Die Falschparkerin Ex-Pianistin lebte 23 Jahre lang in ihrem Auto

Eine glänzende Pianistin hätte sie werden können, doch Anne Naysmith war es leid von früh bis spät zu üben. Als sie ihre Miete nicht mehr bezahlen konnte lebte sie in ihrem Auto - 23 Jahre lang.

Von Hauke Goos


Warnungen hatte es genug gegeben. Nachbarn hätten sich beschwert, hieß es; die Verwaltung im Londoner Stadtteil Hounslow wolle das Auto entfernen lassen. Sogar ein Termin sei festgelegt worden: Donnerstag, 7. März, vormittags.

Anne Naysmith, 65, sah keinen Grund, sich Sorgen zu machen. Das Fahrzeug war ordentlich zugelassen, sie besaß einen Führerschein, sie hatte nie einen Unfall verursacht. Warum sollte ihr jemand den Wagen wegnehmen wollen?

Am 7. März verließ sie ihr Auto wie immer gegen acht Uhr morgens. Die Sonne schien, als der Abschleppwagen den blauen Ford Consul gegen elf auf den Haken nahm, eingehüllt in Plastikplane wie in einen Müllsack. Der braune Umschlag mit der richterlichen Anordnung steckte ungeöffnet an der Windschutzscheibe.

Anne Naysmith zog sich auf einen nahe gelegenen Parkplatz zurück, wo sie sich unter Büschen ein Lager einrichtete. Sie wolle ihr Auto zurück, sagte sie. Sie glaube an Recht und Gesetz. Schließlich sei der Wagen ihr Eigentum.

Sie beschloss zu warten. In ihrem früheren Leben hatte sie gelernt, dass man hartnäckig sein muss, wenn man etwas erreichen will.

Als kleines Mädchen spielte sie so hervorragend Klavier, dass ihre Mutter von einer Solistenkarriere zu träumen begann. Mit acht gewann sie einen Platz an der Royal Academy of Music, wenig später trat sie zum ersten Mal in einem öffentlichen Konzert auf.

Es gibt ein Plakat, das ihren Auftritt in der Londoner Wigmore Hall ankündigt, für Mittwoch, den 14. Februar 1968. Unter die großen Blockbuchstaben ihres Namens hatte der Veranstalter zwei Kritikerstimmen gesetzt. Der "Daily Telegraph" lobte die Wärme ihres Spiels, die "Times" ihre klare, saubere Fingertechnik. Die Zukunft fühlte sich gut an.

Anne Naysmith zog in den feinen Stadtteil Chiswick im Westen Londons; in Prebend Gardens, einer kleinen, platanengesäumten Seitenstraße, mietete sie in der Nr. 22 eine Wohnung. Sie unterrichtete Musik und Klavier, und bald leistete sie sich ein eigenes Auto: einen taubenblauen Ford Consul, mit Linkslenker, für 800 Pfund.

Doch mit der Zeit wurde ihr das Korsett aus Übungsstunden und Auftritten lästig. Anne Naysmith hörte auf, Unterricht zu geben, das Geld wurde knapp. Als sie ihre Miete nicht mehr bezahlen konnte, verkaufte der Vermieter ihr Klavier und setzte sie vor die Tür.

Anne Naysmith war empört. Sie beschloss, so lange in ihrem Ford zu wohnen, bis sie zurückkehren dürfte ins Haus Nr. 22, eine Frage der Gerechtigkeit. In ein paar Tagen, hoffte sie, sei die Sache erledigt.

1979 war das. Im Mai übernahm Margaret Thatcher das Amt der Premierministerin. Die Wohnung in Nr. 22 wurde neu vermietet. Anne Naysmith wohnte in ihrem Ford, als britische Soldaten in den Falkland-Krieg zogen, und sie wohnte immer noch dort, als Margaret Thatcher sich den Spitznamen "Eiserne Lady" verdiente. Es war nicht die beste Zeit, um für Mieterrechte und gegen soziale Ungerechtigkeit zu kämpfen.

Jahre vergingen. Auf Margaret Thatcher folgte John Major, auf Major folgte Tony Blair. Als Blair in seiner Regierungserklärung versprach, das System der sozialen Absicherung zu modernisieren, wohnte Anne Naysmith noch immer in ihrem Ford.

In Prebend Gardens hatte sich inzwischen einiges getan. Viele Alteingesessene waren fortgezogen. Gekommen waren Schauspieler, Fernsehleute und Künstler, die kein Problem darin sahen, für ein zweigeschossiges viktorianisches Backsteinhaus in einer platanenbestandenen Straße ein kleines Vermögen zu bezahlen.

800 000 Pfund, rund 1,25 Millionen Euro, kostet hier mittlerweile ein Haus. Die Zugezogenen zeigen eine auffallende Vorliebe für deutsche Importautos der Marken Audi, Mercedes und Porsche. Sie haben kein Interesse daran, sich den Wert ihrer Immobilie durch eine ältere Frau in ihrem Auto versauen zu lassen.

Ein Brief markierte die Wende. Eine Anwohnerin, neu zugezogen, schickte ihn an alle Nachbarn. Sie wisse natürlich, wie wichtig das Auto für Miss Naysmith sei. Gleichzeitig sei es eine Tatsache, dass der Wagen "ein Gesundheitsrisiko" darstelle. Die ältere Frau füttere dort Tauben, und außerdem habe man beobachtet, wie Ratten unter dem Auto hervorgekommen seien.

Die Verantwortlichen bei der Stadtverwaltung beschlossen zu handeln. Sie hatten keine Wahl. Sie boten Anne Naysmith mehrere Wohnungen an. Sie lehnte jedes Mal ab. Sie wolle zurück in die Nr. 22. Ansonsten solle man sie in Ruhe lassen.

Dann kam der 7. März. Als der Abschleppwagen den alten Ford anhob, war von Ratten nichts zu sehen.

Inzwischen sind fast drei Monate vergangen. Die Platanen in Prebend Gardens stehen in vollem Laub, die Stelle, an der Anne Naysmiths Auto stand, ist nicht mehr zu erkennen.

Sie könne ihr Auto sofort zurückbekommen, teilten die Behörden mit. Sie müsse nur ein Formular unterschreiben. Anne Naysmith lehnte auch das ab. Sie betrachte den Wagen als gestohlen. Sie hofft, die Behörden werden den Diebstahl irgendwann zugeben.

Die Hoffnung wird man ihr nicht nehmen können.



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