Der Tathergang Der Amokläufer suchte gezielt nach den Lehrern

Zwei Tage nach dem Amoklauf in Erfurt hat die Polizei eine erste Rekonstruktion der Tat. Mittlerweile ist klar, dass Robert Steinhäuser nur die Lehrer seiner Ex-Schule töten wollte. Die beiden getöteten Schüler waren dem Täter offenbar nur zum Opfer gefallen, da sie sich in einem Klassenraum versteckt hatten und er durch die geschlossene Tür schoss.

Von , Erfurt


Amokläufer Steinhäuser: Gezielte Kopfschüsse
THÜRINGER ALLGEMEINE/AP

Amokläufer Steinhäuser: Gezielte Kopfschüsse

Mit Dutzenden von Ermittlern versucht die Polizei seit dem Ende des Amoklaufs den genauen Tathergang zu rekonstruieren. Auch nach der ausführlichen Tatortbesichtigung und zwei Tagen mit Zeugenbefragungen ist der genaue Ablauf aber noch immer nicht vollkommen klar. Vor allem die Tatsache, dass mehrere Schüler von einem zweiten Täter sprachen, verwirrte die Fahnder zu Beginn der Rekonstruktion. Nach diesen Aussagen soll ein Schütze im Gebäude von oben nach unten gegangen sein und der andere in umgekehrter Richtung. Mittlerweile schließt die Polizei jedoch aus, dass es einen zweiten Täter gab.

Unstrittig ist, dass der Amokläufer gegen 11.00 Uhr morgens über den Hintereingang die Schule betrat und nach Aussagen von Schülern eine größere Tasche bei sich trug, in der er vermutlich die Waffen transportierte. Kurz darauf beobachteten ihn andere Schüler, wie er in die Herrentoilette ging und nach wenigen Minuten wieder herauskam. Robert Steinhäuser war zu diesem Zeitpunkt komplett in Schwarz gekleidet und trug eine schwarze Maske. "Er sah aus wie ein Ninja-Kämpfer", berichtete einer der Schüler, an dem der Täter vorbeilief. Die silbern glänzende Pump-Gun trug er mit einem Lederriemen auf dem Rücken.

"Er sah aus wie ein Ninja-Kämpfer"

Die Polizei geht davon aus, dass sich die Tat folgendermaßen abespielt hat: Nachdem Robert Steinhäuser aus der Herrentoilette gekommen war, bewegte er sich schnell zum Sekretariat der Schule, wo er die stellvertretende Schulleiterin an ihrem Schreibtisch und eine Sekretärin im Nebenraum erschoss. Anschließend hechtete er in den ersten Stock, riss den ersten Klassenraum auf der rechten Flurseite auf. Mit gezielten Schüssen streckte er den Lehrer Peter W. nieder und verschwand sofort in den zweiten Stock, wo er nacheinander drei Lehrerinnen in den Klassenräumen erschoss.

Im zweiten Stock wurden auch die beiden Schüler, die 14-jährige Susann H. und der 15-jährige Ronny M. getötet. Die beiden hatten sich offenbar in einem Klassenraum auf der linken Flurseite versteckt und sollen die Tür mit einem Schrank versperrt haben. Da der Amokläufer weitere Lehrer in dem Raum vermutete, schoss er mehrmals durch die Tür und traf die beiden tödlich. Anschließend rannte er die Seitentreppe hinauf in den dritten Stock und feuerte sofort auf die Lehrer, die er sah. Drei tote Lehrerinnen fand die Polizei auf diesem Stockwerk.

An den Schülern lief er vorbei

Mittlerweile ist sich die Polizei sicher, dass der Täter ausschließlich die Lehrer umbringen wollte. Nacheinander habe er die Klassenräume aufgerissen und auf die Pädagogen geschossen, berichteten die Augenzeugen. Für die Schüler interessierte er sich demnach gar nicht. "Er rannte an mir vorbei, als ob ich Luft sei", erinnerte sich einer der Schüler, der den Amokläufer im zweiten Stock gesehen hatte.

Nachdem der 19-Jährige die drei Lehrerinnen im dritten Stock getötet hatte, stürmte er zurück ins Erdgeschoss und erschoss eine weitere Lehrerin am Ende des Flurs. Wenig später richtete er seine Waffe im ersten Stock auf drei weitere Lehrer, darunter den Biologielehrer, dem er bereits bei einer Klassenfahrt 1999 gedroht hatte, und rannte zurück in die erste Etage. Als er von der Treppe aus die beiden eintreffenden Polizisten entdeckte, feuerte auf sie. Dabei tötete er einen 42-jährigen Polizisten.

Bei all dem hat der Amokläufer seine Pumpgun, ein Schrotgwehr mit Nachlademechanismus, nach Erkenntnissen der Polizei gar nicht benutzt, sondern lediglich mit der 18-schüssigen Pistole geschossen. Insgesamt fand die Polizei 40 leere Patronen im Gymnasium. Alle Waffen waren legal. Als Mitglied im Schützenverein "Domblick" verfügte Steinhäuser seit Oktober 2001 über eine Waffenbesitzkarte, die ihm den Besitz zweier Kurz- und zweier Langwaffen erlaubte.

Die schusssichere Weste schützte nicht

Als die ersten Schüsse fielen, dachten viele Schüler noch an Baulärm, da gerade Renovierungsarbeiten in der Schule stattfanden. Und auch der Hausmeister alarmierte erst nach mehreren Schüssen die Polizei. Der ganze Vorgang muss nur wenige Minuten gedauert haben, denn Steinhäuser hatte alle seine Opfer bereits erschossen, als die erste Polizeistreife an der Schule eintraf.

Viele Schüler versteckten sich schon nach den ersten Schüssen. Eine Gruppe verschanzte sich in der Aula im dritten Stock, andere flüchteten sich auf Toiletten oder versperrten die Türen mit Schränken und Stühlen. Auch diese Kinder hörten immer wieder Schüsse und Schreie. "Es war schrecklich", sagte einer der Schüler aus der Aula, "immer wieder schrie ein verletzter Lehrer um Hilfe oder nach einem Arzt."

Dabei war es das Verdienst des Geschichtslehrers Rainer Heise, dass Steinhäuser nicht noch mehr Menschen umbrachte. Denn als der Schüler wieder im ersten Stock ankam, überraschte ihn der Lehrer und konnte ihn in einem Abstellraum einschließen. Dort nahm sich Steinhäuser mit einem Schuss in den Kopf wenig später selbst das Leben.



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