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VERBRECHEN Der Schwur des Mädchens

Im Verlies malte sich Natascha Kampusch ihren Weg in die Freiheit aus und hält sich seither an ihr Drehbuch. Ein Team aus Beratern umgibt sie, inszeniert sie als Medienstar und führt sie ans neue Leben heran.
Von Mathieu von Rohr, Marion Kraske und Britta Sandberg
aus DER SPIEGEL 37/2006

Sie hatte einen Plan. Sie hatte ihn ausgeheckt, in diesen langen Jahren, als sie da unten in der Stille ihres Kellers saß, und jetzt, als sie im großen Lärm da draußen stand, wusste sie genau, was zu tun war.

Sie wusste es am Tag, als sie ihrem Entführer davonrannte, aus der Garage, über den Zaun. Als sie nach achteinhalb Jahren endlich auf dem Weg in die Freiheit war. Sie wusste, bei welcher Abteilung der Polizei sie anrufen musste, und als die Polizisten kamen, zog sie sich selbst eine Decke über den Kopf. Sie dachte an alles. Niemand sollte ein Foto von ihr machen und teuer verkaufen können. Sie wusste, wer sie betreuen sollte, dass sie Interviews geben würde, sie wusste, dass sie anderen etwas Gutes tun wollte, Hungernden in Afrika zum Beispiel.

Und dass Wolfgang Priklopil schon bald tot sein würde.

Natascha Kampusch, das Mädchen, das als Zehnjährige auf dem Schulweg in einen weißen Lieferwagen gezerrt wurde, das von seinem Entführer achteinhalb Jahre lang in einem zwei mal drei Meter großen Verlies festgehalten wurde, das sich mit 18 Jahren endlich selbst befreien konnte, Natascha Kampusch zerbrach nicht in ihrer Gefangenschaft, sondern sie wurde stark. Sie musste stärker werden als ihr Entführer. Sie hatte es sich geschworen, das war ihre Überlebensstrategie.

Ihr Körper ist nicht stark. Nach den achteinhalb Jahren im Keller geht sie staksig, fast wie eine Holzpuppe, sagen die Leute, die sie jeden Tag sehen. Ihre Haut ist kreideweiß, fast pergamentartig. Die Augen sind so lichtempfindlich, dass sie sie immer für eine längere Weile schließen muss. Sie leidet an einer Herzmuskelschwäche, und als Erstes verlangte sie nach einem Zahnarzt. Als sie aus dem Keller kam, wog sie etwa genauso viel wie als zwölfjähriges Mädchen.

Es gibt Berichte von Geiseln, die jeden Tag Liegestützen machen, um ihren Körper fit zu halten. Natascha Kampusch hat in den Jahren nicht ihre Muskeln, sie hat ihren Geist trainiert. Er hat ihren Körper auf seltsame Weise überholt.

Das Team, das Natascha Kampusch auf ihrem Gang an die Öffentlichkeit begleitet, trifft sich zum ersten Mal am letzten Sonntag im August, am ersten Sonntag nach der geglückten Flucht. In einem

neonbeleuchteten Konferenzsaal des Allgemeinen Krankenhauses der Stadt Wien sitzen zusammen: die Jugendanwältin Monika Pinterits, die Psychiater Max Friedrich und Ernst Berger, der Medienberater Dietmar Ecker und ein Anwalt.

Sie brauchen ein Konzept, sie brauchen eine Strategie. Natascha Kampusch geht es zwar besser als erwartet, aber sie braucht eine Therapie. Sie muss geschützt werden vor der Neugier der Außenwelt.

Die Jugendanwältin Monika Pinterits, 53, ist groß, blond und trägt einen knielangen Rock zu brombeerfarbenen Cowboystiefeln. Sie kannte Natascha wie alle Wiener vom Fahndungsfoto der Polizei. Bis sie am Tag nach der geglückten Flucht zu ihr gerufen wurde.

Sie fuhr in die Polizeistation und war neben der jungen Polizeibeamtin, mit der die Geflohene gesprochen hatte, die erste Frau im neuen Leben der Natascha Kampusch. Sie sagte ihr, »dass sie nichts von ihr will, aber für sie da ist, wenn sie sie braucht«. Seither haben die beiden viele Stunden miteinander geredet. Über Dinge, zu denen Frau Pinterits nichts sagen will, und über Banales, Robbie Williams etwa, den Natascha Kampusch gut findet.

Am liebsten hätte die Anwältin die junge Frau erst einmal dem ganzen Rummel entzogen. »Mein erster Instinkt war, ihr zu sagen, fahr weg, lass dir ein bisschen Sonne auf den weißen Bauch scheinen, und komm erst mal zur Ruhe«, sagt sie und greift nach einer neuen Zigarette. »Aber das wollte sie nicht. Und Frau Kampusch kann man nichts ausreden.« Niemand kann sie gegen ihren Willen noch einmal irgendwo verstecken, das hat sie hinter sich, das will sie nie wieder. »Sie hat ein großes Sendungsbewusstsein«, sagt Pinterits.

Die Anwältin sagt etwas, das alle ihre Betreuer über Natascha Kampusch sagen: Sie sei »eine junge Frau, die mich sehr beeindruckt hat«.

Ihre Betreuer merken bald, dass man Natascha Kampusch nicht nur beschützen und therapieren muss. Man muss sie managen wie einen Star. Und die Leute, die sie jetzt managen, gehören zu den Besten, die Österreich zu bieten hat. Die Anwälte Gerald Ganzger und Gabriel Lansky stoßen zu der Gruppe hinzu, sie sind Experten für Medienrecht und Schadensersatz.

Auch Dietmar Ecker hat einen Plan. Er sitzt auf einem quietschgelben Ledersessel in seiner Medienagentur im achten Wiener Bezirk, hohe Räume mit Stahl-Glas-Türen, moderne Kunst, alles sehr schick. Er ist als einer der Letzten zum Team hinzugestoßen, das Natascha Kampusch berät, das für sie sorgt, das sie abschottet von der Öffentlichkeit. Aber heute ist er der wichtigste Mann in ihrem Team, es ist Mittwoch, der Tag, an dem das ORF-Interview mit ihr im Fernsehen gesendet werden soll.

Ecker trägt einen graumelierten Sechs-Tage-Bart, er fährt Porsche. Normalerweise berät er Gewerkschaften in Krisensituationen. Er macht auch Öffentlichkeitsarbeit für die Republik Serbien, und vor Jahren brachte er es fertig, den Beliebtheitsgrad eines österreichischen Finanzministers auf erstaunliche Weise zu steigern. Jetzt arbeitet er unentgeltlich für Natascha Kampusch. Er sagt Dinge wie: »Es gibt ein kollektives Mondfenster für sie.«

Ecker ist Profi. Er weiß, wie Medien funktionieren, er nimmt ein Blatt Papier, er malt eine waagerechte Linie und setzt fünf Striche darauf, von null bis vier. Die Null steht für den Tag der Flucht, den 24. August, die Vier für das Ende der vierten Woche nach der Flucht. »Hier flaut das Medieninteresse normalerweise ab«, sagt Ecker, er kennt das Phänomen aus Wahlkämpfen. Die Mechanismen seien die Gleichen, so funktioniere das nun mal, es ist die Aufmerksamkeitsspanne der Öffentlichkeit rund um Sensationen jeder Art.

Er malt einen Kreis zwischen die Zwei und die Drei. Der öffentliche Meinungsbildungsprozess, sagt er, findet zwischen der zweiten und dritten Woche statt, das ist die Phase, auf die es ankommt. In diesem Zeitraum entscheidet sich die Beurteilung der Person Natascha Kampusch. Hier entscheidet sich, ob die Leute sie sympathisch finden werden oder nicht. Ob sie ihr Bild mögen werden oder nicht. Ob sie sich mit ihr identifizieren, sie adoptieren.

Es gab ein paar Schönheitsfehler in den ersten zwei Wochen nach Nataschas Auftauchen aus Sicht des Medienberaters, Natascha liebe ihre Mutter, Brigitta Sirny, geborene Kampusch, nicht, hieß es in den Zeitungen, sie wolle nicht mit ihr reden und schon gar nicht bei ihr wohnen. Die Leute mögen aber Kinder, die ihre Eltern lieben. Es ist noch nicht zu spät, sagt Ecker, man kann es noch korrigieren. Deswegen muss das Interview genau jetzt stattfinden, da, wo der Kreis ist, exakt zwei Wochen nach der Selbstbefreiung.

An diesem Abend wird das Interview im Fernsehen laufen, dann werden es viele Zeitungen in Deutschland und Österreich und anderswo nachdrucken und kommentieren, sie werden Natascha Kampusch ausleuchten. Ecker weiß, dass es gutgehen wird, dass jetzt alles in die richtige Richtung läuft. Er sagt: »Die Omis werden weinen, und die Leute werden sie lieben.« Und dass es die Gesetzmäßigkeiten der Soap Opera sind, mit denen er es hier zu tun habe.

Es gab gute Gründe, dass Natascha Kampusch ihr Gesicht im Fernsehen zeigte. »Alle wollten sie sehen, und sie wollten auch ihr Gesicht, die Paparazzi hätten sie

sonst gejagt wie Lady Di.« Die ersten heimlich aufgenommenen Handy-Fotos kursierten schon und wurden in Wien für 14 000 Euro angeboten. Es sei nicht mehr aufzuhalten gewesen, sagt Ecker.

Er drängte Natascha Kampusch nicht dazu, das Interview jetzt zu geben. Er erklärte ihr die Notwendigkeit, und sie stimmte zu.

Sie suchte den Interviewer vom ORF mit Ecker aus, Ecker ist den Fragenkatalog erst mit den anderen Teammitgliedern, dann mit ihr durchgegangen. Er setzte sich vier Stunden mit ihr in einen Videoraum und probte das gesamte Interview vorab, er stellte ihr jede einzelne Frage. Er gab ihr Tipps, wie sie sitzen und wie sie schauen sollte, vor allem aber, wie sie mit bestimmten Fragen umgehen könnte. Sie sollte im Idealfall über sich, ihre Eigenschaften, ihre Trauer, ihre Kraft sprechen.

Bei Fragen nach ihrer Beziehung zu dem Entführer lautete die optimale Antwort: »Ich hatte keine Beziehung mit ihm«, bei solchen nach dem Verhältnis zu ihrer Mutter: »Wir sind uns sehr nahe.« Sie sahen sich das aufgezeichnete Videoband des Probelaufs an und werteten es aus. Natascha Kampusch habe gesagt, das hätte ihr Spaß gemacht. Dietmar Ecker konnte danach nicht mehr.

Sie befolgte nicht alle seine Ratschläge, aber viele. Im Fernsehen wirkte sie manchmal jung, manchmal erstaunlich reif, mal sah sie kokett aus, fast wie Sissy, fast wie die junge Romy Schneider, sagten die Wiener hinterher. Mal war sie fast schmerzhaft nach innen gekehrt, die richtigen Worte suchend, in stummer Panik wie im Keller. Sie erschien aber auch als eine willensstarke junge Frau, bemerkenswert diszipliniert und beredt.

Zu bestaunen war sie als jemand, der ohne MTV, ohne »Bravo«, ohne »Kronen-Zeitung«, ohne TV-Soap-Operas herangewachsen ist. Sie benutzte Wörter, die aus dem Kulturprogramm des Rundfunksenders Ö1 stammen, den sie hören durfte, sie benutzte auch Wörter aus der Psycho-Terminologie ihrer Berater: Sie habe einen Pakt mit sich geschlossen, dass ihr späteres Ich sie einst aus der Gewalt ihres Entführers befreien werde, sagte sie. Das klang seltsam, aber sie schärfte wohl wirklich ihren Verstand für den Zeitpunkt X, wenn sich die Chance zum Davonlaufen bieten sollte. »Und ich habe mir eines Tages geschworen, dass ich älter werde, stärker und kräftiger, um mich eines Tages befreien zu können«, sagte sie auch.

Sie redete mit Priklopil über die Flucht, er habe ihr Tipps gegeben, sagte sie, er sagte ihr, er werde sich dann aber umbringen. Sie wusste, was kommen würde. Es kam so.

Sie muss ebenso tapfer wie scharfsinnig gewesen sein. Priklopil konnte sie umbringen, er hatte sie in seiner Gewalt, er konnte sie einfach dort unten im Keller vergessen. Keiner hätte es gemerkt. Draußen hatte man sie vergessen, wie ihr klar wurde. Sie hungerte oft. Die Erzählung vom Hunger, der den Körper schmerzen lässt und alle Sinne auszehrt, gehört zu den beeindruckendsten Passagen des Interviews. »Jeder Gedanke quält sich aus einem heraus«, sagte sie.

Sie wirkte bald selbstsicher, bald suchte sie Augenkontakt zu ihren Beratern hinter den Kameras.

Ecker behielt recht, das Interview war ein Erfolg, es korrigierte das Bild von der sich abwendenden Tochter, sie erschien als das Opfer, das sie war, sie beeindruckte ihr Publikum. Jetzt gehen die ersten Angebote für Buch- und Filmrechte ein. »Hollywood ist noch nicht dabei, aber wir bewegen uns dorthin«, sagt Ecker und schüttelt den müden Kopf. »Rein kapitalistisch gesehen ist diese Frau eine Goldgrube, aber so etwas darf man ja gar nicht laut sagen.«

Am Tag der Ausstrahlung des Interviews war sie nachmittags noch mal mit einem Mitarbeiter ihrer Psychiater für drei Stunden raus in die Stadt gefahren - es war das letzte Mal, bevor ihr Gesicht weltberühmt wurde, das letzte Mal, dass sie sich unerkannt bewegen konnte.

Noch waren nur Computeranimationen und Phantombilder von ihr auf den Titeln der Wiener Tageszeitungen erschienen, noch war sie nicht die Heldin, zu der sie in den darauffolgenden Tagen erklärt werden sollte. Staunend schlenderte sie durch die Straßen der Stadt, sie kaufte sich eine Mütze und genoss den Ausflug wie einen gutgelungenen Streich.

Abends schaute sie sich das Interview im Fernsehen an. Es hatte in Österreich einen Marktanteil von 80 Prozent, jeden Tag ist sie auf den Titelseiten der Zeitungen, zuletzt legte sie sogar ihr Kopftuch ab.

Sie ist jetzt ein Star.

Ein Jugendstilhaus im ersten Bezirk, Sitz einer der führendsten Wirtschaftskanzleien Wiens - Lansky, Ganzger & Partner mit 55 Mitarbeitern auf zwei Etagen. Dr. Gabriel Lansky und Dr. Gerald Ganzger haben sich auf Schmerzensgeld, Schadensersatz- und Medienrechtsfragen spezialisiert. Sie vertreten unter anderem die Opfer des Bergbahn-Unglücks von Kaprun.

Am Tag nach ihrer Flucht schrieb die »Kronen-Zeitung« über die Gefangenschaft von Natascha Kampusch das Wort »Sexfolter«. So etwas schreibt niemand mehr, seit sie von Lansky und Ganzger vertreten wird.

Sie will nicht, dass über sexuellen Missbrauch spekuliert wird. Sie will nicht, dass die Leute sich Fragen stellen über ihre Beziehung zum Täter. Sie will, dass die Leute ihre Intimsphäre achten.

Es ist der Tag nach dem Interview. Lansky und Ganzger stehen in der Bibliothek, die aussieht, als hätte sich seit dem 19. Jahrhundert hier nichts mehr verändert, an ihrem Konferenztisch aus Holz.

Lansky, 51, sagt: »Das ist eines der drei Topmandate in meinem Leben.«

Ganzger ist 47, und per Du mit seiner Klientin - eine Ehre, die nicht jedem ihrer Betreuer zuteil wurde. Er hat sie heute Morgen besucht, er besucht sie jeden Tag. »Ich bin sehr froh, sagen zu können, dass Frau Kampuschs Zukunft nach dem gestrigen Tag materiell gesichert ist.« Er hat die Verträge mit den internationalen Medien abgeschlossen.

Er sagt, dass man ihre Leistung bewundern muss, die Tatsache, dass sie nicht zerbrochen ist, da unten. Und dann sagt er diesen Satz: »Was Natascha Kampusch vollbracht hat, ist eine der beeindruckendsten Leistungen des menschlichen Geistes in den letzten Jahrzehnten.«

Er ist fasziniert von seiner Klientin. Und unglaublich erleichtert, sagt er, dass jetzt alle hören konnten, dass sie tatsächlich so spricht. Dass der Brief, den sie geschrieben hat ("liebe Weltöffentlichkeit"), tatsächlich von ihr stammt. »Sie liebt Sprache unglaublich. Wenn jemand das falsche Wort gebraucht, verbessert sie ihn. Mir scheint, es tut ihr richtig weh, wenn jemand Sprache falsch verwendet.«

Überhaupt sei der Vorwurf, dass Frau Kampusch manipuliert werde, der witzigste Vorwurf, den er je gehört habe.

»Ruft sie mich doch am Samstag um 8.55 Uhr an«, sagt Ganzger, es klingt bewundernd, »und sagt zu mir, Gerald, schick mir mal bitte ein Mediengesetz für die Durchsicht der Verträge. Stellen Sie sich das vor! Die Frau ist unglaublich.«

Er las ihr den Vollmachtsvertrag vor, dann las sie den Vertrag selbst. Am Sonntag las er ihn wieder vor, und sie las ihn noch einmal auf dem Laptop durch. Jedes Mal änderte sie alles, was ihr nicht passte, Wort für Wort. Er lächelt. »Man wünschte sich, dass alle Mandanten eine Vollmacht so genau durchlesen würden.«

Jetzt werden die beiden Anwälte Schadensersatz für sie erkämpfen. Die bislang höchste Entschädigung für psychisch erlittene Schmerzen betrug in Österreich 300 000 Euro, aber diese Summe werde dem Leiden der Natascha Kampusch natürlich bei weitem nicht gerecht.

Lansky & Ganzger bereiten alle Gründungsformalitäten für die gemeinnützige »Natascha-Kampusch-Foundation« vor, die sie in ihren Interviews ankündigte, und mit der sie den Hungernden in Afrika, den Frauen und Verschwundenen in Mexiko helfen will.

Die Anwälte sind dabei, Personen des öffentlichen Lebens für die Stiftung zu gewinnen. »In zwei bis drei Wochen steht das Ding«, sagt Gabriel Lansky. Im Verlies hatte sich Natascha Kampusch schon überlegt, dass sie so etwas gründen würde, falls sie einmal herauskäme.

Die Natascha-Kampusch-Maschinerie läuft und läuft, und wenn man ihren Beratern glauben kann, dann wacht Natascha Kampusch über jedes Detail. Sie muss es sich wieder und wieder vorgestellt haben, in ihrem unterirdischen Verlies, im Zustand jener Ohnmacht, und nun, da sie es geschafft hat, will sie sichergehen, dass nie wieder etwas mit ihr geschieht, über das sie keine Kontrolle besitzt.

Sie will nicht mehr Opfer sein. Sie hat schon im Verlies versucht, diesen Mangel mit Bildung auszugleichen, und sie wusste damals schon, wie sie der Opferrolle entkommt: indem sie selbst Opfern hilft.

Professor Ernst Berger, der Leiter der neuropsychiatrischen Abteilung für Kinder und Jugendliche in der Wiener Klinik Rosenhügel, sah Natascha Kampusch 24 Stunden nach ihrer Freilassung zum ersten Mal. Sie wirkte noch im Polizeirevier auf ihn »in einem erstaunlichen Maß der Wirklichkeit zugewandt«.

Berger, 59, drahtig, hellwach und seit 30 Jahren im Beruf, weiß, wie »störanfällig« eine Zukunft sein kann, die auf einer solchen Vergangenheit aufbaut. Mit der geplanten Stiftung macht Natascha Kampusch ihre Vergangenheit zum Thema. Für den Therapeuten ist das dennoch ein logischer Schritt: »Stärke war der einzige Mechanismus, die einzige Überlebensstrategie, die ihr in den vergangenen acht Jahren zur Verfügung stand«, meint Berger. »Wieso sollte sie jetzt auf einmal dieses Leitmotiv, das sie hat überleben lassen, aufgeben?« Denn das hieße ja, sie müsste sich auf das Wagnis einlassen, Schwäche zuzulassen, etwas von dem Panzer abzulegen, der ihr im Keller glücklicherweise gewachsen ist.

Ihre einzige soziale Kompetenz der vergangenen Jahre, sagt Berger, »ist die, die sie im Umgang mit Priklopil erworben hat«. Sie musste seine Launen schnell erkennen, um sie im besten Fall auszugleichen und nicht darunter leiden zu müssen. Sie musste attraktiv und interessant genug

für ihn bleiben, damit sich die schwere Panzertür zu ihrem Verlies immer wieder öffnete.

Sie sagte etwas Erstaunliches in ihrem Fernsehinterview: Sie habe ihren Entführer dazu genötigt, Geburtstage und andere Festtage mit ihr zu feiern. Sie beschrieb damit die Umkehrung der Machtverhältnisse. Acht Jahre lang hat Natascha Kampusch 24 Stunden am Tag taktieren und kalkulieren müssen, um überleben zu können. Und jetzt?

»Ihre einzige Nabelschnur zur äußeren Welt«, sagt Therapeut Berger, »waren die Medien, die Ausschnitte aus dem realen Leben in ihr Verlies brachten.« Ihm fällt jetzt die Aufgabe zu, sie langsam ins Leben zu führen. Er machte den ersten Ausflug mit ihr nach draußen, in die reale Welt eines Eissalons, in dem sie auf einmal Sonnenbrille und Haartuch abnahm, um dann zu hören, dass die 18-Uhr-Nachrichten mit Natascha Kampusch aufmachten. Sie erschrak, griff nach Bergers Hand und beruhigte sich erst langsam wieder.

Im Auftrag des psychosozialen Dienstes der Stadt Wien ist der Professor jetzt dabei, den äußeren Rahmen für ein Leben außerhalb des Allgemeinen Krankenhauses der Stadt Wien (AKH) zu schaffen. Mit flexibler Betreuung. Vierundzwanzig Stunden wären ihm am Anfang am liebsten, sagt der Fachmann.

Der Übervater des psychiatrischen Betreuungsteams heißt Max H. Friedrich, er ist der Doyen der Wiener Kinder- und Jugendpsychiatrie. Er sitzt in seinem Ordinariat, wie die Praxis auf Österreichisch heißt, es liegt dem Wiener Rathaus gegenüber. Er sitzt auf seinem schwarzen Bürosessel, rötliche Gesichtsfarbe, buschiger Schnauzer, die Beine übergeschlagen, er hat einen silbernen Zwicker umhängen, er blickt ins Weite, wenn er spricht. Die Wände hängen voll mit afrikanischen Masken und Holzmarionetten. Draußen, in der Welt, ist es sehr laut. Hier drin ist es ungeheuer still. Er spricht mit schleppender Stimme.

Schon als Natascha verschwunden war, fragte man ihn um Hilfe. Er beteiligte sich an der Suche, er betätigte sich als Profiler, er versuchte herauszufinden, wie man sich den Täter vorstellen muss. Heute sagt er: »Jetzt, wo ich weiß, wer es war, weiß ich auch, dass ich es niemals hätte herausfinden können.«

Er besucht sie jetzt mindestens zweimal täglich in ihrem Zimmer, es liegt hinter einer Doppelschleuse im Allgemeinen Krankenhaus der Stadt Wien.

Mit ihrer Therapie hat er nicht mehr direkt zu tun, um Natascha Kampusch kümmert sich nun eine Psychotherapeutin. Sie ist ein besonderer Fall für ihn, die professionelle Distanz zu wahren fällt ihm schwer. Er ist so etwas wie ihr väterlicher Freund - »oder angesichts meines Alters vielleicht eher ein großväterlicher«. Er ist 61.

Als Natascha Kampusch im Fernsehinterview gefragt wurde, welches denn die Menschen seien, denen sie im Moment am meisten vertraue, sagte sie als Erstes: »der Doktor Friedrich«. Dann nannte sie ihre Familie. Schließlich sich selbst.

Aber das Wiedersehen mit der Familie, sagte sie, sei schon komisch gewesen. Ihre Eltern hätten sehr geweint, sie hätten sie umarmt und gedrückt, und da habe sie sich »ein bisschen beengt gefühlt durch dieses plötzliche Einfallen«.

Der Doktor Friedrich saß während des Interviews auch im Studio, auf einem Stuhl im Halbdunkeln. Manchmal sah sie zu ihm hin, wenn sie ins Stocken geriet bei einer Antwort. Er lächelte ihr zu.

Die Eltern haben ihn in den Tagen davor heftig angegriffen. Sie waren in der Presse, sie sagten, sie dürften ihr Kind nicht sehen, es werde von ihnen ferngehalten.

In der Presse kamen dann die Gerüchte wieder hoch, es gebe vielleicht doch ein dunkles Geheimnis in der Familie. Einige Blätter erinnerten daran, dass die Mutter die Tochter am Tag der Entführung mit einer Ohrfeige in die Schule verabschiedet habe, und auch daran, dass Natascha zur Bettnässerin geworden sei, weil der damalige Lebensgefährte der Mutter sie manchmal geschlagen habe. Sie erinnerten daran, dass die junge Frau, die jetzt so eloquent daherrede, aus einer »typischen Plattenbaufamilie« stammt.

Ihre Mutter sagte dann, sie wolle keine Interviews mehr geben. Inzwischen durfte sie ihre Tochter einige Male sehen.

Friedrich, in seinem Ordinariat, auf seinem Stuhl, sagt, niemand halte die Eltern

von der Tochter fern. »Es liegt allein an Natascha Kampusch zu entscheiden, wen sie sehen will.«

Ludwig Koch, der Vater von Natascha, sitzt wieder vor dieser holzgetäfelten Küchenwand, vor der sie ihn schon hundertfach abgelichtet haben in den ver-gangenen achteinhalb Jahren, das Gesicht stark gerötet, die Wangen eingefallen, unter den Augen Tränensäcke. Er sitzt in sich zusammengefallen am Küchentisch, er schaut ins Leere, er raucht Kette. Sogar sein Schnauzer hängt nach unten.

Ludwig Koch wohnt in einem kleinen Haus in Wien-Süßenbrunn, in einer dieser Satellitensiedlungen außerhalb der Stadt, er wohnt an der Redengasse, und das passt sehr gut, weil er seit der Flucht seiner Tochter eigentlich nichts anderes tut als das: zu reden.

Er ist wütend, er ist verzweifelt, er glaubt, dass er einen Feldzug führen muss gegen die Berater seiner Tochter. Aber er hat keine Kraft mehr, er ist überzeugt, dass es diese Leute sind, die ihn nicht zu ihr lassen - »Ich glaube nicht, dass sie das ist.« - »Ich glaube, dass ihr falsche Tatsachen vorgespielt werden.« - »Auf Natascha bin ich nicht wütend, aber auf ihr Umfeld.«

Er ist gerade vom Flughafen gekommen, gemeinsam mit seinem Medienberater, er war in Deutschland, hat Interviews gegeben, er weiß nicht mehr, bei wem er war oder was er gesagt hat, nicht einmal, dass er bei Günther Jauch war, fällt ihm noch ein.

Er hat dort das Interview von Natascha kommentiert, es war wundervoll, sagt er, ich bin maßlos erfreut, wie sie sich artikuliert, das ist bewundernswert. Das Telefon klingelt. »Es ist a Irrsinn.«

Er hat letzte Nacht nur drei Stunden geschlafen, es ist zehn Uhr abends, morgen früh kommen schon wieder Fernsehteams.

Auch er hat einen Medienberater, und der Medienberater hat ein Telefon, und das klingelt ständig. Der Medienberater schreibt Sendungen und Zeiten auf einen Zettel.

»Davonlaufen kann ich ja nicht«, sagt Koch. Er will seine Tochter zurück, er will sie sehen, er glaubt nicht, dass sie es ist, die ihn nicht sehen will. Es muss an ihrem Beraterteam liegen.

Er sagt, die Male, die er mit Natascha geredet habe, da sei sie gewesen wie früher, als er noch mit ihr und ihrer Mutter zusammenlebte. Er habe den Dr. Friedrich hundertmal angerufen, nie habe der zurückgerufen. »Die haben wahnsinnige Angst vor mir. Natascha ist ein riesiger Kuchen. Ganz ehrlich gesagt.«

Der Medienberater, der nicht zitiert werden will, hat auch noch ein paar exklusive Informationen, für die er die Quelle leider nicht nennen kann. Aber es ist alles eine große Verschwörung.

Die »Kronen-Zeitung«, in Wien nur die »Krone« genannt, ist eine Institution in Wien, sie ist die »Bild« des ehemaligen k. u. k Reiches. Ihr Herausgeber, ihr Macher, ihr Gründer heißt Hans Dichand und ist 85.

So etwas wie Natascha hat auch er in seinen vielen Berufsjahren nicht erlebt. »Der Fall ist einmalig«, sagt er. »Das ist eine Weltsensation. Ausgerechnet bei uns hier, in Wien.« Dichand sitzt im 16. Stock seines Verlagshauses mit einem atemberaubenden Rundumblick auf die Stadt und den angrenzenden Wienerwald. An der Wand hinter seinem Schreibtisch hängt ein riesiges Gemälde von Franz Zadrazil. Es heißt »1. Mai«. Es zeigt einen trostlosen Wiener Gemeindebau, ein einsames rotes Fähnchen hängt schlaff aus einem Fenster. »Das ist die Realität«, sagt er. Gewerkschaften und SPÖ sind in einem erbarmungswürdigen Zustand, davon ist Dichand überzeugt, und daran arbeitet er tagtäglich, Ausgabe für Ausgabe. Er macht nicht nur eine Zeitung, er macht Politik.

Als er die Nachricht von Natascha hörte, war er hier oben, in seinem Chefbüro. »Ich habe nicht gedacht, dass sie noch lebt.« Zusammen mit der Zeitschrift »News« sicherte sich die »Krone« die begehrten Exklusivrechte an einem Interview. Wie viel da genau geflossen ist - die Branche spricht von 600 000 Euro -, will Dichand nicht sagen. »Im Vertrag steht, dass man striktes Stillschweigen wahrt.«

Als Zugabe gibt es für Natascha noch eine Eigentumswohnung und einen Job, zumindest so eine Art Perspektive. »Ja, das war so ein spontaner Einfall«, sagt Dichand und lächelt. Seine Zeitung habe Nataschas Schicksal über all die Jahre journalistisch begleitet. Da sei ihm die Idee gekommen, »die Natascha könnte hier bei uns anfangen«. Als Botin oder als Redaktionsassistentin. »Mal sehen, wie sie sich so macht.«

Als Wohltäter sieht er sich nicht. »Sie ist mir nahe«, sagt er. »Das ist unser Job.« Und den will er »immer ein bisschen auch mit Herz machen«.

Auf einem Friedhof südlich von Wien fand am vergangenen Freitagvormittag ein Begräbnis statt. Wolfgang Priklopil, der Entführer von Natascha Kampusch, der sich vor einen Zug geworfen hatte, wurde begraben.

Natascha Kampusch hatte ihrem toten Peiniger in der Wiener Gerichtsmedizin einen Besuch abgestattet. Sie verabschiedete sich auf ihre Weise von dem Mann, der sie fast achteinhalb Jahre unten in seinem Haus als Gefangene hielt.

MATHIEU VON ROHR; MARION KRASKE, BRITTA SANDBERG

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