Zur Ausgabe
Artikel 57 / 120
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

SOZIOLOGIE Deutsche Maulhelden

aus DER SPIEGEL 8/1997

Der Soziologe und 68er Wolfgang Pohrt, 51, über Bandenbildung und Politik. Im März erscheint sein Buch »Brothers in Crime. Über die Herkunft von Gruppen, Cliquen, Banden, Rackets und Gangs«.

SPIEGEL: Was treibt die Gesellschaft in die Cliquenbildung?

POHRT: »Allein machen sie dich ein«, hieß ein blöder Spruch. Im Spätkapitalismus besteht keiner, der nicht Beziehungen hat.

SPIEGEL: Letzte Woche schockierte die Öffentlichkeit der Selbstmord eines Schülers, der von einer Bande Gleichaltriger in den Tod getrieben wurde. Ist das die Zukunft?

POHRT: Sicher nicht. Aber eine Bande bleibt nicht lange allein. Und jeder muß dann, zum eigenen Schutz, Mitglied einer der rivalisierenden Banden sein.

SPIEGEL: Obwohl Hans Magnus Enzensberger 1993 vom »molekularen Bürgerkrieg« schrieb, gehörte das Lamento über Korruption und fehlende innere Sicherheit bisher nicht zu den Hauptbeschäftigungen der Altlinken.

POHRT: Das ist nicht mein Problem. Die Altlinken sind immer die anderen, und zum Lamentieren gibt es keinen Grund. Bislang hatten wir die organisierte Ungerechtigkeit. Die löst sich auf, und das ist für die Privilegierten bitter. Aber wenn die Ungerechtigkeit ihnen nicht mehr nützt, verlieren sie vielleicht das Interesse an ihr.

SPIEGEL: Auch die Politik wird Ihrer Meinung nach von gangsterähnlichen Banden betrieben, wie man am Beispiel Tschetscheniens sehen könne.

POHRT: Bandenähnliche Gruppierungen in Kriegsgebieten sind nicht neu. Neu ist, daß Staatsmänner sich wie Kumpane verhalten. Grosny wird plattgebombt, und Helmut Kohl sagt, er dürfe seinen Kumpel Boris jetzt nicht »im Regen stehen lassen«.

SPIEGEL: Vom amerikanischen Großstadtghetto über Hoyerswerda bis zu Ex-Jugoslawien sehen Sie Bandenkriege. Dort sei das Kämpfen »der Hauptspaß«, schreiben Sie reichlich zynisch.

POHRT: Zynismus ist die Kombination von Lebenserfahrung und Klugheit. In der deutschen Politik wird doch auch andauernd »gekämpft«, für den Standort oder gegen den Sozialabbau, allerdings nur mit dem Mund. Manchmal denke ich, daß die Maulhelden auf die Bürgerkriegsbanden neidisch sind. Die machen richtige Offensiven, während man hier nur von »Beschäftigungsoffensiven« schwätzt.

Zur Ausgabe
Artikel 57 / 120
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel