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Die Machtfrage

Ortstermin: Im Berliner Preußenpark wird der erste deutsche Spielplatz für Senioren eingeweiht.
aus DER SPIEGEL 19/2007

Die Fußgängerzone in der Wilmersdorfer Straße war zunächst auch im Gespräch, standortmäßig. Die Wilmersdorfer Straße ist eine große Einkaufsstraße in Berlin, mit großen Kaufhäusern. Zwischen den Kaufhäusern und den einkaufenden Menschen wollte man die Geräte aufstellen. Beweglichkeitstrainer, Rückentrainer, den Sprungkrafttrainer.

Die Frage war nur, ob Erwachsene und Senioren beispielsweise Sprungkraftübungen gern in der Fußgängerzone einer Einkaufstraße durchführen. Darüber gab es wenig Erkenntnisse. Nur aus China. Die Chinesen sind sehr offen, hieß es. Andererseits sind die Berliner oft nicht sehr offen. Daraufhin schlug Klaus-Dieter Gröhler, CDU-Stadtrat für Bauwesen, den Preußenpark vor.

Jetzt gibt es hier den ersten deutschen Outdoor-Spielplatz für Erwachsene. Es geht um das Herz-Kreislauf-System und eine Antwort auf den demografischen Wandel.

Alle sagen, dass Deutschland alt wird. Es gibt darüber wissenschaftliche Studien. Früher, zu anderen Zeiten, starben die Dinosaurier aus, später der Säbelzahntiger. In der Zukunft sterben in Deutschland die Kinder aus. Nicht ganz. Aber man könnte sagen, der Standort Deutschland schwächelt bei der Kinderproduktion. Die Konjunktur springt nicht an. Das führt zu Verschiebungen in der Gesellschaft. Die Senioren übernehmen die Macht, überall, auch auf den Spielplätzen.

Zur Eröffnung des Outdoor-Fitnessspielplatzes im Preußenpark sind Bezirkspolitiker gekommen, die Spielplatzerfinder, der Vertreter einer Firma zur Pflege von Edelstahl, Anwohner und Karsten Heine, der Trainer von Hertha BSC.

Klaus-Dieter Gröhler, der Baustadtrat, steht mit schwarzen Schuhen im tiefen, braunen Boden aus gehäckselter Baumrinde, im Rindenmulch. Auf Rindenmulch läuft es sich weich und angenehm. Rindenmulch ist Wellnessboden. Gröhler hält eine kurze Rede, in der auch eine Seniorengruppe aus Überlingen vorkommt. »Die haben mich gefragt, ob man sie nicht mal über den neuen Seniorenspielplatz führen kann, wenn sie in Berlin sind. Sie sehen, die Sache spricht sich rum bis in die allerhintersten Ecken des Landes.«

Rauchen ist auf dem Spielplatz verboten. Die Spielgeräte sind für eine Körpergröße ab 1,50 Meter vorgesehen. Benutzung durch Kinder nur unter Erwachsenenaufsicht. Acht Geräte aus robustem Edelstahl und mit Graffiti-Schutz stehen jetzt unter Bäumen im Rindenmulch. Es wirkt, als hätte jemand ein Fitness-Studio ausgeräumt und die Sachen im Wald versteckt.

»So«, sagt Gröhler. »Vielleicht kann die Frau Zeumer mal was zeigen.«

Renate Zeumer ist Geschäftsführerin der Firma Playfit. Eine große Frau mit gesunder Gesichtsfarbe. Vor fünf Jahren war sie in Peking und sah, wie sich die Menschen dort in Parks und Fußgängerzonen an einfachen Geräten bewegten. China, so schien es, war mal wieder weit vorn. Renate Zeumer baute die Geräte nach, ein bisschen um, sie passte sie an auf europäische Größenverhältnisse. Der Erwachsenenspielplatz kostete nur rund 20 000 Euro. Er ist vier- bis fünfmal billiger als ein Kinderspielplatz. Es scheint ein Zukunftsmodell zu sein. In jeder Hinsicht.

Die Frage ist jetzt, ob Deutschland, seine Erwachsenen und Senioren, schon so weit sind. Spielplatzreif, sozusagen. Berlin ist nicht Peking. Oder doch?

Zeumer stellt sich an den Beweglichkeitstrainer. Der Beweglichkeitstrainer besteht aus einem im Boden eingelassenen Edelstahlstab, an den zwei große rote Scheiben mit Haltegriffen angebracht sind. Die Scheiben lassen sich drehen. »Drehung, Streckung, Arme, Oberkörper, tut total gut. Probieren sie mal.«

Eine Frau kommt, 85 Jahre alt, T-Shirt, und probiert. Drehung, Streckung, Arme, Oberkörper. »Nee, hab ick zu kurze Arme für.«

Zeumer geht rüber zum Beintrainer. Der Beintrainer funktioniert wie eine Schaukel für die Beine. »Pendelbewegungen, Schwingen«, ruft Zeumer. Sie pendelt und schwingt.

»Ja, aber wozu is ditt jut?«, fragt ein Mann, 71 Jahre alt, Trainingshosen.

»Streckung, vorne, hinten«, sagt Renate Zeumer.

Karsten Heine, der Trainer von Hertha BSC, hockt am Rückenmassagegerät und macht Reibebewegungen. Beim Rückenmassagegerät geht man leicht in die Knie und reibt sich dabei mit dem Rücken an einer Noppenrolle. Es erinnert an einen Katzenkratzbaum. Nur für Menschen.

»Und?«, fragt Zeumer. »Sehr angenehm«, sagt Heine. »Ist auch kommunikativ«, sagt Zeumer. »Ist auch gut zu zweit«, sagt Heine.

Zur Eröffnung sind keine Jugendlichen gekommen, nur die Älteren, Rentner. Früher sind die auf Kreuzfahrtschiffe gegangen. Sie wollten die Welt sehen, einmal noch. Eine letzte Reise. Kreuzfahrtschiffe sehen nach Abschied aus. Spielplätze sehen nach Anfang aus.

Auf Spielplätzen saßen abends gern die Jungs und die Mädchen. Das war eine hübsche Tradition. Seit Jahrzehnten. Man rauchte, hörte Musik, fummelte ein bisschen.

Jetzt sind plötzlich die Alten da und sitzen an Geräten aus Edelstahl.

Und Rauchen ist verboten.

Als alle weg sind - Renate Zeumer, Heine, Stadtrat Gröhler -, als der Sprungkrafttrainer in der Sonne blitzt wie ein stählernes Denkmal, beginnt der Kampf.

Zwei Jugendliche schaukeln wild am Beintrainer, als wollten sie ihn auseinanderreißen. Hinten reibt sich ein alter Herr schüchtern am Rückentrainer. Zwei alte Frauen bleiben mit den Rädern ihrer Gehhilfe im Rindenmulch stecken. Ein Mann mit Kampfhund steht am Rand und zieht die Leine straff. JOCHEN-MARTIN GUTSCH

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