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Die Parteistadt

Ortstermin: In Gevelsberg hat die SPD erreicht, wovon die Bundespartei nur träumt: die absolute Mehrheit.
aus DER SPIEGEL 39/2009

Jacobi tritt aus dem Rathaus in den kühlen Herbst, er lächelt. Er ist jetzt mehr als der Bürgermeister von Gevelsberg. Seit den Kommunalwahlen vor drei Wochen ist er ein kleiner Parteiheld. Der Gegenbeweis zur These, dass die SPD still zugrunde gehen wird.

Der 78-Prozent-Jacobi.

Er ist auch der Beweis dafür, dass ein Politiker sich nicht in eine Euphoriemaschine verwandeln muss, weil Wahlen sind. Claus Jacobi sieht nicht so aus, als würde er sich gern verstellen. Er dehnt seine Worte wie jemand, der viel Zeit hat, er ist außerdem kein mimikstarker Mensch, fällt damit aber nicht auf in Gevelsberg. »In Geevelsbeerch«, sagt Jacobi.

Er läuft durch die Einkaufsstraße und winkt nach links und rechts. »Man muss den Bürgern klarmachen, Tach Frau König, schöne Grüße!, man muss ihnen klarmachen, dass die SPD den Ausgleich will zwischen Marktwirtschaft und Solidarität. Die Gesellschaft hungert nach sozialdemokratischen Konzepten. Hallo Inge, schöne Grüße!«

Gevelsberg hat rund 33 000 Einwohner, ein Hallenbad mit vier Rutschen, eine Fußgängerzone sowie Anschluss an die Autobahn A 1. Gevelsberg liegt südlich von Bochum, in Nordrhein-Westfalen. Im Johannes-Rau-Land, so war das jedenfalls, als Jacobi vor 20 Jahren in die SPD eintrat, mit 17. Er mochte seinen Ministerpräsidenten, Johannes Rau. Der hatte in den Achtzigern mit der Werbekampagne »Wir in Nordrhein-Westfalen« eine spezielle Form von Patriotismus entdeckt, den Bundeslandpatriotismus, und viele fühlten sich angesprochen. Auch Jacobi. Rau war der Versöhner, der In-den-Arm-Nehmer der nordrhein-westfälischen SPD. Er war der Landesvater, vielleicht ein bisschen zu stark sakral angehaucht, er musste zwangsläufig Bundespräsident werden. NRW war Sozi-Land, voller Versöhnungswillen, dem Rau-Gefühl. Damals war das so. Heute ist NRW CDU-Land, Rüttgers-Land. Das Rau-Gefühl konnte Jacobi trotzdem nicht abschütteln.

Jacobi, der Versöhner. Oft stimmte im Stadtrat eine überparteiliche Mehrheit für die großen Projekte; für den Umbau der Einkaufsstraße, für den neuen Sportplatz, für den Umgehungstunnel, für die Sanierung des Flussufers. Jacobi fand die Einmütigkeit zwar gut, wusste allerdings, dass zu viel davon zur falschen Zeit auch schaden kann. Konsens ist der Tod im Wahlkampf. Jacobi braucht keine Fernsehdebatten, um das zu wissen.

Er will nicht auf Steinmeier schimpfen, den Kanzlerkandidaten, der Mann hat ja gearbeitet, hat es probiert mit dem Winken, dem Umarmen, obwohl es ihm so schwerfällt. Aber dann lehnt dieser Kanzlerkandidat an einem Stehpult im Fernsehen neben der Kanzlerin und sagt »wir«, und man weiß nicht, meint er die SPD, meint er die Große Koalition.

Jacobi ist beliebt in Gevelsberg, er wollte keinen Streit beginnen, nur damit der Wahlkampf spannender würde. Er entwarf eine Strategie, vor der Kommunalwahl, mit seiner Partei zusammen.

Er wollte nicht weniger umarmen, sondern mehr. Die SPD soll die Partei für alle sein, sagt Jacobi, sie muss die Vereine umarmen, die Fußballer, die Imker, die Zierfisch- und die Pudelfreunde. Die Partei muss eins werden mit ihrer Umgebung, das war Jacobis Strategie und die des örtlichen SPD-Vorsitzenden: die vollständige Durchdringung der Stadt. »Gevelsberg kann eine sozialdemokratische Modellstadt sein«, sagt der Vorsitzende. Die Parteistadt.

Es ist möglich, dass am Tag der Kommunalwahl einige Gevelsberger dachten, die Einkaufsstraße, der Sportplatz, der Tunnel und das Flussufer wären von der SPD umgebaut und saniert worden, nicht von der Stadtverwaltung. Sogar die Obdachlosen im Stadtpark winkten dem Bürgermeister zu: Herr Jacobi, wir gehen wählen!

Jacobi, 1971 geboren, wurde noch als Jurastudent Mitglied im Stadtrat von Gevelsberg und später Fraktionsvorsitzender der SPD. 2004 wurde er das erste Mal zum Bürgermeister gewählt, und jetzt wieder. Die Gevelsberger SPD hatte über 11 Prozent mehr als vor fünf Jahren. Jacobi holte fast 78 Prozent.

Jacobi steht jetzt auf dem Schutthaufen, der einmal das neue Flussufer werden soll. Ein Bauarbeiter raunzt ihn an, er solle den Baggern nicht im Weg stehen. Jacobi hat Verständnis, er hat immer Verständnis, weil er ja versöhnen will, aber vielleicht ist das gleichzeitig seine Schwäche. Die Versöhnungssucht. Der Bauarbeiter lässt sich nicht umarmen. Jacobi murmelt schöne Grüße und verschwindet.

Er sagt, die SPD sei dafür zuständig, dass keiner in der Gesellschaft verlorengehe: kein Arbeitsloser, kein Kranker, kein verarmtes Kind. Jacobis SPD ist nicht die Hartz-IV-SPD, nicht die Steinmeier-SPD. »Wir sind die Partei der Kümmerer.«

Seine SPD läuft mit dem Betriebssystem von vor 20 Jahren. Sie funktioniert. Die Johannes-Rau-SPD, Version 2009.

Er sagt, er beneide seine Genossen nicht, die vier Jahre in Berlin in einer Großen Koalition unangenehme Entscheidungen treffen mussten. Kriege führen, Opel retten, Banken stützen. »Sachzwänge«, sagt Jacobi, als wolle er sich für die Regierungsbeteiligung entschuldigen, in die seine Partei hineingestolpert ist.

Es sieht aus, als werde die SPD die Bundestagswahl nicht gewinnen, aber der Bürgermeister sieht darin eine Chance. Seine Partei muss überlegen, wie sie die Menschen wieder vereinen kann. Jacobi will das nicht zu laut sagen, aber er hätte da, schöne Grüße, ein paar Ideen. CHRISTOPH SCHEUERMANN

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