Der Vollzeitmann Maik und die Muttiplikation

Außen locker, innen verkrampft: Einstmals stolze, selbstbewusste und attraktive Frauen verwandeln sich mit der Entbindung in Monstren, meint Familienvater Maik. Er nennt das Phänomen, das sich in seinem Fußballverein zeigt, schlicht "Muttiplikation".

Jungs beim Fußball: Jede Mutter musste für den Trainer eine Drohung sein
Corbis

Jungs beim Fußball: Jede Mutter musste für den Trainer eine Drohung sein


Maik trödelte auf dem Weg nach Reihenhausen. Er wollte weder Heinz noch Leni eine Sekunde zu früh begegnen. Nur weil die beiden die Immobilie mitfinanziert hatten, dachten sie, sie könnten auch gleich darin wohnen. Maik hasste seine Schwiegereltern auf eine herrlich unkomplizierte Weise: Sie waren einfach rundum scheiße.

Wie hatte er jemals auch nur eine Sekunde lang finden können, dass Ulrike und ihre Eltern eine mustergültige Familie wären? Wahrscheinlich nur, weil seine eigene Sippe sich auf ewig zerstritten hatte. Maik wollte heile Welt sehen damals. Dabei war das Grauen nur anders lackiert. Er wusste genau, wie es enden würde, wenn er sein eigenes Haus beträte.

Nach spätestens drei Minuten würde seine Schwiegermutter fragen: "Was hat er denn schon wieder?", so laut, dass er, die Kinder, Heinz, alle hörten, was sie von ihm hielt: "er" - der Ossi, klar - "schon wieder" - meckert ja eh nur. Das war kein Mobbing mehr, sondern offener Terror. Und Ulrike würde nur entgegnen: "Ach, Mama ..." Sagenhaft, so viel Verteidigungsmut. Anstatt die alte Hexe in ihren albernen Matrosenklamotten ein für allemal zum Teufel zu jagen.

"Schick Henry bitte raus"

Er schrieb Ulrike eine SMS: "Bin spät dran: Schick Henry bitte raus." Als er in die Straße bog, die ihm wie ein Querweg auf dem Friedhof erschien, sah er den weißen Mercedes von Heinz. Immerhin wienerte er nicht daran herum. Henry kam gerade aus der Tür. Sein Sohn mochte es, mit dem schweren Auto zum Fußball gebracht zu werden. Er sprang lässig auf den Beifahrersitz und ignorierte den Gurt. "Anschnallen ist für West-Berliner", sagte Maik. Sein Sohn dachte genauso.

"Wie war die Schule?", fragte Maik. "Okay", sagte Henry.

"Viel Hausaufgaben?" Henry schüttelte den Kopf.

"Spielst du am Wochenende?" "Keine Ahnung." "Soll ich bleiben?" "Die anderen Eltern sind bestimmt alle da."

Henry wusste, dass sein Vater keine Lust hatte, eine Stunde lang auf der kleinen Steintribüne am Trainingsplatz auszuharren zwischen besorgten Fußball-Muttis in Goretex-Jacken mit Wolfspfote, die Trinkflaschen und Tupper-Dosen mit matschigen Karottensticks bereithielten, falls der adipöse Sohn wegen Unterzuckerung kollabieren sollte.

Zunge wie Löschpapier

Früher hatten Maik und seine Freunde ganze Nachmittage auf dem Fußballplatz gebolzt, bis die Zunge wie Löschpapier am Gaumen klebte. Die Mütter hatten weder Zeit noch Lust zur Betreuung und motzten allenfalls abends über schmutzige Hosen und abgewetzte Schuhe.

Die Frauen hier waren völlig anders, jede Sekunde krankhaft bemüht, den Kindern die bestmöglichen Start-Chancen im Kampf gegen Milliarden Chinesen und Computer-Inder zu verschaffen.

Im Fußballclub von Reihenhausen konnte man den Prozess der Muttiplikation prototypisch beobachten. Einstmals stolze, halbwegs selbstbewusste und bisweilen sogar einigermaßen attraktive Frauen verwandelten sich im Moment der Entbindung in Monstren, die mit finsterem Blick jede Regung ihres Kindes beobachteten, alle möglichen Indizien für Hochbegabung aufsaugten, viel lieber aber jegliche Verdachtsmomente für eine möglichst individuelle Krankheit.

Heerscharen von Therapeuten siedelten rings um Reihenhausen, alle mit dem einen Ziel, gelangweilten Müttern die überreichliche Zeit mit Scheinproblemen zu vertreiben. Ein Vorschulkind ohne Therapie bewies doch nur eines: dass sich die Eltern nicht genug um den Nachwuchs kümmerten.

Das Dutzend Muttiziplierer

Maik grüßte das gute Dutzend Muttiplizierter sehr knapp - nur keinen Vorwand für ein Gespräch liefern. Aber an einen Plausch war ohnehin nicht zu denken: Die Mütter gingen davon aus, dass der Trainer genau registrierte, welche Eltern der Übungseinheit aufmerksam folgten. Sie folgten dem Training mit maximaler Konzentration. So stiegen die Chancen, dass der Sohn am Wochenende für das Punktspiel in die Startelf berufen würde.

Jede Mutter auf der Tribüne musste für den Trainer eine Drohung sein: "Wehe, Sie stellen meinen Jungen nicht auf - dann drücke ich Ihnen aber ein Fachgespräch über herausragende Trainingsleistungen aufs Ohr. Ich habe alles genau verfolgt." Eines Tages würde das Training von den Eltern mit der Videokamera aufgezeichnet, als Beweis für Einsatz.

Am schlimmsten war das Modell Pippi Langstrumpf - außen locker, innen total verkrampft: Mit Mitte 40 entbunden, zum 50. Geburtstag die Haare rot gefärbt und Zöpfe gemacht, Rock aus einer norwegischen Internet-Boutique, der aussah wie aus alten Boxershorts zusammengenäht, dazu Botox, LowCarb und eine Handvoll Tavor für den Tag. Und immer gut drauf. Diese Frauen hier waren alles, nur nicht normal.

Maik winkte Henry zu. Der Junge war weder talentiert noch begeistert. Er dachte wahrscheinlich, er würde seinem Vater eine Freude machen, wenn er einmal die Woche über den Fußballplatz hoppelte. Und Ulrike natürlich: Mit einer Stimme wie aus der Milchschnitten-Reklame umarmte sie Maik und Henry regelmäßig nach dem Training und schluchzte: "meine beiden starken Männer".

Muttifizierte Frauen erlebten einen Höhepunkt nur noch dann, wenn Vater und Sohn dreckig und stinkend nach Hause kamen.


Lesen Sie auf SPIEGEL ONLINE: Mehr aus dem Leben von Attila, Jochen, Lars, Martin und Maik - alles aus "Der Vollzeitmann" von Achim Achilles.

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insgesamt 42 Beiträge
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Seite 1
Der_Franke 15.10.2009
1. Köstlich
Zitat von sysopAußen locker, innen verkrampft: Einstmals stolze, selbstbewusste und attraktive Frauen verwandeln sich mit der Entbindung in Monstren, meint Familienvater Maik. Er nennt das Phänomen, das sich in seinem Fußballverein zeigt, schlicht "Muttiplikation". http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,655447,00.html
Ich habe mich beim Lesen dieses Artikels köstlich amüsiert
ischrock 15.10.2009
2. Jaja
Zitat von sysopAußen locker, innen verkrampft: Einstmals stolze, selbstbewusste und attraktive Frauen verwandeln sich mit der Entbindung in Monstren, meint Familienvater Maik. Er nennt das Phänomen, das sich in seinem Fußballverein zeigt, schlicht "Muttiplikation". http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,655447,00.html
So ist bundesdeutsche Wirklichkeit ;-) Zumindest bei den Nicht-HartzIV-lern. Frau von der Leyen im engen Verbund mit den Grünen haben dieses Land verspießert. Da kommt nicht mehr viel ...
peteralberts, 15.10.2009
3. Einen noch älteren Hut ...
... hätten Sie aber auch nicht finden können, oder? Mario Barth Niveau.
ischrock 15.10.2009
4. Echt?
Zitat von peteralberts... hätten Sie aber auch nicht finden können, oder? Mario Barth Niveau.
Bim oberflächlichen Lesen könnte man das annehmen ... Der Erfolg von Mario Barth ist mir rätselhaft. Aber er füllt Stadien und die Meute jubelt. Nee, da ist noch ein Qualitätsunterschied.
Kaninc 15.10.2009
5. Aha.
Wenn ich sowas lese wird mir klar, warum sich immer mehr Frauen gegen Kinder entscheiden..Uäh. Da fetz ich lieber witerhin selbst auf dem Fußballplatz rum, anstatt überall nur noch als gestörtes Muttertier hingestellt zu werden.
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