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JUGENDGANGS Die Droge heißt Respekt

Mit Messern, Muskeln und großen Sprüchen kämpfen die türkischen »Warriors« in Berlin-Kreuzberg um das, was sie unter Achtung verstehen. Von Barbara Supp
aus DER SPIEGEL 22/1997

Nachts ist der Görlitzer Park eine düstere Falle für die, die so dumm sind, sich ohne Geleitschutz herzutrauen. Überall Blumenrabatten und Bäche, über die der Fliehende stolpert, und nur ein paar schmale Durchlässe in den gelben Backsteinmauern geben den Fluchtweg auf die Straßen frei.

Nachts muß man sicher sein, daß jeder Respekt hat, der einem dort begegnet: die Junkies, die Dealer, die Araber-Boys und die Normalmenschen sowieso. Man muß mit schwerem, rollenden Schritt das Territorium abschreiten so wie Mahir, der Choleriker mit dem Kindergesicht, oder wie der Schmale, der sich »kurdischer Killer« nennt und sagt, hier sei »Krieg«. Krieg in Berlin-Kreuzberg, und sie sind die »Warriors«, eine türkisch-kurdische Jugendgang auf dem nächtlichen Gang durchs Revier. Nichts wäre schlimmer, als wenn die Welt keinen Respekt hätte. Sie sind verloren ohne diesen Respekt, den man sich notfalls mit Muskeln und Messern verschafft.

Es ist still in dieser Nacht, kein Mensch unterwegs. Ob die Araber Angst haben? Wahrscheinlich sind sie nervös geworden nach dem, was vor ein paar Wochen passiert ist, glaubt Mahir. Da standen zwei, drei Warrior-Türken gegen acht oder zehn Typen von der Libanesen-Gang, es ging um ein Mädchen, ein Messer war im Spiel, und nach dem Kampf blieb ein Araber mit Stichwunden zurück. Danach haben sich die Türken als Sieger gefühlt, und deshalb walzen die Warriors jetzt noch selbstgefälliger durchs Revier.

Mahir nennt es »Klein-Istanbul«, dieses kaputte Stück Berlin zwischen Schlesischem Tor und Görlitzer Park. Der andere, der Killer, spricht von »Amerika« und meint die Bronx. »Wenn es Ärger gibt, mußt du jung sein und schnell. Wir sind jung. Wir sind stark. Wir sind schnell.« Dann verschwindet er in der Dunkelheit. Er habe noch was vor, sagt er, als er geht.

Der Park ist verschlammt und verlassen am nächsten Tag, es ist wieder mal nichts los, nur ein paar blasse Mütter kämpfen sich mit Kinderwagen durch den Matsch. Keiner von den schweigsamen Hundebesitzern ist da, die manchmal ihre Pitbulls aufeinanderhetzen, wenn sie glauben, daß niemand sie bei der Polizei verrät. Vor dem Supermarkt in der Cuvrystraße, eigentlich Warrior-Revier, lallen bloß ein paar Säufer herum - stolpernde Wracks, für die einer wie Mahir nur Verachtung hat. Im Café Kemer sitzen die Väter und großen Brüder, da kann er auch nicht hin, und im alternativen Café Altenberg gab es kürzlich Krach mit der Bedienung und Lokalverbot.

Zwei Uhr mittags, kein guter Tag. Der Killer ist wohl wieder mal allein unterwegs, Mahir hat keine Ahnung, was der treibt. Er selbst hat den Morgen mit Schulbesuchen verbracht, ist von Pausenhof zu Pausenhof gezogen, um Freunde zu sehen. Er geht ja in keine Schule mehr. »Hab' ich die Lehrer geprügelt«, sagt er. »Bin ich rausgeflogen. Zack.«

»Hab' ich auch Lehrer geprügelt.« »Hast du nicht.« »Hab' ich doch. Dort bin ich der Boß, in der Schule. Die machen, was ich will. Ich schlag' erst mal jeden, wenn er frech wird. Wenn er dann macht, was ich sage, bin ich nett.« Der Boß hört auf den Namen Palue und ist 16 wie sein Freund Mahir; breitbeinig thront er auf seinem Stuhl, immer die Hand im Schritt und das Hemd ein bißchen offen, weil den Frauen so was gefällt. Nur sind leider keine da.

Es tauchen selten welche auf im »Q-Free«, dem Jugendzentrum in der Cuvrystraße nicht weit vom Görlitzer Park, in dem ein paar überlastete Sozialarbeiter die 10- bis 18jährigen aus dem Viertel mit Kickern und Kartenspielen davon abhalten sollen, kriminell zu sein. »Niedrigschwellige Einrichtung« nennt sich so etwas im Behördendeutsch: Wer hier seine Zeit verbringt, das ist das Kalkül, stellt anderswo nichts Schlimmeres an.

Jahrelang war dieses »Klein-Istanbul« das tote Ende von West-Berlin; danach kam nur noch die Mauer. Jetzt stehen ein paar sanierte Altbauten herum, aber die Armut bleibt und breitet sich aus. Fast jeder dritte in Kreuzberg ist arbeitslos gemeldet - und hier, am östlichen Rand, sieht die Lage noch düsterer aus als im restlichen Bezirk. Ein verlorenes Eck, von dem selbst Behördenvertreter gelegentlich zugeben, daß hier nur noch »Schadensbegrenzung« betrieben wird, sonst nichts.

Mahir, der Killer und die anderen sitzen häufig im Q-Free herum und hören sich laute, traurige türkische Lieder an, in denen Männer von ihren Frauen verlassen werden, und trinken Tee. Seinen Namen hat sich Mahir von einem toten türkischen Revolutionär geborgt und die Körpersprache von Robert de Niro, und wenn er spricht, dann schweigen die Kleinen. Denn der kennt Plötzensee. Der war schon mal im Knast.

Das kam so: »Hat einer nach meinem Kopf gefaßt. Hab' ich ihn geschlagen. Hat er gesagt: Ich stech' dich ab. Hab' ich ihn abgestochen. In den Arm. Hat er nicht aufgehört. In den Hals. Hat er nicht aufgehört. In den Kopf. Hat er aufgehört. Soll meine Mutter weinen? Soll seine Mutter weinen. Bin ich im Knast, aber bin ich gesund.«

Nein, nein, er hat ihn nicht umgebracht. Nur verletzt. Drei Monate saß Mahir in Haft, bevor er dann doch auf Bewährung freikam, und er habe sich dort gleich zu Hause gefühlt, sagt er: »Da waren Cousins, Cousins, Cousins. Und von meinem Bruder der Freund.«

Es geht ja vielen so wie ihm, und fast immer ist es eine Kleinigkeit, mit der die Messerstecherei beginnt, ein schiefer Blick manchmal nur: Hier hat einer keinen Respekt. Ein Blick, aus dem sofort die Verachtung gelesen wird, für den Ausländer, für den Kanaken, für den Türken, für das Nichts. Dann zündet der Haß, und der Kämpfer steigert sich in einen Rausch, in dem er nur noch zittert vor Zorn und nichts mehr weiß und nichts mehr spürt.

Jetzt muß er sich zurückhalten, das rät der Bewährungshelfer, und die Sozialarbeiter raten es natürlich auch. Und die Familie? »Meine Brüder sagen: Geh nicht mit Messer. Aber dann sagen sie: Geh doch, vielleicht sticht dich einer ab. Dann sagen sie wieder: Geh nicht mit Messer. Dann sagen sie: Geh doch.« Die Araber, sagt Mahir, seien »brutal. Ich hasse sie, die Araber«.

Früher haben sich die Türkengangs hauptsächlich mit Deutschen geschlagen - mit »Nazis« eben. Warriors, Krieger nannte sich eine Gruppe Kreuzberger Türken schon zu Beginn der neunziger Jahre, und nun haben Mahir und seine Freunde den Namen geerbt, weil die Vorgänger ihn nicht mehr brauchen. Manche fanden eine Frau oder Freundin und wurden solide. Andere sind jetzt ernsthaft kriminell. So jemand geht nicht mehr auf die Straße und sticht grundlos Leute ab. Das ruft nur die Polizei auf den Plan.

Nun ist der Nachwuchs dran: keine Gangsterbande, sondern ein loses Bündnis von 40 bis 50 jungen Türken und Kurden. Wenn einer mit Drogen dealt oder Autos ausräumt oder in Spielhallen die Daddelautomaten knackt, dann geschieht das in Kleingruppen oder individuell. Man kann durchaus ein Warrior sein, ohne kriminell zu werden. Aber wer nicht mitkämpft, wenn es Krach gibt auf der Straße, der kriegt Ärger. Der fliegt raus.

Nazi-Banden finden sich heute nicht mehr in Kreuzberg, wer sich mit denen bekriegen will, der muß nach Ost-Berlin. Manchmal machen die Warriors Ausflüge nach Lichtenberg oder Hellersdorf. Wenn dann auf der anderen Straßenseite einer gesichtet wird, der verdächtig aussieht, brüllen sie »Judenvergaser!« Meistens rennt der Kurzhaarige um sein Leben.

Draußen, im eigenen Revier, haben sie viele Warriors-Zeichen an Hauswände und Parkmauern gemalt, aber neuerdings machen sich immer mehr die Araber breit. »Das sind jetzt die Feinde«, flüstert ein schmächtiger 13jähriger. »Die machen wir fertig. Aber total.«

»Quatsch«, sagt der Killer. »Quatsch, Quatsch, Quatsch.« Er kommt spät, mittags um drei ist er erst aufgestanden, er war lange unterwegs heute nacht. Aber jetzt tritt er an, küßt die Freunde auf beide Wangen und wirkt wach und klar im Kopf. Über Kindereien wie diese Schlägereien ist er längst hinaus, im Prinzip wenigstens. Er hat keine Lust auf diesen Unsinn, daß Araber die Feinde seien. Das ist »völliger Schwachsinn«, glaubt er. Feinde sind die Rechten, sonst niemand.

Er hat moralische Prinzipien. Frauen und alte Leute schlägt er nicht. Wenn einer am Boden liegt, hört er auf, denn er will nicht, daß der Gegner stirbt. Freitags geht er häufig in die Moschee.

Der Junge ist 17 und hat sich den Namen »kurdischer Killer« gegeben, aber er ist keiner von denen, die grundlos andere Leute terrorisieren. Im Q-Free macht er selten Ärger. Er blickt kühl auf sich selbst: »Ich sinke tiefer und tiefer.« Vor zwei Jahren ist er aus dem Gymnasium geflogen, später aus der Realschule. Zur Zeit hängt er so herum, gute Jobs oder Ausbildungsplätze gibt es nicht, und wenn, dann verdient man ein paar lumpige Mark. Aber er braucht Geld. Taschengeld von zu Hause will er nicht. Das ist entwürdigend. Und bald ist er volljährig, da muß er den Führerschein haben und seinen BMW.

Der Killer hat keine Lust, »auf dem Sozialamt zu versauern«, aber manchmal läßt er Zweifel zu, ob sein Weg ein besonders guter ist. Natürlich machen sich seine Eltern Sorgen. Und wenn er die Kleinen sieht, die Zwölfjährigen, dann denkt er manchmal, »geh in die Schule. Mach nicht diesen Mist wie ich«.

In solchen Momenten klingt der Killer wie ein Sozialarbeiter im Q-Free: Die Jüngeren für sich zu gewinnen, das ist ihr wichtigster Job. Ein paar zusätzliche Räume wären nicht schlecht, und ein paar Stellen mehr, so daß sich die Pädagogen extra um die 12- bis 14jährigen kümmern könnten, die sonst dasitzen und mit großen Ohren lauschen, wenn einer vom Prügeln erzählt.

Sehr viel entspannter wäre die Lage außerdem, wenn sich mehr Mädchen ins Revier der rabiaten Jungen trauen würden. Aber die türkischen dürfen nicht, und die deutschen haben keine Lust. So schauen sich die Jungen eben Pornos an und freuen sich auf die ersten Erfahrungen im Puff. Mit viel Ehrfurcht wird die Geschichte von zwei Halbwüchsigen erzählt, die sich den Geldboten von einem Supermarkt geschnappt haben sollen, mit 10 000 oder 20 000 Mark, und dafür waren sie dann vier Wochen lang die Kings im Bordell.

Abends, auf dem üblichen Weg durch das Viertel, berichtet Palue, daß er Pläne hat: Er will mal nach Hamburg, Peep-Shows gucken und Dinge erleben, die er vom Video kennt. Später irgendwann wird er heiraten und eine Familie gründen. Die Frauen müssen doch irgendwann begreifen, daß er ziemlich gut aussieht - hat er nicht klasse Muskeln? Ist er nicht ziemlich fit? Vielleicht wird er auch Fußballer. Zur Zeit spielt er Linksaußen bei einer Jugendmannschaft von Tasmania Berlin. Nur momentan ist er leider gesperrt für acht Wochen. Er hat seinem Gegner eine Kopfnuß verpaßt: »Der hat etwas über meine Mutter gesagt.«

Irgendwann, so mit 40, hat auch der Killer die große Wende vor. Er wird nach Mekka pilgern und dann gottesfürchtig leben, so wie es der Koran verlangt.

Jetzt aber ist er jung und braucht Geld, Auto, Führerschein und so weiter, und deshalb verschwindet er in der Nacht. »Geschäfte«, murmelt er.

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