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JUGENDIDOLE Die Rache der Provinz

Britney Spears, die Lolita der Popmusik, ist ein Mädchen wie Tausende andere Mädchen - nur dass sie es an die Spitze geschafft hat. Von Henryk M. Broder
Von Henryk M. Broder
aus DER SPIEGEL 45/2000

Oops! She did it again! Sie hat 80 Minuten gesungen und getanzt, ihre Hüften geschwenkt und ihren Bauchnabel vorgeführt, sich zweimal in den Bühnenhimmel heben lassen und am Ende die vorgesehene Zugabe gegeben. 10 000 Britney-Spears-Fans drängten sich in der größten Halle der alten Leipziger Messe, wo früher Traktoren vorgeführt wurden, und jeder Fan der »Teenie-Rakete« ("Stern") war überzeugt, sie würde nur für ihn abheben.

Sandra aus Dessau, gerade elf Jahre alt, hatte ein Transparent mitgebracht, das sie nur mit Hilfe ihres Vaters heben konnte: »Britney - you are the Greatest«, Marie und Madleen aus Gera, beide zwölf, waren ohne Eltern gekommen, trugen Zahnspangen, schwarze Tops und weiße Hemden, die sie über dem Nabel verknotet hatten.

Auch sie hatten eine Message, die sie loswerden wollten: »Brit, we love you!«

Die jüngsten Besucher waren sechs Jahre alt, sie wurden von ihren Eltern huckepack getragen, damit sie aus hundert Meter Entfernung ein paar hüpfende Punkte auf der Bühne sehen konnten. Egal: Was man live kaum ausmachen konnte, wurde auf die bei solchen Anlässen üblichen Groß-Leinwände projiziert. Britney für alle, überlebensgroß und immer in Bewegung.

Und alle für Britney. Über 2000 Doppelgängerinnen des Wundermädchens hatten sich bei der »Bravo« zum Double-Wettbewerb gemeldet, drei von ihnen durften das Original in Stuttgart treffen: die 14jährige Fabienne, die 16-jährige Alexandra und die 18-jährige Nina. Natürlich waren sie begeistert: »Sie ist total lieb.«

Dass Teenies für Stars schwärmen, ist weder neu noch auffallend. Dass die Stars nur wenig oder gar nicht älter sind als ihre Fans, ist spätestens seit den Backstreet Boys auch nicht ungewöhnlich. Einerseits beginnen die Karrieren immer früher, andererseits enden sie auch immer schneller. Shirley Temple wäre heute mit zwölf Jahren erledigt und Heintje schon lange vor dem Stimmbruch ausgemustert.

So gesehen ist Britney, die »blonde Pop-Lolita« ("BamS"), nur ein weiteres Produkt der globalen Spaßgesellschaft, sozusagen ein weiblicher Benjamin Lebert der Musik von Weltformat. Crazy. Tausende, wenn nicht Millionen, sehen aus wie sie, hören sich an wie sie und bewegen sich wie sie. Nur mit dem Unterschied, dass sie es geschafft hat. Denn im Showbusiness regiert nicht nur der Zeitgeist, sondern auch der Zufall.

Woanders sorgt er dafür, dass zwei Flugzeuge in 10 000 Meter Höhe zusammenstoßen, im Falle von Britney hat er dafür gesorgt, dass ein Mädchen aus der Kleinstadt Kentwood in Louisiana, nicht weit von New Orleans, mit gerade 18 Jahren berühmter ist als jeder Opernstar. Obwohl sie bis jetzt nur zwei Alben veröffentlicht hat. Britney Spears ist, unter anderem, die Rache der Provinz an den Metropolen.

Schon mit drei Jahren, schreibt Britneys Biografin Astrid Dobmeier, »sah die kleine Britney einfach süß aus«, am liebsten klaute sie ihrer Mutter Lippenstifte und Lidschatten und malte sich damit »von oben bis unten« an. Sie war vier Jahre alt, als sie von der Mutter im baptistischen Kirchenchor angemeldet wurde. Mit acht hatte Britney nur einen großen Wunsch: »Sie wollte berühmt werden!« Das heißt, sie wollte ins Fernsehen.

Mom fuhr mit ihr zu einem Casting-Termin in Atlanta. Doch das Kind war zu jung, um einen Job zu bekommen. Da fuhr Mom mit ihr nach New York ("So viele Menschen, so viele Taxis - und dieser Lärm!") und brachte sie auf einer Tanzschule unter. Mit zehn gewann Britney 1000 Dollar bei dem Wettbewerb »Miss Talent USA«, mit elf bekam sie eine Zahnspange und trat beim »Mickey Mouse Club« auf. Mom zog mit ihr nach Orlando in Florida, wo die Sendung bis Ende 1994 produziert wurde.

Man ahnt hinter solchen Eckdaten den unheimlichen Selbstverwirklichungsdrang der Mutter, der auf die Tochter übertragen wird. Tatsächlich dauerte es nicht lange, und Britney bekam eine Gelegenheit, ihre erste Platte aufzunehmen: » ... Baby One More Time«. Sie wurde ein Super-Hit und Britney ein Super-Star. Seitdem sind genau zwei Jahre vergangen, eine Ewigkeit im Leben einer 18-Jährigen, eine Sekunde auf dem Fließband der Musikindustrie.

Britney Spears hat nicht einmal ihren Namen geändert, wie es die meisten im Showbiz tun. Sie ist noch immer »das nette Girl von nebenan«, betet morgens und abends und ist »ständig auf Tour, hat viele TV-Termine, muss Interviews geben und neue Songs aufnehmen«.

Dennoch hat sie ihre Persönlichkeit im Laufe der Jahre weiterentwickelt, wenn auch vorsichtig. War zu der Zeit, als sie im »Mickey Mouse Club« auftrat, Pizza ihr Lieblingsessen, so sind es heute Spaghetti und Hot Dogs.

Britney Spears ist das perfekte »role model«, ein Vorbild für Millionen junger Mädchen, die einerseits Karriere machen und andererseits mit Mom und Dad nicht brechen möchten, die moralische Alternative zu Madonna und Monica Lewinsky. Auf die Frage, ob sie die Einladung von Außerirdischen akzeptieren würde, mit ihnen eine Weile zu leben, antwortet sie: »Nein, meine Familie würde mir fehlen. Aber wenn sie auch mitkommen könnte - vielleicht.«

On stage ist Britney mal das unschuldige Schoolgirl in kariertem Rock und mal die verführerische Lolita im engen Top, im wahren Leben spielt sie immer nur eine Rolle: die der singenden Jungfrau. Für einen Boyfriend, sagt sie immer wieder, habe sie »einfach keine Zeit«, eine ihr zugeschriebene Romanze mit Prinz William sei nur »ein hübsches Gerücht«.

Ein anderes Gerücht mag sie dagegen nicht dementieren. Ihr Ex-Freund Reg Jones, mit dem sie laut Biografin Dobmeier »von Mitte 1996 bis Dezember 1998 zusammen« war, soll gesagt haben: »Auch wenn es mir keiner glaubt, aber wir haben in den ganzen zweieinhalb Jahren nie miteinander geschlafen. Erstens fühlte sich Brit noch zu jung, zweitens hat sie den festen Vorsatz, als Jungfrau in die Ehe zu gehen.«

Solche Geschichten, wahr oder gut erfunden, sind es, die den Marktwert der 18-Jährigen in die Höhe treiben. Eine Virgo intacta im Showbusiness - wann hat es das zum letzten Mal gegeben?

Unter den ungezählten Britney-Internet-Seiten gibt es auch eine der »Gesellschaft der zukünftigen Ehemänner von Britney Spears«. Denn wer mit Brit »zusammen sein« möchte, der muss auch bereit sein, sie zu heiraten. Oder etwas, das ihren Namen trägt, zu kaufen. Beim Leipziger Konzert letzten Mittwoch stand ein junger Mann mit einem selbst gemalten Plakat in der Menge: »Britni - Marry Us All«, flehte er im Namen aller Jungs in Sachsen.

In solchen Momenten bleibt dem Fan nur der Griff zu den »Britney Collectibles« aus dem Britney-Spears-Katalog. Unter »Have A Date With Britney« werden da neben Badetüchern und Lavalampen gleich vier Fotokalender angeboten. Auch die Konzertbesucher, die schon 75 Mark für einen Stehplatz in der Menge bezahlt haben, werden gnadenlos abgezockt: Ein Britney-Mousepad kostet 30 Mark, ein Britney-Plüschbär 40 Mark, eine Britney-Mütze 50 Mark, ein Britney-Top (rot) 60 Mark und ein rosa Hut, wie sie ihn kurz in der Show trägt, gleich 105 Mark.

Das alles sind Kollateralerscheinungen eines Gewerbes, das gar nicht anders kann, als auch noch seinen eigenen Abfall zu vermarkten. Die »falschen Bedürfnisse«, von denen früher immer die Rede war, sind garantiert echt. Und wenn Britney den Stones-Titel »(I Can't Get No) Satisfaction« singt, dann klingt das so, als wäre sie über ihren Lidschatten unglücklich. Es ist Rock aus dem Reformhaus der Gefühle, benutzerfreundlich und umweltverträglich.

Draußen vor der Halle 7 der alten Leipziger Messe stehen zwei Mädchen, beide jünger als Britney Spears. »Ich möchte wirklich wissen, ob sie es noch nie gemacht hat«, sagt die eine. »Ich kann es mir nicht vorstellen, sie wird doch bald 19«, antwortet die andere.

Kommt Zeit, kommt Rat. Der nächste Superstar wird bestimmt wieder eine ganz geile Schlampe sein.

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