Der Vollzeitmann Die Totschlag-Geschichte in Maiks Ehe

Es hätte ein normal langweiliger Spieleabend werden können. Doch dann wärmt Ulrike eine alte Geschichte auf - die von Nizza, dem verpassten Flug und Maik als trunkenem Totalversager. Noch schlimmer ist nur ein Dialog, der zeigt: Die Grundidee der Ehe hat eine Schwachstelle.

Verpennt: "Wessen Schuld war es, dass wir in Nizza das Flugzeug verpasst haben?"
Corbis

Verpennt: "Wessen Schuld war es, dass wir in Nizza das Flugzeug verpasst haben?"


Maik konnte seinen Blick nicht vom Gesicht der Pfostin nehmen. Die beiden Ehepaare spielten "Siedler von Catan", eine Art frühkapitalistischer Kindergeburtstag. Trotz ihres Öko-Fimmels war die Pfostin, die eigentlich Sabine hieß, auffallend dick geschminkt, wahrscheinlich um die geplatzten Adern zu übermalen. Vielleicht war sie pillenabhängig oder Alkoholikerin oder beides.

Immer wenn sie lachte, entglitt ihr Gesicht vollends. Dann sah sie aus, als nähme sie gerade ein Zitronensaftsitzbad. Die Mundwinkel drückten sich himmelwärts, die Augen presste sie zusammen, es sah nach starken Schmerzen aus. Maik gab sich alle Mühe, sie immer wieder zum Lächeln zu bringen, nur damit er diesen Gesichtsausdruck noch einmal zu sehen bekam. Besser als Geisterbahn.

Sie waren bei einer weiteren Spielrunde. Ulrike war sauer auf ihn, denn er hatte ihren Haupttransportweg blockiert. Maik wollte Rohstoffe mit seiner Frau tauschen, eindeutig zu ihrem Vorteil, aber sie vermutete weitere Schweinereien. Maik hatte ihr schon zweimal erklärt, warum sie besser auf den Deal einsteigen sollte, den er ihr anbot. Aber sie weigerte sich aus Prinzip.

Warum musste die moderne Frau bei jeder Gelegenheit einen Machtkampf vom Zaun brechen? Maik nahm einen letzten Anlauf: "Offenbar habe ich mich eben nicht klar genug ausgedrückt", fing er an, "ich erkläre es jetzt noch mal ganz langsam." Jörg, der Pfosten, schaute interessiert. Er wusste genau: Solche Sätze leiteten garantiert eine schwerere Krise ein.

Die Nizza-Geschichte, ein echter Evergreen

Ulrike sah Maik wütend an. Sie hasste es, wenn er sie mit scheinheiliger Freundlichkeit wie eine Vollidiotin behandelte. "Ich bin nicht betrunken, falls du das meinst", sagte sie und mühte sich, ihre Zunge nicht allzu oft anstoßen zu lassen. "Nein, nein, Schatz", entgegnete Maik. "Du bist doch nicht betrunken. Nur ein wenig angeschwipst." Er wusste genau, dass sie explodieren würde.

"Ach", fauchte Ulrike, "und wessen Schuld war es, dass wir in Nizza das Flugzeug verpasst haben? Wer war da sturzbesoffen?" Na endlich, da war sie, die Nizza-Geschichte, ein echter Evergreen ihrer Ehe, den Ulrike zuverlässig in jeder unpassenden Lage brachte.

Vor zwei Jahren waren sie mit Easyjet für ein paar Euro nach Nizza geflogen. Der Hinflug am Freitagabend hatte so viel Verspätung gehabt, dass die Autovermietung schon geschlossen hatte. Das Taxi kostete ein Vermögen, dafür lag das Hotel in einem Industriegebiet. Am nächsten Morgen waren sie mit einem Stadtbus ewig unterwegs gewesen zum Flughafen, um endlich das Auto zu holen. Am Mietwagenschalter hatten sie zwei Stunden gewartet, was nicht weiter schlimm gewesen war, denn in Nizza regnete es durchgehend.

Ihr Vorhaben, am Samstagabend schick essen zu gehen, hatten sie schnell begraben. Die feinen Restaurants aus dem Reiseführer kosteten ein Vermögen. Da sie kein Französisch konnten, wären sie umgehend als Touristen identifiziert und erst recht ausgenommen worden.

Maik schlug vor, richtig guten Wein zu kaufen, feinen Käse, Baguette und ein Picknick auf einem Parkplatz mit Blick übers Meer zu machen. Es regnete natürlich. Und statt eines romantischen Abends im Sonnenuntergang saßen sie im Auto, sahen nichts außer Regen und tranken Wein, den Ulrike viel zu herb fand.

Die anderen beiden Flaschen trank Maik praktisch allein auf dem Hotelzimmer. Sie hatten eine französische Gameshow im Fernsehen gesehen, aber nicht verstanden. Ulrike war eingeschlafen. "Stell den Wecker", hatte sie noch gemurmelt. Der Rückflug war früh am Sonntagmorgen; es war der einzige nach Berlin. Maik rief bei der Rezeption an. Der Nachtportier konnte kein Englisch, Maik dafür kein Französisch. Er stellte den Handy-Wecker, jedenfalls glaubte er das. Stimmte aber nicht.

Nizza war ein Drama, das keines hätte sein müssen

Als Ulrike am nächsten Morgen aufwachte, waren es noch 20 Minuten bis zum Abflug. Sie rüttelte ihn wach. Allein die Fahrt zum Flughafen dauerte eine halbe Stunde. Ulrike drehte fast durch. Sie rief bei der Airline an und versuchte, den Flug aufzuhalten. Natürlich vergeblich. Sie rief heulend ihre Eltern an und tat so, als würden sie sich nie wieder sehen.

Maik hatte einen Brummschädel und rechnete still vor sich hin: Neue Flugtickets würden ein Vermögen verschlingen. Ob sie mit dem Mietwagen fahren konnten? Unsinn. Nizza-Berlin, das war Selbstmord. Maik schlug vor, in Nizza zu bleiben und einfach den nächsten Billigflug zu nehmen; die Kinder würden sie ebenso wenig vermissen wie die Schwiegereltern. Und das Wetter war inzwischen gut.

Aber Ulrike wollte einfach nur nach Hause. Sie schwieg ihn den ganzen Tag lang an. Maik bekam einen ersten Eindruck, wie ihre Ehe in 20 Jahren ablaufen würde. Er hatte einen unglaublichen Horror davor, so zu werden wie manche Paare im Hotel, die sich schon beim Frühstück nichts zu sagen hatten und gelangweilt bis genervt überall hinschauten, nur nicht auf den Menschen auf der anderen Seite des Tisches, mit dem sie schon ein halbes Leben zubrachten. Beide hatten sich über die Zeit hineingesteigert in ihre Agonie, so wie Ulrike in Nizza.

Nizza war ein Drama, das keines hätte sein müssen. Aber sie wollte es so. Und er trug die Schuld, für den Rest seines Lebens.

"Kannst'e mal sehen"

"Nizza" - das war Ulrikes Codewort, wann immer sie Maik als trunkenen Totalversager hinstellen wollte. Die Pfosten hörten interessiert zu. Sie kannten die Nizza-Story natürlich schon lange. Aber sie wollten wissen, wann, wo und wie oft Ulrike diese Totschlag-Geschichte einsetzte. Der Pfosten goss seiner Frau einen Schluck alkoholfreies Bier nach, um die Situation zu entspannen.

"Du bist so gut zu mir", sagte sie.
"So bin ich", sagte er.
"Ist mir noch gar nicht aufgefallen", sagte sie schnippisch.
"So gut kennst du mich also", sagte er. "Kannst'e mal sehen", sagte sie.

"Kannst'e mal sehen" - wie dämlich klang das, und zwar schon seit dem Kartoffelkrieg. Maik kotzte innerlich. Diesen Dialog hatte er schon häufiger gehört als die Nizza-Story.

Wie würden diese beiden Menschen erst miteinander umgehen, wenn sie alt und krank waren? Warum konnte die Pfostin nicht einfach damenhaft die Klappe halten? Weil die moderne Frau sich als Selbstbewusstseinsmaschine verstand, die immer "Macho" dachte und glaubte, sich behaupten zu müssen. Sie waren keine Damen, sondern Soldatinnen, jede Sekunde ihres Lebens im Krieg für eine Emanzipation, die längst Tatsache war. Dabei waren leider einige schöne Spielarten des Miteinanders verloren gegangen: der Flirt, das Anmachspiel, werben, erröten, erregen.

Die Grundidee der Ehe war im Prinzip ja gar nicht schlecht. Sie hatte nur eine Schwachstelle - das Lebenslängliche.


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