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23. August 2008, 14:47 Uhr

Deutsche Politiker bei Olympia

Schaulaufen der Schönredner

Von , Peking

Sie kommen, um Siege zu sehen: Während der Spiele flogen deutsche Politiker auf Steuerzahlerkosten nach Peking. Doch die wenigsten Gäste versuchten sich an einer kritischen Sichtweise - lieber wird Chinas Entwicklung gepriesen.

Wo das olympische Feuer lodert, sind Politiker nicht weit. Zu den Wettkämpfen in Peking reiste zum Beispiel Verteidigungsminister Franz Josef Jung an. Der wollte sich davon überzeugen, dass die Soldatinnen und Soldaten aus der Sportkompanie in Peking ordentliche Leistungen zeigen.

Auch der Sportausschuss des Bundestages fand sich ein. Er lud Journalisten zum Pressegespräch in die Deutsche Botschaft. Seine Mitglieder waren noch nicht lange da und hatten auch nicht viel mitzuteilen.

Es ging um die Rolle des IOC. Um Doping. Und um die Frage, ob es richtig war, die Spiele nach China zu vergeben.

Der Grüne Winfried Hermann trug ein Bändchen ums Handgelenk, darauf stand: "Sports for Human Rights". Er war der Einzige.

Am Anfang redeten nur er und die sportpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Dagmar Freitag. Ihre Kollegen kamen zu spät, entschuldigten sich: "Wir wollten noch das Hockeyspiel zu Ende sehen." Zu verdenken ist ihnen das nicht. Schließlich ist man weit gereist, um so einen Wettbewerb live erleben zu können.

Bei solchen Pressetreffen fragen dann die Journalisten, ob auch die Menschenrechte auf der Tagesordnung der Politikergespräche stehen. Während der Olympischen Spiele ist das besonders interessant, denn China hatte mehr Offenheit versprochen - und das Versprechen nicht eingelöst.

"Das Land hat Fortschritte gemacht"

Oft werden solche Treffen für Korrespondenten ärgerlich, denn manche Gäste aus Deutschland erklären ihnen gerne das Riesenreich China, obwohl sie erst einige Stunden im Land sind.

Nicht selten schwingt dabei der Vorwurf mit, die Journalisten schrieben zu negativ über das Reich der Mitte. So schlimm sei die Lage ja auch wieder nicht, heißt es dann, man solle sich doch umschauen: Das Land habe eindeutig Fortschritte gemacht.

Einer aus dem Sportausschuss versteigt sich in einem Hintergrundgespräch, aus denen die Journalisten nicht namentlich zitieren sollen, zu gewagten Vergleichen. Auch in Deutschland würden vor Fußballspielen Menschen festgesetzt. Und was da in Italien unter Berlusconi los sei - habe das etwas mit einem Rechtsstaat zu tun?

Wenige Tage später kommt Klaus Wowereit nach Peking. Die Olympia-Metropole ist Partnerstadt von Berlin. Das allein rechtfertigt schon eine Reise. Er wolle aber auch die Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Berlin im nächsten Jahr "promoten", sagt der Regierende Bürgermeister. Die Spiele seien dafür ausgezeichnete Gelegenheit.

Er habe bei hohen Funktionären auch die Frage der Menschenrechte angesprochen, berichtet Wowereit. Wie und was genau beredet worden sei, will er nicht verraten, aber um Tibet sei es unter anderem gegangen. Die Chinesen seien im Übrigen sehr besorgt "über die Reaktion des Westens" auf das Geschehen.

Auch der SPD-Mann übt sich im Weichspülen. Er sei 1984 zum ersten Mal in Peking gewesen, das sich "in kurzer Zeit rasant verändert hat". Man müsse ja vielleicht auch mal die Dinge "aus der chinesischen Sichtweise sehen", philosophiert Wowereit.

Jedenfalls gelte es, das Thema der Menschenrechte in China so "zu kommunizieren, dass nicht die Rollläden heruntergelassen werden". Er jedenfalls gehöre nicht zu den "Illusionisten, die glauben, dass sich die chinesische Seite sofort verändert". Gerhard Schröder habe da als Bundeskanzler auf diesem Gebiet "hervorragende Arbeit geleistet".

Genosse Schröder, der "große Freund Chinas"

Die Wahrheit ist: Der Genosse Schröder fand in seiner Amtszeit das Thema ziemlich lästig und ist mittlerweile zum "großen Freund Chinas" befördert worden. Bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele saß er auf der Ehrentribüne und wurde danach von Premierminister Wen Jiabao empfangen.

Wolfgang Schäuble ist ebenfalls eingetroffen. Für den Innenminister ist der Besuch der Spiele Pflicht, denn er ist für den Sport zuständig. Die deutschen Funktionäre werden ihn wohl um mehr Geld angehen, denn so doll war die Bilanz der deutschen Leistungssportler in Peking nicht.

Auch Schäuble verspätet sich - das Hockeyspiel der deutschen Damen gegen China, sie haben es leider verloren. Er hoffe, sagt er, "dass diese Olympischen Spiele den Prozess der Öffnung, der in China unübersehbar ist, eher befördert als behindert".

Schäuble holt aus: Er erinnere sich an die "bedrückende Atmosphäre, die in den totalitären Staaten Europas herrschte". Wenn man zu DDR-Zeiten auf dem Rennsteig im Thüringischen spazieren ging, dann "haben die einem nicht in die Augen geguckt". Das sei mit China "nicht im Ansatz vergleichbar". In Peking fühle man sich nicht gegängelt, hier herrsche "eine Atmosphäre der Freundlichkeit". Man müsse, findet Schäuble schließlich, auch "Respekt vor den Leistungen und der Größe der Probleme haben".

Da hat er Recht. Es wäre unsinnig, das heutige China mit der DDR gleichzustellen. Ganz sicher ist die Situation in der heutigen Volksrepublik auch anders in China vor 20 Jahren.

Allerdings: Es schließt sich nicht aus, Respekt vor Leistung zu zeigen und dort, wo es nötig ist, nachzufragen, zu kritisieren, gegebenenfalls anzuprangern. Da unterscheidet sich China nicht von anderen Ländern. "Der Sport kann die Probleme nicht lösen. Der Sport macht aber die Welt ein bisschen besser", sagt Schäuble.

Immerhin.

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