Dichter-Diät Nie wieder Pausbacken!

Gut zu essen und gleichzeitig Kilos zu verlieren, muss kein Widerspruch sein. Aber der Spaß hat seinen Preis - und mit einer schnellen Diät ist auf Dauer nichts gewonnen. Es geht um Konsequenz, wie schon Rilke wusste.

Sie wollen abnehmen? Dann sollten Sie bei Angeboten wie "Top-Diät - Traumfigur in drei Wochen!" sehr skeptisch reagieren. Natürlich hat Abnehmen etwas mit richtiger Ernährung zu tun, aber richtige Ernährung nur auf Zeit - und das bedeutet Diät für die meisten Menschen - bringt so gut wie nichts.

Marmorstatue des antiken Gottes Apollo: Ändern Sie Ihr Leben!

Marmorstatue des antiken Gottes Apollo: Ändern Sie Ihr Leben!

Foto: Petros Giannakouris/ ASSOCIATED PRESS

Ob eine Woche, vier Wochen, acht Wochen, das ist egal: Sie können es sich schenken. Zumindest dann, wenn Sie verlorene Kilos nie wiedersehen und auf den bekannten Jojo-Effekt gerne verzichten möchten. Denn genau das ist nicht allein eine Frage der Ernährung, sondern auch eine der Philosophie.

Wie man mit Denken und konsequentem Handeln vorwärtskommen kann, hat und schon 1908 Rainer Maria Rilke in seinem Sonett "Archaischer Torso Apollos" erklärt . Da erblickt jemand das Maß von Perfektion, die mit dem Betrachter etwas anstellt - eine Erfahrung, die nach Neuorientierung verlangt.

Und was Sie sich einhämmern sollten, steht in der letzten Zeile. Die ist so wichtig, dass der deutsche Chef-Philosoph Peter Sloterdijk danach sogar sein jüngstes Buch benannt hat: "Du musst dein Leben ändern!"

Eine sehr aktuelle Vorgabe, denn mehr Veränderung als derzeit war selten. Nichts stärkt Selbstbewusstsein und Wohlbefinden mehr, als Veränderungen selbst zu gestalten. Äußerlichkeiten sind dabei wichtig, die können Sie schnell und effizient beeinflussen. Das Handeln prägt den Handelnden.

Machen Sie also keine Diät, ändern Sie Ihr Leben!

Bei mir waren es satte fünfzehn Kilo, die ich loswerden wollte. Der Tipp zum richtigen Ess-Handeln kam von einer Bekannten - Stichwort "Stoffwechsel-Optimierung".

Das ist eine individuelle Sache, weshalb Sie bei allen Ernährungsfragen immer Ihren Arzt konsultieren sollten. Jeder Mensch is(s)t schließlich anders, lebt anders. Neben der Funktionsweise der Organe spielen Knochenbau, psychische Voraussetzungen und körperliche Aktivitäten wichtige Rollen. Kalorienzählen allein bringt wenig, das zeigten alle Versuche von übergewichtigen Mitmenschen, die ich jahrelang erleben durfte.

Der Duft gerösteter Sünden

Mein Schlankheits-Coach wurde ein Hamburger Heilpraktiker, der genau genommen auch nichts anderes machte als der Internist, der mich alle paar Jahre durchcheckt.

Nur blickte der Naturheiler unter dem Aspekt "Abnehmen" auf meine Daten. Er machte es ganz kurz und prägnant mit einer Mischung aus Atkins-Diät ("keine Kohlenhydrate"), Montingnac ("Essen gehen und dabei abnehmen") und der guten alten Trennkost. Alles nicht wirklich neu, nur maßgeschneidert und komprimiert: eine praktische "Weglass-Liste".

Das hieß bei mir: keine Nudeln, kein Brot, kein Reis, keine Kartoffeln. Knäckebrot und Pumpernickel sind erlaubt. Dazu möglichst kein Schweinefleisch, keine Tomaten (Nachtschattengewächse), keine Radieschen.

Tagsüber viel Wasser trinken, morgens Leinöl zum Frühstück. Und in der Startphase mindestens sechs Wochen keinen Alkohol. Das hört sich zunächst brutal an, aber es bleiben ja immer noch viele Leckereien übrig - inklusive feiner Schokolade, ab 70 Prozent Kakaoanteil, versteht sich. Und Lamm, Fisch, Eis, Gemüse, Obst, Wurst, Butter etc.

Überhaupt erwies sich diese Ernährungsumstellung als höchst alltagstauglich, weil man sich die vier Säulen, auf denen sie steht, so schnell merken kann. Abnehmen ohne viele Umstände, das ist es doch, was alle wollen - aber eben mit ärztlich fundierter Sekundanz, der einzigen Hürde, die Sie meistern müssen.

Niemals hätte ich gedacht, dass ich relativ problemlos auf Pasta und Pizza verzichten kann. Reis bedeutete nie viel auf meinem Speisezettel, und Kartoffeln aß ich ohnehin nur selten und in bestimmten Zubereitungsformen. Die allerdings sind bis heute die heftigsten Versuchungen und verursachen die häufigsten Sündenfälle: Der Duft von frischen Rösti oder Kartoffelpuffern macht mich regelmäßig schwach. Nichts ist betörender als Duft - auch, weil so viele Erinnerungen in Gerüchen mitschwingen.

Die Waage verzeiht

Pro Monat verlor ich vier bis fünf Kilo, ohne dass ich mich irgendwie anstrengen oder gar hungern musste. Bald passten mir wieder Anzug- und Hemdengrößen wie vor 20 Jahren. Im Gesicht bekam ich Falten, meine Wangen fielen ein. Nie wieder Pausbacken!

Der Haken an der Geschichte: Wenn ich dies alles bewahren wollte, musste ich diese Ernährungsweise auf immer beibehalten. Hier kam Herr Rilke ins Spiel: Leben ändern! Oder alles ist umsonst. Dass man trotzdem nicht vor der Alternative "Sekt oder Selters" steht, lernte ich auch bald.

Sünden sind nämlich erlaubt. Nicht am Anfang, nicht im ersten halben Jahr, am besten erst nach zwölf Monaten. Aber hin und wieder ein tolles Essen mit (Vollkorn-)Nudeln, eine exquisite Pizza oder hochklassiges Kartoffelpüree - warum nicht? Die Waage verzeiht's, wenn man es mit den Sünden nicht übertreibt.

Und immer daran denken: Das Leben muss sich nicht nur ändern, es muss auch auf Dauer so bleiben. Sonst könnten Sie ja gleich irgendeine Diät machen, deren Wirkung nach bekanntem Muster verpufft.

Natürlich sollte eine solche Maßnahme mit Hilfe von Sport und Bewegung optimiert werden: Ob Muskeltraining oder Jogging, Hauptsache, der Körper bekommt was zu tun. Der Geist muss freilich parallel trainiert werden: Von Rainer Maria Rilke gibt es bekanntlich noch eine ganze Reihe weiterer Texte, die sich lohnen - nicht nur Gedichte.

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