Die Erdnussflippers - 60 Jahre Partyhits

Widerstand snacklos - die Essenskolumne
Foto: Wolfgang Kluge / dpa

Dieser Beitrag wurde am 25.09.2020 auf bento.de veröffentlicht.

"Es kommt mir vor, als wär' ich schon Stunden hier,
bei dem, was du so Party nennst.
Mit Erdnussflips und abgezähltem Billigbier,
und allen Leuten, die du kennst." 

(Die Ärzte: "Party stinkt", 1998)

Vom 16. Geburtstag bis zur Goldenen Hochzeit greifen Gastgeber in Deutschland meist zu den gleichen Produkten, um ihre Gäste zwischen Mahlzeiten zu verköstigen. Für die "Süßen" gibt's die bunte Celebrations-Mischung oder Schaumküsse, die "Herzhaften" bekommen eine bunte Kollektion aus der Regalreihe "Kartoffelchip – Salzstange – Erdnussflip" präsentiert. Knisternde Alutüten voll mit Kohlehydraten, Fett und Salz haben schon so manchen Kater vereitelt. Denkt an die Elektrolyte!

Insbesondere die Erdnussflips sind – anders als Chips und Salzstangen – weltweit aber fast nur auf deutschen auf Partybuffets zu finden. Und das, obwohl Erdnüsse nicht gerade zu den klassischen deutschen Agrarerzeugnissen gehören. 

Widerstand snacklos

Es gibt Lebensmittel, Gerichte und kleine Zwischenmahlzeiten, denen ein Denkmal gesetzt werden sollte. Weil sie unser Leben bereichern, symbolisch für Großes stehen oder einfach ein treuer Begleiter in allen Lebenslagen sind. In dieser Snack-Kolumne stellen wir solche Lieblinge vor. 

Neben ihrer Sonderstellung als "Snack der Deutschen" sind sie außerdem ein umkämpftes Streitobjekt: Von ihren Fans werden Flips quasi weggeatmet, von Hassern aber selbst volltrunken um ein Uhr nachts noch angeekelt verschmäht, obwohl der letzte Chipskrümel bereits mit angeleckten Fingern aus der Schale gewischt wurde. Die Entscheidung für ein Lager ist ähnlich wie beim liebsten Fußballverein oder der Meinung über Dieter Nuhr unwiderruflich, die jeweils andere Seite wird verbal als Snackstremist gebrandmarkt.

Puffiger Snack-Fact 1: Der Name "Erdnussflip" ist eigentlich eine Täuschung – zu zwei Dritteln besteht der Snack nämlich aus Mais. Den Geschmack bekommt der an sich fade Maismehlpuffer durch das Wälzen in einer ölig-salzigen Erdnusspulvermischung.

Flips haben nach dem Öffnen der Tüte eine kürzere Halbwertszeit als Eiswürfel in der Hölle. Denn die Textur macht im Laufe des kurzen Fliplebens eine drastische Wandlung durch: Ist sie anfangs noch knusprig und verwandelt sich erst im Mund in eine weiche Masse, hat das trockene Mais-Extrudat schon wenige Stunden später die Feuchtigkeit aus der Raumluft gesaugt und den Flip in ein gummi-esques Ungetüm verwandelt. 

Vielleicht der Grund, warum Erdnussflips in Teilen Deutschland auch "Würmer" oder "Würmchen" genannt werden? Jedenfalls: Wer den Verfall verhindern will, muss schneller essen. Bei rund 500 Kalorien pro 100 Gramm eine Ansage. 

Deutschland flippt aus

Obwohl der Name "Flip" etwas Verrücktes impliziert, ist das Knabberzeug letztendlich so flippig wie aufgeklebte Wimpern an einem Twingo-Scheinwerfer. Denn der Flip ist ein waschechter Babyboomer, gehört also zur Generation der bis 1964 Geborenen. Auf die Welt kam der Erdnussflip in Deutschland 1963, die Elternschaft darf Süßigkeitenfirma Bahlsen für sich verbuchen. 2017 feierte das Unternehmen eine Milliarde produzierte Tüten seiner Eigenmarke. 

Puffiger Snack-Fact 2: Über alle Marken hinweg wurden allein 2017 laut Brancheninfos  insgesamt 70 Millionen Beutel Flips in Deutschland verputzt. Hat da jemand "Volks-Snack" gesagt?

An der Grundidee des Flips hat sich seit seiner Geburt kaum etwas geändert. Während der Chip sich alle paar Jahre mit neuen Kreationen revitalisiert (von im Kessel gekochten Exemplaren über Currywurst- und Chakalakageschmäcker bis zum die Snack-Götter beleidigenden Fitness-Chip aus Rote Beete) lässt sich der Flip nicht so leicht verbiegen. Die Anzahl der Flips-Sondergeschmäcker wie Schoko  oder Karamell  blieb im Vergleich zum wilden Chipsmarkt überschaubar, quasi die ausgeflippten Hippies ihrer Snack-Generation. Gegen die Geschmacksmacht des konservativen Originals konnten diese sich bisher jedoch nicht durchsetzen.

Erdnussflips zum Spielen und Knabbern (Hersteller: Firma XOX) liegen am 25.01.2013 in Köln (Nordrhein-Westfalen) bei einem Fototermin zur Internationalen Süßwarenmesse (ISM) auf einem Tisch. Bei der ISM zeigen vom 27. bis 30. Januar 1400 Anbieter aus 65 Ländern ihre Produkte. Foto: Henning Kaiser/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ |
Erdnussflips zum Spielen und Knabbern (Hersteller: Firma XOX) liegen am 25.01.2013 in Köln (Nordrhein-Westfalen) bei einem Fototermin zur Internationalen Süßwarenmesse (ISM) auf einem Tisch. Bei der ISM zeigen vom 27. bis 30. Januar 1400 Anbieter aus 65 Ländern ihre Produkte. Foto: Henning Kaiser/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Foto: Henning Kaiser / dpa

Puffiger Snack-Fact 3: Außer in Deutschland und Israel (dort unter dem Namen "Bamba") ist der salzige Erdnuss-Mais-Snack in dieser Form weltweit quasi unbekannt. In den USA und Dänemark aromatisiert man Maispuffer lieber mit Käsegeschmack, in Polen und Japan isst man sie bunt und süß. 

Vielleicht ist es aber gerade diese Traditionsbewusstheit, die den (nach zwei Stunden an der frischen Luft zunehmend an sprödes Verpackungs- oder Dämmmaterial erinnernden) Erdnuss-Snack bei den selbst häufig als spröde verschriehenen Deutschen so beliebt macht: 

In einer Welt, die sich konstant ändert, ist der Erdnussflip seit über 50 Jahren Jahren derselbe geblieben und trotzt den Verlockungen und gefühlten Gefahren der Globalisierung.

Das kann man als Fortschrittsfeindlichkeit abtun. Oder als essbaren Rettungsring für alle sehen, die sich zunehmend verloren fühlen und nach Halt und Sicherheit suchen. Wobei, vielleicht nicht als Rettungsring, sondern eher als Poolnudel – die ist texturell nicht allzuweit entfernt. 

Dein Urteil zum Erdnussflip?

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.