Zur Ausgabe
Artikel 61 / 121
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Manieren Die Kunst des Austernessens

aus DER SPIEGEL 48/1996

SPIEGEL: Herr Sucher, in dieser Woche erscheint Ihr Buch »Hummer, Handkuß, Höflichkeit«, ein »Handbuch des guten Benehmens"* - die drei Mädchen von Tic Tac Toe sind durch den ziemlich rüden Song »Ich find'' dich Scheiße« bekannt geworden ...

Jazzy: Moment, ich muß gleich mal unterbrechen. Herr Sucher, haben Sie ein Problem, wenn wir uns duzen?

Sucher: Nein, dem darf ich mich jetzt sowieso nicht verweigern - weil es, wie ich in meinem Buch schreibe, ein Affront ist, wenn ein Herr einer Dame das Du abschlägt.

Ricky: Dort steht auch, daß ein Mann eine Frau mit Handkuß begrüßen soll. Du hast mir nur die Hand gedrückt. Jetzt bin ich enttäuscht.

Sucher: Gutes Benehmen heißt, sich den Situationen angepaßt zu verhalten. Bei den vielen Damen hier hätte die Küsserei zu lange aufgehalten.

Jazzy: Deine Regeln sind nur für Leute aus der sogenannten besseren Gesellschaft. Dazu gehören wir sowieso nicht.

Sucher: Du übertreibst.

Jazzy: Überhaupt nicht. Weißt du, wie viele Arbeitslose es in Deutschland gibt? Wer von denen kann sich fünf verschiedene

* C. Bernd Sucher: »Hummer, Handkuß, Höflichkeit - Das Handbuch des guten Benehmens«. Deutscher Taschenbuch Verlag, München; 360 Seiten; 28 Mark.

Gläsersets für Champagner, Rotwein, Weißwein, Wasser und Likör leisten?

Sucher: Ich selbst bin ja auch nicht mit goldenen Löffeln groß geworden. Das erste Mal im Restaurant war ich mit sechs. Es handelte sich um ein Selbstbedienungsrestaurant, und meine Eltern wollten, daß ich mein Essen an der Theke selbst bestelle. Dadurch lernt man etwas.

Lee: Nur bis zu einem gewissen Alter lernt man Benehmen von seinen Eltern. Danach muß man sich selbst entscheiden, wie man sich verhalten will. Das ist für mich Freiheit. Ich halte auch mal einem Fremden die Tür auf. Es sagen nicht alle danke. Das akzeptiere ich aber. Das ist deren Haltung.

Sucher: Ein Bitte, ein Danke, ein Türaufhalten, ein Zurücklächeln kann nie schaden. Das macht das Leben weniger aggressiv.

Lee: Manchmal ist mir aber nach Aggression zumute. Wenn mir ein richtiges Arschloch gegenüber am Tisch nicht paßt, dann setze ich mich woanders hin. Selbst wenn es unhöflich ist, das gehört zur Freiheit.

Sucher: Mit dieser Haltung stößt man die Leute ständig vor den Kopf.

Jazzy: Sie ist aber ehrlich.

SPIEGEL: Benehmen ist gut, wenn es ehrlich ist, Etikette dagegen ist verlogen?

Jazzy: Genau. Ich verstoße zum Beispiel manchmal gegen Bernds Benimmvorschrift, eingeladene Gäste niemals wiederauszuladen. Wenn ich auf jemanden an dem Abend keine Lust habe, sage ich ihm das. Mit schlechter Laune würde ich dem Gast nur den Abend verderben.

Sucher: Launische Menschen finde ich von vorneherein bescheuert.

Jazzy: Du bist nie launisch?

Sucher: Niemals. Ich kann doch nicht einen Eingeladenen anrufen und sagen, vor 14 Tagen fand ich dich ganz wunderbar, aber jetzt habe ich mir es anders überlegt, und ich finde dich jetzt leider ganz beschissen, bleib bitte zu Hause. Wenn ich Gäste eingeladen habe, kann ich mir an diesem Abend keine schlechte Laune erlauben. Fertig. Man muß vor den Gefühlen anderer Menschen Respekt haben.

Jazzy: Respekt ist, den Leuten die Meinung ins Gesicht zu sagen. Schon die Frage »Hallo, wie geht es dir?« ist eine Lüge.

Sucher: Wenn mir jemand auf die Frage, wie es gehe, »beschissen« antwortet, dann muß ich nachfragen. Erst wenn ich das nicht tue, bin ich unhöflich und verlogen. Die Idee meines Buches ist es, die Sensibilität zu entwickeln. Die Leute sollen keine Formeln lernen, sondern Rücksicht.

Lee: Leider werden rücksichtslose Menschen dein Buch gar nicht erst lesen.

Sucher: Aber darf ich denn nicht von einer besseren Gesellschaft träumen?

Jazzy: Träum doch von uns. Leute unseres Alters sind die bessere Gesellschaft. Unsere Generation braucht kein Benimmbuch mehr. Was wir sagen, meinen wir, da gibt es keine Etikette, mit deren Hilfe man anderen etwas vorspielt.

Sucher: Ihr spielt doch auch ein Schauspiel. Bei euch heißt das nur »Verpiß dich« oder »Ich find'' dich Scheiße«.

Ricky: Das ist das wahre Leben, so reden die Kids auf der Straße.

Sucher: Nein, das ist eine Attitüde. Ihr tut auch immer nur so als ob. Ihr bedient die Bedürfnisse der Kids, um Platten zu verkaufen. Dagegen habe ich gar nichts, ich will mein Buch auch verkaufen. Wenn ich euch nach euren Liedtexten beurteilen darf, und ihr besteht ja darauf, daß die authentisch sind, dann seid ihr und eure Fans ziemlich verklemmt.

Ricky: Wie kommst du denn darauf?

Sucher: Ihr singt »Du hast den schönsten ... der Stadt«. Oder: »Leck mich am A ...« In der Kunst ist man längst viel weiter, da braucht man keine Auslassungen für bestimmte Wörter. Über Schwänze und Ärsche wird auf jeder Theaterbühne geredet.

SPIEGEL: Den Zungenkuß in der Öffentlichkeit zu verbieten, wie es Ihr Buch vorschreibt, ist nicht verklemmt?

Sucher: Ein Kuß ist etwas Privates, keine öffentliche Sache. Ich darf nicht wildfremde Leute mit meiner Lust belästigen.

Lee: Entspann dich, natürlich darfst du das. Wenn ich am Bahnhof ankomme und meinen Freund zwei Wochen lang nicht gesehen habe und ich den vermißt habe, auch körperlich, knutsche ich den ab, und dann müssen die Leute in dem Moment wegschauen.

Sucher: Nein, danke. Ich möchte nicht Zeuge sein müssen, wie sich die Leute um mich herum abknutschen. Vor allem nicht, wenn ich selbst gerade keinen zum Abknutschen habe. Da fühle ich mich dann einsam und traurig.

Ricky: Man muß auch gönnen können. Ich glaube, du bist nicht sensibel, sondern prüde. Warum sollte beispielsweise der Quickie verboten sein? Es muß doch jedem selbst überlassen sein, ob, wann und wie lange er Sex hat.

Sucher: Ich weiß gar nicht, was du gegen diese Passage hast: »Kopulation zwischen Tür und Angel. Rasch. Heftig. Spannend. Und nicht eben fein.« Das stimmt doch.

Jazzy: Warum soll das nicht fein sein? Das ist doch ganz subjektiv.

Sucher: Das ist mein Buch, und deshalb ist es subjektiv. Ich habe nichts gegen Quickies, aber es gibt schönere Arten, sich zu vereinigen. Wenn ihr jetzt mit dem Kellner zur Toilette geht ...

Jazzy: Na und? Was geht dich das an?

Sucher: Das geht mich nichts an, ich finde es aber trotzdem daneben.

Lee: Du mußt dich erst noch informieren, was in den Neunzigern abläuft. Du bist wirklich zu altmodisch. Wenn man nur nach deinem Buch leben würde ...

Sucher: Das geht gar nicht.

Ricky: Wie? Du zwingst den Lesern all diese langweiligen Benimmregeln auf, und dann richtest du dich selbst nicht danach? Soll das eine Verarschung sein?

Sucher: Man kann sich nicht in jeder Situation fabelhaft benehmen. Aber man kann, auch wenn man etwas Scheiße findet, rücksichtsvoll sein und anderen das Leben angenehm machen. Das ist die Quintessenz des guten Benehmens. Benehmen ist ein Spiel, in jeder Situation bedeutet gutes Benehmen etwas anderes. Als ihr mir angeboten habt, daß wir uns duzen, wäre es unhöflich gewesen zu antworten, ich bitte Sie darum, daß Sie mich mit Professor Dr. Sucher anreden. Dann wäre ich ein arroganter, eitler Fatzke.

Jazzy: Das hätten wir ausdiskutieren können.

Sucher: Wir haben aber eine andere Übereinkunft getroffen, weil wir dachten, daß wir dann netter zueinander sind.

Jazzy: Ehrlich gesagt, bist du weder besonders nett noch besonders rücksichtsvoll in deinem Benimmbuch. Es ist kein gutes Benehmen, Frauen mit Übergewicht Bikinis zu verbieten und Leggings als Vorhölle zu bezeichnen. Das ist schlicht und ergreifend intolerant. Guck doch einfach woanders hin, wenn es dich stört.

Sucher: Da muß man doch mit einem Blindenstock samstags durch die Fußgängerzone rennen, wenn man bei jeder Scheußlichkeit wegsehen soll. Ich darf verbieten, was ich will, denn auf dem Buchumschlag steht C. Bernd Sucher.

Jazzy: Du bist arrogant und frech. Dicke Leute quälen sich sowieso schon mit Schamgefühlen herum. Ich habe vor kurzem sieben Kilo mehr gewogen, ich weiß, wovon ich rede. Ich will meine Speckrollen ausstellen dürfen.

Sucher: Für mich ist das aber ein ästhetisches Problem. Mein Gott, ich verlange doch gar nicht, daß dicke Frauen eingesperrt werden müssen.

Lee: Ich finde dicke Frauen in Miniröcken auch nicht schön, aber ich toleriere das.

Sucher: Jetzt seid ihr plötzlich entsetzlich politisch korrekt, obwohl ihr gerade noch für Aufrichtigkeit plädiert habt. Man muß einer korpulenten Frau sagen dürfen, daß sie in Leggings schrecklich aussieht, und man muß vor einem Türken über die türkische Regierung schimpfen dürfen. Jetzt nennen die Behinderten sich die Speziellen - da kann man neidisch werden, man wäre ja selbst auch gern speziell. Das einzige, was man nicht tun darf, ist, die Menschen vor den Kopf zu stoßen und zu beleidigen.

Ricky: Nein. Es muß endlich Schluß sein mit der Schleimerei.

Sucher: Dann bist du eben eine Persönlichkeit, der es egal ist, ob sie Freunde verliert oder nicht. Unzähligen Leuten ist das nicht egal, sie haben Angst, gegen Regeln zu verstoßen. Es gibt aber nichts Schlimmeres als diese gehemmten Menschen, die zum Beispiel beim Bundeskanzler eingeladen sind, nicht wissen, wie sie sich benehmen sollen, und sich verkrampfen. Der Witz ist, daß man gegen Regeln verstoßen darf, wenn man es bewußt tut.

Lee: Wenn ich nicht weiß, wie ich mich verhalten soll, frage ich den Tischnachbarn oder den Kellner. Dazu kann ich stehen, und da muß ich mich nicht erst durch ein 300 Seiten langes Benimmbuch quälen.

Sucher: Das ist ja wunderbar, wenn du das kannst. Die meisten sind viel zu ängstlich. Wenn die das erstemal Austern essen sollen, sagen die eher: »Ich mag keine Austern«, als daß sie fragen, wie man die ißt. Diesen Leuten hilft mein Buch.

Ricky: Ich weiß auch nicht, wie man Austern ißt. Du könntest uns das doch mal zeigen.

Sucher: Aber gerne. Ich glaube, dies könnte der Beginn einer wundervollen Freundschaft sein.

Jazzy: Auf die schriftliche Einladung kannst du verzichten. Wir bringen nämlich auch keine Blumen mit.

* C. Bernd Sucher: »Hummer, Handkuß, Höflichkeit - Das Handbuchdes guten Benehmens«. Deutscher Taschenbuch Verlag, München; 360Seiten; 28 Mark.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 61 / 121
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel