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EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Der Vitamin-Schock

Wie zwei Schülerinnen einen Pharmariesen blamierten
aus DER SPIEGEL 16/2007

Sie hatten Chemie, die Sonne schien, wie so häufig im kleinen Pakuranga nahe Auckland, und die Lehrerin stand vor ihnen und sagte, sie sollten sich etwas ausdenken für den großen Schulwettbewerb, eine Übung, einen Versuch, »irgendwas«, wiederholte sie.

Zwei der Schülerinnen überlegten gemeinsam und dachten daran, dass sie gern Fruchtsäfte tranken. Also entschieden sie, mit denen etwas anzustellen.

Sie überlegten noch eine Weile und beschlossen, den hohen Anteil von Vitamin C in diesen Säften nachzuweisen, von dem die Menschen in den TV-Spots immer so leidenschaftlich sprachen.

Eine andere Gruppe wollte untersuchen, wie ihr Körper auf Alkohol reagiert. Alles an diesem Tag verlief also eher zufällig.

Anna Devathasan und Jenny Suo, 14, Schülerinnen der 10. Klasse des Pakuranga College, gingen in den Supermarkt, kauften die Säfte, acht insgesamt, und fuhren im Auto zusammen mit ihren Eltern in die Schule.

Anna ist groß, Jenny klein, beide haben dunkle Haare, sie reden gern, sie sind gute Schülerinnen, selbstbewusst und ehrgeizig.

Nach dem Unterricht waren sie die Letzten im Labor. Auf einem der Arbeitstische hatten sie ihre Getränke aufgebaut, von einigen nahmen sie einen Schluck, es war warm, Sommer. Sie begannen mit dem Experiment, sie trugen Zöpfe und Schuluniform, roten Plisseerock, weiße Bluse. Den Laborkittel zogen sie erst drei Jahre später an für die Fernsehkameras.

Das Prinzip war eigentlich einfach. Sie füllten je zehn Milliliter der Getränke in ein Glas, gaben Stärke als Indikator hinzu und träufelten eine Jodlösung über ein langes Glasrohr hinein. Das Jod würde mit dem Vitamin C reagieren, und sobald sich die Flüssigkeit tiefblau färbte, wäre kein Vitamin C mehr drin. Je weniger Jod sie also brauchten, desto weniger Vitamin C war im Glas.

Ein Schülerversuch.

Für »Just Juice« brauchten sie viel Jod. Für »G Force« weniger, für »Pacer« fast kein Jod, was sie nicht verwunderte, weil Pacer bekannt war als Wasser mit reichlich Zucker und im Laden nur 50 Cent kostete.

Sie wunderten sich aber über etwas anderes. »Ribena« ist aus Schwarzen Johannisbeeren und galt als so gesund wie in Deutschland »Hohes C«, Mütter gaben den Saft ihren Kindern gern zu trinken, und im Supermarkt kostete er vier Dollar.

Sie testeten ihn das erste Mal. Sie glaubten, sie brauchten jetzt besonders viel Jod.

Sie testeten ihn das zweite Mal, das dritte Mal. Sie wurden schweigsamer, es wurde still im Labor, vor dem Fenster zwitscherten die Vögel im kleinen Pakuranga.

Als die Mädchen Ribena das zehnte Mal testeten, waren sie sicher, dass ihr Ergebnis stimmen musste.

Sie rechneten etwas und schrieben alles mit einem Bleistift in einen Block.

Was die Mädchen da aufschrieben, schockierte sie. Nur das Zuckerwasser Pacer hatte noch weniger Vitamin C als Ribena. Aber in ihren Köpfen lief noch immer der Ribena-Spot, in dem ein Junge auf einer Welle aus Schwarzen Johannisbeeren surfte. Sie erinnerten sich daran, dass einer sagte, Ribena habe viermal mehr Vitamin C als Orangensaft.

Sie beschlossen, dem Hersteller von Ribena einen Brief zu schicken. Sie schrieben, der Spot sei missverständlich, unangebracht. Von nun an rannten sie jeden Morgen als Erstes durch ihre Vorgärten zum Briefkasten an der Straße.

Der Hersteller von Ribena heißt GlaxoSmithKline. Das britische Unternehmen beschäftigt über 100 000 Mitarbeiter in 116 Ländern; auch in Deutschland, wo es Marken wie Odol und Dr. Best betreibt. Der weltweite Umsatz lag 2006 bei 34 Milliarden Euro. GlaxoSmithKline steht an zweiter Stelle der größten Pharmafirmen hinter dem US-Konzern Pfizer.

Niemand antwortete.

Also riefen sie an. Eine Frau sagte den Mädchen, sie habe im Moment wenig Zeit.

Sie wandten sich an die Fernsehsendung »Fair Go«, eine Art Beschwerdestelle für Verbraucher. »Fair Go« berichtete über die Schülerinnen, GlaxoSmithKline reagierte und teilte mit, im Spot heiße es nur, Schwarze Johannisbeeren hätten viermal mehr Vitamin C als Orangen, ganz allgemein. Die Commerce Commission, die neuseeländische Wettbewerbsbehörde, schaltete sich nun ein und brachte den Fall vor ein Gericht.

Ein Richter in Auckland sprach das Urteil im März, drei Jahre nach dem Test im Schullabor. Die Mädchen waren nun 17, aber immer noch aufgeregt.

Sie hörten, wie der Richter über Schwarze Johannisbeeren sprach und über Orangen. Er bestätigte, dass es im Spot tatsächlich nur um das allgemeine Vitamin-C-Verhältnis der Früchte gehe. Aber trotzdem sei der Spot irreführend.

Er verurteilte GlaxoSmithKline zu einer Geldstrafe von umgerechnet 118 000 Euro. Außerdem müsse das Unternehmen eine Richtigstellung veröffentlichen, halbseitig, in vier großen Tageszeitungen.

Für ihre Arbeit bekamen die Mädchen damals die Note »excellent«. GlaxoSmithKline unterstützt weiterhin Schülerprojekte, in denen intelligente und kritische Jugendliche gefördert werden. BARBARA HARDINGHAUS

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