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DROGEN Die Raver, die Dealer und ihr Pate

Ecstasy, die Droge, die Tausende auf der Love Parade schluckten, hat einen weiten Weg hinter sich. Ihr Vater lebt einsam in Kalifornien - getrennt von seinen Kindern in aller Welt. Von Alexander Osang
aus DER SPIEGEL 30/2001

In einem Hochhaus in Berlin-Marzahn sitzen zwei junge russische Männer ohne Namen und denken nicht an Liebe, sondern an Geld. Sie sitzen auf einer riesigen türkisfarbenen Ledercouch. Sie sehen klein aus, aber nicht ungefährlich, ab und zu bringt eine junge Frau mit hohen Wangenknochen und gewaltigen Brüsten etwas zu trinken. Es gibt keine Bässe, keinen Rhythmus. In einem Nebenzimmer läuft Polizeifunk. Computer zeichnen Funksprüche aus ganz Deutschland auf, aber hier ist keine Polizei. Ganz sicher nicht. Einer der beiden Russen ist sehr betrunken, der andere ein bisschen. Sie wollen Oleg und Victor genannt werden. Oleg lacht, aber es ist kein fröhliches Lachen. Es ist ein Lachen, bei dem man als Fremder mitlacht, so, als habe man den Befehl bekommen.

Nichts passt zur Love Parade.

Sie reden über die »Ecstasy-Pyramide«. Oben sitzen die Leute, die Ecstasy produzieren. Ganz unten sitzen die kleinen Dealer. Weil eine Pille Ecstasy viel erschwinglicher ist als ein Gramm Kokain, gibt es sehr viel mehr Ecstasy- Dealer als Kokain-Dealer. Der Kampf um die Reviere ist hart, sagen die beiden betrunkenen Russen, und der, den man Oleg nennen soll, lacht sein Lachen, das jederzeit kippen kann.

»Die kleinen Dealer bekommen immer auf Kopf«, sagt er.

Wo kommen sie her?

»Von überall«, sagt er.

Und die großen?

»Auch. Viele kommen aus Deutschland.«

Und Russen?

»Bist du doof«, sagt Oleg und fängt an zu lachen.

Welche Rolle sie in der Pyramide spielen, kann man lediglich ahnen. Ein bisschen später fahren die beiden Russen auf einen Parkplatz im Berliner Stadtbezirk Wedding. Oleg verschwindet und bringt nach einer Weile einen rothaarigen Polen mit, den man fortan Anton nennen soll.

Sie fahren zu einem ungemütlichen jugoslawischen Restaurant, in dem es nie viele Gäste gibt, wie sie sagen. Sie setzen sich an einen allein stehenden Tisch. Der Kellner ist Türke. Er sagt, dass man die Käseplatte nicht empfehlen kann. Wegen der Hitze.

Anton ist 23 Jahre alt, lebt seit zehn Jahren in Berlin und ist mittelgroßer Einzeldealer. Er macht etwa 45 000 Mark Gewinn im Jahr. Er hat 15 feste Kunden. Vor vier Jahren, sagt er, waren es noch 50. Aber das ist zu unsicher.

»In diesen Zeiten ist jeder neue Kunde eine Gefahr«, sagt er. »Wenn sie anfangen, komisch zu werden, trenne ich mich sofort von ihnen. Wenn sie zu viel Stoff nehmen, werden sie komisch. Leer irgendwie. Ich nehme nie Ecstasy, weil ich aus dem Film ,Scarface' weiß, dass man als Dealer nie das Zeug nehmen darf, das man verkauft.« Die beiden Russen sehen ihn verständnislos an.

Hier oben könnte eine gute, klassische Drogengeschichte beginnen. Es ist warm und feucht, die Mittagssonne brennt fahl vom hellblauen kalifornischen Himmel auf Lafayette. Die Farben sind so verblichen wie in »Traffic«, die hohen, schlanken Kakteen werfen keinen Schatten. Jeden Moment könnte Jefferson Airplane anfangen zu spielen, oder Grateful Dead, aber es bleibt ganz ruhig. Auf dem heißen Berg lebt niemand außer Alexander Shulgin und seiner Frau Ann. Die Straße, die zu ihnen führt, ist staubig, sie heißt Shulgin Road. Der Doktor läuft mit den steifen Schritten alter, groß gewachsener Männer über den Pfad zu seinem Laboratorium. Sein Vater floh vor dem Zaren nach Amerika, seine Frau floh vor Fidel Castro aus Kuba, er selbst spielt die Bratsche im »Streichquartett der Boheme« in San Francisco. Shulgin ist Biochemiker. Niemand auf der Welt hat mehr Drogen genommen als er, heißt es. Dr. Shulgin ist eine Legende, 76 Jahre alt und auf dem Weg in den Drogenhimmel. Er ahnt schon, was dort von ihm erwartet wird.

Shulgin hat zerzauste Haare, einen weißen Bart und denkt schneller als er spricht, weswegen seine Worte sich übereinander schieben, wenn er redet. Er trägt Jeans, Hawaiihemd, keine Strümpfe. An der verwitterten Labortür hängt ein Atomkraftzeichen.

»Das hält die Diebe und die Drogenbehörde ab«, sagt Shulgin.

Es riecht nach Säure und sieht genauso aus, wie sich ein Disney-Zeichner das Labor eines versponnenen Chemikers vorstellen würde. Verschlungene Glasröhren, Kolben und kipplige Regale, gefüllt mit braunen und grünen Flaschen. Alles ist mit Staub und Spinnweben bedeckt, im Radio läuft Ravel, an der Wand hängt eine Voodoopuppe, die von Journalisten gern erwähnt wird. Alles passt.

Alexander Shulgin gilt als Vater von MDMA, Methylendioxyamphetamin, das ist die chemische Verbindung, die als Ecstasy berühmt wurde. Manche nennen ihn Vater der Droge, manche ihren Stiefvater, manche den Paten von Ecstasy. Der Stoff streifte Shulgins Leben und lässt ihn nicht mehr los. Der Bedarf nach Legenden ist groß, wenn es um Drogen geht, und Shulgin ist der einzige richtige Name in der Geschichte von Ecstasy. Alle anderen Personen verschwimmen im Nebel.

Alexander Shulgin schaut ein bisschen enttäuscht, wenn man ihn nach der Droge fragt. Vielleicht, weil er immer nur danach gefragt wird. Aber dann spielt er doch mit. Was soll er auch machen?

Die chemische Verbindung MDMA wurde 1912 von Wissenschaftlern der Darmstädter Firma Merck mehr oder weniger zufällig entdeckt. Sie suchten ein Blut stillendes Mittel und stießen auf MDMA. Am Heiligabend 1912 beantragten sie das Patent. Shulgin besitzt eine Kopie der Patentschrift Nr. 274350 vom kaiserlichen Patentamt. Neben die Formel der »neuen sekundären Base« hat er »MDMA« geschrieben. MDMA schlief 30 Jahre lang, bis es die U. S. Army neben anderen Substanzen zur Spionage und Gehirnwäsche ausprobierte. Sie führten ein paar Tests mit Ratten, Meerschweinchen und Mäusen durch, die aber anscheinend nicht überzeugten. Anfang der siebziger Jahre hörte Shulgin erstmals von dem Stoff. Er stellte ihn in seinem Labor her.

1976 probierte er ihn.

Er blättert in einem alten Notizbuch, das er nicht lange suchen muss.

»Am 8. September nahm ich 16 Milligramm«, liest er. »Keine Wirkung. Man fängt mit kleinen Dosen an. Dann 25 Milligramm, kein Effekt. 40 Milligramm, kein Effekt. 60 Milligramm, kein Effekt. Am 27. September habe ich dann schon 81 Milligramm genommen. Es gab eine leichte Veränderung, die mich an das Gefühl nach dem ersten Drink erinnerte. Ich habe die Wirkung als freundlich, warm und öffnend beschrieben. Nach einer Stunde und 38 Minuten erreichte ich den Höhepunkt, nach drei Stunden war es vorbei.«

Shulgin testete wenig später den Stoff zusammen mit ein paar Freunden, mit denen er auch heute noch Drogen ausprobiert. Sie treffen sich in seiner Küche, von wo aus man einen wunderbaren Blick in ein enges Tal hat, das hinter seinem Haus liegt. Es sind Journalisten, Künstler, Wissenschaftler, sie tragen keine Namen, seine Frau Ann ist auch dabei, inzwischen sind sie alle über 70. Sie waren begeistert, damals, selten haben sie sich so gut verstanden.

»Wir spürten einander«, sagt Shulgin.

1978 beschrieb er die Wirkung von MDMA erstmals in einer wissenschaftlichen Arbeit. Das nimmt ihm keiner, er war der Erste, der darüber schrieb. Im Jahr zuvor hatte er den magischen Stoff einem Freund empfohlen, der als Psychotherapeut mit LSD und anderen Mitteln experimentiert hatte. Sein Freund hat keinen Namen, er war so etwas wie der erste Untergrundpsychiater Amerikas. Shulgin sagt, der Mann habe MDMA etwa 4000 Kollegen vorgestellt. Überall in Amerika begannen Psychiater mit dem Stoff zu arbeiten. Auch Shulgins Frau Ann, eine Hobbytherapeutin, testete die Substanz drei Jahre lang.

»Sie eignet sich hervorragend für Patienten mit posttraumatischen Symptomen«, sagt sie. »Ich habe mit 15 Einzelpersonen gearbeitet und mit etwa einem halben Dutzend Paaren. Vier Patienten waren als Kinder sexuell missbraucht worden und konnten nun erstmals darüber reden. In normalen Sitzungen hätte man sehr lange gebraucht, das freizulegen. MDMA ist großartig, um verdrängte Erfahrungen aufzudecken. Es nimmt dir die Schuldgefühle. Es ist auch gut für Partnertherapie.«

Anfang der achtziger Jahre begannen immer mehr amerikanische Psychotherapeuten mit MDMA zu arbeiten. Sie nannten es »Adam«, weil es sie an »die Unschuld und den Frieden des Paradieses erinnerte«, heißt es in dem Buch »Ecstasy - The Complete Guide«, das die New Yorker Psychiaterin Julie Holland im September in den USA herausbringen wird.

Der Frieden des Paradieses. Die Droge begann, auf die Straße zu sickern. Auf einem Kongress im kalifornischen Big Sur verpflichteten sich die MDMA-Psychiater zum Schweigen. Sie hatten Angst, dass der Stoff verboten werden könnte wie LSD. Aber es war zu spät.

Ein amerikanischer Dealer erfand den Namen »Ecstasy«. Dr. Julie Holland zitiert den nächsten großen Unbekannten der Ecstasy-Legende in ihrem Buch.

»Ich habe mir Ecstasy aus nahe liegenden Gründen ausgesucht. Das verkauft sich besser als 'Empathy'. Empathy würde sicher besser zur Wirkung der Droge passen, aber niemand hätte sich darunter wirklich etwas vorstellen können. Ecstasy klang kraftvoll und interessant.«

Eine Gruppe von Unternehmern in Texas begann MDMA herzustellen und in kleinen braunen Flaschen als »Sassyfras« zu verkaufen. Das Geschäft lief gut. Ecstasy war nicht illegal, man konnte es unter einer gebührenfreien Telefonnummer bestellen und mit Kreditkarte bezahlen. In Nachtclubs in Dallas und Houston gab es die Droge wie Zigaretten zu kaufen, sie war steuerpflichtig.

Ein demokratischer Senator aus Texas forderte die amerikanische Drogenbehörde DEA 1984 auf, Ecstasy zu verbieten. Am 27. Juli 1984 veröffentlichte die DEA ihr Vorhaben, MDMA zu einer »Kategorie 1«-Droge zu machen. »Kategorie 1«-Drogen sind verboten, sie dürfen nicht verschrieben werden, und ihnen wird kein medizinischer Nutzen zugeschrieben. Eine Gruppe von Wissenschaftlern protestierte. Fast 50 Zeugen wurden in verschiedenen Städten der USA gehört, viele beschrieben ihre erfolgreiche therapeutische Arbeit mit MDMA. Der Richter sprach anschließend die Empfehlung aus, die Droge in die »Kategorie 3« einzuordnen. »Kategorie 3«-Drogen dürfen verschrieben werden und sind für die klinische Arbeit zugelassen. Die DEA ignorierte die Empfehlung und verbot MDMA 1988 endgültig. Außerdem regte sie ein internationales Verbot an.

Im Laufe der vierjährigen Anhörungen wurde Ecstasy ein Welterfolg. In England feierte man 1988 den Sommer der Liebe. In Spanien, Australien und San Francisco gab es die ersten großen Raves. Zwei Monate nach dem DEA-Urteil starb in England der 21-jährige Ian Larcombe, nachdem er 18 Tabletten auf einmal genommen hatte. Er war der erste Ecstasy-Tote.

Es erschienen Studien von Tierversuchen, die zeigten, dass Ecstasy bei ständigem Konsum das Gehirn verändert. Der hemmungslose Ausstoß von Serotonin, das für die Stimmung im Menschenhirn zuständig ist, verursache irreversible Schäden, hieß es.

Shulgin glaubt nicht daran. Oder er glaubt nicht, dass es darauf ankommt. Es geht um Liebe.

Sie bestellen Bier, es kommt noch ein dritter schweigsamer Russe an den Tisch. Anton redet. Er hat die Love Parade schon lange vorbereitet. Bei gutem Wetter setzt er allein an diesem Wochenende so viel Geld um wie sonst in einem ganzen Jahr. Es ist seine sechste Love Parade. Er hat 3000 Pillen zu Hause versteckt. Seit drei Monaten. Spätestens drei Monate vor der Love Parade musst du deine Vorbereitungen abgeschlossen haben, sagt er. Dann werden die Kontrollen zu stark, und man kommt kaum noch an Stoff ran. Anton bezieht seine Pillen nur aus Polen.

»Der Stoff ist gut«, sagt er. »Es gibt viele arbeitslose Pharmazeuten in Polen. Fachleute. Es ist natürlich kein reines MDMA, aber 50 bis 60 Prozent sind schon drin. Das ist gut. Zur Love Parade wird viel Müll verkauft. Viel Zeug mit einem Anteil von weniger als 15 Prozent. Die Jungs aus der Provinz kaufen alles. Es sind auch Dealer aus ganz Europa da, weil es das Geschäft des Jahres ist. Ich schätze, es sind so zwischen 500 und 1000 Mann, die Pillen verticken. Ich gehe immer nur mit drei Pillen los, sie könnten Eigenbedarf sein, wenn mich jemand schnappt; wenn ich sie vertickt habe, hole ich Nachschub aus meinem Versteck. Natürlich ist die Polizei unterwegs. Aber man erkennt die Kunden schon an den Pupillen. Im Fernsehen werden wieder viele Raver sagen, dass sie nie Ecstasy nehmen würden, und dabei werden sie Pupillen haben, die so groß sind wie Fünfmarkstücke.«

Anton sagt, dass er gern als Automechaniker arbeiten würde. Er finde keine Arbeit als Automechaniker.

Es gibt einen Unterschied zwischen Geist und Gehirn«, sagt Alexander Shulgin. »Die Tierexperimente und Computertomografien helfen nur bis zu einem bestimmten Punkt. Bevor du den Stoff nicht genommen hast, weißt du nicht, wie er wirkt. Niemand weiß das. Es kann sein, dass der Stoff extrem giftig ist. Ich kenne die Struktur, das ist alles. Eigentlich weiß ich nichts von der Wirkung.«

»Außerdem wissen wir doch gar nicht, ob unsere Erfahrungen uns nicht verändern«, sagt seine Frau und lächelt. »Wir sind nie dieselben.« Ann Shulgin hat lange graue Haare, verschrumpelte Zehennägel und liegt müde auf einem Stuhl neben einem Ventilator.

»Ich habe es geliebt, als ich es noch nehmen konnte«, sagt sie. »Ich habe es ein Jahr lang mindestens einmal die Woche genommen. Ich habe damals so gut geschrieben wie nie. Es brachte mich genau dahin, wo ich sein wollte. Keine große Euphorie, sondern große Klarheit, die Worte rollten aus mir heraus.«

»Sie rollten«, sagt Shulgin abwesend.

»Richtig. Aber dann, nach einem Jahr, merkte ich, dass ich statt 120 Milligramm, 175 Milligramm nahm. Dann wurden es 200 und schließlich 250. Irgendwann hörte ich auf. Vor ein paar Monaten habe ich es noch mal probiert. Es funktionierte nicht mehr. Leider. Ich sage den jungen Leute immer: Besorgt euch gutes Ecstasy, also reines MDMA, und nehmt es nicht öfter als viermal im Jahr.«

Im Augenblick versucht sie, sich das Rauchen abzugewöhnen. Sie ist von zwei Packungen auf sechs, sieben Zigaretten herunter. Sie isst mehr. Pausenlos reißt sie Packungen mit Chips auf, stellt Eisbomben, Schüsseln mit Blaubeeren, Erdnüsse, Schokokuchen, Kirschen, Pistazien, Rosinen auf den Tisch. Sie räumt den Tisch voll und wieder ab, voll und wieder ab.

Ein »Fed Ex«-Transporter quält sich auf den Berg und bringt neue Chemikalien. Shulgin öffnet die Pakete, es sind kleine Fläschchen drin, mit denen er anscheinend nichts anzufangen weiß. Er stellt sie zwischen die Snacks.

»Das Verbot von MDMA hat etwas in ihm kaputtgemacht«, sagt Dr. Rick Doblin, einer der eifrigsten Kämpfer für die Legalisierung der Droge. »Bis dahin hatte Alexander Shulgin eine Art faustischen Pakt mit der DEA geschlossen. Er half ihnen, und sie ließen ihn in seinem kleinen Labor in Ruhe.«

Shulgin sagte für die DEA als Sachverständiger aus, sein Buch »Chemischer und rechtlicher Führer durch die Drogengesetzgebung« gilt als Standardwerk der amerikanischen Drogenbehörde. Der Trauzeuge von Ann und Alexander Shulgin war ein hoher DEA-Beamter; Shulgin ist im Besitz von zwei Urkunden der Drogenaufsicht, in denen man ihm »für seine Verdienste im Kampf gegen den Drogenmissbrauch« dankt. Die letzte stammt aus dem Jahr 1983. 1990 hielt er noch die Abschiedsrede für seinen Freund aus der Behörde, und danach verlor er seine Immunität.

Gemeinsam mit seiner Frau veröffentlichte er im Selbstverlag zwei bleischwere Bücher, in denen die Liebes- und Drogengeschichte eines älteren Paares beschrieben wird, das Alexander und Ann Shulgin ziemlich ähnlich ist. Die Geschichte entstand in der Drogenphase von Ann Shulgin und liest sich auch so. Im Anhang beider Bücher veröffentlichte Alexander Shulgin kühle Anleitungen zur Herstellung von Drogen. Es ist ein Vermächtnis, Shulgin verzweifeltes Testament.

Shulgins altersschwaches Labor wurde seitdem ein paar Mal durchsucht, das letzte Mal kamen sie 1999 mit sechs Polizeiautos und blieben die ganze Nacht. Sie fanden nichts. Ann Shulgin spricht von Invasionen. 1994 musste Alexander Shulgin seinen DEA-Sachverständigenausweis zurückgeben. In einem Handbuch der Behörde wird er noch »als zuverlässiger Zeuge, solange die Fakten stimmen« geführt. »Ich nehme das als Kompliment«, sagt Shulgin. »Sie mögen es nicht, wenn jemand auf beiden Seiten des Zaunes zu Hause ist. Das widerspricht der Machtpolitik in diesem Land.«

»Andererseits wären wir in einem anderen Land bereits erschossen worden«, sagt Ann Shulgin.

»Ja. In Frankreich haben sie unser Buch verboten«, sagt er. »In Australien auch. Es gibt Anleitungen für die Herstellung von 170 verschiedenen Drogen. Allein drei für MDMA. Das macht ihnen Angst. Es erinnert mich daran, wie die Nazis die Musik von Mendelssohn verbieten wollten.« Nach einer Pause sagt er: »In Sydney habe ich das Buch in einem Buchladen gesehen.«

»Ich denke, es ist in Australien verboten?«

Shulgin sieht sie irritiert an. »In der Schweiz und in Spanien ist die Forschung bereits wieder zugelassen. Bei uns gibt es immer noch viele Psychologen, die mit dem MDMA arbeiten«, sagt er.

»MDMA ist Penicillin für die Seele. Man verzichtet doch nicht auf Penicillin, wenn man weiß, wozu es gut sein kann«, sagt seine Frau.

Im historischen Anhang von Julie Hollands Ecstasy-Enzyklopädie jagen sich die Zahlen. 1985 gab es in Amerika 28 Ecstasy-bedingte Notfälle, 1992 sind es 236, 1999 sind es 2850. In jenem Jahr starben in den USA neun Menschen im Zusammenhang mit der Droge. Der Stoff verliert seinen ursprünglichen Charakter, in den seltensten Fällen handelt es sich bei Ecstasy noch um MDMA. Die Pillen sind mit allem Möglichem gestreckt. 1989 wurden bei einer ersten großen Razzia in Großbritannien 32 000 Tabletten beschlagnahmt, 1999 konfiszierte die Polizei 5,4 Millionen Pillen. Im vorigen Jahr beschlagnahmten die Zollbehörden 9,1 Millionen Pillen.

In Deutschland wurden im vergangenen Jahr mehr als 1,6 Millionen Pillen sichergestellt. Genaue Zahlen über Ecstasy-Tote gibt es hier zu Lande nicht. Vor ein paar Jahren schlitzte sich ein junger Mann aus Hamburg im Ecstasy-Rausch den Bauch mit einer Klinge auf. Die Droge kommt meist aus Osteuropa, schreibt Julie Holland, dort, wo es verlassene pharmazeutische Werke, viel Fachpersonal und durchlässige Grenzen gibt. »Früherer Eiserner Vorhang«, hat sie in Klammern dahinter geschrieben.

Das alles hat nicht mehr viel mit Dr. Alexander Shulgin zu tun. Seine Erfindung hat sich von ihm weg bewegt. Die Welt ist groß, schnell und unübersichtlich geworden.

Shulgin hat einen Text für das Buch von Julie Holland geschrieben, in dem er etwas umständlich seine Stiefvaterbeziehung zu MDMA schildert.

»In der Musik von Ecstasy bin ich höchstens der Notenschreiber, aber nicht der Komponist«, schreibt er.

Sie hat den Text nicht mit ins Buch genommen.

Shulgin weiß das noch nicht. Er wird ein bisschen traurig sein. Er löst sich langsam in der Geschichte auf, er möchte etwas hinterlassen. Komischerweise hat sich sein gesamtes Forscherleben in der Verbindung MDMA kristallisiert. Er war auf mehreren Vorträgen in Europa. In Spanien und auch in Amsterdam; am liebsten mag er Dänemark. »Ich würde auch gern mal zur Love Parade fahren«, sagt Alexander Shulgin. »Ich mag diese großen Raves. Es ist schön, die Gemeinsamkeit zu spüren. Die jungen Menschen sind ja heute sehr isoliert. MDMA ist eine Antwort auf diese Isolation.«

Seine Frau nickt und erzählt, dass die Raves immer am Rande von großen Städten stattfinden, wo sich niemand mehr traut, dem anderen in die Augen zu schauen. Dann reißt sie neue Chips-Packungen auf und macht Eistee.

Es ist spät, die Kakteen in Lafayette werfen lange Schatten. Sie haben immer viel an Liebe gedacht und wenig an Geld. Ann Shulgin berührt die gestikulierende Hand ihres Mannes. Er lächelt. So könnte eine gute Drogengeschichte aufhören.

Anton beschäftigt auch ein paar Kleinstdealer, aber nicht zu viele. In Polen hat er einmal ein Ecstasy-Labor gesehen, nur 20 Quadratmeter groß. Die Labors sind sehr flexibel. Sie lösen sich nach spätestens zwei, drei Wochen wieder auf. Das Risiko ist zu hoch, die Gewinnspannen sind riesig. Die Produzenten machen an einer Pille etwa 600 Prozent Gewinn, sagt Anton. Das sei ihm zu heiß.

Die Russen nicken.

»Niemand darf etwas vom anderen wissen. Du musst die Glieder der Kette trennen«, sagt Anton. Das hat er von Don Vito Corleone aus dem »Paten« gelernt. Dr. Shulgin hatte das Ziel, die anderen zu spüren. Sie haben einen unterschiedlichen Ansatz. Das ist alles.

Es sieht aus, als ende diese Drogengeschichte an einem wackligen Kneipentisch in einem West-Berliner Neubaugebiet. Die Farben sind klar, es wird kühl. Der türkische Kellner sagt, dass er jetzt abkassieren muss, weil die Bewohner des Neubaublocks sonst die Polizei holen. Das will natürlich niemand. Anton redet weiter vom »Paten« und der Mafia in seiner polnischen Heimatstadt. Der betrunkene Russe sagt, dass Anton jetzt ruhig sein soll. Dann lacht er sein verrücktes Lachen, das jederzeit in die falsche Richtung kippen kann.

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