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Deutsche in US-Lagern Wunden in der Seele

Die USA steckten während des Zweiten Weltkriegs Tausende Zivilisten in Lager – wegen ihrer deutschen Herkunft. Jetzt verlangen die Deutschamerikaner eine Entschuldigung.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Deutschen haben Narben in seiner Hand hinterlassen, zwei weiße Striche in der Runzelhaut des 84-Jährigen. Max Ebel zeigt sie, wenn er beweisen will, dass ihn die Hitlerjugend einst mit Messern traktierte. Vor solchen Attacken ist er 1937 in die USA geflohen.

Die Amerikaner aber schlugen Wunden in seine Seele. Den jungen Mann, der Nazi-Deutschland entkommen war, steckte das FBI fünf Jahre später in ein Lager. Aus nur einem Grund, wie Ebel bis heute glaubt: weil er Deutscher war. "Ich habe Deutschland wegen der Nazis verlassen", sagt Ebel, "dann kam ich hierher und war ein Nazi."

Jahrzehnte hat Ebel in den Vereinigten Staaten gelebt - und geschwiegen. Erst seit kurzem erzählen er und andere Deutschamerikaner, wie sie, brave Bürger in den USA und seit Jahren im Land, in der Weltkriegszeit plötzlich unter Generalverdacht gestellt und von der Straße weg verhaftet worden seien.

Es ist ein Teil der Kriegsgeschichte, der noch im Dunkeln liegt. Nun könnte Washington für Aufklärung sorgen. 17 Mitglieder des Kongresses, darunter die Ex-Präsidentschaftsbewerber Joe Lieberman und Dennis Kucinich, unterstützen einen entsprechenden Gesetzentwurf. Der Kongress soll anerkennen, dass Tausende Deutschamerikaner "festgenommen, interniert oder sonstwie festgehalten" wurden - manche noch Monate nach Kriegsende.

Von 11.000 Opfern sprach US-Senator Russell Feingold, als er "dieses tragische Kapitel in der Geschichte unserer Nation" im Kapitol referierte. Seiner Forderung nach einer Untersuchungskommission hat sich die Menschenrechtsorganisation American Civil Liberties Union auch aus aktuellem Grund angeschlossen: "Zu einer Zeit, in der Kongress und Regierung unter Berufung auf einen Kampf gegen Terrorismus die bürgerlichen Freiheiten auf vielerlei Weise eingeschränkt haben, ist eine nüchterne Analyse sehr wichtig."

Parallelen von gestern und heute drängen sich auf: Der 11. September 2001 war damals der 7. Dezember 1941, statt des World Trade Center wurde der Hafen von Pearl Harbor angegriffen - und Guantanamo hieß Ellis Island. Panik und Paranoia trieben FBI-Chef Edgar Hoover damals zur Jagd auf Amerikaner japanischer Herkunft, aber auch auf Einwanderer aus Deutschland. Und Max Ebel landete plötzlich auf jener kleinen Insel vor New York. Hier hatte der Einwanderer schon auf seinen Einlass in die Neue Welt gewartet - diesmal aber war er Gefangener. Später schickte man ihn in andere Lager.

Dass der 84-Jährige doch noch erfahren könnte, was ihn vom hoffnungsvollen Immigranten zum rechtlosen Inhaftierten machte, hat er seiner Tochter zu verdanken. Rechtsanwältin Karen Ebel leistete die Lobby-Arbeit für den Gesetzentwurf: "Wir haben uns an der Aufarbeitung der Geschichte der Japaner orientiert." Nach langem Schweigen lernen US-Schulkinder heute, dass ihr Land im Weltkrieg über 100.000 Menschen japanischer Abstammung umsiedelte und einsperrte. Der Kongress hatte 1980 eine Untersuchung beschlossen; es folgten Entschuldigungen und Entschädigungen.

Mit den Deutschamerikanern aber hat sich selbst die Wissenschaft kaum beschäftigt. Nur Arnold Krammer von der texanischen A&M University hat das Schicksal der "Feinde ohne Uniform" untersucht, die in wohl 46 Lagern festgehalten wurden. Schon zu Friedenszeiten habe das FBI die Fremden im Land heimlich registriert. Die Verhaftungswellen auf fragwürdiger Rechtsgrundlage, so der Professor, galten zunächst denjenigen, die als politisch gefährlich eingestuft worden waren, anschließend seien sie "eher unsystematisch" erfolgt.

Krammer bestreitet nicht, dass manche Gefangene tatsächlich eine Gefahr bedeuteten, nach seiner Schätzung nur "vielleicht 20 Prozent". Doch die Faktenlage ist dürftig - solange der Kongress nicht tätig wird, bleiben Zweifel über die Zahl der Gefangenen, deren Nähe zum Nationalsozialismus und die von ihnen ausgehende Staatsgefahr. "Es wird einige gegeben haben, die vom bösen Nachbarn denunziert worden sind", sagt Professor Jörg Nagler aus Jena, "aber nicht wenige waren wohl doch stark ins Nazitum involviert."

Als unschuldiges Opfer fühlt sich etwa Herbert Benn, der heute in München lebt. Seine Kindheit verbrachte er in New York. Der Vater Arthur war in den zwanziger Jahren eingewandert und hatte ein Restaurant eröffnet. Das musste bald schließen, weil der Vater verhaftet wurde, die Gäste wegblieben und die Mutter die Miete nicht zahlen konnte.

So erzählt es Herbert Benn und beteuert, dass sein Vater niemals deutschen Schiffen heimlich Signale gesendet habe, wie ihm das FBI vorwarf. Andererseits sei der Vater durchaus "national gesinnt" gewesen, auch er selbst sei im Lager der so genannten Hitler-Jugendschaft beigetreten. "Da sind wir marschiert", sagt Benn, "aber weit sind wir nicht gekommen, das Lager war ja nicht so groß."

Der Kongress wird daher trennen müssen zwischen gefährlicher Hitler- und schlichter Heimatverbundenheit - zwischen dem also, der seine rechte Hand zum Führergruß hob, und dem, dessen rechte Hand noch heute zwei Narben zeichnen. "Ich habe so lange gewartet", sagt Max Ebel, "jetzt hoffe ich sehr auf eine Entschuldigung der Regierung."