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EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Der Teufel im Katzenfell

Wie der Kanadier Gérard Daigle ein Opfer seines Katers wurde
Von Erwin Koch
aus DER SPIEGEL 32/2001

Was Gérard Daigle vor Wochen noch seltsam war und ungefähr, durchleuchtet er heute, die Arme in Binden geschlagen, mit analytischer Sorgfalt.

Den Fakt, dass Touti, der eigentlich Tiny hieß, ab und an sinnlos aus schrägen Schlitzen schielte, vermag Herr Daigle nun, Wochen nach dem Ereignis, als präeruptives, wenngleich sichtbares Glimmern des Bösen zu identifizieren.

Und dass Touti, vier Kilogramm schwer und im Vollbesitz seines genetischen Antriebs, ganze Tage lang unter dem Papageienkäfig scheinbar (scheinbar!) friedliebend und interesselos durchs Dasein blinzelte und von nichts zu begeistern war, ist Daigle Indiz dafür, dass sein Kater, ein Amerikanisch Kurzhaar, damals schon den Teufel unter dem karamellfarbenen Fell hatte.

Denn nur Letzterer ist im Stande, ein Werk mit solcher Tücke zu vollenden, wie Touti es tat am Vormittag des 11. Juli in der Erdgeschosswohnung des Gérard Daigle, 80 und keineswegs schwächlich, und der Francine Gagnon, Lebensgefährtin, 81, Trois-Rivières-Ouest, 22 886 Einwohner, Kanada.

Das Verhängnis nicht ahnend, trug Herr Daigle seinen Papagei ins Badezimmer, sprengte das Tier mit warmem Wasser (Papageien belieben, so sich Gelegenheit bietet, zu duschen). Die Tür stand offen, und Touti, wie es sein Brauch war, setzte sich auf den Rand der Wanne, sah der Toilette zu. Der Vogel spreizte lustvoll Gefieder und Mundwerk, und just, als Daigle sich anschickte, den Abfall des Vogels aus dem Käfig zu schwemmen, geschah die Attacke.

Touti wollte mich fressen, weiß Gérard Daigle im Nachhinein.

Einfach so, Monsieur?

Gleichsam klein gedruckt soll hier erklärt werden, dass Herr Gérard Daigle nicht ausschließen kann, an jenem unglücklichen Morgen den Kater Touti aus einer plötzlichen Eingebung heraus mit einem Strahl Wasser bedacht zu haben.

Touti, Alter unbekannt, setzte zum Sprung an. Daigle riss die Arme hoch, das Gesicht zu schützen. Touti krallte sich fest, biss, riss, schlitzte scharfkantig Wunden in menschliches Gewebe. Blut spritzte auf gelbe Kacheln. Ein Fauchen, ein Schreien. Gérard Daigle, kein Zimperling, verstand die Welt nicht mehr, versuchte, das Tier von sich zu schütteln.

Und je heftiger er schüttelte, desto tiefer drang Touti mit Klauen und Zähnen in ihn. Daigle schien, der Kater wolle nur eins: ihn töten (verspeisen!).

Das war nicht mehr sein Toutoutouti, der jeden Morgen auf Daigles Schoß stieg, schnurrte und das Butterbrot mit ihm teilte. Das war nicht mehr sein Liebstes, das ihm, Herrn Daigle, jeden Abend, quasi zum Abschied, sein Köpfchen an die Waden drückte, sich daran rieb und ihm so die Nacht verzuckerte.

Und als die Schlacht in der Badestube immer lauter und unbedingter wurde, erschien endlich, etwas schwerhörig, Francine Gagnon in der Tür, erkannte den Ernst der Lage und holte in der Küche den Besen, schlug zu, trieb das Vieh aus dem Raum und schloss sofort die Tür, verrammte sie mit ihrer Waffe.

Monsieur Daigle lag im Blut, und Madame Gagnon dämmerte: Ich habe ihm das Leben gerettet.

Noch waren sie nicht über den Berg.

Zu weiteren Massakern gestimmt, zürnte Touti vor der Tür. Durch diese also gab es kein Entrinnen. Madame schrie um Hilfe, doch niemand vernahm den Ruf aus dem Bad. Schließlich stieg Francine Gagnon auf den Wannenrand und schwang sich aus dem Fenster. Sie ließ sich langsam auf den Vorplatz rutschen, strich den Morgenrock glatt, setzte dort, Rue Richelieu 670, die Welt in Alarm, dergestalt, dass diese mit vier Ladungen Polizisten anraste, zwei Ambulanzen, ein Abgesandter der örtlichen Tierschutzvereinigung.

Es war 12.26 Uhr, man rannte los, rettete, was zu retten war, den Rettern bot sich ein Bild des Grauens, Blut ergoss sich über den Boden, die Wände, die Decke, grauslige Beweise eines Gemetzels, das in solcher Form niemand je geschaut.

Und während man im Centre hospitalier régional de Trois-Rivières, im CHRTR, Monsieur Daigle sieben Fäden ins wunde Fleisch zog, ging Touti, der eigentlich Tiny hieß, ins Netz des Tierschützers, der ihn in ein schweres Behältnis passte und sofort aus dem Haus brachte.

Und ums Leben.

Hinweise auf Tollwut, Katzenwahn oder ähnliche Molesten ergab die Obduktion keine.

Wie sollte sie auch?, diagnostiziert Gérard Daigle post malum, der Teufel ist doch keine Bazille.

Höchstens wasserscheu.

ERWIN KOCH

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