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Die Eltern der Ratten

Sie schlafen in Gullys, sie träumen von einem Zuhause, sie fliehen in den Rausch, sie schlagen sich, sie küssen sich, sie machen Babys - die Straßenkinder der rumänischen Stadt Temeswar klammern sich ans Leben, kurz vor dem Abgrund zum Tod. Von Anuschka Roshani
aus DER SPIEGEL 52/1997

Irgendwann fingen sie an, die Familie zu sein, die sie nie hatten. Weil sie nicht verwandt waren, suchten sie Glasscherben und machten sich damit zu Blutsbrüdern und Blutsschwestern. Die dicken Narben an ihren Armen erinnern sie daran, daß sie füreinander sorgen müssen.

Sie leben zu zehnt in ihrem Loch. Die Eisentreppe runter, bis in die Kanalisation von Temeswar. Hier, ein paar Stufen unterhalb der Stadt, ist die Luft faulig; was man einatmet, riecht nach Erde, Lack und nach all dem Dreck, den es gibt in den Katakomben einer großen Stadt. Direkt über ihren Köpfen ziehen Heizungsrohre in die Tiefe, heiß und wuchtig, wie ein finsteres Dachgebälk. Auf den drei Quadratmetern Unterwelt, die ihnen bleiben, hat jeder seinen Platz, jeder seine Aufgabe.

Der jüngste, ein Zehnjähriger mit einem schmalen Kopf und wieselnden Gesten, verwaltet die Kerzenstummel.

Baba, der Chef, wacht darüber, daß das Essen gerecht verteilt wird.

Ana, eine kleine Rothaarige, hält das Kleiderdepot in Ordnung.

Mariana, die wie ein Junge aussieht, verstaut in ihrer Ecke den Wasservorrat.

Und Jonel, der Charmeur, liegt jede Nacht beschützend neben Mariana und Ana auf den alten Decken. Wenn er Glück hat, spürt er ein kleines Stück von der durchlöcherten, weichen Schaumstoffmatte. Keiner käme auf die Idee, ihm dieses Recht streitig zu machen. Auch wer nichts hat, kann abgeben.

»Wir sind eine Familie ohne Eltern«, erklärt Jonel, der Beschützer mit der schiefgeprügelten Nase. Er hat oft eins draufgekriegt - wie oft, keine Ahnung. Auf der Straße müssen Verletzungen heilen, ohne daß sie beklagt oder gepflegt werden.

Er ist seit neun Jahren auf der Straße, seit seinem fünften oder sechsten Lebensjahr ein »Boschetari«, ein Kind, das in den Büschen lebt. Er war schon am Bahnhof in Bukarest, in Bacau, Tirgu Mures, Craiova, Braila, Timisoara/Temeswar. Seinen Geburtstag weiß er nicht; seine Mutter verschwand nachts und ließ das Neugeborene auf der Entbindungsstation zurück.

Um zu zeigen, daß er nicht wie viele Straßenkinder Analphabet ist, schreibt er in Schönschrift: »Balint, Jonel. Sohn von Josef und Didina. Geboren in Buhusi, Kreis Bacau. Ich habe einen Bruder in Ploiesti, und ich liebe Mariana wie verrückt.«

Es klingt wie der Eintrag in ein Formular, unumstößlich genau, wie eine Aktennotiz. Es sind ein paar Halbsätze, die beweisen, daß er existiert. Obwohl er nicht sicher sein kann, daß sie die ganze Wahrheit enthalten.

Wer keine Kindheit hat, muß sie sich erfinden. Und aufpassen, daß sie ihm nicht wieder abhanden kommt. Deshalb üben sie alle täglich ihren Namen und ihr Geburtsdatum: Sie flüstern es vor sich hin, aus Angst, sie könnten vergessen, wer sie sind. Papiere besitzen sie nicht.

So etwas wie Banden-Romantik gibt es nicht, kein »Wir gegen den Rest der Welt«. Sie sind eine Notgemeinschaft, ein unglücklicher Ersatz für ein Zuhause, das ihnen nicht einfach mit der Geburt zufiel und das sie sich immer aufs neue erkämpfen müssen. Sie nehmen sich in den Arm, sie lehnen sich aneinander, sie streicheln sich, und die Älteren schlafen miteinander. Und dennoch würde jeder von ihnen diese Familie gegen eine richtige eintauschen.

Mariana, 14 Jahre alt, sehnt sich nach einem normalen Leben, »ohne genau zu wissen, was das ist«. Ihre Kindheit hat sie im Heim zurückgelassen; sie war auf die Straße geflüchtet, mit knapp fünf, weil ihre Roma-Familie sie zum Betteln schickte.

Im Heim begriff sie schnell, daß Jungen die besseren schlechten Chancen haben. Die hatten zwar genausoviel Angst, vor den Erziehern, vor den anderen Jungs, aber sie schafften es auch, Angst zu erzeugen. Also täuschte Mariana vor, ein Junge zu sein. Sie sprach wie einer, bewegte sich so kantig, nannte sich Robert, und unter die Dusche stellte sie sich nur in Unterhose. So perfekt gelang ihr die Täuschung, daß sie irgendwann fast vergessen hatte, ein Mädchen zu sein, sagt sie.

Bis sie mit Gewalt daran erinnert wurde. Ihr Rollenspiel flog auf. Mariana rannte panisch davon, aber die älteren Jungen waren schneller. Sie vergewaltigten Mariana. Da war sie sechs.

Sie erzählt ihre Geschichte vor den anderen. Ohne Scham, ohne Traurigkeit. Warum auch, ihre Geschichten sind alle gleich.

Die Väter Trinker und Schläger, die Mütter stumme Zeuginnen. Oft acht und mehr Geschwister, viel zu viele, damit alle genug Brot und Liebe bekommen. Solange Ceausescu die Macht hatte, galt Abtreibung als schweres Verbrechen. In den Betrieben wurden die Arbeiterinnen regelmäßig darauf untersucht, ob sie schwanger waren. War eine darunter, paßte der Vorgesetzte auf, daß sie das Baby austrug, anstatt sich heimlich eine Rundstricknadel in die Gebärmutter zu bohren. Kondome und die Pille waren nirgends zu bekommen; der Diktator hatte den Wahn, bis zur Jahrtausendwende ein 30-Millionen-Volk unter sich zu haben.

Die Väter und die Mütter blieben allein mit einer Horde Kinder. Fing ein Vater zu prügeln an, erschien das normal. »Frauen müssen geprügelt werden«, sagt ein rumänisches Sprichwort. »Sollte der Mann nicht wissen, warum, die Frau weiß es bestimmt.«

Die einzige Möglichkeit heißt Weglaufen. Schätzungsweise 60 000 rumänische Kinder sind weggelaufen. Sie richten sich in Hauseingängen ein, in Ruinen, in Bahnhofsnischen oder legen sich zum Schlafen auf Fernwärmerohre oder aufgeheizte Gullydeckel. Sind die Gullys nicht zugeschweißt, kriechen die Kinder in den Bauch der Stadt. Niemand sucht nach ihnen, ihre Verwandten sind froh, sie los zu sein. Auch diejenigen, die Eltern haben, empfinden sich als Waisen.

Jonels Mutter schrie bei seinem letzten Besuch: »Verschwinde! Das ist nicht mehr dein Zuhause.« Die eigenen Eltern, Tanten und Onkel, erzählen die Kinder, ekeln sich vor ihnen. Sie befürchteten, daß die Verdreckten Ungeziefer ins Haus schleppen oder noch Schlimmeres, eine Sorge, für die die Kinder Verständnis haben: Fast jeder wurde schon wegen Syphilis behandelt, Läuse haben sie alle, und es kann doch kein Zufall sein, daß sie niemand liebt.

Wenn es irgendwie geht, pflegen sie sich. Kämmen sich, sobald sie mittags aus dem Untergrund steigen, springen im Sommer in den Kanal, der wie eine lange Badewanne neben ihrer Gossenhöhle liegt. Sein Wasser füllen sie in Flaschen ab, zum Trinken.

Einmal am Tag gibt es warmes Essen, nach dem Vaterunser bei Pater Berno in der Lahovary-Kirche, und ab und zu reicht er ihnen auch Hosen, Hemden und Kleider. Die sollen nicht kleiden, sondern wärmen.

Ana, das Eitelste der Mädchen, hat sich sogar die Zehennägel lackiert. Es muß eine Weile her sein; der Lack ist bis auf ein paar rote Streifen heruntergeblättert. Trotz der Minusgrade geht sie barfuß; ihre Schuhe seien ihr geklaut worden, sagt sie, aber vielleicht hat sie sie auch im Rausch irgendwo stehenlassen. Oder sie hat sie verkauft an einen, der keine hatte.

Ana bettelt nicht, aus Scham. Lieber klaut sie. Gemeinsam mit Mariana und Jonel zieht sie gegen zwei Uhr mittags los, zum 700er-Markt. Die beiden anderen halten den Passanten ihre leeren, schmutzigen Hände hin, während Ana versucht, an einem Marktstand ein Stück Räucherspeck oder etwas Gemüse in der Jackentasche verschwinden zu lassen. Manchmal steckt ihnen jemand einen Schein zu, fürs Sauberwischen der Bartische, fürs Fegen oder Kartoffelsäckeschleppen. Haben sie Pech, tun sie es umsonst.

Um die 15 000 Lei machen sie im Schnitt, rund drei Mark. Das Geld werfen sie zusammen, und Ana setzt alles beim Glücksspiel. Entweder haben sie dann das Doppelte, weil Ana eine geschickte Spielerin ist, oder nichts. Fallen die Würfel richtig, kaufen sie von der einen Hälfte Brot und Fleischwurst, von der anderen Silberlack zum Schnüffeln. Was sie selbst nicht brauchen, tragen sie durch die Stadt in ihr Loch, damit auch die sieben zu Hause etwas haben.

Teilen gehört zu ihren Regeln wie Vertrauen und Ehrlichkeit. Jeder Neue wird verkloppt - »danach«, sagt Ana, »können wir Freunde sein«. Wer ihren Schutz hat, lebt ein bißchen sicherer. Etwa wenn ihnen ein ehrgeiziger Polizist auf der Spur ist, wenn irgendein alter Kerl fragt, ob sie noch Jungfrauen seien und ihm für ein paar Lei einen blasen wollen.

An die Angst haben sie sich so sehr gewöhnt, daß sie sich einbilden, keine mehr zu haben. »Wir fürchten uns vor nichts«, sagt Jonel, der Junge mit der Boxernase, »ob wir leben oder sterben, ist ganz egal. Gott wird unsere Wünsche nicht erfüllen.«

Wenn die Polizei sie aufliest und ins Heim bringt, halten sie es selten lange aus. Früher, zu Ceausescus Zeiten, ähnelten die Heime Gefängnissen: mit Stacheldraht gesichert, mit Erziehern, die für Erziehung nichts übrig hatten, mit Knastgesetzen. Seit der Revolution im Dezember 1989 streunen die verlassenen Jungen und Mädchen durch die Städte. Die Leute gucken ratlos zu; einige beschimpfen sie als »Schande des Landes«, andere haben Mitleid und wissen auch nicht weiter.

Die neue Regierung hat Häuser eröffnet; internationale Hilfsorganisationen bemühen sich, den Kindern das Leben zu erleichtern: mit einem Ort zum Aufwärmen, Essen und Waschen. In Temeswar hat ein deutscher Pensionär ein Wohnheim für zehn Straßenkinder eingerichtet; nicht viel bei 250 Kindern, die in der 400 000-Einwohner-Stadt heimatlos herumirren. Immerhin zehn. Jene, die dort kein Bett finden, dürfen wenigstens am Tag ein bißchen Kinderleben nachholen: malen, Kaninchen streicheln, Beete bepflanzen.

»Ich war immer ein unerwünschtes Kind«, sagt Ana ungerührt, während sie ihre Knie umklammert, »meine Mutter hat versucht, mich mit sechs Monaten in der Wanne zu ertränken.« Ihre Patentante zog sie im letzten Moment aus dem Wasser.

Ana ist hübsch, hat freche Augen, langes rötliches Haar. Wie alle Straßenkinder sieht sie auf den ersten Blick viel jünger aus: klein und zierlich, weil das Kettenrauchen und das schlechte Essen klein halten. 15 ist sie und wirkt wie 12.

Keiner würde glauben, daß sie selbst Mutter eines dreijährigen Sohnes ist. Natürlich habe sie für ihn Muttergefühle, auch wenn er bei der Mutter seines Vaters aufwachse. »Ich habe große Sehnsucht nach ihm«, flüstert sie. Ein Wunschkind ist er nicht, er ist die Folge einer Vergewaltigung. Als sie schwanger war, boxte sein Vater ihr vor Wut wieder und wieder in den Bauch.

Sie liebt ihren Sohn so, wie sie selbst nie geliebt wurde. Aber was sollte sie tun, als ihre Verwandten plötzlich oben vor dem Gully standen, um ihr das Kind zu übergeben? Am Ende nahmen sie ihn wieder mit, doch wahrscheinlich wird in ein paar Jahren ihr Kanalloch auch sein Heim sein. »Bald werde ich einen Job und eine Wohnung für uns haben«, sagt Ana, »selbst wenn es mir jetzt noch keiner glaubt.«

Sie retten sich mit Witzen, die keine sind. Ihr Loch nennen sie scherzhaft »Appartement«, den vollgepinkelten Stein unter der Brücke »Toilette«. Ein bißchen Ordnung in der Unordnung. Um Spaß aber geht es nicht. Fragt man, was sie genießen, sagen sie: Zugfahren, Sex, die Hollywood-Filme im »Capitol«, in das sie sich durch ein offenes Fenster schmuggeln.

Der Silberlack in der kleinen Flasche ist ihr größtes Vergnügen; jeder Rausch löscht ein bißchen Vergangenheit. Er macht stumpf, aber das ist ganz gut so; sobald der Nitrodunst aus der abgeschnittenen Milchtüte weicht und die Gardine vor die Welt zieht, löst sich alles im Nichts auf: der Hunger, der Durst, die Kälte.

Ein bis zwei Flaschen braucht man täglich, das sind 5000 Lei, eine Mark. »Du spürst nichts mehr«, sagt Jonel, »nicht mal, wenn dich einer totschlägt.« Daher nehmen sie alle paar Minuten einen tiefen Zug. Klar, sie wissen, wie gefährlich das Zeug ist. Daß es ihre Lungen zerfrißt und ihr Gehirn. Einer von ihnen ist daran zugrunde gegangen; über Tage hatte er das Gift inhaliert, nichts gegessen, nichts getrunken. Bis er tot zusammenklappte.

Baba, dem Jungen mit der dreckverfilzten Wollmütze, schießt gerade der silberne Rausch durch den Kopf. Er grinst freundlich. Aus seinem Mund blubbert Sinnloses, und sein Körper rutscht willenlos an der Wand entlang. Eine schöne Müdigkeit umschlinge einen, erzählen die Kinder. Und dann beginne man zu träumen, von einem warmen Platz, jeder Menge Wurst und Suppe, von einer Familie, vom Liebemachen.

Baba hat leergeträumte Augen.

Er ist ihr Chef: Er paßt auf, daß ihnen nichts zustößt, wenn einer der 20jährigen sich mal wieder an ihr Gullyloch heranpirscht, nachts, um den Rest ihrer Tageseinnahmen einzusacken oder eine volle Flasche Aurolac. Draußen muß Baba das Revier verteidigen, drinnen den Frieden.

»Baba« rufen die Kinder ihren Chef, »alte Frau«, weil er behäbig wie eine Hundertjährige geht. Und weil er so ein warmes Lächeln hat wie sonst nur jene märchenhaften Großmütter, von denen sie träumen.

Babas klare Augenblicke sind selten geworden; wie soll einer seine Leute schützen, der sich selbst kaum schützen kann? Als die Rede aber auf ihren größten Feind kommt, einen 22jährigen Schläger, reißt er sich hoch: »Den bring' ich um, selbst wenn ich 25 Jahre in den Knast muß. Ich tue es für die anderen, mein Leben ist eh nichts wert.«

Schon jetzt üben sie für Weihnachten. Für den Gesangswettbewerb der Straßenkinder, den die Baptisten-Gemeinde veranstaltet. Heiligabend werden sie beschenkt werden, mit Süßigkeiten und mit Obst.

Jonel hat sich ein Lied über das Leben auf der Straße ausgedacht. Sie singen es gemeinsam, unten in ihrem geliebten, verhaßten Gullyloch: »Ich habe keinen Namen. Mein Name ist Waisenkind. Ich kenne meine Mutter nicht. Ich kenne meinen Vater nicht. Ich irre durch die Straßen. Geprügelt. Weggeschmissen.«

Baba, dem Chef, läuft eine Träne über die Wange. Auf seiner staubigen Haut hinterläßt sie eine feine Spur. Vielleicht ist der Silberlack schuld, der in seinen Augen ätzt, vielleicht das Lied.

Den Ratten, die hier unten genauso zu Hause sind wie sie, haben die Kinder eine Futterstelle eingerichtet; fürsorglich wie Eltern bröseln sie ihnen vorm Schlafen Weißbrot hin, damit sie sich nicht hungrig an ihre Brust krallen oder die Schnauze in ihre Pulloverärmel stecken. »Sind gute Kerle, wenn man ihnen was gibt«, sagen die Kinder.

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