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EMANZIPATION Die Feministin und der Knabe

aus DER SPIEGEL 43/2003

Kein Kind mehr und noch nicht Mann, der Knabe als ästhetisches Objekt der Begierde verlockte seit je die Künstler. Auch die Feministin Germaine Greer, 64, konnte nicht widerstehen und widmete dem Phänomen jungenhafter Schönheit einen Prachtband mit Porträts aus mehreren Jahrhunderten. Eine »muntere Mischung aus Kunstgeschichte und Coffeetable-Erotika« nannte der Kritiker des »Guardian« den Bildband, hiesige Rezensionen nahmen vor allem die kunstgeschichtliche Schlampigkeit der Greerschen Prämissen übel. Nun bekommt die Streiterin für das Recht der Frau auf den erotischen Blick auch noch moralischen Gegenwind - und zwar aus Stockholm. Dort sah der 48-jährige Musiker Björn Andresen das Buch »The Boy« (auf Deutsch als »Der Knabe« beim Gerstenberg Verlag erschienen) und war nicht erfreut. Denn auf dem Cover entdeckte er ein Konterfei von sich selbst als 15-Jährigem, aufgenommen in einer Zeit, die den Schweden bis heute verfolgt: Andresen wurde als überirdisch schöner Knabe Tadzio in Luchino Viscontis Thomas-Mann-Verfilmung »Tod in Venedig« von 1970 weltberühmt und galt lange als der »schönste Junge der Welt«. Ein Lebensabschnitt, von dem er ebenso gern loskommen würde wie von seinen persönlichen Erinnerungen an die Homosexuellen-Clubs, in die Visconti ihn mitnahm. Mit seinem frühen Starruhm möchte Andresen nichts mehr zu tun haben. Dass nun ausgerechnet eine Feministin den schönen Jungen, der er einmal war, als Lustobjekt in die Öffentlichkeit zurückzerrt, sieht er als »Ironie der Geschichte«. An dem Buch interessiert Andresen nur eine Kleinigkeit: Greer hätte ihn fragen müssen. Und wenn sie ihn gefragt hätte, hätte er Nein gesagt.

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