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WELTANSCHAUUNG Die Bärtigen kommen

Die Bundesregierung will die Anhänger des Islam integrieren, doch im Osten der Hauptstadt wehrt sich das Volk gegen die alltägliche Annäherung: Der geplante Neubau einer Moschee treibt Anwohner und Muslime in einen erbitterten Kulturkampf. Von Jochen-Martin Gutsch
aus DER SPIEGEL 45/2006

Im Prinzip erzählt der Esel aus Keramik die ganze Geschichte. Irgendjemand aus der Bürgerinitiative brachte ihn mal mit, von irgendeiner Bank, Swietlik weiß das nicht mehr so genau, und eigentlich spielt es auch keine Rolle. Entscheidend ist, dass der Esel kein Schwein ist.

Der Esel steht vor Joachim Swietlik auf dem Tisch wie ein Beweis für die verfahrene Lage. Früher gab es Sparschweine in Deutschland. Aber Muslime mögen keine Schweine. Deshalb verschenken die Banken jetzt gern Sparesel. Ein Esel ist neutral, ein Esel verletzt keine Gefühle. »Bei so kleinen Sachen fängt es an«, sagt Swietlik. »Wir weichen immer zurück.«

»Wir«, das ist Deutschland, ist die Demokratie, die Aufklärung, das Christentum. Jedenfalls sieht es so aus, als könnte am Ende auch Pankow-Heinersdorf betroffen sein. Vor 17 Jahren kam der Westen. Jetzt kommt der Muslim.

Swietlik ist Vorsitzender der »Interessengemeinschaft Pankow-Heinersdorfer Bürger«. Vor ein paar Tagen haben sie das kleine Büro bezogen, in dem er jetzt sitzt, einen alten Holzschrank hineingestellt, einen alten Computer, eine Kaffeemaschine, Stühle, einen Konferenztisch. Neben der Eingangstür stehen noch acht leere Flaschen Sekt. Dienstag und Donnerstag machen sie jetzt Bürgerberatung, von 17 bis 19 Uhr.

Die Lage des Büros könnte kaum besser sein, Tiniusstraße 9. Nur ein Gebäude versperrt den Blick auf das Nebengrundstück. Ins Feindesland. Swietlik und die anderen von der Bürgerinitiative sitzen nun wie ein Grenzposten an der Trennlinie zwischen Abendland und dem Morgenland, das nebenan errichtet werden soll.

Jahrelang stand das Nebengrundstück leer. Es gab noch die DDR, als die alte Sauerkrautfabrik schloss. Das war 1987. Dann passierte nichts mehr, das Grundstück wuchs zu. Dort, wo eine Sauerkrautfabrik war, soll jetzt bald eine Moschee stehen.

Am 19. April 2005 stellte die Ahmadiyya-Muslim-Gemeinde beim Bezirksamt Pankow, Amt für Planen und Genehmigen, einen Antrag auf Vorbescheid für den Bau eines islamischen Gemeindezentrums mit Moschee. Die Moschee sollte zweistöckig sein, mit einem zwölf Meter hohen Minarett. Bislang nutzt die Ahmadiyya-Gemeinde ein Einfamilienhaus in Reinickendorf als Moschee. Man wollte sich gern vergrößern. Auf der Bezirksamtssitzung vom 26. April 2005 wurde das gesamte Amt über den Bauvorantrag unterrichtet, später wurde die Bezirksverordnetenversammlung

durch die monatlich erstellte Liste aller Vorbescheide informiert. Niemand wurde unruhig. Niemand sah ein Problem. Womöglich war das der erste Fehler.

Der Antrag durchlief die üblichen Prüfungen. Die Moschee würde in einem Ortsteil ohne Muslime stehen. Und sie würde die erste im Osten der Stadt sein. Aber auch daran dachte erst mal niemand.

Joachim Swietlik wohnt 300 Meter von der geplanten Baustelle entfernt. Am 7. März 2006 las er eine kleine Meldung in der Zeitung, wonach auf der Sitzung des Bauausschusses am 9. März auch der Bau einer Moschee in der Tiniusstraße vorgestellt werden sollte. Swietlik hielt das für einen Irrtum und vergaß die Sache erst mal. Es gibt keine Muslime in Heinersdorf, zumindest waren ihm nie welche aufgefallen. Wo es keine Muslime gibt, würde es auch keine Moschee geben.

Auf der Bauausschusssitzung am 9. März wollte man eigentlich über Geschosszahlen reden, Wegerechte, die Statik - was ein Bauausschuss eben so macht und was sonst niemanden interessiert.

Aber diesmal kamen Heinersdorfer Bürger, es wurde voll und sehr laut. Die Bürger sprachen von einer Studie, die der Ahmadiyya-Gemeinde antijüdische und antichristliche Positionen nachsagte, der evangelische Pfarrer stellte die Qualifikation der Architektin infrage, ein anderer sagte, dass die täglichen Fernsehbilder doch zeigten, dass Muslime nicht geeignet seien, sich hier anzusiedeln. Es war der Auftakt zu einem Kampf, der jetzt über ein halbes Jahr andauert.

Bezirksamt und Bürger einigten sich später auf eine große Informationsveranstaltung am 30. März in der Turnhalle der Heinersdorfer Schule. Es ist der Abend, an dem die Auseinandersetzung eskaliert.

1500 Bürger kommen, aber mehr als die Hälfte findet keinen Platz. Die Halle ist zu klein, die Bürger sind wütend, es wird gebrüllt, gedroht, ein paar Rechte tauchen auf. Die Polizei bricht die Veranstaltung ab, bevor sie überhaupt begonnen hat. Die Vertreter der Ahmadiyya-Gemeinde, die künftigen Bauherren, werden schließlich unter Polizeischutz aus dem Saal geleitet. Irgendjemand beginnt mit dem Ruf »Wir sind das Volk«, am Ende rufen es viele.

Es war wieder Revolution in Heinersdorf, es gab wieder etwas, wogegen man aufstehen musste.

Der Islam war bisher nie bis Pankow-Heinersdorf gekommen. Er kam ja nicht mal richtig in den Osten der Stadt. Er blieb drüben in Kreuzberg, Neukölln oder im Wedding, er war weit weg, man kannte ihn hier aus den Nachrichten, man konnte die deutsche Debatte um Integration und Parallelgesellschaften verfolgen wie Probleme aus einer fernen Welt.

In den Talkshows streiten Politiker über Leitkultur, Ehrenmorde und ob das Kopftuch ein Zeichen für mangelnde Integration sei und die Unterdrückung der Frau.

Wolfgang Schäuble, der Innenminister, hat jetzt die Idee vom deutschen Muslim. Die Wortschöpfung klingt ein bisschen wie eine Kreuzung. Wie der Wunsch nach jemandem, der mehr so ist wie man selbst. Mehr deutsch, weniger Muslim. Der deutsche Muslim, so hat der Innenminister formuliert, solle sich als Bürger eines religiös neutralen Rechtsstaats fühlen, die Regeln dieses Staates achten und die Freiheit des religiösen Bekenntnisses nutzen; würden Muslime ausgeschlossen oder schlössen sie sich selbst aus, so warnt der Innenminister, dann bilde sich ein Staat im Staate. Zum ersten Mal gibt es deshalb eine Islamkonferenz, eine Annäherung auf höchster Ebene.

Aber wie soll man sich ganz unten annähern, da, wo die Muslime leben und eine Moschee bauen wollen?

In Heinersdorf stellten sich die Leute ängstlich Fragen: Wie kommen die Muslime ausgerechnet auf uns? Wer sind die? Und warum bauen Fremde in unserem Ortsteil plötzlich eine Moschee?

Heinersdorf ist Berlin, aber eher geografisch als gefühlt. Heinersdorf hat 6500 Einwohner und gehörte in der DDR zum Bezirk Weißensee, später wurde es dem Stadtbezirk Pankow zugeschlagen. In Heinersdorf gibt es viele Einfamilienhäuser, Autohändler, eine Kleingartenkolonie und

eine evangelische Kirche. Viele Leute sind hier geboren und zogen nie fort.

Im April gründete sich die »Interessengemeinschaft Pankow-Heinersdorfer Bürger«, kurz Ipahb, mit dem Ziel, den Bau der Moschee zu verhindern. Sie umfasst jetzt 70 Leute. Joachim Swietlik betreute zunächst die Website, später, als der Vorsitzende, ein pensionierter Urologe, mit Herzrhythmusstörungen zurücktrat, wurde er der neue Vorsitzende.

Es ist sein erstes Amt. Es ist das erste Mal, dass Swietlik, 42 Jahre alt, Dauercamper und gelernter Baumaschinist, in die Politik gerät. Er gibt Interviews im Fernsehen, er spricht mit Journalisten aus Brasilien, Amerika und Tschechien, die Visitenkarten liegen in seiner Brieftasche wie Nachweise einer wundersamen Karriere.

Zu den Ablehnungsgründen, die die Bürgerinitiative formulierte, gehören Dinge wie Verkehrschaos, fallende Grundstückspreise neben der Befürchtung, »unsere Kultur dem Islam anzupassen«. Es ist der längste Absatz unter allen. »Am Ende der Entwicklung, die wahrscheinlich schon auf Jahrzehnte im Voraus geplant ist, folgt die Etablierung einer Ahmadiyya-islamischen Parallelgesellschaft mit dem Ziel, unsere freiheitlich-demokratische Rechtsordnung zu stürzen.«

Die Ahmadiyya-Gemeinde hat in Berlin bisher nur knapp 200 Mitglieder, aber was heißt das schon? Für Swietlik und die meisten Heinersdorfer rückte mit dem Baubegehren der Ahmadiyya-Gemeinde alles zusammen: der 11. September, die Anschläge von London, der Karikaturenstreit, der Kopftuchstreit, der Dschihad, die Rütli-Schule, die misslungene Integration. Die Moschee würde ein Anfang sein, der ganze Rest später nach Heinersdorf folgen.

Am 24. Juni hing ein Plakat am großen Schornstein des Baugrundstücks: »Keine Terrorzellen in Deutschland«. Die Bürgerinitiative hatte damit nichts zu tun, aber Swietlik sagt: »Es gab einige unter uns, die meinten, warum wir nicht selbst auf die Plakatidee gekommen sind.«

Berlins Innensenator Ehrhart Körting hält die Ahmadiyya-Muslime für einen »eher orthodoxen Club«. Sie seien aber »weder Verfassungsfeinde noch gewaltbereit«.

In Deutschland leben rund drei Millionen Muslime, darunter 30 000 Ahmadis, die meisten sind pakistanischstämmig. Weltweit soll es zwölf Millionen Ahmadis geben. Gegründet wurde die Bewegung 1889 in Indien von einem Mann namens Mirsa Ghulam Ahmed. Nach der orthodoxen islamischen Lehre war Mohammed der letzte Gesandte Gottes. Die Ahmadis sehen das genauso, glauben aber an so etwas wie Schattenpropheten, die ebenfalls Botschaften Gottes empfangen. Zu ihnen gehöre auch Mirsa Ghulam Ahmed, der Gründer. Mit diesem Glauben ziehen die Ahmadis die Ablehnung vieler Muslime auf sich, denn das islamische Glaubensbekenntnis lautet: »Es gibt keinen Gott außer Allah, und Mohammed ist sein Prophet.«

Das pakistanische Parlament erklärte 1974 alle Ahmadis wegen Abweichung von der traditionellen Lehre für Nichtmuslime. Es gab und gibt Verfolgungen, auch in anderen islamischen Ländern. 1975 wurde die Ahmadiyya von der saudi-arabischen »Liga der islamischen Welt« aus der Gemeinschaft des Islam, der Umma, ausgeschlossen.

Am 14. September führte Joachim Swietlik die bisher letzte Protestdemonstration gegen die geplante Moschee an. Sie startete am Baugrundstück der geplanten Moschee in der Tiniusstraße und ging bis vor das Pankower Rathaus. Rund 1500 Menschen folgten ihm.

Zwei Wochen später tagte, einige Kilometer entfernt, die große Islamkonferenz. Innenminister Wolfgang Schäuble verkündete, dass der Islam »ein Teil Deutschlands« und »ein Teil unserer Zukunft« sei. Man kann sagen, Swietlik und Schäuble waren in derselben Stadt. Sie äußerten sich zum selben Thema. Aber sie dachten in unterschiedliche Richtungen. Der Innenminister betonte die Chancen der Integration, Muslime könnten etwas beitragen zur Gesellschaft, was vielen Deutschen zu entgleiten drohe, sie achteten die Familie, die Alten und die Tradition.

Swietlik, evangelisch getauft, aber Atheist im Leben, betont die Risiken des Zusammenlebens. Was bei Schäuble »Abwägung zwischen Sicherheit und Freiheit« heißt, das ist bei Swietlik die Angst davor, dass eine fremde Religion und eine fremde Kultur sein Leben und seinen Stadtteil unterwandern. Man kann nicht sagen, dass Swietlik es sich einfach macht, er liest alles, was er in die Hand bekommt, Bücher über den Islam, den Terror, Schriften über die Ahmadiyya. Aber die Dinge werden nicht klarer, sie werden immer schwieriger. »Je tiefer ich in die Materie eindringe, umso größer sind eigentlich meine Befürchtungen«, sagt Swietlik. Zu Hause liegt auch ein Koran, er begann erst von vorn, bis ihm jemand sagte, dass die Suren hinten kürzer und verständlicher seien. Jetzt liest Swietlik von hinten.

Er war eine Zeitlang arbeitslos, im Juli machte er sich selbständig. »Glastechnik«, sagt Swietlik. Er repariert jetzt Autoscheiben, Steinschläge. Führt man mit Swietlik ein Gespräch, fliegt ab und zu die große Politik ins Heinersdorfer Büro. All die Probleme der islamischen Welt. Die Milizen in Darfur. Die Sunniten und Schiiten im Irak. »Die Lage in Somalia ist ja gerade völlig am Kippen«, sagt Swietlik.

Dann spricht Swietlik von der Fatwa, die jetzt mal kommen müsste. Eine Fatwa?

Swietlik lehnt sich vor, an seinem Jackett den Anstecker der Bürgerinitiative.

»Eine Fatwa ist eine Art islamischer Rechtsspruch. Eine verbindliche, offizielle Sache. Würde es so was geben von der Ahmadiyya zum 11. September, in der sie die Anschläge verurteilt, dann wäre das für mich absolut überzeugend.«

Swietlik lehnt sich zurück. Eine Fatwa.

Dann sagt er, dass er vermutlich nicht in der Bürgerinitiative wäre, wenn es sich bei den Ahmadiyya-Muslimen um Aleviten handeln würde. »Die Aleviten als muslimische Strömung sind liberaler.« Swietlik hat einen Lieblingssatz, er lautet: Wir, als

Bürgerinitiative, sind nicht grundsätzlich gegen Moscheen.

Aber weshalb wehrt er sich dann so dagegen? Was ist das Problem?

»Die Ahmadiyya soll ja eine Moschee bauen können, aber dort, wo die Gemeinde ihr Zentrum hat, in Reinickendorf. Oder dort, wo bereits viele Muslime wohnen. Kreuzberg, Wedding.«

Ein paar Minuten zuvor beklagte Swietlik noch die Ghettoisierung in Berlin, die Parallelgesellschaften. Jetzt plädiert er dafür, sie zu zementieren.

Könnte man nicht gelassen sein und die Moschee zumindest akzeptieren, auch wenn sie einem nicht gefällt?

»So eine Mentalität hat es leider in Deutschland schon mal gegeben, in den zwanziger Jahren«, sagt Swietlik. »Kennen Sie die Grundlagen der NSDAP?«

In solchen Momenten hat man das Gefühl, das alles durcheinandergerät.

Die Leute von der Bürgerinitiative haben sich ein paar Mal mit der anderen Seite getroffen, der Ahmadiyya-Gemeinde. Sie saßen zusammen, sie unterhielten sich, meist waren es moderierte Gespräche irgendwelcher politischer Stiftungen. Man versuchte, aufeinander zuzugehen, einen ergebnisoffenen Dialog zu führen, wie Swietlik sagt. Die Ahmadiyya-Muslime erklärten ihr Weltbild und betonten ihre Friedlichkeit. Die Heinersdorfer führten Koranverse und Aussagen des Kalifen der Ahmadiyya an, die ihrer Ansicht nach das Gegenteil bewiesen. Es ging nur um eine Moschee, andererseits hatten sie ein bisschen das Gefühl, hier ein ganzes Wertesystem zu verteidigen. Am Rande von Berlin kämpfte die freiheitlich-demokratische Grundordnung gegen die Scharia. Man kann nicht sagen, dass sich beide Seiten nähergekommen wären, man kann nicht sagen, dass passiert ist, was der Innenminister gern hätte: dass sich Deutsche, egal ob Muslime, Juden, Christen oder Atheisten, darüber verständigen, was sie als Staatsbürger miteinander verbindet. Sie trafen sich in kleinen Delegationen, wie die Abgesandten zweier Kulturen. Schon die Begrüßung verlief schwierig.

Die Ahmadiyya-Frauen gaben den Heinersdorfer Männern nicht die Hand. So ist es Sitte. Im Wege der westlichen Aufklärung beschlossen daraufhin die Heinersdorfer, auch den Ahmadiyya-Männern nicht mehr die Hand zu geben. »Für uns gilt Gleichberechtigung«, sagt Swietlik. Sie stehen sich jetzt alle nur noch gegenüber und nicken freundlich.

Abdul Basit Tariq wird, wenn die Moschee steht, nach Heinersdorf ziehen. Tariq ist der Imam der Ahmadiyya-Gemeinde in Berlin. Er sitzt auf der Couch seiner Reinickendorfer Wohnung, ein schwerer, müder Mann in weißen Socken, weißen Hosen und einem weißen Gewand. Es ist Ramadan, Tariq ist seit vier Uhr auf den Beinen. Mitten in seinen Ausführungen zur Geschichte der Ahmadiyya-Muslime nickt er plötzlich ein. Auf dem Tisch liegt die Einladung des Botschafters der USA, William Timken. Tariq hatte vor ein paar Tagen auf der offiziellen Gedenkveranstaltung zum 11. September gesprochen.

Tariq wurde in Pakistan geboren, seit 1982 ist er in Deutschland, seit 1997 deutscher Staatsbürger. Die Freitagspredigt hält er auf Deutsch, über seiner Couch hängt ein Bild, das irgendwie deutsch aussieht, Gebirge und See, und auch die Gemeindemitglieder sind angehalten, Deutsch zu lernen, so verfügte es der Kalif der Ahmadiyya, der in London sitzt. Womöglich ist Tariq ja der deutsche Muslim, womöglich ist er Schäubles Mann.

Dann klopft es an der Wohnzimmertür, Tariq schreckt aus dem Schlaf hoch. Er steht auf, öffnet die Tür, einen Spalt nur, durch den sich eine Frauenhand schiebt und Tariq das klingelnde Handy reicht. Die Hand ist alles, was man als Besucher sieht. Dann schließt sich der Spalt wieder. Imam Basit Tariqs Frau bewegt sich hinter der gläsernen Wohnzimmertür wie ein Geist.

Die Ahmadiyya-Muslime sind konservativ. Streng in ihrem Glauben, in ihren Traditionen und Regeln. Im Gemeindehaus der Ahmadiyya-Muslime in Reinickendorf liegen Informationshefte für Besucher aus, über die Ehe im Islam und die Rechte und Pflichten des Mannes im Islam, und einige Dinge, die dort drinstehen, werden den Heinersdorfern nicht gefallen. Die Ehen unter den Ahmadis werden meist arrangiert, die Frau kann studieren und auch arbeiten, aber nur mit Zustimmung des Mannes. »Als äußerste Maßnahme zur Wiederherstellung des Ehefriedens« ist es dem Mann gestattet, »seine Frau durch eine leichte körperliche Bestrafung zur Vernunft zu bringen«.

Im Fernsehen läuft tonlos MTA, der Ahmadiyya-Sender, und Tariq spricht über den Schleier, der die Frauen schützt und Allah näherbringt, die Probleme des Sportunterrichts für Musliminnen, den Schwimmunterricht, die Gefahr von Klassenfahrten und darüber, dass »Heiraten gesund ist und der Wille Gottes«. Er spricht von »den Versuchungen der westlichen Welt«, und am Ende hat man das Gefühl, dass es Imam Basit Tariq nicht anders geht als Joachim Swietlik von der Bürgerinitiative. Beide leben in derselben Stadt. Beide versuchen, sich hier ihre eigene Welt zu bewahren. Gegen all das, was von außen kommt. Wahrscheinlich sind sich Swietlik und Tariq näher, als sie denken.

Im Moment wartet die Ahmadiyya-Gemeinde auf die Erteilung der Baugenehmigung. Die Prüfung ist in der Endphase, einen positiven Bauvorbescheid gibt es bereits; und weicht der Bauantrag davon nicht grundsätzlich ab, wird es die Genehmigung geben, sagt die Baustadträtin. Unabhängig von allen Diskussionen.

Die Bürgerinitiative wartet auch - auf das Ergebnis des Widerspruchs gegen das abgelehnte Bürgerbegehren. 90 Prozent der wahlberechtigten Heinersdorfer Bürger, sagt Swietlik, hätten unterschrieben, dass sie gegen den Moscheebau sind.

»Und da sind wir an einem Punkt, den wir einfach nicht verstehen«, sagt Joachim Swietlik, der Vorsitzende. »Demokratie sollte doch immer dem Mehrheitswillen

Geltung verschaffen. Das ist doch das Grundprinzip der Demokratie, oder? Wenn also in einem Ortsteil wie Heinersdorf 90 Prozent gegen einen Moscheebau sind, dann ist das doch eine eindeutige Aussage. Und wir verstehen nicht, warum die Politiker sich nicht danach richten.«

Es ist das Wir-sind-das-Volk-Prinzip.

Ein DDR-Gefühl.

Nicht die PDS oder die SPD, sondern Friedbert Pflüger und die CDU waren es dann, die das Gefühl aufnahmen. Während der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit in der fernen Mitte Berlins davon sprach, dass es keine »No-go-Areas für Moscheen« gebe, kam Bürgermeisterkandidat Pflüger im Berliner Wahlkampf in der Tiniusstraße vorbei und sagte, dass die Heinersdorfer das Recht hätten, nein zu sagen. Dass die Standortwahl unglücklich sei. Die Heinersdorfer fühlten sich verstanden, und so wurde ausgerechnet der Westdeutsche Pflüger, der zuvor nie in dieser Gegend war, zum Helden von Heinersdorf. Für Joachim Swietlik hatte das zur Folge, dass er nicht mehr PDS wählte wie stets zuvor, sondern CDU.

Natürlich könnte die Ahmadiyya-Gemeinde ihre Moschee woanders bauen, Heinersdorf ist ein Zufall, das Grundstück der alten Sauerkrautfabrik war zu haben, es war günstig, und es gab keinen Bebauungsplan. Auf der Deutschlandkarte im Frankfurter Zentralbüro der Bewegung stecken da, wo Berlin liegt, zwei Fähnchen. Ein blaues im Westen, in Reinickendorf. Das bedeutet Gemeindezentrum. Ein weißes im Nordosten, in Heinersdorf. Das bedeutet Grundstück. Das weiße Fähnchen soll jetzt rot werden. Das bedeutet Moschee. Es wäre die 18. Moschee der Gemeinde in Deutschland.

Dem Chef der deutschen Ahmadiyya, Abdullah Uwe Wagishauser, ist der Osten genauso fremd wie den Heinersdorfern der Islam. Pankow kannte er aus dem Song von Udo Lindenberg. Von Heinersdorf hatte er nie gehört. Wagishauser wuchs katholisch auf, mit 18 trat er aus der Kirche aus. Das war im Jahr 1968. Er zog in eine Kommune in Bonn, sie versuchten die freie Liebe, rauchten Hasch, schossen sich LSD ins Gehirn und waren auf der Suche nach spirituellen Erlebnissen. Wagishauser las, meditierte, dachte über Grenzbereiche nach und versuchte irgendwo anzukommen. Als er 26 war, wollte er nach Tibet und landete über Iran und Afghanistan schließlich in Indien. Es verschlug ihn nach Qadian, in den Geburtsort von Mirsa Ghulam Ahmed, den Gründer der Ahmadiyya. Ihn faszinierte die Gemeinschaft, die Frömmigkeit, die Religiosität. Eine Woche später war Uwe Wagishauser Ahmadiyya-Muslim und hieß Abdullah Uwe.

Als er nach dreieinhalb Monaten zurück nach Deutschland kam, ging er zum Arbeitsamt. Das besorgte ihm einen Job bei der Lufthansa. Dort arbeitet er, 30 Jahre später, immer noch.

Wagishauser ist 56 Jahre alt, dünn, blass, mit einem asketischen Gesicht. Er macht viel Sport. Marathon, Triathlon. Er ist noch immer auf der Suche nach Grenzbereichen. Insofern würde Heinersdorf passen.

Wagishauser hat keinen großen Plan für den Konflikt. Er setzt auf Annäherung durch Gewöhnung. Durch Fakten. Das ist alles. »Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Proteste aufhören, wenn auf dem Grundstück erst mal gebaut wird«, sagt er. Die Ahmadiyya hat in den letzten Jahren einige Moscheen gebaut oder versucht zu bauen. Fast überall gab es Proteste, Bürgerinitiativen, Widerstand. Wagishauser hat keine Strategie für eine Annäherung entwickelt, sondern eine Strategie zur Durchsetzung seiner Moschee-Projekte.

Im Moment ist er nicht mehr ganz so sicher, wie er sich verhalten soll. Der Widerstand in Heinersdorf ist ungewöhnlich heftig. Andererseits ist Heinersdorf so gut oder schlecht wie jeder andere Ort in Berlin. »Niemand möchte eine Moschee in seiner Umgebung haben«, sagt Wagishauser. »Da können wir noch so viele Informationsveranstaltungen machen. Was haben wir an manchen Orten, an denen wir bauen wollten, geredet, erklärt, diskutiert. Am Ende hat es nichts gebracht. Früher war vielleicht der Kommunismus die große Bedrohung; jetzt der Islam. Es ist die Auseinandersetzung unserer Zeit.«

In den nächsten Wochen soll es ein Streitgespräch geben. Nur Swietlik und Wagishauser. Mann gegen Mann. Das Gespräch wird protokolliert, womöglich veröffentlicht, falls eine Zeitung interessiert ist. Es könnte dann ein Dokument sein dafür, wie seit einem halben Jahr die Gräben immer tiefer werden. Wie man nicht darüber redet, wie man miteinander leben könnte, sondern darüber, wie man sich am besten aus dem Weg geht. Ein Dokument, das von Misstrauen erzählt und nicht von Annäherung, womöglich wahrhaftiger als jede Islamkonferenz.

Im Frühjahr hat der Kampf begonnen. Jetzt ist es Herbst. Sie treffen sich fast jede Woche in der Gaststätte der Kleingartenanlage und besprechen die Lage. Sie sitzen zusammen auf alten Stühlen wie die Mitglieder eines Fußballclubs. Sie treffen sich, auch weil es guttut. Swietlik sagt, er habe von den 70 Leuten aus der Bürgerinitiative vorher vielleicht 2 gekannt. Nach der Wende hätten sich die Strukturen in Heinersdorf verändert. Die alte Gemeinschaft verschwand. »Jetzt ist es wieder fast so wie früher.« Man kümmere sich umeinander. Sie haben T-Shirts drucken lassen, auf denen »Du bist Heinersdorf« steht.

Es klingt wie die Rückkehr eines lange vermissten Gefühls. Manchmal ist es hilfreich, einen Feind zu haben; wer man ist, was einen verbindet, lässt sich so besser sagen.

Joachim Swietlik sagt, er hoffe nicht, dass die Lage in Heinersdorf eskaliere, wenn auf dem Grundstück gebaut wird.

Abdullah Uwe Wagishauser sagt, dass er die Moschee später nicht besonders sichern möchte. Es wird nur einen Hausmeister geben. Es ist ein Mann aus seiner Gemeinde. Ein starker, freundlicher Mann, der sich vor nichts fürchtet.

Ein Ostdeutscher.

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