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Die Rache des Strebers

aus DER SPIEGEL 47/1995

Nichts ist trauriger als ein gefallener König. Philippe Kahn war einmal ein dicker, zufriedener König, der gern Hawaii-Hemden trug, laut lachte und noch lauter sein Saxophon blies. Mit Computerprogrammen hat er sich im Silicon Valley ein Reich erschaffen: Über 2000 Menschen haben einst für den gebürtigen Franzosen gearbeitet. Reichtum, Einfluß und sogar eine gewisse Prominenz hat er genossen. Und er besaß die Insignien der Computermanager: Sportwagen, Privatflugzeug und ein wunderschönes Haus mit Whirlpool. Doch Kahn hat fast alles verloren: Er wollte Bill Gates schlagen. Und das ist noch niemandem gut bekommen.

Heute ist Kahn nicht mehr Chef seiner Firma Borland. Mit ein paar treuen Gefährten arbeitet er in einem verstaubten Lagerraum. Statt in teuren Restaurants zu essen, schaufelt der Gourmet chinesisches Fast food aus einer Styroporschale. »Gates«, sagt Kahn und schwitzt dabei nicht nur wegen der kalifornischen Sonne, »Gates ist wie der Tyrannosaurus rex. Alles, was sich bewegt, beißt er tot.«

Philippe Kahn hat am eigenen Leib erfahren, wieviel Macht William Henry Gates III. besitzt. Gates'' Firma Microsoft, die Medusa der Software-Industrie, nahm vor ein paar Jahren Kahn in ihren Würgegriff. Mit fairen und nicht ganz so fairen Schachzügen hat Gates den Konkurrenten zum kleinen Mittelständler gestutzt.

Dabei waren die Programme von Gates meist schlechter und oft auch teurer als alles, was Kahn verkauft hat. Gates hat den Zweikampf nicht gewonnen, weil er das technische Superhirn ist, zu dem ihn die Medien immer wieder erklären. Gates ist mit seinen 40 Jahren der Overlord des Informationszeitalters, weil er Unternehmer-Gerissenheit und Tüftlertum in einer schlagkräftigen Mischung vereint. Und er bestimmt nicht mehr nur die Geschicke der für Laien kaum verständlichen Software-Branche - der Microsoft-Chef entscheidet darüber, wie ein großer Teil der Menschheit in Zukunft arbeiten, lernen und sich unterhalten wird. Er wird »als mächtigster Mann des 20. Jahrhunderts in die Geschichtsbücher eingehen«, behauptet Biograph James Wallace.

Die etwa 19 000 Microsoft-Beschäftigten in aller Welt wollen mit ihren Produkten eine neue Gesellschaft schaffen: eine Informationsgesellschaft, in der fast alle Bereiche des Lebens durch, mit und vor allem exklusiv über den Computer vermittelt werden. Ob Zeitungslektüre, Arbeitsalltag, Bankgeschäfte, Rendezvous, Bundestagswahlen, Fernsehabend - der Bildschirm soll zentraler Teil des menschlichen Lebens werden. Und als Geist in der Maschine dienen Gates'' Programme: Sie machen den Tycoon der Computerwelt mit jedem Mausklick mächtiger und reicher.

Schon Gates'' Anfänge waren nicht gerade bescheiden: Als Sohn einer reichen Anwaltsfamilie wuchs er in einem feinen Vorort von Seattle auf. Vorgarten, eine weite Straße mit Bäumen, Kinder, die vor der Garage Basketball spielen - so sieht die Nachbarschaft noch heute aus. Gates'' Elternhaus repräsentiert Patriziergeist, teuer, aber nicht auffällig eingerichtet - all das signalisiert: Wir haben Geld, aber zeigen müssen wir es nicht. Die ideale Kulisse für eine Weißbrot-Jugend, wie die Amerikaner so etwas nennen. Den jungen William Henry Gates III. nennt seine Familie »Trey«, wegen der römischen Drei nach seinem Namen. Soviel überschüssige Energie hat Trey, daß er als Kleinkind Stunden auf seinem Spielzeugpferd schaukelnd verbringt. Noch heute wippt Gates mit dem Oberkörper nervös vor und zurück, wenn er nachdenkt oder angestrengt zuhört.

Während Bill aufwächst, konzipieren Ingenieure in seiner Nachbarschaft die ersten Jumbos bei Boeing. Die Weltausstellung in Seattle im Jahre 1962 ist für Trey, so schreiben die Buchautoren Stephen Manes und Paul Andrews, »ein riesiges Erlebnis«. Zum erstenmal in seinem Leben sieht Bill Gates dort das Büro der Zukunft. Elektronische Post, Computernetze - Dinge, denen er und seine Angestellten später fast sämtliche Wachminuten widmen werden.

Doch den Knirps interessieren damals Rummelattraktionen mehr. Erstes Indiz für den Geschäftssinn des jungen Gates: Als Pfadfinder war er der »beste Nüsseverkäufer weit und breit«, erinnert sich sein Vater. Tiefe Stimme, sparsame Gesten, aber nicht zuviel sagen - Vater Gates ist noch immer der feine Anwalt, der große Firmen in holzgetäfelten Konferenzräumen vertritt.

In der Grundschule zeigt Gates die ersten Markenzeichen seiner Persönlichkeit: nasale schrille Stimme und ein stets bis oben zugeknöpftes Hemd; klein und ungelenk, ein Linkshänder mit übergroßen Füßen, so beschreiben ihn Klassenkameraden. Keiner, den sich die Kumpels zum Helden oder die Mädchen zum Schwarm wählen.

Um ihn scharen sich aber schnell ein paar Außenseiter; schlaue Jungs, die gut in Mathematik sind, aber deren Fähigkeiten im Umgang mit anderen Menschen weit hinter ihrem Wissen zurückbleiben. Doch in der achten Klasse schaffen sich Gates und seine Freunde dank ihres Intellekts und eines wunderbaren Werkzeugs ihre eigene Realität.

Auf der privaten Lakeside School, deren Studiengebühren sich nur wohlhabende Eltern leisten können, wird ein Computer installiert. Ein Geschenk des Mutterklubs der Schule. Mit einem Fernschreiber, Lochstreifen und viel Geduld machen Gates und seine Freunde die ersten Schritte in die Welt des Computers. Die Gang muß sich den Rechner mit vielen anderen teilen, trotzdem wissen die Jungs bald mehr als alle anderen Schüler, von den Lehrern ganz zu schweigen.

Gates'' Leidenschaft ist geweckt. »Nachts hat er sich oft aus dem Haus gestohlen, um noch ein paar Stunden am Computer zu sitzen«, erzählt sein Vater. Die Eltern halten das Hobby für Zeitverschwendung.

In den langen Nächten an der Maschine, zwischen Cola-Flaschen und lauwarmer Pizza, lernt Gates den Freund fürs Leben kennen. Paul Allen, drei Jahre älter und trotz seiner Tüftlerleidenschaft der Gegentyp: Ein langer Kerl mit tiefer Stimme, dessen ruhige Art jeden Zornesausbruch des hyperaktiven Bill besänftigen kann. Und manchmal, während die beiden wieder auf die Antwort des entfernten Computers warten, träumen sie: »Wäre es nicht toll, einen Computer für sich allein zu haben? Wir könnten Programme schreiben, eine Firma gründen, reich werden«.

Ein altes Schwarzweißfoto dokumentiert Gates'' High-School-Zeit: Zusammengekauert in Jeans und Parka, sein Kopf fast völlig von einer Strickmütze verdeckt, liegt er auf einem Holztisch, neben ihm steht ein Fernschreiber mit dem Computeranschluß. Gates ist versunken in einer eigenen Welt. Das Bild erschien im Jahrbuch der Schule mit dem Text: »Wer ist dieser Typ?«

Ein »Nerd«, so lautet das Schimpfwort für Gates und seine Computerkumpel. Nerds, das sind die hyperintellektuellen Jungs, die strebsamen Eierköpfe, die beim Fußball immer als letzte gewählt werden, deren Aftershave nach Lötkolben riecht, deren Hemden immer zwei Nummern zu klein sind und Flecken vom Kugelschreiber in der Tasche _(* Im Computerraum der ) _(Lakeside-Schule in Seattle (Washington). )

haben. »Nerd nennen mich die Leute noch heute«, sagt Gates. »Mein Erfolg ist eigentlich die Rache der Nerds.«

Den Rachefeldzug beginnt Gates im ersten Jahr an der teuren Privatuni Harvard. Wenige Wochen nach Semesterbeginn entdeckt Allen auf der Titelseite des Bastlermagazins Popular Electronics den ersten Kleinrechner zum Selbstzusammenschrauben. Bis dahin war das Spielen mit dem Rechner teuer: Ein Computer kostet ein Vermögen, die Stunde Rechenzeit ist kaum zu bezahlen. Doch der Altair, so der Name des Do-it-yourself-Computers, ist die Erfüllung des Traums von Gates und Allen und Tausender anderer junger Computerhacker. Keine teuren Rechnungen mehr am Ende des Monats - nicht mehr Miete, sondern Eigentum.

Die beiden Freunde ordern einen Bausatz und hacken wie im Wahn eine besondere Version der Programmiersprache Basic, eines der ersten brauchbaren Programme für den Bausatzcomputer. Gates findet seinen Arbeitsstil: 10 bis 16 Stunden vor dem Rechner, nur 2, 3 Stunden Schlaf. Hacken, träumen, hacken, träumen: »Das war mein bestes Programm«, sagt er. Microsoft nennt das Duo die eigene Firma; doch erst als IBM 1981 den Personal Computer (PC) auf den Markt bringt, wird aus Microsoft mehr als nur ein erfolgreicher Zulieferer für Technikfreaks.

IBM ist damals ein scheinbar unbezwingbarer globaler Firmengigant; in jedem Fall das mächtigste Unternehmen der Computerbranche. Doch die IBM-Business-Krieger sind in der Welt der Großrechner zu Hause - Geräte, die ein paar Millionen Dollar kosten und allein zur täglichen Wartung eine eigene Abteilung benötigen.

Die kleinen, billigen Personalcomputer gelten bei IBM nur als Spielzeug. Und so beauftragen sie die Jungs bei Microsoft, das Betriebssystem für den IBM-PC zu schreiben. Die Rechte an dem Programm schwatzt Gates dem Unternehmen jedoch ab. Ein bis heute unglaublicher Deal: Microsoft verdient daran noch immer; an jedem verkauften Gerät - egal ob von IBM oder anderen Herstellern. Mit diesen Einnahmen beginnt der bis heute ungebremste Aufstieg der Gates-Firma.

14 Jahre später ist Microsoft das größte Software-Unternehmen der Welt, Gates mit mehr als 13 Milliarden Dollar Vermögen einer der reichsten Menschen der Welt. Konkurrenten wie Philippe Kahn hat er mit vielen Tricks geschlagen: Microsoft verkaufte Programme weit unter Preis, kündigte neue Software an, um andere Firmen zu verwirren. »Gates sucht sich immer einen Gegner aus«, sagt Kahn, »den hält er im Visier, und er ruht nicht, bevor dem anderen die Puste ausgeht.«

Was treibt Gates noch an? »Ich habe den besten Job der Welt«, sagt er auf solche Fragen gern - keine Antwort, nur eine Phrase. Noch immer lockt ihn die Lust am Kräftemessen mit anderen Firmen. Und genauso will Gates die Zukunft in den Griff kriegen. Noch heute findet er kaum Menschen, die mit ihm, so glaubt er, intellektuell konkurrieren können. Wer also außer Gates sollte die Welt ins 21. Jahrhundert führen?

Bei seinen Reisen genießt Bill Gates Aufmerksamkeit und Medienrummel wie ein Popstar. In Budapest, wo er vor ein paar Wochen Windows 95 präsentierte, _(* Beim Besuch eines ) _(Basketballspiels. )

drängten sich Politiker, Schriftsteller, Künstler um eine Eintrittskarte zur Produktdemo. Mit Laserlicht und künstlichem Nebel betrat Gates die Bühne der Budapester Oper wie ein wagnerianischer Held. Auf dem Schwarzmarkt für die ansonsten eher dröge Verkaufsshow wurden die Tickets für bis zu 350 Dollar gehandelt.

Instinktiv spüren alle, daß der Computer in den nächsten Jahren die Welt stärker verändern wird als Dampfmaschine und Fließband zusammen. Ob Forschungsminister Rüttgers, Verleger Hubert Burda oder Bertelsmann-Boß Mark Wössner - sie alle möchten gern einen Termin mit Bill. Denn Gates, so glaubt die Elite, hat als einziger die Windows in die Zukunft. Wie sieht das Fernsehen aus? Werden die Menschen in zehn Jahren noch Bücher lesen? Verkommen wir alle zu Stubenhockern?

Die Zukunft läßt Gates in seiner Heimatstadt erfinden. Knapp 9000 Menschen arbeiten heute im Firmenhauptquartier in Redmond, nicht mal 20 Minuten von Gates'' Geburtsort Seattle entfernt. Etwa 30 flache Betongebäude, dazwischen eine penibel gepflegte Rasenfläche, ein paar Bäume. Außer der Firmenflagge weist nur der Fußweg auf die Corporate Identity hin: Jedes Programm hat eine kleine Gedenktafel im Boden - der Microsoft Walk of Fame.

Die Umgebung ist ideal für die Microsoft-Programmierer: Kein Straßenlärm, keine belebte Nachbarschaft, die sie von ihren langen Arbeitstagen ablenken könnte. Zwar hat jeder Programmierer sein Büro, fast alle mit Blick nach draußen, doch die jungen Microsoft-Menschen (Durchschnittsalter 34 Jahre) starren fast nur auf den Bildschirm.

Der Konzern heuert am liebsten direkt von der Uni: Anfang bis Mitte 20 sollen die »Microserfs«, die Microsoft-Leibeigenen, sein, wie sie der kanadische Schriftsteller Douglas Coupland benannt hat. Sie führen ein Leben zwischen Schlafen, Arbeiten, Firmenkantine und in Ausnahmefällen einmal Kino pro Monat. Die wahnwitzigen Programmiersessions des Gründers sind zum Firmenmythos geworden.

Den enormen psychischen Druck verstärkt der große Vorsitzende: Fast alle Projekte müssen ihm vorgelegt werden, in stundenlangen Konferenzen unterzieht er seine Microserfs einer peinlichen Inquisition: Jedes Detail muß stimmen, jede Frage muß beantwortet sein, bevor Gates zustimmt. Wer nicht schnell genug oder, nach Gates Meinung, richtig antwortet, erlebt einen von seinen gefürchteten Wutanfällen: »No, no, no, somebody is confused here« lautet Gates'' Standardformel in solchen Fällen. Seine Stimme ist dann so angenehm wie eine Feuersirene.

Mittels elektronischer Post informieren die Angestellten den Chef über Rückschläge oder Erfolge der einzelnen Projekte. Mehr als drei Stunden pro Tag verbringt Gates mit dem Lesen und Beantworten der E-Mail. 200 bis 300 Briefe bekommt er täglich.

»Die Firma versucht kleine Teams um ein spezielles Projekt zu bilden«, sagt der Journalist Fred Moody, der ein ganzes Jahr den Arbeitsalltag beobachtet hat. Möglichst wenig Bürokratie, möglichst viel Unternehmergeist soll gezüchtet werden.

Und dann setzt Gates Termine: Den Gruppen werden immer neue Aufgaben, immer weniger Zeit gegeben, um ihre Produkte fertigzustellen. Der Druck motiviert, so glaubt Gates, die Leute zu Höchstleistungen. »Wir sind ziemlich Hardcore hier«, sagt er.

Solchen Streß vergütet die Firma noch nicht mal mit viel Geld - Microsoft zahlt lausig. Doch immer winken Aktienoptionen den jungen Rekruten, wer lange genug durchhält und gute Arbeit leistet, kann in ein paar Jahren zum Millionär werden: Mehr als 2000 davon arbeiten schon bei der Firma. Mit 30 sind die jungen Computerartisten allerdings meist erledigt, mehr als fünf Jahre Hardcore hält kaum einer aus. Wer bis dahin keine Leitungsfunktion hat, sieht sich nach einem anderen Job um oder geht mit seinen Aktien in Rente.

Douglas Coupland sieht bei Microsoft einen neuen Menschentyp entstehen, die neuen Archetypen der Informationsrevolution. »Das sind Nerds, die unheimlich intelligent sind, die sich extrem auf eine Sache fokussieren. Aber sie vernachlässigen alle anderen Bereiche ihres Lebens.« Interesse an einer Partnerschaft, Mode, Popkultur oder ein politisches Bewußtsein fehle den Microserfs ebenso wie das Bewußtsein für andere Menschen. Das einzige, was zählt, so Coupland, ist die Software.

Wichtigeres gibt es ja auch kaum mehr. Coupland sieht die Menschheit eine »technische Koevolution« erleben: »Genau wie ein Vogel, der kein Nest bauen kann, kein Vogel mehr ist, werden Menschen, die nicht mit dem Computer umgehen können, in ein paar Jahren keine Menschen mehr sein.«

Worte, die Gates sicher gern hört, lautet doch sein Leitmotiv seit 20 Jahren: »Auf jeden Schreibtisch, in jedes Zuhause gehört ein Computer. Auf dem sollen natürlich Microsoft-Programme laufen.«

Noch ein paar Jahre wird es dauern, bis dieser Traum in Erfüllung geht; still darauf warten wird Gates nicht. Da gibt es das Internet, die Vernetzung aller Computer, fast schon eine eigene Welt. Cyberspace hat der amerikanische Schriftsteller William Gibson diese Gegenrealität genannt, und in den letzten Monaten hat sich dieser Datenraum immer mehr in die physische Wirklichkeit gefressen. Keine TV-Show, keine Zeitung, die nicht die Segnungen dieser neuen vernetzten Welt beschreibt.

Die Zeichen sind schon zu erkennen: Das Magazin Focus etwa, erzählt der Verleger Hubert Burda stolz, »haben meine Jungs nach dem Vorbild von Microsoft-Windows gestaltet«. Hollywood schickt seit Monaten Cyber-Filme in die Kinos. Ob Bankgeschäfte, Computerkriminalität oder Teleheimarbeit - die Gesellschaft gewöhnt sich an die Macht der Netze.

Die jüngsten Pläne von Bill Gates treiben diese Entwicklung voran: Mit den Hollywood-Größen Spielberg, Geffen und Katzenberg hat er eine eigene Firma gegründet. Gates will zusammen mit dem Trio Hollywood aus dem Zelluloid- in das Silicon-Zeitalter führen.

Und Gates will noch mehr: Schon seit langem kauft seine eigene Firma, die heutige Corbis, die digitalen Rechte an Kunstwerken in der ganzen Welt. Ob Picasso, Mondrian oder Rembrandt - die Klassiker werden in Zukunft nicht mehr nur in Museen hängen, sondern auch ein neues Leben in der Kunstwelt des Cyberspace haben. Die Rechte und deren Verwertung will Gates kontrollieren. Er besitzt sie bereits für die Exponate zahlreicher Museen, darunter seit zwei Wochen auch die drei Millionen Ausstellungsstücke der Eremitage in St. Petersburg. Bereits Mitte Oktober hat er das größte kommerzielle Fotoarchiv der Welt gekauft. In der Bettmann-Sammlung sind moderne Klassiker wie jenes Foto, auf dem Einstein die Zunge zeigt. Copyright in Zukunft bei Bill.

Sein Leben jenseits von Microsoft hält Gates von der Öffentlichkeit fern: Sein Buch »Der Weg nach vorn«, so sagt er, enthalte ja viel über ihn als Person. In seiner Freizeit spiele er gern Bridge, beantworte seine elektronische Post, Fernsehen schaue er nicht.

Doch die wirklich privaten Fragen, nach seinen Träumen, seinen Ängsten oder nach den Quellen seiner Arbeitswut, beantwortet er entweder mit Microsoft-Sprüchen ("Es gibt noch soviel zu tun") oder Abwehr: »Mein Privatleben ist langweilig.«

Besonders wenn es um seine Frau geht, die er durch elektronische Briefe kennengelernt hat, blockt er ab. Kinder seien geplant, sagt Gates. Die Worte spricht er so, wie andere Menschen über eine neue Textverarbeitungssoftware reden. Gates Kids Version 1.0.

20 Jahre will er noch seine Arbeitswut und Machtgier Microsoft und der neuen Netzwelt widmen: Auch nach seinem Tod, so glauben schon heute einige Fans, wird Bill weiterleben.

Das Markenzeichen Microsoft und sein Gesicht, seine Stimme, seine schlaksige Gestalt werden wahrscheinlich bald als Computersimulation ein künstliches Leben im Datenraum führen. Bereits heute existiert Gates als Datenschatten in vielen tausend Computern. Per Internet läßt er sich als Bild, als Sound-Schnipsel seiner Reden, als kurzer Videoclip seiner Auftritte abrufen.

In ein paar Jahren wird die Gates-Simulation durch den Cyberspace rauschen, ständig auf der Suche nach dem besten Deal und stets die Segnungen der neuen Netzwelt verkündend.

Was der fleischliche Bill Gates dann treibt? Kahn kennt die Antwort: Er glaubt, sein alter Feind will Präsident der Vereinigten Staaten werden. »Und dann hilft uns nur noch Gott.«

»Programme schreiben, eine Firma gründen, reich werden«

Nach dem Tod wird Gates als Simulation im Datenraum weiterleben

* Im Computerraum der Lakeside-Schule in Seattle (Washington).* Beim Besuch eines Basketballspiels.

Klaus Madzia
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