Deutsche Seelsorgerin in Thailand Die Toten vom Tempel des Grauens

Es ist ein Job, bei dem selbst eine Seelsorgerin an ihre Grenzen stößt: den Betroffenen der Tsunami-Katastrophe Trost spenden, den Familien der Toten und den Beamten, die die Leichen identifizieren.

Aus Phuket berichtet


Phuket - Kein Mensch kann alles aushalten. Selbst wenn man dafür ausgebildet und einiges gewöhnt ist. Selbst wenn man extra geübt hat. Beate Rindfleisch hat versucht, die eigenen Tränen zurückzuhalten. Aber es hat nicht geklappt. Die private Trauerfeier für ein zwölfjähriges Mädchen, bei der sie auf Bitte der Eltern einen Abschiedsbrief vorlesen sollte, war zu viel. Es war einer der wenigen Momente, in denen der Seelsorgerin die professionelle Distanz abhanden gekommen ist. In denen sie der Schrecken und die Trauer überwältigt haben, mit denen sie jeden Tag konfrontiert ist.

Seelsorgerin Rindfleisch: "Hier verdichtet sich das Leben"
Susanne Amann

Seelsorgerin Rindfleisch: "Hier verdichtet sich das Leben"

Beate Rindfleisch ist Seelsorgerin im Auftrag von Caritas International. Sie betreut seit fast einem Jahr in Thailand die Angehörigen von deutschen Tsunami-Opfern, tröstet, organisiert Beerdigungen, Einäscherungen und Überführungen, ist Ansprechpartnerin für die Familien. 

Sie ist für die Beamten des Bundeskriminalamtes da: Identifizierungskommission - kurz IDKO genannt - heißt die Gruppe aus BKA-Beamten, Rechtsmedizinern, Zahnärzten und Obduktionsassistenten, die im Auftrag der Bundesregierung die Leichen untersuchen, numerieren, katalogisieren und mit Hilfe von DNA-Analysen identifizieren. Alles, um den Toten ihren Namen und damit ihre Identität zurück zu geben. Um den Angehörigen Gewissheit zu geben, dass der Partner, die Kinder, Eltern oder Großeltern tatsächlich nicht mehr zurückkommen werden. "Das hilft beim Trauern", sagt Beate Rindfleisch.

"Wissen Sie, wie Tote riechen?" 

Lachend steht die resolute, blonde Frau vor einem kleinen Tempel der ehemaligen Tempelanlage Wat Chai nördlich von Phuket, der Touristenhochburg im Süden Thailands. "Tempel des Grauens" wurde der Ort von Einheimischen genannt. Denn hier lagen zeitweise Hunderte von Leichen, bei strahlend blauem Himmel und bei über 35 Grad. "Wissen Sie, wie Leichen riechen? Wenn Sie das einmal gerochen haben, vergessen Sie das nie wieder." Der stechend süßlich Geruch lag für Wochen über dem Gelände, auch als die Kühlcontainer längst aufgestellt waren.

"Die Leichen hier haben keinerlei Ähnlichkeit mehr mit den Menschen, die sie mal waren. Dafür sind sie zu sehr verwest, das Wasser und die Hitze haben ganze Arbeit geleistet", erzählt Rindfleisch. Und dass es schwierig sei, aus solchen Körpern Knochenteile herauszusägen, Fingerabdrücke zu nehmen oder Röntgenbilder zu machen. Dafür braucht es ein hohes Maß an Distanz, an Abstrahierungsvermögen. Das funktioniert nur, so lange keine  Angehörigen daneben stehen, die ihre Toten suchen. Dann nämlich verlieren auch die BKA-Beamten die Distanz, die Toten kriegen ein Gesicht, haben eine persönliche Geschichte. Genau das muss Beate Rindfleisch verhindern, sie ist der Puffer.

Die Seelsorgerin war vor ihrem Einsatz noch nie in Thailand. Eigentlich sollte sie nur kurzfristig helfen, als Mitglied des Kriseninterventionsteams der Stadt Hannover. Zwei Tage nach dem Beben am 26. Dezember 2004 war sie vor Ort, hat Verletzte und schockierte Angehörige betreut. Als aber das Ausmaß der Katastrophe absehbar wurde, hat sie begriffen, dass die Arbeit nicht nach ein, zwei Wochen beendet ist. Aus der kurzfristigen Hilfe wurde ein eigenes Projekt: Zum sechsten Mal ist Rindfleisch nun für einige Wochen in Thailand.

Das Pendeln zwischen zwei Welten fällt schwer 

Eigentlich arbeitet die studierte Theologin und Sozialarbeiterin in einem Kinderkrankenhaus in Hannover. Jetzt pendelt sie zwischen zwei Welten - was ihr immer schwerer fällt. "Wenn man das hier gesehen und erlebt hat, dann fehlen einem manchmal die Geduld und das Verständnis für die Sorgen und Ängste zu Hause. Aber ich bemühe mich, alles ernst zu nehmen." Die Schlafstörungen von Kleinkindern und die Sorge der Eltern stehen plötzlich gegen die Toten in Thailand. Und trotzdem ist die Arbeit das, was sie will: "In dieser Extremsituation verdichtet sich das Leben", sagt Rindfleisch. "Wenn ich hier nicht helfen kann, wo dann?"

Morgens und abends sitzt sie mit den IDKO-Leuten beim Essen zusammen, die Arbeitszeiten sind ungewöhnlich und manchmal wird es lang. "Mancher braucht eben erst drei Bier, bevor er erzählt, wie es ihm geht." Jeder hier hat die Momente, in denen nichts mehr geht, in denen die Distanz ganz schnell zusammenbricht. Oft sind es nur kleine Begebenheiten, die wichtig werden: Einer hatte Schwierigkeiten, einen bestimmten Leichensack aus dem Kühlcontainer zu ziehen. Ihm blieb nichts anderes übrig, als auf eine andere Leiche zu steigen. "Der sagte zu mir: Ich habe genau gespürt, dass ich jetzt auf dem Brustkorb stehe, dann auf dem Gesicht. Das hat ihn völlig fertig gemacht", erzählt die Seelsorgerin. 

Dazu kommen Organisationsfragen, Spannungen im Team und mit der Familie zu Hause. "Partnerschaftsprobleme sind in solchen Zeiten eigentlich der Klassiker", sagt Rindfleisch. "Entfremdung und Unverständnis auf beiden Seiten, aber auch sehr intensive Gespräche und Nähe - es gibt beides." In den ersten Wochen waren die IDKO-Beamten - drei Viertel von ihnen sind Männer - vor allem damit beschäftigt, das zu verarbeiten, was sie jeden Tag gesehen haben: Hunderte von Leichen, viele von ihnen Kinder.

Auch die Seelsorgerin ist in diesem Jahr an ihr Limit gestoßen, hat gemerkt, dass es eine Grenze gibt für Mitleid, für Leidensfähigkeit und für das Maß an Grauen, das ein Mensch aushalten kann. Der März sei schlimm gewesen, erzählt sie. "Wir haben rund um die Uhr Tote eingeäschert, jeden Tag habe ich Angehörige betreut und die Kollegen aus dem IDKO-Team, die ohne Unterlass weitere Leichen identifiziert haben." Es war die schiere Menge der Toten, die unfassbar war.

Der Mönch leistet Beistand

Sie war das Ventil für alle - und brauchte irgendwann selbst eines. "Ich habe damals viel geheult. Es musste raus, ich hatte das Gefühl, dass es zu viel Unglück auf einmal war." Die Erschöpfung hat sie verdrängt, sie hat sich erst viel später gezeigt, als sie wieder in Deutschland war.

Jeder hat sein eigenes Ritual, mit dem er sich gegen das wappnet, was rational nicht mehr zu fassen ist. Die Beamten des IDKO-Teams gehen, so erzählt Rindfleisch, vor jedem Einsatz zu einem buddhistischen Mönch, der am Rande ihrer Basis heimisch geworden ist. "Der spricht ein Gebet, segnet sie und gibt ihnen ein Amulett sowie ein Armband", erzählt sie. "Das ist den IDKO-Leuten extrem wichtig."

Manche Situation wirkt im Nachhinein geradezu grotesk. Etwa, als die buddhistischen Mönche beschlossen hatten, die Särge nicht mit zu verbrennen, weil man sie den nächsten Angehörigen dann verkaufen könnte. "Vor deren Augen haben sie die Leichensäcke aus dem Sarg gehievt und einfach so in das Krematorium geschoben", erzählt Rindfleisch. Die Angehörigen waren entsetzt, und die Deutsche hat dafür gesorgt, dass das nicht noch einmal passiert.

Der Einsatz des IDKO-Teams in Thailand geht vorläufig bis März 2006. Inzwischen sind zwar die meisten deutschen Opfer identifiziert, aber noch immer gibt es allein in Thailand tausend Leichen ohne Namen. Beate Rindfleischs Auftrag läuft am Jahresende aus. Dann muss sie zurück in ihr altes Leben, muss sich wieder den kleinen Problemen des Alltags widmen. Ob sie das kann - da ist sie sich nicht sicher.



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