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Die Geächtete und ihr Arzt

SPIEGEL-Redakteurin Ariane Barth über die Drogenabhängige Katharina S. *
aus DER SPIEGEL 6/1986

Wir kannten uns schon in der Kindheit. Katharina S. war eines dieser bürgerlichen Prinzeßchen gewesen, die alles nur vom Besten haben sollten, das gesmokte Kleidchen aus der Hamburger Kinderstube und die gesmokte Zukunft dazu.

Als sie nun, 37 Jahre alt, meine Hilfe suchte, mangelte es ihr so gut wie an allem: Sie hatte keine Arbeit und auch keine Beziehungen mehr zu den etablierten Kreisen, aus denen sie stammte, sie hatte noch nicht einmal Freunde, der einzig wichtige Mensch in ihrem Leben war ihr Kind. Sie wohnte trostlos in Sperrmüll, sie war ärmlich angezogen, sie hatte eben zu essen, das Existenzminimum der Sozialhilfe.

So heruntergekommen war Katharina S. durch Drogen und paradoxerweise ebenso durch unseren Kampf gegen Drogen. Auf diesem Gebiet herrscht, so mußte ich erkennen, in unserer Gesellschaft ein Geist wie einstmals bei »der Hexen- oder Ketzerverfolgung«. Diese Anklage erhebt der Jurist Stephan Quensel, der in Bremen Professor für Resozialisierung und Rehabilitation ist. Er gehört zu einem kleinen Kreis von Leuten, die eine Änderung »unserer so durch und durch reaktionären und tumben Drogenpolitik« verlangen, aber damit nicht durch die große Verdrängung ins öffentliche Bewußtsein gelangen, derart verboten sind ihre Gedankengänge.

Gibt es ein Menschenrecht auf Drogen? Auch ich hätte glühend nein gerufen, bevor mir Katharina S. mit ihrem Schicksal nahekam.

Es war für mich ein Schock, sie aus Versehen ausgezogen zu sehen, war doch ihr Körper übersät von Narben, größer als ihre Hand die eine am Gesäß: Leidensmerkmale ihrer jahrelangen Sucht nach Heroin, die sie mir nun bekannte, so nackt und hilflos, wie sie dastand. Der nächste Schock folgte sogleich: Katharina S. stand in diesem Moment unter der Wirkung einer Ersatzdroge, die ihr ein Arzt verschrieb.

Daß sie überhaupt noch am Leben sei, sagte sie, verdanke sie diesem Arzt. Sie hatte, bevor er ihr half, tagelang wimmernd auf ihrer Matratze gelegen und ihr »Ei« ausgebrütet. So nannte sie ihrer Tochter gegenüber die Geschwüre, die sich regelmäßig an ihrem Körper bildeten und sehr weh taten, wenn der Eiter nach außen durchbrach.

Die Politik der Kriminalisierung gewisser Drogen hat nicht bewirkt, daß es diese Drogen bei uns nicht gibt. Vielmehr existiert eine Elendsheerschar von vielleicht 50000, vielleicht auch 90000 unter Heroin - Zerstörte, die eine ganze Stadt so groß wie Goslar oder Trier füllen würden. Unsere Politik hat aber bewirkt, daß die Idee des freien Marktes auf dem Drogen-Schwarzmarkt zur Bösheit pervertiert, weshalb Endverbraucher wie Katharina S. kein sauberes Heroin kaufen können.

Der Stoff ist immer mit irgendwelchen Substanzen gestreckt, mit Mehl, Gips, Ata oder Babypuder, bestenfalls mit Traubenzucker, gemeinerweise manchmal mit Arsen, oftmals mit verschiedenen Beimischungen, weil in der Regel auf jeder nächstniederen Stufe des Zwischenhandels eine wundersame Vermehrung geschieht. Auf diese Weise wird die Verdienstspanne höher, und sie muß hoch sein, um das Risiko der Kriminalität abzudecken und im Kleinhandel auch noch so manchen Eigenbedarf zu finanzieren.

Unserer Politik der Suchtabwehr ist ferner zuzuschreiben, daß in Apotheken nur schwer Einwegspritzen zu haben sind. Obwohl spottbillig, sind diese Dinger in der Drogenszene derart rar, daß sie mehrfach und von mehreren gleichzeitig benutzt werden. So hat sich dort die Hepatitis ausgebreitet und breitet sich nun Aids aus. Nicht nur durch die Nadel, auch über die Prostitution haben Süchtige beiderlei Geschlechts das Virus eingefangen, und so werden sie es auch weitergeben, weil sie den durch Wachsamkeit unserer Polizei hochgetriebenen Preis für ihre Drogen anders nicht finanzieren können.

Nein, diesen fatalen Mechanismus hatte ich mir nicht klargemacht, bevor mich jene bleiche Narbe dazu brachte, warum und immer weiter warum zu fragen.

Durch unsterile Spritzen und verschmutzten Stoff bekam Katharina S. ständig Abszesse, deren letzter beinahe auch ihr Ende bedeutet hätte. Es war, wie wenn ein heißer Schmerz ihre rechte Seite zerrisse, als die Betäubung durch ihr letztes Heroin aufhörte und dazu noch das Entzugsbohren in jeder Nervenzelle sie zittern und klappern ließ, während sie zugleich, schwer erkältet, bellend husten mußte. Katharina S. brauchte dringend Hilfe. Wohin aber sollte eine Geächtete wie sie sich wenden? Sie rief eine Bekannte aus der Drogenszene an, die ihre Sucht damit finanzierte, Bestellungen für einen Dealer anzunehmen und auszufahren. Das Telephongespräch brachte sie später vor Gericht, denn jenes Mal hörte die Polizei mit. Das Protokoll vermerkte ihren Husten. Für _(Philadelphia Museum of Art, Smith Kline ) _(Beckman Corporation Fund. )

100 Mark bekam sie ein Präparat mit dem Wirkstoff Codein gebracht, das regulär gegen Husten verordnet wird, das sie aber schon früher mehrfach genommen hatte, um über den Entzug von Heroin hinwegzukommen.

Der Dealer ließ seine Unterhändlerin zwar das kleine Geschäftchen machen, erbarmte sich aber der Katharina S., vor allem wohl wegen ihrer kleinen Tochter, die völlig verstört über den Zustand ihrer Mutter war und sich mit Milch und Müsli selbst versorgte, und gab ihr den Tip, wo es das Zeug umsonst gebe: bei Dr. Gorm Grimm. Katharina S. betäubte mit den letzten Kapseln, die sie noch hatte, ihren Schmerz, rappelte sich auf und fuhr von Hamburg nach Kiel. Dort, in der Vorstadt Wellsee, hat Grimm eine ganz normale Kassenpraxis als praktischer Arzt, nur daß zwischen allerlei gesetzten Patienten stets ein paar bunte Vögel aus der Drogenszene im Wartezimmer sitzen (inzwischen aber Aufnahme-Stopp besteht).

Grimm, den auch ich später kennenlernte, hatte so einen Abszeß wie bei Katharina S. zuvor nur auf medizinischen Photos aus dem Ersten Weltkrieg gesehen. Er fand ihren Zustand derart beängstigend, daß er sie sofort in ein Krankenhaus einweisen wollte. Sie weigerte sich aber, weil sie panische Angst hatte, daß ihre Sucht der Polizei bekannt würde und die ihr das Kind wegnehmen könnte.

Für den Arzt war es ein bewegender Moment, den er noch immer, wie er mir eineinhalb Jahre später erzählte, stark nachempfände, als sich Katharina S. aus seinem Sprechzimmer schleppte und er ihr, hinweg über die Schale mit Eiter, der aus ihrem Körper geflossen war, ein Viertelliter wohl, nachsah und nachsann: Ob sie es wohl schaffen würde? Wenn sie aber sterben müßte, so stürbe sie an der Illegalität, in die sie unser Staat getrieben hat.

Für Katharina S. war dieser Moment noch bewegender: »Es war wie eine Wiedergeburt, ich fing neu zu leben an.« Humpelnd noch, aber unendlich erleichtert, ging sie in die Apotheke nahebei, wo sie auf Rezept der Allgemeinen Ortskrankenkasse das Antibiotikum Tetrazyclin erhielt und 210 Codein-Kapseln Remedacen.

Katharina S. tauchte aus einem Sumpf von Kriminalität und Bestialität auf in die Legalität.

Codein ist ein aus dem Mohn gewonnenes Opium-Alkaloid, das zwar verschreibungspflichtig ist, aber nicht unter die sehr viel strengeren Bestimmungen des Betäubungsmittelgesetzes fällt wie Heroin und andere Produkte aus dem berauschenden Saft dieser Pflanze. Während Heroin in die Kategorie der überhaupt nicht verschreibungsfähigen Drogen eingeordnet ist, sind verschiedene andere Opiate zur Leidenslinderung zugelassen. Ihre Abgabe an Abhängige ist weder ausdrücklich erlaubt noch verboten, doch was bei dieser Klientel »ärztlich begründet« ist, wie es im Gesetz heißt, ist derart umstritten, daß kaum ein Arzt es wagt, sich durch ein eventuell unbegründetes Rezept strafbar zu machen.

Obwohl Grimm sich noch nicht einmal auf dem unsicheren Terrain des Betäubungsmittelgesetzes bewegte, fing die Staatsanwaltschaft an, gegen ihn zu ermitteln, und zwar wegen (höchst seltsam konstruierter) Umgehung eben dieses Gesetzes, dazu noch wegen Schädigung der Volksgesundheit im allgemeinen und Körperverletzung bei einzelnen seiner Patienten. Drei Polizisten kamen mit einem Durchsuchungsbefehl für seine Praxis und seine Wohnung. Die Beamten, Grimm schilderte sie als »höflich und dezent«, photokopierten acht Patientenkarteien, genierten sich aber, die angeordnete Leibesvisitation zu vollziehen, der Arzt kam ihnen denn doch zu seriös vor. Zwei voluminöse Akten wurden produziert, bis schließlich das Verfahren nach beinahe drei Jahren im letzten November still eingestellt wurde.

Noch aber ist Grimm ein Buhmann für die schleswigholsteinische Ärztekammer, die gegen ihn Anklage vor dem Berufsgericht erhob. Außerdem fordern Krankenkassen Regreß für abgerechnete Arzthonorare und Schadensersatz für die Codein-Rezepte, die sie den Apotheken hatten einlösen müssen.

Was all diese Institutionen in Verfahren gegossen haben, ist genau die Empörung, die auch ich zuerst empfunden hatte: Ein Arzt als Dealer und der Stoff auf Kassenrezept, das durfte doch nicht wahr, das mußte doch verboten sein. Ich wollte Grimm die Meinung sagen, und da er interessiert war, mir als Journalistin seine Meinung zu seiner Verfolgung zu sagen, kam er mich an einem Sonntag besuchen, zu Tee und Kuchen, den Katharina S. gebacken hatte.

Ich kann nicht sagen, daß er mir auf Anhieb sympathisch war. Aber je mehr er sich erklärte, desto besser habe ich ihn verstanden. In mir vollzog sich ein Prozeß des Umdenkens, den sein gerade erschienenes Buch »Die Lösung des Drogenproblems« noch vertiefte. _(Gorm Grimm: »Die Lösung des ) _(Drogenproblems«. Buchverlag Wolf ) _(Pflesser, Flintbek bei Kiel; 252 Seiten; ) _(28 Mark. )

Auf das aus der Natur stammende Codein übertrug Grimm die internationalen Erfahrungen mit dem pharmakologisch überaus ähnlichen Methadon, einem synthetischen Opiat, das in Deutschland während des Zweiten Weltkriegs erfunden (und Polamidon genannt) wurde. 1963 hatten der US-Pharmakologe Vincent Dole und die Psychiaterin Marie Nyswander das Methadon erstmals als Ersatz ("Substitution") für Heroin erprobt.

Zwanzig Jahre später, als ein eigens berufener Rat dem US-Gesundheitsministerium über den Stand der Wissenschaft berichtete, lebten an die 85000 Bürger mit der legalen Droge. Es lagen Erfahrungen über 1,5 Millionen Patienten-Jahre vor. Unter den Experten gab es »einmütige Zustimmung, daß Methadon sicher ist«. Nach verschiedensten Studien schädigte das Methadon weder Leber noch Lunge, Herz oder Nieren und auch nicht die Augen.

Ebenso gutachtete 1984 eine schweizerische Kommission, die mit Gründlichkeit die Berge wissenschaftlichen Materials gesichtet hatte, für die Berner Regierung, »daß eine adäquate Methadondosierung unter ärztlicher Kontrolle auch bei langjähriger Anwendung kaum und insbesondere keine irreversiblen Gesundheitsschäden bewirkt«.

Das gilt offenbar auch, wenn Mütter während der Schwangerschaft Methadon erhalten oder von Heroin auf Methadon umgestellt werden, während Heroin-Entzüge bei Schwangeren außerordentlich negative Folgen für den Fetus hatten. »Generell« bewerteten die Schweizer Experten »das Mißbildungspotential der Opiate einschließlich Methadon als sehr gering«.

Vier Patientinnen von Grimm, die sich in der Situation wie Katharina S. befanden, gingen mithin kein sonderliches Risiko ein, als sie unter Codein schwanger wurden. Alle vier haben gesunde Kinder geboren, deren Lebensbeginn allerdings mit einem Drogenentzug belastet war, zusätzlich zum natürlichen Entzug von Fruchtwasser und Mutterwärme.

Vom Alkohol dagegen ist zu beklagen, daß auf sein Konto in der Bundesrepublik jedes Jahr an die 3000 geschädigte Kinder gehen. Die Lieblingsdroge unserer Gesellschaft kann den Nachkommen Schrumpfkopf und Trichterbrust, Deformationen des Gesichts und der Genitalien, dazu noch geminderte Intelligenz zuweisen. Längst übersteigt das Ausmaß der vorgeburtlichen Alkoholschäden das, was wir als Contergan-Katastrophe in Erinnerung haben.

Seltsam unberührt von den Nebenwirkungen des Alkohols, der als starkes Zellgift bei Erwachsenen nicht nur die Leber, das Nervensystem und die Speicheldrüsen schädigt, sondern auch noch Gehirnzellen absterben läßt, prostet sich unsere Gesellschaft zu, hieß sie doch die anderen Dämonen jagen. Unsere Mitleidslosigkeit war erwünscht, amtlich eingeführt wurde das Psychohydraulik-Modell: Leiden, leiden und nochmals leiden sollten die Süchtigen nach Heroin, denn nur wenn ihr Leiden unerträglich würde, schwörten sie ab.

Vor allem, weil Methadon den sogenannten Leidensdruck mindere und damit die Motivation zur Abstinenz-Therapie schwäche, lehnten das Bonner Gesundheitsministerium ebenso wie die Hammer Hauptstelle gegen die Suchtgefahren Substitutionsprogramme ab. Diese Logik hatte etwas Bestechendes an sich. Dem hält Grimm nicht minder logisch entgegen, daß am Ende so einer Leidenstalfahrt manch einem überhaupt nicht mehr zu helfen sei.

Es kommt nicht von ungefähr, daß die Erfolgsrate therapeutischer Einrichtungen so niedrig ist, nach ihrer eigenen Einschätzung nur 30 Prozent, was unter Experten auch noch als geschönt gilt.

Über die nicht selten hübschen Häuser und Höfe in idyllischer Umgebung, deren Prospekte die heile Welt der Entwöhnung verherrlichen und der Allgemeinheit den Eindruck vermitteln, wie generös doch mit ihren Geldern für die reuigen Sünder gesorgt werde, fiel der Arzt mit unverhohlener Wut her.

Das vorherrschende Konzept, die sogenannte Suchtpersönlichkeit zu zerschlagen und auf dem »Nullstatus« oder auch der »Babyphase« den neuen, nüchternen Menschen aufzubauen, erscheint ihm als ein Boden für Verletzungen der Menschenrechte. Eine Reihe seiner Patienten hat ihm von unglaublichen Demütigungen und Erniedrigungen erzählt, wobei das Kahlscheren noch zu den harmlosen zählt, von exorzistischen Ritualen wie aus finsterer Zeit ebenso wie von modernen Methoden der Gehirnwäsche.

Das deckt sich mit Kritik, die neuerdings auch aus den Reihen von Fachleuten kommt. Der Frankfurter Soziologe Sebastian Scheerer etwa prangerte eine »Regression ins Mittelalter« an, die im Namen von Therapiezielen stattfinde. Deren Mitarbeiter könnten sonst verbotene Strafphantasien ausleben, und das »in methodischem Gewand und staatlich subventioniert«. Scheerer: »Der Therapie-Dschungel ist schon längst ein Garten der Lüste.« Auch dem Berliner Professor für Rechtsmedizin. Friedrich Bschor, ist aufgefallen, daß manche Therapeuten geradezu magisch von Suchtkranken angezogen würden, weil sie an der sozial niedergemachten Klientel ihre Dominanzbedürfnisse leichter befriedigen könnten.

Es ist Prinzip, daß ein Neuankömmling erst einmal zum Nichts gemacht wird, um dann in einer Hierarchie aufzusteigen, die von Kapos und Oberkapos abgesichert wird, wie in Kriegsgefangenen- oder auch Konzentrationslagern üblich. Grimm glaubt nicht, daß in so einem Klima interner Gewaltsamkeit menschliche Beziehungen gestaltet werden können.

Die im Verlaufe von eineinhalb Jahren oder auch länger rekonstruierten Persönlichkeiten gelten bei ihrer Entlassung aus der Kunstwelt als so schwächlich, daß sie am liebsten weitergereicht werden an therapeutische Wohngemeinschaften: statt von der Droge nunmehr abhängig von einem Schonraum im »Verbundsystem«, unter Umständen mit der Perspektive lebenslang.

Der Horror vor den Umerziehungshäusern ist in der Drogenszene stark ausgeprägt. So füllt denn vor allem unser Betäubungsmittelgesetz, wonach verurteilte Gesetzesbrecher statt ins Gefängnis in Therapie gehen können, die gestrengen Einrichtungen. Die Unfreiwilligkeit ist eine besonders ungünstige Ausgangsbasis für Persönlichkeitsveränderungen. Als therapiewillig, so wie die Bedingungen heutzutage sind, gelten allenfalls fünf Prozent der Drogenabhängigen, und auch für sie ist die Prognose nicht gerade günstig.

Der einstige Drogenberater Horst Bossong, nunmehr Herausgeber und Autor von Fachliteratur, hat berechnet, daß bloß 0,66 oder 1,2 Prozent aller Fixer (je nachdem, ob von 90000 oder 50000 ausgegangen wird) »erfolgreich im Sinne dauerhafter Drogenabstinenz und gelungener Reintegration behandelt werden«. Ihm erscheint als »unbegreiflich, wie sich angesichts derart minimaler Erfolge der im letzten Jahrzehnt so enorm expandierte Drogenhilfeapparat als effizient legitimieren kann«.

Die gigantische Maschinerie scheint vor allem auf die Gesellschaft ruhigstellend zu wirken, so daß die Frage gar nicht erst aufkommt: Was ist mit den übrigen 99 Prozent? Sie könnten sich ja therapieren lassen, wenn sie nur wollten: Diese Einstellung ist verbreitet - als wenn Sucht und Wille ein beherrschbares Tandem wären.

Freiwillig hätte sich Katharina S. nie in Therapie begeben. Den Teil ihrer Persönlichkeit, der sich dagegen sträubte, zerschlagen zu werden, hielt sie für ihren unveräußerlichen Kern, die Substanz, auf der sie selbst in allerfinsterster Zeit noch hoffte einmal wieder aufbauen zu können. Und wenn nicht, dann hätte sie sich eben irgendwann den letzten Schuß gegeben.

Auf ein bis drei Prozent im Jahr wird die Todesrate bei Drogensüchtigen beziffert. Sie sterben aus Versehen, weil der Stoff vom staatlich kriminalisierten Schwarzmarkt nicht exakt zu dosieren ist; oder sie sterben mit Absicht, weil der staatlich noch gesteigerte Leidensdruck für sie unerträglich wird. Wir sehen sie mit verkrampften Gliedern und verzerrten Zügen auf dem dreckigen Boden irgendwelcher Klos liegen, Bilder der Polizei, die unser Schreckensbild von den harten Drogen geprägt haben. Medizinisch sind es Tote durch Atemlähmung, wie sie durch eine Überdosierung von Heroin oder auch Methadon ebenso wie von Barbituraten oder Narkosemitteln eintritt.

Hinzu kommen mindestens noch einmal so viele Tote durch Nebenwirkungen der Drogen. Es handelt sich nicht etwa um schleichende Vergiftungen, wie der Laie allein deshalb schon meint, weil unsere Gesellschaft so gern vom Rauschgift redet. »Fast alle nachteiligen Konsequenzen, die man gewöhnlich den Opiaten in die Schuhe schiebt, stammen in Wirklichkeit von den Rauschgiftgesetzen«, merkt hierzu ein US-Standardwerk über das Drogenproblem an _(Edward M. Brecher und andere: »Licit and ) _(Illicit Drugs«, Boston 1972. )

: »Die chemische Substanz Heroin, besonders in reinem Zustand, führt weder zu physischen noch intellektuellen oder psychischen Schädigungen.«

Wenn die Opiate nicht im tödlichen Übermaß zugeführt, sondern gleichmäßig dosiert werden, kann ein Abhängiger alt werden.

Grimm verwies auf die Leute, die Anfang des Jahrhunderts süchtig geworden waren und trotzdem ein unauffälliges, zuweilen auch angesehenes Leben als Ärzte, Anwälte oder Schriftsteller hinter sich gebracht haben. Er berief sich auf den langjährigen Drogenbeauftragten der US-Regierung, Jerome Jaffe, der aus solchen Kreisen gelernt hatte, daß ein Opiat-Abhängiger, »der sich auf legalem Weg eine ihm adäquate Menge von Drogen beschaffen kann und der hierfür die Mittel hat, sich gewöhnlich ordentlich kleidet, regelmäßig ißt und seine sozialen und beruflichen Verpflichtungen erfolgreich bewältigt. Normalerweise ist er gesund und leidet kaum unter Beeinträchtigungen; im allgemeinen kann man ihn nicht von anderen Menschen unterscheiden«.

Das Elend unserer sehr wohl zu unterscheidenden Drogenabhängigen resultiert aus ihrer Situation als Verfolgte, und die Elendigsten krepieren eben. Sie sterben an den verschiedensten Infektionen, wie Katharina S. beinahe gestorben wäre, sie sterben an diesen Krankheiten, weil sie geschwächt sind durch die soziale Verwahrlosung, die wiederum ein Produkt unserer Kriminalpolitik ist; sie sterben, weil sie keine Ärzte wie Grimm finden können und aus Angst ohne medizinischen Beistand bleiben.

»Schlicht um das Überleben« geht es Grimm vordringlich bei der Umstellung Abhängiger von illegalen auf legale Drogen. Er verwies auf die dramatischste Untersuchung, die es auf diesem Sektor je gegeben hat: In Schweden nahmen Ärzte nur jeden zweiten Abhängigen an für eine Behandlung mit der Ersatzdroge Methadon, verfolgten aber das Schicksal der zurückgewiesenen 17, von denen nach zwei Jahren zwei tot und zwei an Blutvergiftung erkrankt waren und einer sich vor die U-Bahn geworfen hatte, wobei er einen Fuß verlor. Neun bewarben sich neuerlich und wurden auch angenommen, von den übrigen starben im Verlauf der folgenden drei Jahre noch drei weitere. In der Gruppe mit der Substitutionsbehandlung starb niemand.

Es sind aber auch Todesfälle bei Methadon-Programmen vorgekommen. Manche vermißten flash und feeling, die injizierte Euphorie des Heroins, derart verzweifelt, daß sie trotz Methadon wieder zum verbotenen Stoff zurückkehrten, dann oft noch tranken und Schlafmittel einnahmen. Polytoxikomanie, Vergiftung durch vielerlei, beendete ihr Leben.

Dramatisch wurden sie zu Methadon-Toten gemacht, weil, wie schließlich eine New Yorker Studie aufklärte, diese Substanz bei der Leichenschau leichter festzustellen war als die anderen, nicht minder gefährlichen Faktoren.

Diese Opfer, Namenlose, irgendwo in anderen Ländern begraben oder verbrannt, haben die bundesdeutsche Diskussion nachhaltig bestimmt. Wenn Experten ihre ablehnende Haltung mit Toten begründeten, hatten sie von vornherein recht, ohne daß die Gefahr genau geprüft wurde.

Der Schweizer Bericht jedoch merkt zu diesem Problem sachlich an: »Eine Entwicklung zur Polytoxikomanie und zu entsprechender gesundheitlicher Gefährdung einschließlich des erhöhten Mortalitätsrisikos wird rechtzeitig erkennbar durch Urin-Analysen und Begleitbetreuung; Unterdosierung erhöht das Risiko, adäquate Dosierung vermindert es.« Aber es bleibt ein Restrisiko, das nicht beschönigt werden soll.

Auch zwei der abhängigen Patienten von Grimm starben. Der eine junge Mann war von seinen Eltern bearbeitet worden, doch nicht eine Sucht durch eine andere zu ersetzen. So hatte er nach fünf Wochen das Codein wieder abgesetzt. Zwei Wochen später gab er sich betrunken den Todesschuß von Heroin, ob aus Versehen oder mit Absicht, war nicht zu klären. Der andere junge Mann starb, nachdem er drei Wochen nicht mehr bei Grimm erschienen war, weil, wie Freunde erzählten, ihm Kraft und auch Fahrgeld für eine 100-Kilometer-Reise nach Kiel gefehlt hatten, in einem Rausch von Alkohol und Barbituraten. Diese beiden Todesfälle haben den Arzt sehr deprimiert, aber nicht entmutigt, er begriff lediglich, daß er mit seiner Methode nicht jedem Süchtigen helfen kann.

Seine 120 anderen Drogenpatienten indes erfreuen sich, wie der Arzt nicht ohne Stolz mitteilte, einer relativ guten Gesundheit, eingedenk dessen, daß natürlich Gelbsucht, Geschwüre und viele andere Infektionen, Mangelernährung und verschiedenste Auswirkungen ihrer einstigen Verwahrlosung Spuren an ihren Körpern hinterlassen haben. Unter Codein ergab sich genau das, was das US-Gesundheitsministerium beim Methadon lobte: »Die höchst bedeutsame medizinische Konsequenz der Methadon-Langzeitbehandlung ist in der Tat die ausgeprägte Verbesserung der allgemeinen Gesundheit der Patienten.«

Katharina S. war, seit sie ihre Droge auf Rezept bekam, nicht mehr ernstlich krank gewesen. Als ich sie früher einmal gesehen hatte, ohne zu wissen, was mit ihr los war, da war ich erschrocken über ihren Anblick: Das Gesicht war ausgemergelt, die Haut war bleich, das Haar brüchig, der Körper knochig. Jetzt wirkte sie rosig, ihr schöner Schopf glänzte wieder, sie hatte bis zu ihrem Idealgewicht zugenommen.

Hatte ihr verlegenes Lachen damals lauter verrottete braune Zahnstümpfe offenbart, Merkmal der Verwahrlosung und Selbstaufgabe bei fast jedem Fixer, ließ sie sich, kaum daß sie auf Codein umgestellt war, als Zeichen ihres neuen Lebensmuts die Zähne überkronen. Auch sonst achtete sie wieder auf sich.

Sie bemerkte an sich genau die Nebenwirkungen, wie sie der schweizerische Bericht auch für das Methadon verzeichnet hatte ("vermehrtes Schwitzen, Obstipation, Potenzstörungen, Schlafstörungen und Konzentrationsstörungen"), aber sie empfand sie nicht als starke Belastung. Zwar neigte sie zur Verstopfung, aber allein durch Müsli konnte sie sich gut helfen. Völlig gedämpft war ihr sexuelles Verlangen, doch sie vermißte nichts, obwohl sie eigentlich eine sinnliche Frau war.

Mit der Konzentration hatte sie nur ausnahmsweise Schwierigkeiten, dann, wenn sie körperlich sehr erschöpft war. Sonst war sie voll da. Das entsprach der Schweizer Einschätzung, wonach durch die Ersatzdroge »die Fahrtüchtigkeit normalerweise nicht« beeinträchtigt werde. Etwas unangenehm war Katharina S. bloß ihr gestörtes Schlafmuster. Sie schlief so abrupt ein, daß sie oft das Licht brennen ließ, und sie erwachte auch nach über zwölfstündigem Schlaf nur schwer. Wenn sie manchmal mein Wochenendgast war und ich ihr die Lampe ausmachte, lag sie wie in tiefer Betäubung da, wie ich einen anderen Menschen noch nie habe schlafen sehen: ein Drogendornröschen.

Daß sich in ihr eine andere Chemie vollzog, fiel mir sonst kaum auf. Manchmal glaubte ich zwar, ein unnatürliches Leuchten in ihren Augen zu sehen, eine Art Übereuphorie, aber es konnte sich bei ihr auch ganz einfach um Freude handeln und bei mir um Argwöhnerei. Meist wirkte Katharina S. so normal, daß ich ihre Drogenabhängigkeit immer wieder vergaß. Ihr selbst ging es oft so.

Drogen hatten aufgehört, bei ihr die alles beherrschende Rolle zu spielen. Sie träumte nicht mehr von ihnen, die Zwanghaftigkeit, von ihnen zu reden, war fort. Sie hatte ein Stück innerer Freiheit wieder, das ihr abhanden gekommen war, als ihr an einem ihrer Geburtstage, zu welchem, wußte sie nicht mehr genau, aber länger als ein Jahrzehnt war es bestimmt her, ein Gast den ersten Schuß »geschenkt« hatte.

Was immer die Menschen für Vorstellungen vom Paradies gehabt haben mögen, alles nur Erdenkliche verdichtete sich für sie damals in einem sie ganz und gar erfüllenden Gefühl, während um sie herum ein Leuchten war, der Himmel auf Erden und rosarote Wolken unter ihren Schuhen. Daß sie in diese Herrlichkeit rundum immerzu kotzte, war ihr völlig egal gewesen.

Sie hat ihr Paradies immer wieder gesucht, sie hat sich darüber ruiniert, aber gefunden hat sie es nie mehr, weil eben für den Organismus nur einmal das erste optimale Mal sein konnte.

Aus der Kenntnis eines absoluten Glücks, so leicht erzeugt, ein Pieks nur und es war da, kommt die psychische Abhängigkeit. Nie mehr war jenes besondere Wissen aus dem Hirn auszubrennen. Das vermag keine Therapie. Tiefe Weisheit muß Verzicht auf das Wunderbarste leisten: Es mag dies eines der größten inneren Dramen sein, das zu empfinden der Mensch fähig ist.

Erst seit Katharina S. unter Codein stand, konnte sie sich an den Gedanken gewöhnen, daß es keine Rückkehr mehr gab, daß ihr Paradies in dem Moment verloren war, da sie es kennengelernt hatte. Was für ein Prozeß sich in ihrem Gehirn vollzog, machte mir Grimm verständlich, indem er die neuesten Ergebnisse der Forschung vereinfacht darstellte.

Wir alle haben in unserem Hirn, geballt vor allem in der entwicklungsgeschichtlich ältesten Region, woher die Gefühle kommen, die Lust und der Schmerz, aber auch die Muskelspannung und die unwillkürlichen Körperbewegungen, eine Ansammlung von Rezeptoren, die biochemisch etwa Schlüssellöchern für die Endorphine gleichen. Diese Stoffe scheinen, auf welche Weise, ist noch ungeklärt, das Belohnungssystem im Gehirn zu erregen, ein übergeordnetes System, das ebenso Impulse von den Sinnesorganen und vielen anderen Gehirnzentren empfängt. Seine Erregung, wodurch sie auch geschieht, empfinden wir als Euphorie: archaisches Steuerungssystem allen menschlichen Tuns, Verkörperung des hedonistischen Lustprinzips im Kopf von jedermann.

Die Endorphine sind den euphorisierenden Substanzen aus dem Mohn überaus ähnlich, was auch ihr Name ausdrückt: körpereigene Morphine. So passen die pflanzlichen Verwandten ebenfalls zu den menschlichen Rezeptoren. Soweit die Forschung bisher weiß, verändert sich weder die Anzahl noch die Beschaffenheit der Rezeptoren, wenn ein Mensch abhängig von Opiaten ist; sie reagieren reversibel, also immer wieder neu, wie auch mit den körpereigenen Schlüsselstoffen zu lustvollen Gefühlen.

Es gibt unterschiedliche Typen von Rezeptoren, zu denen die verschiedenen Drogen unterschiedlich gut passen, woraus sich deren unterschiedliche Wirkung erklärt: Heroin ist der Kaiser der Euphorie, der stärkste der Menschheit bekannt gewordene Stoff, das Methadon wirkt schwächer, noch schwächer das Codein. Es wirkte bei Katharina S. derart, daß sie sich nicht sonderlich euphorisiert fühlte, aber den Hunger nach der ganz großen Euphorie einfach nicht mehr verspürte.

Als ich diesen Mechanismus verstanden hatte, verlor die Droge für mich das Fremde, das zwischen uns gestanden hatte. Katharina S. tat mir unendlich leid, weil sie Chemie brauchte, um sich euphorische Gefühle zu verschaffen, während meine Natur es mir ermöglichte, mich in jenem Augenblick unbändig über den Glanz des schrägen Lichts in den Bäumen vor dem Fenster zu freuen, daß mir heiß wurde wie im Rausch, und es war ja einer, erzeugt durch mein ureigenes System.

Grimm hat wohl recht, daß alle Dinge der Welt und all unser Tun entweder als Droge oder überhaupt nicht auf unser Belohnungssystem im Gehirn wirken. Wir alle sind euphorieabhängig, und jedes menschliche Streben kann zur Sucht entarten. Der Arzt zitierte Bismarck: »Wir sind nicht auf dieser Welt, um glücklich zu sein und zu genießen, sondern um unsere Schuldigkeit zu thun.« Kein Widerspruch, wie Grimm meinte, sondern Pflichterfüllung als Euphorikum.

Zu Bismarck der Antityp, das war sie: Katharina S., die das Glück ohne Pflicht und Schuldigkeit gekannt hatte, das Glück ja ohne die geringste Produktionsanstrengung ihres Organismus.

Es konnte nichts nützen, wenn unsere darüber empörte Gesellschaft sie deswegen in verschiedensten Formen unglücklich zu machen trachtete. Ihr war ganz im Gegenteil nur durch Freude zu helfen. Alles, was ihre Genußfähigkeit fördere, so riet ihr Grimm, wirke als Gegengewicht zu ihrer Droge. Seit sie gleichmäßig unter deren angenehmer Wirkung stand, hatte sie die Kraft, ab und an eine kleine Euphorie aus Alltäglichkeiten zu gewinnen. Sie wurde mit ihrer psychischen Abhängigkeit auch deshalb besser fertig, weil die körperliche Abhängigkeit aufgehört hatte, sich ständig schmerzhaft in Erinnerung zu bringen.

Dabei handelt es sich um einen völlig anderen Regelkreis: Opiate stören (wie auch andere Pharmaka, nicht bloß psychotrope Substanzen) allerfeinste Abläufe in jeder einzelnen Nervenzelle, die jedoch bestrebt ist, ihren Stoffwechsel wieder

derart auszubalancieren, daß sich die Wirkung der Fremdstoffe mindert. Sollen sie aber dieselbe Wirkung haben, so muß deren Dosis gesteigert werden, was wiederum intrazelluläre Veränderungen nach sich zieht und so fort. Irgendwann aber hört dieser Prozeß auf, weil die Flexibilität der Zellen zur Änderung ihres Stoffwechsels begrenzt ist.

Manch einer braucht nur ein Dreifaches, manch anderer ein Zwölffaches seiner Anfangsdosis, ein für ihn nicht lebensgefährliches Quantum, das für jemand anderen, der diese intrazelluläre Anpassung nicht durchgemacht hat, durchaus tödlich sein kann. Daß eine Sucht automatisch der finalen Dosis entgegentreibe, sei jedoch, wie Grimm betonte, eine falsche Vorstellung, die in der Gesellschaft umhergeistere und auch von manchen angemaßten Fachleuten mit Getöse vertreten werde. Die klassischen Morphinisten konnten vielmehr ihren Verbrauch über Jahre konstant halten. Der inneren Ordnung in ihrem Stoffwechsel, obschon unnatürlichen Charakters, entsprach vielfach eine Ordnung ihres äußeren Lebens.

Katharina S. konnte, als sie noch vom Heroin abhängig war, nie zu so einer inneren Ordnung gelangen. Die Zufuhr der illegalen Droge war einfach nicht konstant zu halten. Hörte aber ihre Wirkung auf, so begann der Gewöhnungsprozeß in umgekehrter Richtung zu laufen, mit rasanter Geschwindigkeit und schmerzhaften Turbulenzen in jeder einzelnen Nervenzelle.

Die physische und die psychische Abhängigkeit griffen ineinander, die Schmerzen des Leibes und die Schmerzen der Seele schaukelten einander hoch. Katharina S. empfand ein allumfassendes Leiden, das in jeder Pore geschah und ebenso tief im Gedärm, unter der Zunge und zwischen den Zehen und in allen Knochen, ein Leiden, das um so grausamer war, als ihr das Hirn jenes einst erfahrene Paradies vorgaukelte, das Glück, das sie wiederhaben könnte, wenn... sie brauchte ja bloß...

Diese Spannung war ihr derart unerträglich, daß sie alles opferte, was ihr lieb und wert war, was sie als ihre persönliche Substanz ansah, ihren Anstand und ihre Ehre, damit dieser entsetzliche Zustand ein Ende hatte.

War aber der Markt leer, wie kriminalisierte Märkte es ab und zu sind, so nahm sie alles andere, was sie kriegen konnte, und spülte mit Schnaps nach: Polytoxikomanie gefährdete sie.

Bekam sie aber Äitsch, dann betäubte sie mehr als nur den körperlichen Schmerz, sie betäubte ihre beschissene Situation, sie betäubte ihre Abscheu vor sich selbst, sie knallte sich voll, sie dröhnte sich zu, kaum ein Signal der Welt erreichte sie noch: »Ich kannte den Sommer nicht mehr.« Tauchte sie wieder auf zur Welt, so war ihr In-der-Welt-Sein derart peinvoll, daß sie nur wieder zurück in ihr dumpfes Schattenreich der Betäubung jieperte und jagte. Mangel und Exzeß, die Extreme beherrschten sie.

Als er vorbei war, »dieser quälende, dieser fürchterliche Mangel«, als dieser Diktator ihr keine Selbstentäußerung mehr abverlangte, als sie vielmehr ihr gleichmäßiges Wohlbefinden allwöchentlich verschrieben bekam, da hörte Katharina S. auch mit ihren Exzessen auf. Ihr In-der-Welt-Sein war nun nicht mehr mit Schmerzen verbunden, und so machte es keinen Sinn, weg in die Untiefen der Empfindungslosigkeit zu tauchen.

Seine Patienten »vom unkontrollierten zum kontrollierten Drogengebrauch« zu bringen ist für Grimm das zweitwichtigste Behandlungsziel (nach der Lebenserhaltung). Sie sollen zu einer körperlichen Verfassung gelangen, in der sie fähig sind, ein sozial verantwortliches Leben aufzubauen. Tun sie das, so bewertet der Arzt gelegentliche »Sonntagsschüsse« als nicht besonders schwerwiegend, so wie unsere Gesellschaft jedem Ehrenmann den Suffkopp dann und wann nachsieht. Aber Grimm hört nicht auf, zur »Freiheit vom Exzeß« zu animieren.

Welche Durchschnittsdosis seine Patienten brauchen, bestimmt er nach deren Angaben über ihr Befinden. Grimm ist sich bewußt, daß er betrogen werden kann. Nun ja, sagt er sich, sofern diese oder jene Kapsel auf den Schwarzmarkt geraten sollte, so diene sie zur Behandlung von Entzugserscheinungen und damit auch einem guten Zweck. Generell meint er aber, zu seinen Patienten ein Vertrauensverhältnis gewonnen zu haben. Daß sie die Ration für eine Woche selbst einteilen müssen, steigert einerseits die Gefahr von Mißbrauch und illegalem Verkauf, stärkt aber andererseits ihre Eigenverantwortlichkeit. Die gleichmäßige Einnahme der Kapseln, etwa alle sechs Stunden, hat zudem den Vorteil, daß kein High-Gefühl entsteht.

Methadon dagegen wird zumeist einmal am Tag ausgegeben, etwa in Basel in einer Klinik oder in Amsterdam in einem Bus, und muß unter Aufsicht geschluckt werden: ein Verfahren, das zwar sicher ist, zusätzlich zur inneren Abhängigkeit aber in den Lebenslauf eine äußere Abhängigkeit einbaut.

Für Katharina S. war das in sie gesetzte Vertrauen segensreich. Ihre Tagesdosis betrug 900 Milligramm Codein, die auf 30 Kapseln verteilt waren: endlich genug, und in ihrem Schrank, kindersicher verwahrt, noch an die 200 Kapseln, dieser Überfluß, und er würde nicht zu Ende gehen. Es war, als ob Katharina S. von der großen Mutter Droge endlich gesättigt würde, und so konnte sie wie ein sattes Kind Schritte weg von der Mutter machen.

Sie begann, mit sich und ihrer Droge spielerisch umzugehen. Sie nahm drei Kapseln weniger ein, und siehe da, es ging auch. Dann wieder schluckte sie zwei mehr im Anflug irgendeines Ärgers, war aber am Abend dann doch über ihr winziges Minus froh. Sie stachelte sich an, hier und da eine Kapsel abzuzwacken, einfach weil die Sonne schien oder sonst irgend etwas Nettes passiert war. Zunächst wollte sie einen kleinen Vorrat für schlechte Zeiten horten, aber schließlich sagte sie sich, daß ihr Arzt sie auch dann nicht hängen lassen würde. Außerdem wollte sie ihm unbedingt ihr neues bißchen Stolz zeigen, und so bat sie ihn denn, ihr eine Packung weniger aufzuschreiben.

Grimm bestärkte sie darin, sich systematisch herunterzudosieren, ohne ihre innere Ordnung durcheinanderzubringen. Sie machte sich Wochenpläne, Monatsprogramme, und allmählich kam sie herunter auf nur noch acht Kapseln pro Tag. 25 Patienten von Grimm haben es so geschafft, dauerhaft auf Null zu gelangen. In gut geführten Methadon-Programmen mit abstützender Hilfe zur sozialen Wiedereingliederung waren die Abstinenzquoten mit 30 Prozent nicht niedriger als in der klassischen Verbotstherapie.

Aber auch wenn dieses Ziel nicht erreicht wird, bestehen »bei lege artis indizierter und durchgeführter Behandlung«,

wie die schweizerische Kommission gutachtete. »ausgewiesene Chancen für eine volle Erwerbstätigkeit« sowie »für eine Normalisierung der Lebensführung«.

Einer der Patienten von Grimm verrichtet problemlos seinen Dienst bei der Bundeswehr. Vom Truppenarzt überwiesen, kommt er regelmäßig mit Marschbefehl nach Kiel, um sein Rezept abzuholen. Von seinem Dienstvorgesetzten, der nicht informiert ist, da der Truppenarzt auf seine Schweigepflicht hält, wurde der codeinabhängige Soldat unlängst belobigt.

Für die Gesellschaft bringt die Ersatzdroge den Nutzen, daß ein großer Teil ihrer Empfänger (wenn auch nicht alle) einer demoralisierten Schattengesellschaft entzogen wird. Die harte Drogenszene in der Bundesrepublik hat am Tag 15 Millionen, vielleicht 40 Millionen Mark aufzubringen (rechnet man, daß 50000 oder vielleicht 90000 Süchtige Stoff für 300 oder vielleicht 500 Mark brauchen). Was die Prostitution nicht hergibt, wird als Verbrechen auf uns alle gewälzt.

Katharina S. hatte die 500 oder auch nur 300 Mark für Heroin nicht immer. Sie verkaufte nach und nach alles, was sie besaß, zuerst die Teppiche, dann die Möbel, zum Schluß ihre Garderobe. Als sie nichts mehr hatte, stahl sie in Geschäften. Daß in die Drogenszene eine geschmierte Hehlerei integriert ist, ein besonders widerwärtiger Geschäftszweig, hatte sie bereits begriffen, als sie ihr Eigentum losschlug.

Zu denselben Leuten, die sie, um sie im Preis zu drücken, endlos warten oder auch wieder kommen ließen, während ihr vor Entzugserscheinungen die Zähne klapperten, trug sie nun wieder und wieder ihr Diebesgut. Sie stahl mit Geschick, denn sie stahl unter der Verzweiflung, daß sie, wenn sie nicht gut genug stehlen könnte, »an die Mauer« müßte. An dieser symbolischen Wand, wie zu ihrer Hinrichtung, standen einige Frauen, die sie kannte, frei zum Verkauf, Frauen, die wie sie einstmals für die Sonnenseite unserer Gesellschaft erzogen worden waren. Die Prostitution war für Katharina S. das Letzte. Aber sie war nahe daran, auch das zu tun, weil sie die Nervenbelastung des Stehlens, diese Hochspannung in dem Moment, da sie zugriff, dieses schier endlose, angstbeladene, doch betont lässige Hinwegschlendern zum Ausgang, und dann die Demütigungen bei den Hehlern kaum mehr ertragen konnte.

Die Halbwelt unter der Peitsche der Drogen - auf allen lastet der Druck der Kriminalisierung, den sie untereinander weitergeben. Dem Bruch mit dem Staatsgesetz entsprechen tausenderlei Brüche in allen möglichen Formen des menschlichen Sozialverhaltens. Es gibt in der Drogenszene keine Regel, die Katharina S. noch als verläßlich erschienen wäre.

Rücksichtslosigkeit und Hemmungslosigkeit prägen die Atmosphäre. Jeder rechnet damit, daß jeder jeden ausnutzen, betrügen, verraten, berauben, erpressen oder sonstwie schädigen könne. Und wehe, wenn das Mißtrauen sich einmal zurückzieht: Einer stahl der Katharina S. aus der Handtasche die letzten Schmuckstücke ihrer toten Mutter, ein anderer zog, von ihrem Geld, genüßlich zwei Spritzen auf und setzte sich alle beide, während sie vor Entzugsschmerzen schrie. Geier der Gemeinheit, sie verkehrte mit ihnen weiter, sie brauchte ihre schrecklichen Spezis.

Ich kann sie verstehen, die Polizisten, die mit solchen Leuten rüde umsprangen und unwillig reagierten, wenn diese, wie so oft, dogs eat dogs, selber Opfer von Verbrechen geworden Waren, von Betrug, Nötigung, Raub, Vergewaltigung. Ich kann sie verstehen, die Ärzte, die nach miserablen Erfahrungen, nach Nötigung, nach Überfall, ihre Kollegen vor der Behandlung Drogenabhängiger warnten. Die Tragödie ist, daß unsere gesellschaftliche Ächtung und gesetzliche Verfolgung sie zu dem gemacht haben, was sie sind: Asoziale, die Ächtung und Verfolgung provozieren.

Es war nicht so, daß Katharina S. ihr Wertesystem verloren hatte. Sie empfand nach wie vor seine Verbindlichkeit, und trotzdem opferte sie der Droge beinahe jeden ihrer Werte, nur noch nicht ihr Geschlecht zum Gebrauch gegen Geld, aber schon ihre Verantwortung dem Kind gegenüber. Nicht daß dieses Kind keinen Schaden davongetragen hätte, nicht daß es zeitweilig nicht anderswo besser aufgehoben gewesen wäre, aber diese Wahl gab es nicht. Für dieses unglückselige Kind gab es nur diese Mutter, oder sie wäre eine tote Mutter gewesen. Daß sie ihrem Kind die Zukunft verbaute, quälte Katharina S. am meisten. Sie hätte immerzu vor sich ausspucken können, so gesunken war ihre Selbstachtung.

Kaum daß sie ihre Ersatzdroge nach geordneten Regeln erhielt, war ihr Wertesystem wieder intakt. Nichts konnte sie mehr zum Stehlen bringen. Ihrem Kind wollte sie doch keine strafwürdige Mutter sein. Daß sie nicht mehr Kontakt zu Typen halten mußte, deren Widerwärtigkeit sie mühevoll verdrängt hatte, empfand sie als Befreiung. Aber sie war sehr einsam.

Katharina S. entzog sich rasch der illegalen Szene. Sie war damit ein Schulbeispiel für die kriminalpolitisch segensreiche Wirkung von Methadon-Programmen. Durch die legale Droge wurden die Willigen, und das war eine überwältigende Mehrheit, von dem kleinen Bodensatz derer getrennt, die immer kriminell bleiben würden, deren Rücksichtslosigkeit und Gemeinheit vielleicht aber durch eine gleichmäßige Versorgung mit Ersatzdrogen zu zügeln waren. Die schurkische Szene könnte zersplittert werden, die Drogen selbst aber sind nicht mehr herauszubringen aus unserem Kulturkreis.

Katharina S. war da so hineingeraten in ihren Sog. Sie gehörte als Studentin zu einem Kreis junger Intellektueller, die den Kick von Koks ebenso schätzten wie Zen oder die Kunst, ein Motorrad zu warten. Es war eine Korona im Radikalschick, stets das Neueste im Sinn, doch auch auf der Suche nach dem Letzten und nach Glück allemal.

Die Verteufelung der illegalen Drogen, wie sie unsere Gesellschaft betreibt, ist so primitiv, daß sie geradezu das Gegenteil bewirkt. Denn wir hatten versäumt, uns mit ihren verlockenden Seiten auseinanderzusetzen, mit der amüsanten und so sanftmütigen Stimmung, wenn der Joint kreist, mit dem so ungeheuren Spaß, wenn das Kokain in der Nase den Witz beschleunigt, mit den erregenden Phantastereien, wenn LSD die Grenze zwischen Realität und Irrealität verwischt.

In einer ganzen Reihe von archaischen Kulturen waren solche Erlebnisse den Menschen nicht vorenthalten worden. Sie durften höchste Euphorie und Traumtänzerei kennenlernen, jedoch nach strengen Ritualen und zumeist als Bestandteil religiöser Zeremonien. Davon ist uns der Abendmahlskelch geblieben, weiß Gott kein Gefäß für einen überirdischen Rausch. Der LSD-Erfinder Albert Hoffmann, ein seriöser

Chemiker, hätte seine Droge gern in die Hände einer Art von Priestertum gelegt, das sie hütete, so daß die Menschen ihre Wunder hätten erfahren können, ohne Schaden zu nehmen. All dem Zauber hatten wir nur ein rigides »Du darfst nicht, sonst holen wir die Polizei« entgegengesetzt.

Katharina S. war als Studentin weder krank noch unglücklich, sie war einfach neugierig gewesen auf die psychotropen Mirakel. Viele Menschen die sie erlebt haben, werden mit ihnen gut fertig. Statt daß ihre Muster gesellschaftsfähig werden konnten, mußten sie sich verstecken. So leisten sie sich eben in aller Heimlichkeit ab und an ein chemisches Abenteuer wie andere einen Ausflug nach Paris oder auf die Zugspitze, ohne daß sie ständig wieder reisen müssen.

Daß so ein lässiger Umgang sogar mit Äitsch möglich ist, hat der Drug Abuse Council, eine hochangesehene Expertenrunde in den USA, amtlich gemacht: »Es gibt überzeugende Belege dafür, daß mehr Personen Heroin gebrauchen, als davon abhängig sind.« Zu ihnen gehören vor allem Vietnam-Veteranen, die das größte Euphorikum der Menschheit im Krieg hatten schätzengelernt und sich ihm auch nach ihrer Rückkehr in die Staaten gelegentlich überließen, ohne sonstwie sozial aufzufallen. Ihre gesellschaftlichen Muster waren einfach nicht die der kaputten Szene.

Ein ähnlich starker Typ war Michael S., der Mann, den Katharina S. heiratete: in ihrem Kreis der, der am weitesten ging, der alles und jedes ausprobierte und ein profundes Wissen über Drogen hatte. Er mit seinem unabhängigen Charakter ging mühelos aus und ein in das Paradies von Heroin, und wie er psychedelisch die Grenzen überschritt, so auch in Wirklichkeit. Michael S. war fähig, nur die glänzende Seite der Drogen zu genießen. Deshalb hielt er unsere Gesetze für falsch und übertrat sie bedenkenlos.

Ich bezweifle, daß er je Skrupel hatte, er empfand sich eher als Beglücker seiner Kreise, wenn er den Schwarzen Afghan da holte, woher er kam, allerlustigste Minitrips im Blumenkinder-Kalifornien auftrieb und mit Heroin in den doppelten Schuhsohlen völlig gelassen, pfiffig pfeifend aus dem Flieger Bangkok-Frankfurt stieg. Er ist hochintelligent und leise im Auftreten, und er schaut so sanftmütig, daß ihm nichts Böses zuzutrauen ist, was er nach seinen Begriffen auch nicht tat. Solche Leute und nicht bloß finstere Syndikate von Fremdländern machen einen guten Teil des illegalen Drogengeschäfts. Sie sind kaum zu fassen, überlegt, wie sie vorgehen, und hoch überlegen denen, die wir auf sie angesetzt haben.

Es half nichts, daß wir unsere Gesetze und unsere Kontrollen verschärften. Selbst wenn unser Land nach Art eines Gefängnisses abgedichtet würde (was wirklich niemand wollen kann), es hätte keinen Zweck, wie der Drogenmarkt in so gut wie jedem deutschen Gefängnis beweist.

Michael S. wurde der Polizei nie bekannt. Katharina S. geriet ihr erst am Tiefpunkt ihrer Drogenkarriere in die Fänge. Ein Ring war ausgehoben worden, so hieß es, doch es waren am Ende, am Ende langer Beschattung mit Telephonabhörerei, doch bloß ein paar armselige Kreaturen: ein abhängiger Kleindealer und seine von ihm, seinem Verdienst und seinen Drogen abhängige Freundin, die durch das Versprechen einer milden Strafe zur Kronzeugin wurde und die paar Kunden ihres Chefmannes verriet. So kam Katharina S. vor Gericht.

Daß sie jenes Mal nur Codein bezogen hatte, was nicht strafbar war, glaubte ihr das Gericht nicht. Die Zeugin wollte sich an nichts mehr erinnern. Nachdem Katharina S. Hunderte von Malen Heroin gekauft hatte, ohne daß die Polizei hatte einschreiten können, wurde sie schließlich wegen eines Kaufs von Heroin für 100 Mark, den sie gar nicht getätigt hatte, zu einer Geldstrafe von 600 Mark verurteilt, in Raten abzustottern (als Entgegenkommen für die Sozialhilfeempfängerin).

Ich weiß nicht, was solche Verfahren sollen. Sie sind aber die alltägliche Realität, nur daß sie meist sehr viel schlimmer für die Betroffenen ausgehen. Die Gefängnisse sind randvoll mit BTM-lern, wie man dort die Verurteilten nach dem Betäubungsmittelgesetz zu nennen pflegt: zumeist Süchtige, jämmerliche Kleinkriminelle wie Katharina S., denen nur mehr als ihr nachzuweisen war. Höchst selten sitzt einmal ein Geschäftemacher wie Michael S. ein, und wenn schon, der Prävention ist damit nicht gedient: Für jeden, der abging, steigen allemal einer oder gleich mehrere ein, der Markt hat nicht aufgehört zu expandieren, seine Pfründe sind einfach zu fett, so fett, weil die verbotene Ware so begehrt ist, fetter noch durch ihre Kriminalisierung.

Michael S. machte ein hervorragendes Einserexamen in Psychologie und wurde ohne weiteres in einer Drogenberatungsstelle angestellt. Da war er mit seinen Kenntnissen nicht einmal fehl am Platze. Seine Arbeit war sehr angesehen.

Auch hier wird eine Ungereimtheit deutlich. Wir halten uns Tausende von Beratern, gar Drogenbeauftragte samt ihren Stäben, dazu Therapeuten plus Sozialpersonal, nicht zu vergessen wissenschaftliche Begleiter zur Abwehr des Rauschgifts. Entweder haben diese Leute Erfahrungen mit Drogen, dann müssen sie auch in irgendeiner Form gegen die Gesetze verstoßen haben, oder sie Wissen nicht, wovon die Rede ist.

Ebenso muß man fragen, ob sich denn die Heerscharen der Verfolger klar darüber sind, was sie da verfolgen, oder ob sie nicht vielleicht selber Opfer der Kriminalisierung gewisser Drogen geworden sind. Das offenbar wachsende Verlangen nach psychotropen Substanzen ist ein gesellschaftliches Phänomen, das eine gesellschaftliche Auseinandersetzung verlangt, die jedoch weithin abgewürgt wurde, weil das Problem an eine Liste von Stoffen angebunden und ab ins Verbrechen verdrängt wurde. Ja, wir haben sogar Eltern gegen ihre Kinder aufgehetzt, wir haben, wie Grimm es nennt, »eine bürgerkriegsähnliche Atmosphäre« gegen die Drogenabhängigen aufgebaut: Aus Unglück ist nur noch neues Unglück erwachsen. Statt dessen müssen wir einen Akt der Zivilisation leisten und neue Formen finden, um die Drogen aller Kulturen und all die neuen Erfindungen in den Labors der Welt zu bewältigen.

Vielleicht ließe sich mit einer Entkriminalisierung der Drogen auf gesellschaftlicher Ebene ein Prozeß initiieren, wie er sich bei mir abgespielt hat: Je toleranter ich gegenüber der Droge der Katharina S. wurde, desto mehr lehnte ich für mich selber chemische Stimmungsmanipulation ab.

Schauen wir auf Michael und Katharina S.: Er ist von seinem Wesen her im Grunde ein Asket, und deshalb konnte er sich seine Experimente mit den verschiedensten Räuschen leisten. Solange seine Muster für Katharina S. attraktiv waren, kam sie mit ihrem gelegentlichen Drogenkonsum zurecht. Als

er sich in die USA absetzte und ihr die Scheidung aus Reno schickte, fiel sie in den Schlund der Szene, in dem Schwache Schwache noch tiefer hinunterziehen.

Da erst, in einer persönlichen Krise und unter den fatalen Mustern einer kriminalisierten Gruppe, entgleiste sie in die Sucht: kein Fall für die Justiz, sondern ein Fall für schleunigste Behandlung, wie zigtausend andere Fälle auch.

Selbstverständlich muß unsere Gesellschaft der teuren Abstinenztherapie immer und unter allen Umständen den Vorzug geben, wenn sie auch attraktiver gestaltet werden sollte.

Zugleich aber müssen wir, da wir kein entsprechendes Priestertum haben, die psychotropen Drogen in die Hände von Ärzten legen, unterschiedslos die illegalen zu den legalen, die zum Teil sehr viel gravierendere Nebenwirkungen haben als manche verbotene Substanz.

Es wäre jedoch verfehlt, all die Zauberstoffe für die Psyche allgemein der Medizin zu überantworten, steht sie doch in Mißkredit durch etliche ihrer Träger, die bedenkenlos Psychopharmaka verschreiben, sogar an kleine Kinder gegen Bettnässerei. Für einen verantwortungsvollen Umgang mit besonderen Stoffen brauchen wir eine besondere Ärzteschaft, psychologisch und pharmakologisch besonders ausgebildete Spezialisten, an die sich die heutzutage sehr alleingelassenen Menschen mit aller Art von Suchtproblemen wenden könnten.

Wessen Drang nach Drogen unbezähmbar ist, der sollte diese Neigung unter dem Rat moderner Medizinmänner in der für ihn am wenigsten schädlichen Form ausleben können: Derartige Humanität mindert zudem die enormen Kosten der Süchte für die Allgemeinheit.

Drogen-Substitution mit Mitteln wie Methadon oder Codein darf aber nicht alles bleiben, wie Grimm sehr wohl weiß. Seine Patienten, die auf lauter kaputten Sozialstrukturen ein neues Leben aufbauen müssen, brauchen dringend, was hochtrabend Sozialtherapie heißt: schlicht und vordringlich Hilfe bei der Suche nach Wohnung und vor allem nach Arbeit. Auch ich bin ratlos, wie ich Katharina S. weiter helfen soll, da ich weder Wohnung noch Arbeit zu vergeben habe und viele Leute, die ich fragte, bloß das für soziale Belange typische Schulterzucken hatten.

Katharina S. fühlt sich in dem Loch, wo sie wohnt, nicht wohl, und sie hat keinen anderen Job gefunden als den einer Fahrerin, die für das ihr überlassene Frachttaxi erst einmal 114 Mark in der Woche bezahlen muß, ehe sie überhaupt verdient: manchmal, wenn nichts los ist, sie aber stundenlang im Wagen gegammelt hat, bloß zehn Mark am Tag, dann wieder mehr bei schwerster Schlepperei.

Daß sie derart schuften kann, hat ihr Selbstwertgefühl gehoben und ihr eine Zeitlang sicher gutgetan. In letzter Zeit bricht sie, eine zierliche Frau, ständig unter den Lasten zusammen. Manchmal ist sie abends so erschöpft, daß sie sich nur hinsetzen und heulen kann. So eine Mutter bekommt dem bedürftigen Kind natürlich nicht gut.

Daß Katharina S. unter diesen Bedingungen ihre Droge weiter reduziert, ist nicht zu erwarten. Sie braucht vor allem eine akzeptable Arbeit, aber da konkurriert sie, die bloß ein langes Studium ohne Abschluß vorzuweisen hat, mit lauter arbeitslosen Akademikern. Sie ist erst 37 Jahre alt und schon zu alt, als daß sie noch eine sonderliche Chance hätte, ihrem Leben eine andere Richtung zu geben.

Eine Studie, die der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister Hermann Heinemann unlängst vorstellte, kommt zu dem Ergebnis, daß »soziale und berufliche Integration der Möglichkeit und Fähigkeit zur Drogenfreiheit vorausgeht und nicht umgekehrt«.

Diese Erfahrung ist bei zunächst fehlgeschlagenen Abstinenztherapien in einer der besten und auch teuersten Einrichtungen, der Hammer Therapiekette, gemacht worden. Heinemann: »Das eigentliche Ziel der Therapie, die Entwöhnung vom Drogenmißbrauch, tritt in der Regel erst dann ein, wenn sich auch erste Erfolge im Leben eingestellt haben.«

Woher sollte Katharina S. diese »ersten Erfolge« nehmen?

Daß hier ein soziales Defizit besteht, Heinemann hat es als erste bundesdeutsche Amtsperson mit Entscheidungskompetenz begriffen. Deshalb will er gestatten, daß Ersatzdrogen »im Rahmen eines sozialtherapeutischen Betreuungsprogramms« ausgegeben werden, aber nur an einen »engbegrenzten Personenkreis«. Heinemann: _____« Ich weiß, dies ist ein heikles Thema. Das Wort » _____« Methadon reicht aus, in der Bundesrepublik erbitterte » _____« Meinungsgefechte auszulö sen... Die Frage ist aber: » _____« Können wir uns damit abfinden, daß wir 70 Prozent der » _____« stark Drogenabhängigen hoffnungslos sich selbst » _____« überlassen, ohne auch nur genauestens vorbereitete und » _____« sorgfäl tig durch Arzte kontrollierte Versuche dieser Art » _____« ernsthaft und sachlich diskutiert zu haben? »

So wird demnächst in Nordrhein-Westfalen eine Methode staatlich subventioniert, die in einem anderen Bundesland den Staatsanwalt derart auf den Plan brachte, daß er von seinen Erfüllungsgehilfen einen Arzt nackt ausziehen lassen wollte. So wird es in Nordrhein-Westfalen geben, wogegen in Berlin der Drogenbeauftragte Wolfgang Heckmann unter Bezug auf seine moralische Haltung unermüdlich predigt: »Methadon-Zombies«.

Zombies?

Gerade sah ich aus dem Fenster, wie Katharina S. ihrer kleinen Tochter beibrachte, gegen den Sturm zu laufen, und beide lachten mit offenem Mund.

Philadelphia Museum of Art, Smith Kline Beckman Corporation Fund.Gorm Grimm: »Die Lösung des Drogenproblems«. Buchverlag WolfPflesser, Flintbek bei Kiel; 252 Seiten; 28 Mark.Edward M. Brecher und andere: »Licit and Illicit Drugs«, Boston1972.

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