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Artikel 36 / 66

DIE BABY-MASCHE

aus DER SPIEGEL 42/1956

Der Chef des Reklame-Konzerns, Blade Reade, und seine

Freundin Flaire Daire waren in dem prunkvollen Konferenzzimmer allein zurückgeblieben. »Ich wette, du hast die große, die ungeheure, die Idee für 1960 längst gefunden, was?« fragte Flaire.

»Natürlich habe ich sie«, antwortete Blade sanft. Er lehnte sich tief in seinen Sessel zurück und flezte seine handgesteppten Schuhe auf das kostbare Eichenholz des Tisches.

»Gratuliere.«

Blade schloß die Augen: Es schien, als spreche er zu sich selbst. Er sprach mit der sanften Stimme, auf die schon Hunderte von Kunden hereingefallen waren. Diese jungenhaft-schüchterne Stimme hatte so manchen ausgekochten Unternehmer in den angenehmen - und irrigen - Glauben gelullt, endlich mal einen Reklame-Menschen vor sich zu haben, der sich nicht für allwissend hält.

»Diese Mrs. Henry Clay Adams«, träumte Blade, »ist eine ganz ansehnliche Person. Du kennst sie ja. Wenn wir sie im Fernseh-Studio richtig zurechtmachen, wird sie schon brauchbar werden - jedenfalls soweit, daß nicht zehn Millionen Fernseher sofort ein anderes Programm einstellen. Reichlich groß und breit ist sie ja, aber sie hat ein nettes Gesicht, wie ein braver Hund. Oder?«

Flaire nickte: »Doch.«

»Viel Grips hat sie nicht, weniger als gut ist. Aber wenn sie ihren Mund hält und nur lächelt - im Fernsehen könnte sie eine Art amerikanische Muster-Durchschnitts-Frau hergeben. Das wäre noch lange nicht das Schlechteste, was ich in meinem Leben gesehen habe.«

»Hm - wohl nicht.«

Blade saß immer noch mit geschlossenen Augen. »Sie wird's schaffen! Mrs. Henry Clay Adams wird's schaffen, wenn wir sie richtig in Gang bringen.«

Flaire lehnte sich über den Tisch. »Was soll das, Blade? Wo bleibt die große Idee?«

»Nettes, offenes, freundliches Mittelwest-Gesicht. Gutes Gebiß, hübsches Haar. Kräftig, aber nicht fett - das alte Roß wird es schon schaffen, Flaire.«

»Schön - sie wird es schaffen. Was schaffen? Himmel, Darling, für einen Reklame-Manager brauchst du reichlich lange, bis du zu Stuhle kommst! Was soll sie schaffen?«

»Sei doch still - ich denke.«

»Du denkst laut, offensichtlich.«

»Das muß eine große Sache werden, Flaire! Unser Mann liegt hinten, 45:55. Das besagt zwar noch nichts - aber unsere Ware verkauft sich nicht, und das hasse Ich. Unsere Kampagne braucht einen Schlager, Flaire, einen richtigen Schlager. Und das wird Zelpha Adams sein.«

Flaire seufzte. »Du denkst laut vor dich hin. Schön, ich habe noch zwanzig Minuten Zeit. Mrs. Adams haben wir glücklich hinter uns. Früher oder später wirst du mir vielleicht erläutern, worauf du hinaus willst. Mach weiter, Darling.«

Blade lächelte, jungenhaft, mit geschlossenen Augen. »Flaire

- was sind die ältesten und sichersten Lockmittel im Reklamegeschäft? Ich werde es dir sagen. Erstens: Hunde. Ich habe mit Hunden Reklame gemacht, für alles und jedes - außer für Hundefutter. Zweitens: Sex. Was glaubst du, warum du der Star von zwei Fernseh-Programmen bist? Nicht wegen deiner Schauspielerei, mein Kind! Dein Busen macht's und irgendwas in deiner Stimme. Hunde und Sex. Die Hunde-Masche haben wir bei der 52er-Wahl zu Tode geritten, die Sex-Masche haben 1956 beide Parteien für sich eingespannt - und was ist die dritte Masche?«

»Nun sag's schon.«

»Der dritte Schlager sind Babies. Du weißt es. Icb weiß es. Jeder weiß es. Babies kommen gleich nach Hunden und Sex. Wenn du Insektengift verkaufen willst, mußt du ein dickes, süßes Baby zeigen, das von einer fetten, schmutzigen Bazillen -Fliege fast aufgefressen wird! Autoreifen? Ein Baby im Auto: Babys Sicherheit hängt von den Reifen ab. Lebensversicherung? Ein Baby blickt mit großen, feuchten Augen auf den Papa, als ob es fragt: ,Und was wird aus mir? Hast du für mich vorgesorgt?' Seife, Corn-Flakes, Luftreisen, Toilettenpapier? Immer Babies. Todsicher; kann gar nicht schiefgehen. Das Baby ist der Reklametrick Nummer drei.«

Flaire zündete sich eine Zigarette an. Sie blickte nachdenklich auf seine maßgearbeiteten Schuhe, die lässig auf der mattpolierten Eichenplatte lagen. »Schön, das Baby als Reklamedreh akzeptiere ich. Aber was im Himmel hat ein Baby mit der Wahlkampagne zu tun?«

Blade winkte ab. »Bitte. Ich denke nach! Du kennst die Erfolgszahlen des Fernsehens nicht so gut wie ich. Ich hab' sie Jahr für Jahr in meinem Kopf aufgestapelt. Du weißt nicht mehr, was 1954 los war: Damals bekam der Star von irgendeiner billigen Fernsehkomödie praktisch mitten in der Show ein verdammtes Baby. Weißt du, was passierte? Die Zuschauer-Zahlen dieser Show schossen in die Höhe wie wild.«

»Na, und? Was besagt das?«

»Mein Gott, das beweist ein für allemal, daß der Baby -Trick nicht von einem richtigen, lebendigen, gebadeten und gewickelten Kind abhängt. Du kannst beim Käufer genau dieselbe Reaktion erzielen mit nichts als einer schwangeren Frau! Mit anderen Worten, mein Herzchen, das Publikum sieht das Baby, lange bevor die Hebamme es sieht. Das Publikum sieht das Baby im Geist. Im Geist plappern und quäken sie glücklich, ,da, da, da, da' und ,nu, nu' und all das blöde Baby -Gequatsche. Sie sind blöd, aber glücklich, wenn irgendwer ein Baby bekommt - solange es jemand anders ist.«

Flaire kicherte. Blade öffnete langsam seine Augen, nahm bedächtig seine Füße vom Tisch und beugte sich zu ihr hinüber: »Mrs. Henry Clay Adams wird ein Baby erwarten!«

»Du bist verrückt! Selbst wenn die Natur mitspielt - Adams ist 55, und sie ist immerhin 42 Jahre alt. Aber davon abgesehen: Wir haben jetzt den 5. September, und die Wahl ist am 8. November...« Sie brach ab und starrte ihn an. »Nein«, sagte sie. »Nein, du kannst doch nicht...«

Er nickte: »Das ist die Idee! Es mag ein Weilchen dauern, bis du dich dran gewöhnst, aber wir schreiben 1960, Flaire, Wahljahr 1960. Das Baby wird sich verkaufen. Ich weiß im Augenblick nicht, ob schon mal jemand für die Präsidentschaft kandidiert hat, während seine Frau schwanger war, ich werde das prüfen lassen. Aber glaube mir, das verkauft sich!«

»Ich glaub's, Blade.« Flaire nickte resigniert. »Sie werden dir dein Baby abkaufen, auch wenn es keines ist. Aber Mrs. und Mr. Adams?«

»Die werden sich schwer hüten, nicht mitzumachen. Dem Adams habe ich erst heute gesagt, daß er mit seiner 45:55 -Chance glatt abkratzt. Er ist Politiker, er wird das kapieren. Und der Mrs. Adams muß ich die Idee auf irgendeine Weise bei bringen.«

»Das wirst du schon schaffen. Aber wie weit willst du den Betrug eigentlich treiben? Soll sie Schaumgummi auf dem Bauch tragen und Umstandskleider?«

»Jetzt noch nicht. Vielleicht im Oktober.«

Flaire öffnete den Mund, schloß ihn wieder, starrte Blade an und schüttelte den Kopf. Sie setzte wieder zum Sprechen an, und diesmal sprach sie: »Herr im Himmel, Blade, du bist ein smarter Bastard. Smart, aber ein richtiger Bastard.«

»Gewiß«, sagte er geistesabwesend, »gewiß, Liebling. Große Idee, wirklich große Idee. Ein Fehler...«

»Blade!« Sie machte einen letzten Versuch, den offenbar unwiderstehlichen Schwung der großen Idee zu bremsen. »Was willst du den Wählern erzählen, wenn sie dir schließlich drauf kommen - wenn sie merken, daß dieses alte Mädchen gar kein Baby kriegt? Aber daran hast du natürlich auch schon gedacht?«

Er lächelte nachsichtig. »Offen gestanden - noch nicht. Darüber können wir brüten, wenn es soweit ist, und das wird jedenfalls erst nach der Wahl sein. Du weißt doch Bescheid über Pseudo-Schwangerschaft und dergleichen. Nein? Ich dachte, jedes 15jährige Mädchen wüßte mit solchen Schein -Schwangerschaften Bescheid. Passiert doch dauernd. Außerdem kann eine Frau ihr Baby auch auf andere Weise verlieren, ganz legitim - mach' dir darüber keine Sorgen.«

Plötzlich beugte er sich vor und küßte Flaire heftig auf ihren hübschen, weichen Mund. Sie war ein prächtiges Mädchen, ein verdammt prächtiges Mädchen.

So wurde das Baby gezeugt, am 5. September 1960. Und Blade Reade, wie der große Gott Jehova, »sah an alles, was er gemacht hatte; und siehe da, es war sehr gut«.

Sehr.

John G. Schneider
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