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PSYCHOLOGIE Die Angst des Stürmers vor dem Torwart

Der Hamburger Alfred Kaune, 37, über seine Arbeit als »Mental-Trainer« für Spitzensportler und Manager
aus DER SPIEGEL 15/1999

Der Hamburger Alfred Kaune, 37, über seine Arbeit als »Mental-Trainer« für Spitzensportler und Manager

SPIEGEL: Herr Kaune, was ist mit Profi-Fußballern los, wenn sie selbst in offene Scheunentore nicht mehr hineintreffen?

Kaune: Sie leiden an einer Blockade. Für den Profi-Spieler ist die kurze Spanne von zehn Jahren entscheidend für die Absicherung seines ganzen Lebens. In dieser Zeit wird von ihm pausenlos 100 Prozent Leistung gefordert. Der Druck führt zu Versagensängsten bis zu Blockaden, die man wieder abbauen muß.

SPIEGEL: Das Publikum betrachtet die horrenden Einkommen der Spitzensportler als ausreichenden Anreiz.

Kaune: Genau das funktioniert psychologisch eher umgekehrt. Zu hoher Verdienst führt leicht zu einem Null-Bock-Gefühl. Was diesen Leuten oft fehlt, ist Erfahrung beim Erreichen persönlicher Ziele. Ich helfe ihnen, sich Wünsche zu erfüllen - etwa ein Häuschen auf Mallorca.

SPIEGEL: Sie kümmern sich auch um Spieler des notleidenden FC St. Pauli. Was haben Sie den Männern zu sagen?

Kaune: Das unterscheidet sich nicht von der Arbeit mit anderen Fußballern. Ich schule Zweikampfverhalten und Motorik. Es gibt begnadete Ballakrobaten, die aus Angst zwei Meter entfernt vom Gegner stehenbleiben. Ein häufiges Phänomen ist die Torwartblockade beim Stürmer. Der dribbelt sechs Mann brillant aus, aber beim Torwart ist plötzlich alles vorbei.

SPIEGEL: Guckt der grimmig?

Kaune: Sagen wir, seine Ausstrahlung läßt die Leute mit dem Spielen aufhören. Ich zeige ihnen, daß das Spielfeld erst hinter der Torlinie zu Ende ist.

SPIEGEL: Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen Fußballprofis und Topmanagern?

Kaune: Viele. Topmanager sind oft spitze darin, große Dinge anzustoßen, aber beim Abschluß hapert es. Genauso wie beim Fußballprofi der Zweikampf, wird beim Manager der letzte Schritt zu einer Unternehmensentscheidung mit Ängsten belegt.

SPIEGEL: Wie sehen die Symptome aus?

Kaune: Unterschiedlich. Ich habe etwa einen Manager unter meinen Klienten, der beim Ferrari-Fahren eine Geschwindigkeitsphobie entwickelt hat: Der Mann fährt bloß 30 Stundenkilometer. Ich sage: Gib mehr Gas! Er behauptet, er drücke das Pedal voll durch, aber wir bewegen uns immer noch mit 30 voran. Inzwischen sind wir bei 140 angekommen, und ich werde ihn noch über 200 bringen.

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