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ARMUT Die Kunst der Sozialklempner

Wenn der Sozialstaat schrumpft, weil er soll und muss, dann müssen Menschen das Vakuum füllen, die mehr tun als ihre Arbeit. Sozialarbeiter, Ärzte und andere ringen darum, dass die, die ganz unten sind, nicht aus der Gesellschaft rutschen. Von Mario Kaiser
Von Mario Kaiser
aus DER SPIEGEL 35/2005

Morgens, wenn das Land kühl ist und die Erde noch feucht, hört der Doktor die Diagnosen. Er fährt durch Alleen und erwachende Dörfer, und im Hintergrund laufen die Nachrichten. Das Land erscheint krank in den Meldungen, der Doktor fährt vorbei an verlassenen Höfen und betrachtet die Häuser der Dagebliebenen. In seinem Kopf hat dieses Land seine eigene Geographie, er weiß, hinter welcher Gardine die Witwe trinkt und wo die Frau mit dem Unterleibskrebs stirbt.

Als Dr. André Wagner an diesem Morgen um kurz vor acht seine Praxis betritt, sind im Foyer alle Stühle besetzt. Wagner blickt über den Rand seiner Brille und lächelt, die Patienten nicken und murmeln etwas. Manchmal färbt Schmutz die Hemdkragen der Männer, sind die Schuhe der Frauen an den Absätzen schief. Manchmal verbirgt sich dahinter etwas. Dann sehen sie ihn an, wenn er die Rezepte schreibt, und sagen, dass sie das Geld für die Zuzahlung nicht haben.

In seiner Praxis auf Usedom öffnet Wagner die Tür zum Behandlungszimmer und reicht seiner ersten Patientin die Hand. Es wird ein langer Tag für den Doktor. Er ist in einem Umkreis von 20 Kilometern allein.

Wagner wollte es so. Er gehört zu den Menschen, die den Sozialstaat an seinen Bruchstellen zusammenhalten. Sie gehen an Orte, geographisch und logistisch, aus denen der Staat sich zurückzieht. »Weniger Staat, mehr Eigenverantwortung«, dafür plädieren die Grünen und die FDP, die Union und die Sozialdemokraten. Gesundheitsreform, Rentenreform, Sozialreform sollen den Staat und dessen Kassen entlasten und die Bürger belasten.

In der Kluft zwischen den unverminderten Ansprüchen der Bürger und den schwindenden Leistungen des Staates versuchen Leute wie Wagner, die Lücken zu schließen. Sie sind die Klempner in einem lecken sozialen System. Sie gehen als Ärzte in verarmende Dörfer, betreuen als Sozialarbeiter Gewaltopfer, holen Kinder zerbrochener Familien von der Straße. Sie sind die letzte Verbindung zwischen der Unterschicht und der Gesellschaft.

In der Südvorstadt von Leipzig, im Erdgeschoss eines hellen Altbaus, beginnt Gabi Eßbach den Tag mit den Opfern der letzten Nächte. Sie zieht ein Blatt aus dem

Faxgerät, eine Nachricht der Polizei. Irgendwo hinter den Fassaden von Leipzig hat wieder eine Faust das Gesicht einer Frau getroffen, ein Tritt den Bauch einer Schwangeren.

Gabi Eßbach leitet die Koordinierungs- und Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt (KIS) in Leipzig. Es ist ein Name, der nach Behörde klingt, nach einem Apparat mit Sekretariat und verschiedenen Abteilungen. Doch Gabi Eßbach ist allein.

Wie eine Relaisstation liegt ihr Büro zwischen der Polizeidirektion, dem Amtsgericht, einer Arztpraxis und zwei Anwaltskanzleien. Hier sitzt Gabi Eßbach und hört den Opfern zu. Hier sagt sie ihnen, dass sie Rechte haben, dass sie nicht schutzlos sind. Hier fragt sie: Frau Z., was möchten Sie? Und besorgt ihr einen Anwalt. Und ihrem Mann einen Therapeuten, wenn er das will.

Mehr als hundert Frauen kamen im vergangenen Jahr zu ihr. Sie mag nicht vermuten, wie viele nicht gekommen sind. Gabi Eßbach blickt auf das Fax von der Polizei und liest die Angaben einer Frau, die vor zwei Tagen von ihrem Mann geschlagen wurde. Ein Formular mit Fragen, Kästchen und Kreuzen, ein Protokoll der Zerrüttung. Die Frau ist 25, sie will keinen Gewaltschutz beantragen, und sie hat den Polizisten keine Telefonnummer gegeben. Gabi Eßbach muss der Frau schreiben, sie hat sieben Tage Zeit. Dann darf der Mann zurück in die Wohnung.

Am Hamburger Hauptbahnhof öffnet Burkhard Czarnitzki eine Tür in einem Raum, den kein Fremder betreten darf. Draußen, auf der anderen Seite der Scheibe, steht eine Jugendliche mit einem Hund. Sie hat müde Augen und ein blasses Gesicht, ein silberner Ring durchsticht ihre Unterlippe. Sie geht an Czarnitzki vorbei in die Küche und isst hastig ein Brötchen. Dann lässt sie den Hund von der Leine und sagt, sie wolle jetzt duschen.

Czarnitzki schließt ihr das Bad auf. Sie verlangt ein Handtuch, er holt es ihr. Sie will Shampoo, er gibt es ihr. Sie nimmt die Dinge wortlos entgegen, ohne ihn anzusehen.

»Burkhard«, sagt sie dann, »haste mal 'nen Euro?«

Czarnitzki zeigt seine leeren Hände.

»50 Cent wenigstens. Zum Telefonieren.«

Czarnitzki schüttelt den Kopf.

»Ey wirklich, du Neger.«

Czarnitzki schweigt. Er misst seinen Erfolg an den Dingen, die das Mädchen nicht tut. Dass es nicht schwanger wird. Dass es kein Heroin drückt. Dass es sich nicht verkauft wie Maria, die 19 war, als sie mit dem Afrikaner aufs Zimmer ging, drüben im Stundenhotel »Arian«, wo er ihr den Hals zudrückte, bis sie aufhörte zu atmen.

Die Tür, die Czarnitzki öffnet, ist ein Ausweg. Eine Schleuse von der Welt des Hauptbahnhofs und ihren Verhängnissen zu einem geschützten Raum. Sie führt zu einem Ort namens »Kids«. Die hierher kommen, tun Dinge, die ihnen das Gefühl geben, erwachsen zu sein. Sie trinken, sie stehlen, sie nehmen Drogen, und manchmal verkaufen sie sich dafür. Die Straße ist der Mittelpunkt ihres Lebens. Doch sie sind Kinder, und Czarnitzki glaubt, dass sie zu retten sind.

Der Sozialstaat hat sich von diesem Gedanken nicht verabschiedet. Aber er entfernt sich von ihm. Er ist damit beschäftigt, sich selbst zu retten.

Im Behandlungszimmer drei seiner Praxis auf Usedom misst André Wagner den Blutdruck eines Patienten, als seine Sprechstundenhilfe die Tür aufreißt. Ihr Gesicht ist errötet, sie sorgt sich um einen Mann, der vor sechs Wochen am Herz operiert wurde und seitdem blutverdünnende Medikamente nimmt. Die Ärzte verboten ihm, Alkohol zu trinken. Jetzt sitzt er betrunken auf dem Flur.

»Wenn der Sie anhaucht«, sagt sie , »sind Sie auch blau.«

Wagner blickt fragend über den Rand seiner Brille.

»Herr Doktor, der bringt sich um.«

»Da freut sich die Sozialkasse«, sagt Wagner und wendet sich wieder seinem Patienten zu. Seine Zeit ist kostbar, er muss sie einteilen.

Als Wagner die Praxis übernahm, hinterließ ihm sein Vorgänger einen Dienstplan der Selbstausbeutung. Wagner hatte jeden Tag Sprechstunde, auch samstags und sonntags, jede Nacht Bereitschaftsdienst. Er fuhr zu abgelegenen Höfen und fand in der Dunkelheit den Weg nicht zurück. Zu Hause warteten seine Frau und zwei kleine Kinder. Es zehrte ihn aus.

Wagner reduzierte die Sprechstunden und den Bereitschaftsdienst. Er holte sich einen Partner. Und immer noch hat er in jedem Quartal 1600 Patientenkontakte in

seiner Praxis. Die meisten Praxen in Mecklenburg-Vorpommern haben halb so viele Kontakte. Wagner macht das nicht, weil es sich lohnt. Wenn er zu viele Patienten behandelt, kürzen ihm die Krankenkassen das Honorar.

Wagner ist in eine der ärmsten und verlassensten Gegenden Deutschlands gegangen. Wo die meisten Patienten Rentner sind oder arbeitslos. Er ist Arzt an einem Ort, an dem niemand sonst es sein will. Wagner ist groß gewachsen und bewegt sich mit schwingenden Armen. Seine schwarzen Haare werden grau, doch sein Gesicht hat mit 41 Jahren noch etwas Jungenhaftes. Er trägt eine Brille mit großen Gläsern, und wenn er nachdenkt, senkt er den Kopf leicht und dreht die Augen so weit nach oben, dass sie weiß werden.

Wagner wuchs in Thüringen auf. Sein Vater leitete in einem Werkzeugkombinat die Abteilung für Forschung und Entwicklung, seine Mutter unterrichtete an einer Schule für lernbehinderte Kinder. Sie machte das freiwillig, das beeindruckte den Sohn. Sie lebte einen Sozialismus, der real nicht existierte. Der Sohn wollte dem folgen. »Ich wollte irgendwann zurückblicken und sagen können, ich habe etwas gemacht«, erinnert sich Wagner. Er ging nach Greifswald und studierte Medizin.

Er entdeckte seine Leidenschaft für die Chirurgie. »Es ist etwas Fassbares«, sagt Wagner. »Eine Gallenblase schneidet man raus, einen Bruch gipst man ein. Und am Ende sieht man, was daraus geworden ist.« Das war ihm wichtig in einem Staat, in dem Definitionen dehnbar waren. Er wollte Ergebnisse sehen.

Nach dem Studium arbeitete Wagner in einem Krankenhaus in Greifswald. Doch die Bürokratie widerstrebte ihm, er stritt sich mit Vorgesetzten. Als der Arzt auf Usedom einen Nachfolger suchte, ging Wagner hin. Ihm gefiel der Gedanke, gestalten zu können.

Er blickt mit Ultraschall in Organe, horcht mit Doppler in Gefäße, macht kleine Operationen. Aber die Angst kann Wagner nicht heilen. Die kann er nicht herausschneiden wie eine Gallenblase.

Im Behandlungszimmer drei sitzt ein Mann und wartet. Er trägt ein kariertes Hemd und eine kurze Krawatte, seine Augen sind an den Rändern rot angelaufen. Er scheint sich nicht wohl zu fühlen, doch er ist nicht gekommen, um sich behandeln zu lassen. Der Mann ist Vertreter. Er arbeitet für Pfizer, den größten Pharmakonzern der Welt.

Wagner eilt zur Tür herein, und der Vertreter springt von seinem Stuhl auf. Er öffnet seine Aktentasche und legt drei Schachteln mit Medikamenten auf den Tisch. Sie senken Blutdruck und Cholesterin. Sie kosten 60 Euro Zuzahlung pro Schachtel. Der Vertreter streicht über seine Krawatte und räuspert sich.

»Ich weiß nicht«, sagt er, »wie es hier mit Privatpatienten aussieht.«

»Wie sehen die denn aus?«, fragt Wagner. »Bringen Sie doch mal einen mit.«

Die Frau schlägt die Beine übereinander. Sie faltet die Hände und legt sie in ihren Schoß. Dann lehnt sie sich zurück und erzählt. Sie hat ein hübsches Gesicht, wenn sie lächelt. Sie ist 35. Ihre Haare fallen aus.

Sie sitzt in Gabi Eßbachs Büro im Süden von Leipzig und spricht über die Wandlung eines Mannes, mit dem sie zwei Kinder verbinden. Er hat keinen Namen mehr in ihren Erzählungen. Er wollte sie kontrollieren, wollte Herr sein über ihr Leben, im Haus, auf der Straße, im Bett. Als sie sich wehrte, schlug er sie. Als sie ging, folgte er ihr.

Sie hat ihre Telefonnummer geändert, immer wieder. Er hat sie herausgefunden, jedes Mal. Dann hat er sie angerufen, spät in der Nacht, wenn er wusste, dass sie schlief. Und, fragte er dann, fickst du wieder mit einem anderen? Irgendwann nahm er die Kinder und brachte sie nicht zurück. Wenn du sie holen kommst, sagte er, schlag ich dich tot.

Gabi Eßbach schweigt und hört der Frau zu. Sie kennt diese Geschichten, sie hörte sie schon in der DDR. Sie arbeitete damals als Schwester auf der Frauenstation für innere Medizin eines Krankenhauses in Leipzig. Immer wieder wurden Frauen eingeliefert, die versucht hatten, sich umzubringen. Sie sahen keinen anderen Ausweg. Es gab in der DDR keine Frauenhäuser.

Gabi Eßbachs Mutter war katholisch und erzog sie nach christlichen Werten. Ihr Vater war Kombinatsdirektor, doch er ist nie in die Partei eingetreten. Die Mutter hätte ihn dafür verlassen. Zur Jugendweihe ging Gabi Eßbach erst, als die Stasi den Vater bedrohte. Im Jugendraum ihrer Kirche hörte sie Musik von Led Zeppelin und las Bücher von Kunze und Solschenizyn.

Gabi Eßbach wäre gern Ärztin geworden, doch die Partei wusste das zu verhindern. Sie tröstete sich mit dem Gedanken, Krankenschwester zu werden. »Ich marschiere für keinen Staat dieser Welt«, sagte Gabi Eßbach und machte ihre Ausbildung in einem katholischen Krankenhaus.

Sie erzählt das mit sanfter, sächselnder Stimme. Gabi Eßbach hat entschlossene blaue Augen und lange blonde Haare mit roten Strähnen, die wie Spuren von Blut in ihnen schimmern. Sie ist 43. Ihr Gesicht ist ungeschminkt.

Als die Mauer fiel, gründete Gabi Eßbach mit zwei Kolleginnen in Leipzig das erste Frauenhaus in der ehemaligen DDR. Sie hatten 23 Betten. Die Frauen mussten sich vier Zimmer, eine Toilette und ein Bad teilen. Das Haus war sofort voll.

Doch Gabi Eßbach merkte, dass viele den Weg ins Frauenhaus scheuten. Sie wollte auf die Frauen zugehen, sie brauchte einen eigenen Ort. Im November 2003 eröffnete sie die Beratungsstelle, zwei Jahre lang hatte sie dafür gekämpft. Sie beantragte zwei Planstellen. Sie bekam eine.

Die Beratungsstelle gehört zum selben Verein wie das Frauenhaus. Seit Jahren kürzt die Stadt die Zuschüsse. Die Mitarbeiterinnen sparten zuerst bei den Sachkosten.

Dann senkten sie ihre Gehälter. Das Geld, das sie von der Stadt bekamen, reichte nicht mehr für den Ost-Tarif. Jenen Tarif, über den ihre Kolleginnen im Westen sagen: Dafür würden wir nicht arbeiten.

Gabi Eßbach verdient mehr als ihre Kolleginnen. Sie hat das Glück, dass ihre Stelle vom Land finanziert wird. Sie bekommt den vollen Tarif IV B, 1733 Euro netto im Monat. Das ist ihr unangenehm, und sie fand einen Weg, die Gehälter der Frauen auszugleichen. Doch sie will darüber nicht reden. Sie hat Angst, dass die Bürokraten es als Argument benutzen könnten, dem Verein noch weniger Geld zu geben.

Das Sofa, auf dem die Opfer in ihrem Büro sitzen, brachte Gabi Eßbach von zu Hause mit. Auf dem Tisch zwischen ihr und den Opfern steht jetzt ein Sparschwein. Daneben liegt ein Zettel mit einer Entschuldigung. Gabi Eßbach muss die Opfer um Spenden für jede Beratung bitten.

Sie schreibt Bittbriefe an Banken und Brauereien. Die Antworten sind freundlich und ablehnend. An Wochenenden bewegt sie sich manchmal unter Leuten, die mehr Geld verdienen, als der Verein ausgibt. Meistens kommt sie mit leeren Händen nach Hause. Mit geschlagenen Frauen kann man sich nicht schmücken.

Es macht sie wütend, dass sie betteln muss um ein paar tausend Euro für misshandelte Frauen, während Millionen ausgegeben werden für Olympische Spiele, die nicht kommen. Doch es ist schwer, mit einer Stadtverwaltung zu streiten, die ein Defizit von 150 Millionen Euro erwartet. Wenn sie von denen, die den Sozialhaushalt verteilen, mehr Geld verlangt, fragen die: Sollen wir es vielleicht der Schwangerenkonfliktberatung wegnehmen? »Die setzen auf unseren Idealismus«, sagt Gabi Eßbach. »Die wissen, dass wir die Frauen nicht im Stich lassen können.«

Eigentlich ist sie jetzt an einem Punkt, an dem sie sagen müsste: Ich kann nicht mehr. »Aber wer weiß«, sagt Gabi Eßbach, »am Ende lassen wir uns dann doch wieder erpressen.«

Sie kommt aus dem Bad wie eine Königin, auf ihrem Kopf türmt sich ein Handtuch zu einem Turban. Im »Kids« am Hamburger Hauptbahnhof setzt sich die Jugendliche vor einen Spiegel und schminkt ihr Gesicht. Burkhard Czarnitzki, der Sozialarbeiter, beobachtet, wie sie mit Kajalstift die Ränder ihrer Lider umfährt. Sie wirkt verletzlich in diesem Moment, in dem sie versucht, erwachsen zu sein. Czarnitzki kennt ihre Geschichte, er weiß, wie die Eltern an ihr zerren, seitdem sie sich trennten. Die Tochter hielt es nicht aus und lief fort. Czarnitzki versucht ihren Blick abzuwenden von der Welt draußen vor dem Bahnhof, wo die Dealer warten und die Männer, die eine Vorliebe haben für Mädchen wie sie. Er wünscht sich, dass sie zur Schule geht. Dass sie aufhört zu kiffen. Dass sie eine Ausbildung macht. Aber das sind Träume, und der Bahnhof ist kein Ort, der Träume transportiert.

Czarnitzki ist ein schlanker, sportlicher Typ, der seine Hemden über der Jeans trägt. Er ist 46, aber er sieht jünger aus. Er hat blaue, beobachtende Augen und ein schmales, scharf geschnittenes Gesicht. An seinem Hals hängt ein silbernes Kreuz.

Er wuchs in einer Arbeiterfamilie in Geesthacht bei Hamburg auf, der Vater war Elektriker, die Mutter Hausfrau. Sie lebten zu sechst in zwei Zimmern, die Eltern schliefen im Wohnzimmer. Er war 13, als sein Vater an Krebs starb.

Czarnitzki folgte dem Vorbild des Vaters und machte eine Ausbildung zum Energieanlagenelektroniker. Er wollte Elektrotechnik studieren, doch dann kamen ihm Zweifel. Er leistete seinen Zivildienst in einem Jugendzentrum ab und merkte, dass die Arbeit dort ihn mehr bewegte als das Löten an Schaltanlagen.

Czarnitzki hatte damals lange Haare und lebte in der Wohngemeinschaft einer Kirchengemeinde. Sie waren acht Männer und teilten sich eine Küsterstelle. »Kirche war für mich Heimat«, sagt er. »Es war die friedensbewegte Zeit, wir liefen damals alle in Lila rum.« Nächstenliebe war für ihn kein abstraktes Konzept. »Aber ein Helfersyndrom«, sagt Czarnitzki, »hatte ich nie.«

Als er vor zwölf Jahren ins »Kids« kam, war der Bahnhof ein Ort der Gespenster. Wie lebendig Verwesende wankten die Junkies über den Vorplatz. »Die hatten Hunger, die mussten duschen«, erinnert sich Czarnitzki. »Als die Crack-Welle kam, knallten die richtig durch. Die fielen beim Essen mit dem Gesicht in die Suppe.«

Die Jugendlichen, die heute ins »Kids« kommen, trinken, kiffen, nehmen Speed, Ecstacy und Amphetamine. »Manchmal«, sagt Czarnitzki, »wissen die selbst nicht, was sie da nehmen.« Er hat das Gefühl, dass auch Heroin wiederkommt, nasal und geraucht.

Man sieht es ihnen nicht an. Die Kinder vom Hauptbahnhof folgen denselben Moden wie die aus den Villen von Blankenese. Die tief unter den Hüften hängenden Hosen, die gepiercten Bauchnabel, die schweren Turnschuhe, die flachen Handys.

Czarnitzki weiß, dass vieles davon gestohlen ist. Er kennt ihre Strafregister.

Am Nachmittag nimmt Czarnitzki einen Rucksack und packt Taschentücher, Kondome und ein paar Tüten »Capri-Sonne« hinein. Er geht hinüber zum Bahnhof, über den Vorplatz hallt laute Streichermusik, die die Junkies vertreiben soll. Dann geht er vorbei an den Stundenhotels am Steindamm, wo Maria, das Strichmädchen, starb. Er sucht nach Jugendlichen, die seine Hilfe brauchen.

»Es geht jetzt mehr um Geld als um Inhalte«, sagt Czarnitzki. »Das Jugendamt sagt: 'Wir wissen, was Sie vorhaben, aber mehr als fünf Betreuungsstunden können wir Ihnen nicht geben.' Aber was soll ich mit fünf Stunden für einen Jugendlichen

machen, der klaut wie ein Rabe?«

Mehr als 500 Millionen Euro gibt die Stadt im Jahr für die Kinder- und Jugendhilfe aus, mehr als 20 Milliarden alle Kommunen zusammen, Tendenz steigend. »Ich will das Jugendamt nicht verteufeln«, sagt Czarnitzki. Aber er hat das Gefühl, dass dem Sozialstaat nicht nur das Geld ausgeht, sondern auch die Geduld. »Die Politik sagt: Das ist alles zu weich, die Richter sind zu weich, die Sozialarbeiter sind zu weich. Wenn es nicht hilft, dann muss man die Jugendlichen wegschließen«, sagt Czarnitzki. »Ich bin kein Zauberer. Sozialarbeit braucht Zeit.«

In den zwei Jahren wurde dem Verein der Etat um 120 000 Euro gekürzt. Die Mitarbeiter mussten weniger arbeiten, für weniger Geld. Da fragte er sich: Willst du das noch? »Du strampelst dich ab«, sagt Czarnitzki, »und die ziehen dir den Boden unter den Füßen weg.«

In Wilhelmshof auf Usedom betritt André Wagner, der Landarzt, ein graues Haus und geht in ein verdunkeltes Zimmer. Auf dem Sofa liegt eine Frau unter einer Decke, auf dem Ölbild über ihr fährt ein Segelschiff durch den Sturm. Sie ist 71, sie leidet an Diabetes und überlebte ein Dickdarmkarzinom. Sie arbeitete in einer LPG und lebt jetzt von 600 Euro Rente.

Wagner beugt sich über sie und tastet ihren Bauch ab, die Haut liegt in Falten. »Sie müssen mehr trinken«, sagt Wagner, »sonst vertrocknen Sie noch.«

»Herr Doktor, was macht Ihre Frau?«, fragt sie. »Mit der bin ich nicht mehr zusammen«, sagt Wagner.

Auf dem Schreibtisch in Wagners Praxis stapeln sich Rentenanträge in braunen, genormten Mappen. Es ist schwieriger geworden, früher in Rente zu gehen. Dagegen hat Wagner nichts. Aber wie willkürlich die Maßstäbe manchmal angelegt werden, widert ihn an.

»Machen wir uns nichts vor«, sagt Wagner, »wir haben in Deutschland eine Zweiklassenmedizin. Die schwer krank sind und viel Geld kosten, fallen hinten runter. Es geht nur darum, Geld zu sparen.« Das stellt ihn vor Konflikte. »Als Arzt habe ich einen altruistischen Beruf, ich muss für andere da sein. Aber wenn ich betriebswirtschaftlich handle, muss ich egoistisch sein.«

Er kennt einen Orthopädie-Chef an einem Krankenhaus, der die Hand aufhält, wenn Kassenpatienten ihn sehen wollen.

Auf dem Schreibtisch von Gabi Eßbach blinkt der Anrufbeantworter. Sie beugt sich über den Lautsprecher und hört eine Nachricht der Polizei. Ein neues Opfer, Gabi Eßbach greift zum Telefon. Das Opfer sitzt dem Beamten noch gegenüber, es will reden. Gabi Eßbach klappt ihren Terminkalender auf und atmet tief ein. »Diese Woche«, sagt sie, »geht's bei mir nicht mehr.« Es ist Mittwoch.

Wenn die Frauen aus ihren Beziehungen flüchten, verfolgen die Männer sie. Sie brechen in ihre Wohnungen ein. Zerschneiden die Teppiche. Sägen im Garten die Bäume ab. Stehlen die Goldfische aus dem Aquarium und setzen sie zwei Wochen später wieder ein.

Gabi Eßbach kann diese Frauen nicht beschützen. Sie kann ihnen nur helfen, dass es irgendwann aufhört.

Wenn der Mann nicht selbst dafür sorgt. Im März wurde eine Klientin von ihr ermordet. Sie hatte ein Näherungsverbot gegen ihren Ex-Mann beantragt. Das Gericht lehnte ab. Eines Tages klingelte der Mann an ihrer Tür. Als sie öffnete, hob er eine Pistole und schoss. Achtmal.

»Sehen Sie sich meinen Mund an«, sagt Gabi Eßbach am Ende eines langen Tages. »Ich habe Neurodermitis. Ich höre den ganzen Tag die schlimmsten Fälle von Gewalt. Und abends bin ich so kaputt, dass ich meine Freunde nicht mehr treffen kann.« Sie braucht die zweite Stelle. »Entweder ich arbeite weniger«, sagt sie, »oder ich werde krank.«

Sie will nicht aufgeben. »Es geht nicht nur darum, den Sozialstaat zusammenzuhalten«, sagt Gabi Eßbach. »Es geht auch darum, Sand im Getriebe zu sein und darauf hinzuweisen, dass hier etwas im Argen liegt, dass sich etwas ändern muss.«

Der Sozialstaat eröffnete ihr Möglichkeiten, die der sozialistische Staat ihr verwehrte. Das macht ihn für sie so kostbar. Sie hängt an ihm, auch wenn sie an seinen Schwächen manchmal verzweifelt. Das Gefühl teilt sie mit Wagner und Czarnitzki. Je enger die Spielräume werden, desto größer wird ihre Aufgabe. So sorgt der Sozialstaat selbst in seiner Schwäche für sie. Er gibt ihnen, was die Menschen, um die sie sich kümmern, nicht mehr haben. Das Gefühl, gebraucht zu werden.

Ihr Beruf ist es, zu heilen, zu schützen, zu pflegen, aber ihre wahre Aufgabe ist es, die Menschen, die ganz unten sind, nicht aus der Gemeinschaft herausgleiten zu lassen. In einem Staat, der es sich immer weniger leisten kann, mitfühlend zu sein, bewältigen sie immer größere Aufgaben mit immer weniger Geld. Sie reiben sich auf, und wie der Sozialstaat, an den sie glauben, stoßen sie an ihre Grenzen.

Im Behandlungszimmer seiner Praxis sitzt André Wagner zwischen Stapeln von Rentenanträgen und sieht müde aus. Draußen ist es dunkel. An der Wand hängen Bilder von zwei Kindern einer Ehe, die hier scheiterte. Wagner denkt über die Frage nach, was ihn hier hält. »Manchmal«, sagt er dann, »hat man das Gefühl, dass man was richtig macht. Wenn man Dankbarkeit zurückbekommt.«

Vor einiger Zeit bekam Wagner das Angebot, eine Praxis in Greifswald zu übernehmen. Er hätte weniger Patienten gehabt, sie wären jünger gewesen, er hätte nachts nicht mehr durch unbeleuchtete Dörfer fahren müssen. Sein Leben wäre einfacher geworden. Wagner lehnte ab. »Wenn ich hier wegmüsste«, sagt der Doktor, »das würde mir wehtun.«

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