ganzen Leben nicht erfahren. Ich soll Schopenhauer lesen, hat er gesagt, und Seneca. Er hat immer gelacht, daß ich, die ich studiert habe, viel weniger gebildet sei als er, der Postbote. Ich gehe leidenschaftlich gern ins Kino. Das mag er gar nicht. Woody Allen macht ihn verrückt. Er braucht kein Kino. Er sagt, wer etwas im Kopf hat, braucht diese Ablenkung nicht. Als ich mal mit meiner Freundin telefonierte, gab es gleich Streit, weil ihn das beim Lesen störte. Man müsse sich nicht so lange unterhalten, schimpfte er. Ein Mensch auf der Flucht sieht wohl alles ein wenig anders.«

Im gleichen Atemzug sagt sie: »Noch nie, wirklich noch nie, hat sich ein Mann so um mich gekümmert, jawohl gekümmert. Er ist so sensibel, so intuitiv. Er spürt, wie ich mich fühle. Das mußte ich ihm nicht erst erklären.« Vielleicht ist das die Antwort auf die typisch männliche Frage: Was hat der, was wir nicht haben?

»Dieser Mann ist ein Ereignis.« Sie ringt um Worte für das Unbeschreibliche. »Er ist in mein Leben eingebrochen. Und dabei bin ich doch eine Frau, die mit beiden Beinen auf dem Boden steht.«

Eines Tages war er weg. Er mußte weiter, plötzlich, ganz schnell. Hatte ihn sein Instinkt gewarnt? Hatte er einen Tip bekommen? Seine Flucht hat viele Stationen. »Tagelang noch hing der Geruch seines Pfeifentabaks in den Zimmern. Da waren seine Van-Laack-Hemden, seine Socken, alle von derselben Marke, seine Wäsche, er trug nur eine bestimmte. Er hat ja soviel Geschmack. Er ist so stilsicher. Und in mir geht es drunter und drüber.« Es sei, sagt sie, wie wenn jemand das Licht in ihrem Leben angeknipst hätte. Und nun ist es wieder dunkel um sie. Nur die Sehnsucht nach dem Licht ist geblieben.

Später, vor kurzem, stand die Kripo vor ihrer Tür, und sie erfuhr, daß er am 12.Mai auf dem Stuttgarter Hauptbahnhof festgenommen wurde. »Und da hab' ich wieder etwas gemacht, was ich mir bis dahin nicht hätte träumen lassen.« Postel hatte ihr eingeschärft, was sie in diesem Falle zu sagen, wie sie sich zu verhalten habe. »Und das klappte! Die haben mir alles geglaubt, was ich gesagt habe! Ich habe nicht gewußt, daß ich so gut schwindeln kann.«

Seitdem hat sie manches nachgelesen, was über Postel geschrieben worden ist. Daß er mit dem Hochstapeln schon im Alter von knapp über 20 angefangen hat: erst als junger Arzt, angeblich frisch von der Universität, in einem psychiatrischen Fachkrankenhaus bei Oldenburg; dann als leitender Arzt in einem Rehabilitationszentrum; dann als Dr. med. Dr. phil. Clemens Bartholdy, als der er von September 1982 bis April 1983 den Posten des stellvertretenden Amtsarztes in Flensburg versah. Daß er nur aufflog, weil er seine Geldbörse verlor und man darin Ausweise auf die Namen Postel und Bartholdy fand. Da hatte er schon den Job als Arzt an der Kieler Universitäts-Nervenklinik in der Tasche.

Sie weiß, daß er 1984 in Flensburg zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr auf Bewährung verurteilt wurde. Und sie hat gelesen, als zwei Jahre später in Bremen wiederum eine Bewährungsstrafe verhängt wurde, wie bitterböse der nette, offene Mann schon damals mit Frauen umging. Mit einer jungen Staatsanwältin etwa, die sich seiner Annäherung widersetzt hatte und die er deswegen bis zum Zusammenbruch jagte. Er attackierte sie mit Anrufen, beobachtete sie, er lancierte in der »Neuen Juristischen Wochenschrift« die Meldung, sie sei zur Generalstaatsanwältin befördert worden - und in einer Tageszeitung, daß sie zur Beauftragten für Fledermäuse ernannt wurde, und so fort.

»Ja, ich weiß«, seufzt sie, »wenn er jemanden nicht mag, dann kann er grausam sein. Die Frau war wohl etwas zickig.« Sie hat sich bereits Postels Vokabular zu eigen gemacht. »Zickig« nannte er sein Opfer auch damals in Bremen, als Angeklagter.

Ob sie weiß, wie rüde sein Ton auch bei weniger zickigen Frauen sein kann? An eine schrieb er: »...ich will Deinen geilen Arsch endlich mal wieder richtig durchficken. Das hat Dir letztes Mal doch so gut gefallen, der dicke Schwanz in Deiner Muschi. Bis bald. Damit ich meinen Saft auf Deine dicken Titten spritzen kann.«

Ob sie gelesen hat, was die Hamburger Journalistin Peggy Parnass über ihn sagt, die »Postel im wahrsten Sinne des Wortes am eigenen Leib erlebt« hat? Peggy ist um einiges älter als Postel, 1983 war sie im »Stern« 41, 1984 war sie dort 51. »Frauen möchten so gern glauben, daß sie geliebt werden. Jemand wie Postel hat Erfolg bei erfolgreichen Frauen, weil er sie daran erinnert, daß sie eigentlich Frauen sind. Er bewundert nicht ihr Können, nicht die Tüchtigkeit, sondern sagt: ,Ich hab' mich in dein Gesicht verliebt'«, heißt es bei Parnass in »Mr. Warrens Gewerbe«.

Postel gab sich als Richter aus, als Pastor, als Psychotherapeut, als Theologiestudent. Die Rollen, die er wie ein Chamäleon wechselte, sind ohne Zahl. Die Presse ließ er glauben, er habe eine Privataudienz beim Papst erlangt. Er ist ein Artist am Telefon und ein Meister im Fälschen von Dokumenten. Die Leipziger Staatsanwaltschaft, die derzeit gegen ihn ermittelt, wird ihre Freude haben beim Aufdröseln dieses Wustes strafbarer oder auch nur dreister Handlungen.

Stets hat er über jeden Zweifel erhabene Gefährtinnen zur Hand. Eine Zahnärztin, die ihm Rolex und Mercedes schenkt, eine Psychologin, die ihm Fachwissen vermittelt, eine Anwältin, die ihn Akten lesen läßt, die promovierte Berliner Journalistin, die er geheiratet haben soll - oder hat er nur Hochzeitsanzeigen verschickt? -, die Richterin, die ein Kind von ihm hat, die Staatsanwältin, die ihn vor dem Haftbefehl warnt, die Medizinprofessorin, von der er monatlich Geld bekam. Oder die Amtsrichterin, gerade geschieden, von Beruf und Mitwirkung im Juristenkabarett beansprucht, die nach nichts mehr verlangte als ein bißchen Zuwendung. Und, und, und.

An manchen Tagen ist sie verzweifelt. »Was dieser Herr Zastrow in der ,FAZ' schreibt. Was im ,Stern' stand. Alle beschreiben das ,Phänomen' Postel. Ich habe den Menschen, den Mann erlebt. Ich liebe ihn. Ich vertraue Gert, er war offen und ehrlich zu mir und niemals opportunistisch. Ich habe mich entschieden, zu ihm zu halten, soweit es in meiner Kraft steht.« Am 18. Juni wird er 40. »Mit drei Mann liegt er in einer Zelle.« Sie weint.

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