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PSYCHOLOGIE Die Frau ohne Körper

Im Bosnien-Krieg wurden zehntausende von Frauen vergewaltigt. Die kroatische Autorin und Journalistin Slavenka Drakulic beschreibt nun die Leiden der Opfer.
aus DER SPIEGEL 39/1999

Frauenraum - das Wort klingt so unscheinbar und sachlich: nach einem Ort etwa, an den sich Frauen zurückziehen, um sich nachzuschminken oder mit den Freundinnen die draußen wartenden Männer durchzudiskutieren.

In Kroatien, Bosnien und im Kosovo gab es viele Frauenräume. In Bosnien allein waren es mindestens 19. Mädchen und Frauen wurden dort wochen- und monatelang gefangen gehalten und Nacht für Nacht von serbischen Soldaten vergewaltigt. Frauenräume waren während des Jugoslawien-Krieges sexuelle Vorratslager, aus denen sich Offiziere und verdiente Kämpfer bedienen konnten.

Anfangs gab es nur Gerüchte über diese Vergewaltigungscamps; Gerüchte, die zu spektakulär in ihrem Grauen waren, als dass sie glaubwürdig erschienen wären. Dann erzählten die ersten Opfer davon in den Flüchtlingslagern, danach berichteten die Zeitungen; im Dezember 1992 verurteilte die Uno-Menschenrechtskommission »die systematische Praxis« von Vergewaltigungen.

Zu dieser Zeit dachte die kroatische Journalistin und Schriftstellerin Slavenka Drakulic darüber nach, solche Berichte zu sammeln und in einem Dokumentationsband zu veröffentlichen. In Zagreb traf sie im Flüchtlingslager 20 Frauen, die ihre schrecklichen Erlebnisse schilderten: Dauervergewaltigungen vor den Augen der Mütter, der Kinder, Verstümmelungen, Erschießungen. Manche ertrugen die Erinnerungen so wenig, dass sie von sich nur in der dritten Person sprechen konnten.

Bei den ersten Interviews war Drakulic schockiert, bei den nächsten bewegt und schließlich abgehärtet. Sie stellte fest, dass die Berichte »emotionslos, trocken und monoton wirkten und keinen Einblick in den Schrecken gaben« und nicht geeignet seien, Leser zu finden und aufzurütteln. In der psychologischen Fachliteratur las sie, dass diese Gefühlsabwehr eine typische Schutzreaktion von Verbrechensopfern ist. Sie gab das Buchprojekt auf.

Sieben Jahre später hat Drakulic, 50, doch noch eine Möglichkeit gefunden, über Vergewaltigung im Krieg zu schreiben: in einem Roman. »Als gäbe es mich nicht« ist gerade erschienen und schildert das Leiden im Frauenraum. »Es ist mein achtes Buch und mein vierter Roman«, sagt Drakulic, »und es war das Schwerste von allen.« Ziel des Buches ist es: das, was vergewaltigte Frauen das Unbeschreibliche nennen, zu beschreiben*.

Hauptfigur des Romans ist eine 29-jährige Grundschullehrerin, die zu Kriegsbeginn aus Sarajevo in ein bosnisches Bergdorf geflohen ist. »S.« nennt Drakulic sie, weil jede diese Frau sein könnte, also auch sie selbst, Slavenka. Sie schildert das Geschehen aus deren Perspektive, dringt dabei in die Psyche von S. ein und analysiert, kommentiert deren Gedanken, Gefühle und Ängste unter dem Aspekt: Wie erlebt ein Mensch seine allmähliche körperliche und seelische Zerstörung?

Der Körper ist auch in ihren früheren Romanen Thema: In »Das Prinzip Sehnsucht«, 1989 auf Deutsch erschienen, schilderte die Schriftstellerin ihr Warten auf die Nierentransplantation; »Das Liebesopfer« (1997) zeigt Kannibalismus als ultimative Konsequenz psychopathisch-possessiver Leidenschaft. »Marmorhaut« (1998) handelt davon, wie ein pubertierendes Mädchen seine Sexualität entdeckt und mit der Mutter um den Liebhaber konkurriert. Mit »Als gäbe es mich nicht« behandle sie einen weiteren Aspekt der Körper-Thematik, sagt Drakulic: die Psyche einer vergewaltigten Frau, die den Kontakt zu ihrem Körper abbricht.

Frühmorgens im Mai 1992 sind die serbischen Soldaten plötzlich da. Im Halbschlaf hört S. Stimmen, auch die ihrer Nachbarin, die bettelnd »Tu''s nicht« sagt. S. fühlt sich sicher, denn sie glaubt, die Serben wollten nur ihren Goldschmuck. Wenn überhaupt. Doch als sie gerade einen Kaffee kocht, tritt ein junger Soldat die Wohnungstür auf. »Erst in diesem Moment fällt ihr ein, dass sie hätte fortlaufen können.« Die Angst hat sie schon gelähmt, bevor der Schrecken wirklich begonnen hat. »Mehr als alles entsetzt S. ihre Unterwürfigkeit, ihre Bereitschaft, den Befehlen bedingungslos zu gehorchen.«

Die Serben treiben die Dorfbewohner in der Turnhalle zusammen. Ein Vater wird

* Slavenka Drakulic: »Als gäbe es mich nicht«. Aus dem Kroatischen von Astrid Philippsen. Aufbau-Verlag, Berlin; 208 Seiten, 36 Mark.

mit dem Gewehrkolben niedergeschlagen.

20 Männer werden abgeführt und erschossen. Später lassen sich die Frauen widerstandslos in einen Bus verladen. »S. weiß, mit diesem Autobus übersiedelt sie von einer Wirklichkeit in eine andere.« Als der Bus nachts hält und die Frauen zum Pinkeln in den Wald geschickt werden, flieht keine einzige.

In der großen Lagerhalle einer Fabrik werden die Frauen untergebracht. Sie schlafen auf dem Betonboden, sie verrichten ihre Notdurft gruppenweise auf einem Feld, sie streiten sich um den einzigen Wasserhahn, sie essen trockenes Brot und Salami. Sie erzählen sich Gerüchte über das Männerlager: Gefangene würden dort lebendig zerstückelt. S. hält Distanz. Sie will nichts hören, nichts glauben. Sie will ihre Integrität und Würde nicht verlieren, weil diese die letzte Erinnerung an ihre frühere, menschlichere Welt sind.

Dass die Soldaten ab und zu Mädchen aus der Halle holen und diese nicht mehr auftauchen, erfährt S. nach einigen Tagen. Sie stellt sich vor, wie sie selbst sich wehren würde, wenn ein Wachtposten käme, um sie in den Frauenraum zu bringen. Doch als tatsächlich einer auf sie zeigt, steht sie auf und geht ihm hinterher. Die Passivität ist eine Mauer, hinter der sich die Person S. versteckt.

Als sie von drei Männern auf dem Schreibtisch vergewaltigt wird, beobachtet S. eine Fliege, die an der Wand hoch- und runterläuft. »In dem Moment sieht sie ihre in die Luft gehobenen Beine und dazwischen einen Männerkopf.« S. will überleben, auch psychisch, und das ist nur möglich, wenn sie sich abspaltet von dem, was ihr geschieht. Die Soldaten schlagen sie, zwingen sie, ihren Urin zu trinken. S. wird bewusstlos.

Als sie nach Tagen aus dem Fieberschlaf aufwacht, liegt sie im Frauenraum - ein kahles Zimmer mit vernagelten Fenstern, auf dem Boden Matratzen, dahinter ein Waschraum mit Dusche. Gefaltete Wäsche und Tischdecken sind Überreste eines vergangenen Alltags. Neun Frauen werden im Frauenraum gefangen gehalten. Jede Nacht kommen neue Soldaten, um sie sich zu holen, zeigen wahllos auf eine. Die Betrunkenen sind die Schlimmsten. Nicht alle Frauen kehren zurück.

Ihr Körper gehört nicht mehr S., er ist ein fremder Gegenstand. »Sie glaubt, ihre Haut rieche nach Sperma und Speichel. Ständig wäscht sie sich mit Seife und warmem Wasser.« Der Gestank bleibt. Eines Tages aber beginnt S. sich zu schminken, um sich eine neue, falsche Identität als Verführerin zu geben - wer verführt, wird nicht vergewaltigt, lautet die Logik dieses Selbstbetrugs.

Doch seltsamerweise funktioniert die Strategie. Vielleicht liegt es auch daran, dass S. die einzige Universitätsabsolventin im Frauenraum ist: Der Lagerkommandant nimmt sie sich als Geliebte. Sie reden, sie essen, sie schauen Fernsehen, er schläft mit ihr, sie übernachtet in seinem Bett, sie täuschen gemeinsam Normalität vor. Sie weiß, dass er ein Killer ist. Sie könnte ihn nachts, wenn er eingeschlafen ist, erschießen. Aber sie tut es nicht, weil das ihren eigenen Tod bedeuten würde und weil sie sich durch die gemeinsame Lüge, ein Liebespaar zu sein, verbündet haben.

Im November 1992 wird S. gemeinsam mit den anderen Frauen freigelassen. Es ist ein Gefangenenaustausch. Im Zagreber Flüchtlingscamp erfährt sie, dass sie im fünften Monat schwanger ist. »Im Bauch spürt sie zum ersten Mal die Last. Sie ist da, tief innen, wie ein Stückchen Blei. Ein Tumor, der wächst, sich ausbreitet und immer sichtbarer wird.«

Wie ein Kind, das nach einer Vergewaltigung geboren wurde, ermordet wurde, hat S. schon beobachtet, entsetzt und gleichzeitig verstehend. Ob sie ihr Kind behalten soll oder nicht, ist die zentrale Frage des Romans, denn sie bedeutet: Kann ein Mensch eine so entsetzliche Erfahrung in sein Leben integrieren?

Die Wirklichkeit beantwortet die Frage mit Nein. Über die Zahl der Schwangerschaften nach Vergewaltigungen in Bosnien schwanken die Schätzungen zwischen 119 und 30 000; in Albanien gaben Uno-Mitarbeiter an Kosovo-Flüchtlinge die Pille danach aus, Protesten des Vatikans zum Trotz. Wer nicht mehr abtreiben konnte, gab das Kind zur Adoption frei. Nur in Einzelfällen entschieden sich vergewaltigte Frauen dafür, ihr Kind großzuziehen.

Die Fakten ihres Romans, sagt Drakulic, stimmten, auch wenn sie die Beschreibung des Lagers und des Frauenraums aus verschiedenen Zeugenaussagen zusammengesetzt hat. Produkt der Phantasie sei allein das innere Erleben ihrer Hauptfigur. Und doch gelingt es der Autorin, überzeugend vorzudringen in die Zerrissenheit zwischen Schrecken und Verdrängung, zwischen Angst, Hass und Abspaltung aller Gefühle.

Gelegentlich geraten ihr dabei die Beschreibungen und die Interpretationen der psychischen Abwehrmechanismen überdeutlich, manchmal rutscht Drakulic ins Pathetische. Ihr Ziel, das Unbeschreibliche der Vergewaltigung beschreibbar zu machen, das Entsetzen, die innere Erstarrung und die Entfremdung vom Körper fühlbar werden zu lassen, erreicht sie dennoch.

Ein psychologisches Buch habe sie schreiben wollen, kein politisches - und hat trotzdem einen Anti-Kriegsroman verfasst. Ihre Ansichten zum Krieg, erklärt Drakulic, könne sie direkter als Journalistin äußern. Sie arbeitet für die »Frankfurter Allgemeine«, »The New Republic« in den USA, »La Stampa« in Italien und »Aftonbladet« in Schweden.

Bis 1991 arbeitete sie im Kulturressort des eher regierungskritischen Zagreber Nachrichtenmagazins »Danas«. Dann wurde das Blatt privatisiert, der neue Besitzer schwenkte auf die nationalistische Linie des Staatschefs Franjo Tudjman um und feuerte die gesamte Redaktion.

Für Drakulic war das der Beginn ihrer internationalen Karriere, denn ihr blieb nichts anderes übrig, als für ausländische Zeitungen zu arbeiten. Da hatte sie dann ausführlich Gelegenheit, Tudjmans Politik zu attackieren. Seitdem, sagt sie, »bin ich für die offiziellen Blätter eine Dissidentin«.

Wie die kroatische Kritik reagieren wird, wenn sie den demnächst in Kleinauflage erscheinenden Roman überhaupt rezensiert, hat Drakulic sich schon ausgemalt. »Sie werden sagen: Warum ist S. Muslimin? Wir haben doch genug kroatische Frauen, die im Krieg vergewaltigt wurden.« MARIANNE WELLERSHOFF

* Slavenka Drakulic: »Als gäbe es mich nicht«. Aus demKroatischen von Astrid Philippsen. Aufbau-Verlag, Berlin; 208Seiten, 36 Mark.

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