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REFORMEN Die Rückkehr des Proletariats

Erst schuf das Land die »neue Mitte«, dann die »neue Unterschicht« - Millionen Arbeitslose, die ohne Zukunft sind und keine Chance zum Aufstieg sehen. Und die anders leben, anders denken und anders wählen. Von Ullrich Fichtner
aus DER SPIEGEL 22/2005

Der Gasthof »Krone« in Tettnang am Bodensee lädt zum Träumen ein von einem behaglicheren Deutschland ganz ohne Hartz und Heuschrecken. Die Wirtsfamilie betreibt die Schenke am Bärenplatz schon in siebter Generation, das hausgebraute Bier kommt in kalten Steinkrügen, und das Dekor der Stube erzählt Geschichten aus einer versunkenen Welt reichlicher, geregelter Arbeit.

Alte Holzsägearbeiten zieren die Wände über der dunklen Vertäfelung, sie zeigen Metzger und Bäcker, Flaschner und Müller, Uhrmacher, Schneider, Weber - zünftige deutsche Handwerker, stolze Figuren, deren Vorbilder noch keine Begriffe hatten von Marktwirtschaft, Kapitalismus, Globalisierung.

Draußen, vor der Tür der »Krone«, weht kalter Wind über den Bodensee, am ganzen blühenden Seeufer entlang hat die Erntezeit begonnen. Auf den Feldern wird Spargel gestochen, frühes Obst ist zu pflücken, Wirte suchen Aushilfen für die beginnende Hochsaison.

Den Spargel stechen Polen, 1500 Kilometer und weiter angereist für 5,35 Euro Stundenlohn. Das Obst pflücken Türken, in Europas Norden heraufgekommen in tagelangen Busfahrten für das, was Deutsche »Hungerlohn« nennen. Und die Servierer, die Küchenhilfen, sie werden Tschechen sein, Ungarn, Slowenen. Wo sind die Deutschen? Wo sind die fünf Millionen Arbeitslosen?

Thomas Geiger ist Spargelbauer, er hat in Tettnang zehn Hektar. Er ist 44 Jahre alt, trägt die Haare wie Karl Marx, und hinter ihm liegen viele Wellen forcierter Arbeitsmarktpolitik. »In Wahljahren«, sagt Geiger, »ist schon die Kohl-Regierung immer ganz nervös geworden kurz vor der Erntezeit.« Dann wurden ihm ABM-Leute geschickt, »damit sie aus der Statistik raus waren«, sagt er. »Zum Arbeiten kamen die nie.«

Polen und Rumänen arbeiten auf seinen Feldern, eigentlich immer schon, sie kommen in der Saison von März bis Juni, teils ganze Familien, »für die lohnt sich das, die verdienen sich hier ihr ganzes Jahr«. Aber die Deutschen? Die Arbeitslosen?

»Ach«, sagt Geiger, er ist ein wuchtiger Mann, er steht in den Spargeldämmen wie ein Schrank, »das ist in der ganzen Welt so. In Polen ernten die Ukrainer, in der Ukraine die Russen, in den USA die Mexikaner.« Früher, vor 40 Jahren, als Österreich noch arm war, kamen die Obstpflücker aus dem Bregenzer Wald herunter an den Bodensee, Tagelöhner, Wanderarbeiter, Gastarbeiter. Deutschland war ein Hochlohnland. In Deutschland gab es Arbeit für alle.

Gute Arbeit, von der die hölzernen Bilder im Gasthof »Krone« noch immer erzählen. Sie sind mehr als nur Folklore. Sie reden von den großen Gefühlen, die sich mit Arbeit hierzulande verbinden. Über das Prestige der Berufe und Gewerke. Über

den Stolz von Menschen, die etwas gelernt haben, das sie zu Fachleuten macht.

Die meisten Deutschen suchen keinen Job, sie wollen einen Beruf, einen für immer, eine Liebe fürs Leben. Und Regierungen, die diese Liebe nicht bedienen, müssen stürzen, über kurz oder lang. Wer einen Beruf hat, in Deutschland, ist jemand. Wer einen Job hat, ist nicht viel.

Es ist deshalb schwer, in Deutschland einen Schlosser zum Kellner machen zu wollen oder einen Briefträger zum Melker. Ein gelernter Tischler will nicht Spargel stechen. Und ein Dachdecker will nicht Bäume fällen. Man kann das bedauerlich finden. Man kann sich wünschen, dass die Deutschen ein bisschen mehr von den Amerikanern hätten, den Engländern. Aber eigentlich tun doch alle nur, was ihnen jahrhundertelang eingeblasen worden ist, vom Urgroßvater zum Großvater zum Vater zum Sohn: Lern einen Beruf, such dir deine Stelle, und halt dich daran fest.

Die Stabilität alter Tage ist dahin, die wohlige Gewissheit, auf vielen Spielfeldern konkurrenzlos gut zu sein, ist erschüttert. Jetzt kommt, so scheint es, wieder das Fressen zuerst und dann die Moral, und aus Asien kommt dazu die Begleitmusik, Lärm ohne Ende, von China her. Jetzt schneiden sich sogar die Osteuropäer ihre Stücke aus dem Kuchen, wo sie bisher mit Krümeln zufrieden waren, und die Finanzmakler unserer Zeit, Analysten genannt oder Equity Fund Manager, die Herren des Geldes, sie geben dem Selbstvertrauen made in Germany den Rest.

Die Politik, ratlos über ihre Möglichkeiten zur Gestaltung, bietet Sündenböcke auf zum schnellen, falschen Trost, oder sie verspricht noch immer, dass alles wieder gut werden kann. Das böse Großkapital feierte Auferstehung für ein paar Wochen, der geldgierige Bonze ging wieder um, und anonyme Konzerne standen im Schussfeld öffentlicher Attacken.

Aber der ganze Auftrieb, die Müntefering-Blase, die schon am Wahlsonntag in Nordrhein-Westfalen wieder zerplatzte, das hatte seine komische Seite: Man hätte meinen können, die Deutschen wollten jetzt Exportweltmeister sein, aber ohne Globalisierung. Reich, aber ohne Finanzmärkte. Von Wohlstand umspült, aber ohne den Markt. Angestellt, lebenslang, aber ohne Unternehmer.

Roland Leppert arbeitet in Friedrichshafen am Bodensee seit 1968 im Bereich Soziales, er ist aufgestiegen zum Sozialamtsleiter des Bodenseekreises, den Posten hat er seit 20 Jahren, er ist darüber 61 geworden, und seit Hartz hat er nicht mehr nur 27 Leute unter sich, sondern 67.

Hartz IV, die Lage ist noch verworren; aus Nürnberg, von der Bundesagentur, sind die Akten der Langzeitarbeitslosen spät und nur auf Papier gekommen, 1600 Stück, obwohl man sie auch digital hätte schicken können, aber »Nürnberg«, das klingt in Lepperts Mund wie Kafkas Schloss.

Die Agentur geht als ferne, finstere Macht durch sein Reden. Täglich erreichen neue Rundschreiben sein Büro, neue Anfragen über statistische Daten, neue Anweisungen, wie mit X oder Y künftig zu verfahren sei. Leppert winkt ab. Nicht müde, eher giftig. »Kannscht alles den Hase' gebe«, sagt er. »Ich weiß nur, dass wir noch nie so falsche Arbeitslosenzahlen in Deutschland hatten. Das ist alles eine einzige Lügerei.«

So wie es aussieht, wird Leppert im Kreis an die 4000 Bedarfsgemeinschaften haben, Haushalte, die Arbeitslosengeld II beziehen, das sind

allein hier im Kreis über 1100 mehr, als der Bund nach seinen Plänen eigentlich alimentieren wollte. Die Kosten der Reform, die zum Sparen gedacht war, galoppieren, in ganz Deutschland, weil es viel mehr Bedürftige gibt als gedacht, selbst hier am Bodensee, wo die Bäume blühen und alles nach heiler Welt aussieht.

»Wir füllen gerade die Schubladen«, sagt Leppert, auf seinem Tisch stehen Süßigkeiten, die größte Gruppe, das steht schon fest, werden alleinerziehende Mütter sein. Ansonsten Ausländer, Aussiedler, dann noch »der Rest«, vielfach unterteilt, vor allem ältere Männer ohne Arbeit dabei, ausgemustert aus dem Produktionsprozess nach 30, 40 Jahren lückenloser Erwerbsbiografie. »Traurig«, sagt Leppert, »viele traurige Sachen.«

Wer eine neue Unterschicht sucht, der kann in Lepperts Schubladen nach ihr suchen. Aber das Wort hat Karriere gemacht, weit über die amtlichen Raster hinaus. Ehe die Superausbeuter am Pranger standen, wurden die Arbeitslosen, die Alleinerziehenden, die Schulversager, die Ausländer, die Umschüler in einem großen Topf verrührt, und ganz oben schwammen Florida-Rolf, Viagra-Kalle und Puff-Helmut.

Die Schnorrer und Schmarotzer sollten schuld daran sein, dass es knirscht und kracht im Gebälk der Deutschland AG. Von 80 Millionen ein paar hunderttausend wurden angeklagt für die Lage im Großen und Ganzen, für Prozesse, die die Organisation der Gesellschaft, die Verteilung der Arbeit, die Bezahlung der einstigen Notfallsysteme immer schwerer machen.

Aber die neue Unterschicht in dieser Republik, das sind auch die Leute, die arbeiten, schlecht bezahlt; das sind auch die Leute, die wirklich keine Arbeit finden, obwohl sie seit Jahren suchen; das sind auch die Leute, die 20, 30 Jahre lang Arbeit hatten und nach einem Jahr Arbeitslosengeld nur noch so viel wie Sozialhilfe bekommen. Elf Millionen gelten als arm in dieser Republik, fünf Millionen haben keine Arbeit, knapp drei Millionen leben von Sozialhilfe.

Es sind Fliehkräfte am Werk, stärkere, als von der Politik seit vielen Jahren zugegeben, vom schnellen Karussell des Kapitalismus fliegen die Anstreicher und Schuhputzer, die Hilfsarbeiter und Handlanger, vor allem aber die Älteren. 70 Prozent aller Arbeitslosen sind älter als 45, und 50 Prozent, die ganze Hälfte, sind älter als 50. Sind sie alle arbeitsunfähig? Ungebildet? 63 Prozent der Arbeitslosen haben eine berufliche Ausbildung oder ein Studium absolviert.

Elzbieta Egger hat keine Ausbildung, ihr Fall ist der: Sie steht in Tettnang am Bodensee seit fünf Jahren sechs Tage die Woche um 2.30 Uhr in der Nacht auf, trägt bis 6 Uhr in der Früh Zeitungen aus, danach macht sie den Kindern Frühstück, ehe sie um 7.30 Uhr Putzen geht für noch einmal fünf Stunden.

Sie ist von ihrem Doppeljob gezeichnet, eine schiefe Frau mit stumpfen Augen, ihr Händedruck ist der einer Schlafwandlerin. Aber die beiden Jobs bringen im Monat 976,57 Euro, gutes Geld, Elzbieta Egger hat sich über die Bezahlung nie beklagt. Aber jetzt ist Hartz IV. Und das hat Folgen.

Elzbietas Mann Edmund ist arbeitslos seit ein paar Jahren, und er wird es bleiben, weil er bald 60 ist und niemand einen 60-jährigen Schmied je wieder beschäftigen wird. So ist gerade sein Arbeitslosengeld ausgelaufen, die Rente war noch nicht erreicht, die Arbeitslosenhilfe ist abgeschafft, und also ging die Fahrt der Familie hinein ins Arbeitslosengeld II, Hartz IV.

Die Eggers, dazu ihre Kinder Sylvia und Anja, sind jetzt eine Bedarfsgemeinschaft. Nach den neuen Vorschriften dürfen sie zum Leben pro Monat für die Erwachsenen je 311 Euro brauchen und für die Kinder je 207 Euro, plus 468 Euro Miete plus 63 Euro Heizung, macht 1463 insgesamt. Das ist der vom Staat ausgerechnete Bedarf.

An eigenen Einkünften hat die Familie aus Elzbietas Job und zweimal Kindergeld 1284 Euro. Den Rest zum Bedarfssatz füllt der Staat auf. Und er gibt Elzbieta sogar, weil sie arbeitet, noch einen Bonus obendrauf. Der Zeitungsausträgerin und Putzfrau bleibt ein »Freibetrag": Sie darf, von beiden Löhnen, 193,15 Euro über den Bedarf hinaus behalten. Das liest sich eigentlich gar nicht so schlecht.

Aber Elzbietas Gefühl sagt etwas ganz anderes. Es sagt, dass sie sechs Tage die Woche nachts um 2.30 Uhr aufsteht für 193,15 Euro. Dass sie, wenn die Kinder gefrühstückt haben, noch einmal Putzen geht für 193,15 Euro. Dass sie sich sinnlos schindet, sechs Tage die Woche, für ein Taschengeld. Ihr Gefühl sagt: Der Staat nimmt mir mein Geld. Ihr Gefühl fragt: Soll ich nicht einfach alles hinschmeißen?

Würde sie es tun, käme vom »Fördern und Fordern« der neuen Gesetze das Fordern an die Reihe. Der Staat würde sie mit einer »Sperrzeit« bedrohen, weil er in der augenblicklichen Situation nicht will, dass Arbeitnehmer Stellen von sich aus kündigen. Sperrzeit aber hieße für Elzbieta Egger: 0,00 Euro, also nicht einmal den Regelsatz, für vier, für sechs Wochen, je nach Fallmanager. Danach wieder 311 Euro.

Die Familie Egger sitzt in ihrer Wohnstube, das ist ein geweißtes, trauriges Zimmer, das nach Armut riecht. Die Zimmerpflanzen lassen lederne Blätter hängen, es gibt einen Fernseher und eine Stereoanlage aus den siebziger Jahren, Hi-Fi-Turm hieß das damals, groß wie ein kleiner Schrank. Sie hatten, alles zusammengerechnet, vor der Reform, mit Edmunds Arbeitslosengeld, fast 2000 Euro im Monat. Und Elzbieta hatte das Gefühl, ihre Familie durch harte Arbeit zu ernähren und vom Staat dabei unterstützt zu werden. Jetzt hat die Familie um die 1600 Euro, Elzbieta arbeitet immer noch hart, aber sie fühlt sich vom Staat beraubt.

Wer weiß, wie es weitergeht, sagt sie. Sie will ihre Stellen nicht kündigen. Aber die Arbeit, hart schon zuvor, geht sie noch härter an jetzt. Und das Geld ist sehr knapp jetzt. Vielleicht noch ein dritter Job, sagt Elzbieta, und weil sie gebürtige Polin ist, hat sie vor einfacher Arbeit keine Angst. »Hopfen pflücken vielleicht. Oder Äpfel. Es muss ja weitergehen. Und es gibt ja jeden Tag ein anderes Gesetz.«

Wer sich fragt, wie alles so weit kommen konnte, der kann auf den Hochofen 5 im Meidericher Hüttenwerk steigen, heute Landschaftspark-Nord, Duisburg. Der Horizont ist zugestellt, auf ganzer Breite, mit Schloten und Öfen und Sinteranlagen, Halden gliedern die Landschaft, Stahlwerke, Zechen. Es ist ein Ausblick wie auf eine Gebirgskette, ein monumentales Panorama deutscher Industriegeschichte. Und die meisten Anlagen liegen wirklich wie Berge da. Still. Steinern. Tot.

Das Ruhrgebiet ist ein Freiluftmuseum des Niedergangs der alten Industrien, eine zerklüftete Welt, die von einer Zeit erzählt, als es noch ein Heer von Arbeitern brauchte und viele Gastarbeiter, um den Hunger des Landes nach Eisen und Stahl zu befriedigen. Das Ruhrgebiet erzählt vom Urgrund der Massenarbeitslosigkeit, davon, dass die körperlich schwere, intellektuell einfache Arbeit ausgegangen ist.

In Gelsenkirchen allein gibt es über 31 000 Arbeitslose - bei 693 offenen Stellen. Der »Strukturwandel«, erfolgreich hier, vergebens dort, kann nicht die Lücken füllen, die gerissen wurden. In die leeren Hallen großer Fabriken ziehen kleine Firmen ein, die an Solarzellen basteln. Wo Großindustrie war, siedelt Kleingewerbe. In den prächtigen Dienstvillen der Stahlbarone führen freie Theater ihre Projekte auf.

»Wenn die Gesellschaft ein Fußvolk produziert«, sagt Helmut Schäfer, glatzköpfig, zwischen den Fingern die filterlose Gitanes, »dann bräuchte es Traditionen, an denen man sich orientieren kann.« Schäfer ist einer der künstlerischen Leiter des Theaters an der Ruhr, Mülheim, eine Bühne, berühmt für ihren sozialen Spürsinn, und sie gibt gerade »Ein Tanzvergnügen« mit Texten von Horváth, Eintritt frei für Hartz-IV-Fälle. Es ist ein atemberaubendes Stück,

weil die Texte glänzen wie neu, wenn sie von Armut reden und Arbeitslosigkeit, vom »Abgebautwerden«, von all der Angst und der folgenden Verrohung. Die Texte stammen aus der Zeit der großen Krisen vom Beginn des 20. Jahrhunderts, als Proletarier noch wussten, dass sie Proletarier sind und irgendwann wieder Arbeit haben. Die Armen unserer Zeit, die neuen Proletarier, hoffen, dass sie irgendwann Arbeit finden, aber viele wissen, dass sie umsonst hoffen.

Das Theater an der Ruhr ist viel auf Reisen. Die Truppe kennt Deutschland in all seinen Winkeln. Und jetzt, sagt Helmut Schäfer, seit kurzem sei die Veränderung im Land mit Händen zu greifen, egal, wohin die Gastspiele führten. Die Leute vor Ort zeigen die Gäste aus Mülheim herum, und ihre Erzählungen beginnen immer öfter wie in Märchen: »Hier war mal ...«, »Da gab es ...«, »Auf dem Gelände hier war einmal ...« Und es geht dann, sagt Schäfer, um Lederfabriken, um Brauereien, um Metallbetriebe, um Webereien, »die sind alle weg, und geblieben sind Ruinen«.

Aber das Hoffen war stets eine große Stärke der Deutschen. Mit Helmut Kohl hoffte das Land, dass es nach der Vereinigung mit der DDR keinem schlechter, aber vielen besser gehen werde. Als die EU-Osterweiterung anstand, hofften wieder alle, trotz der deutsch-deutschen Erfahrung, dass es keine Verlierer, sondern nur Gewinner geben werde. Mit Gerhard Schröder sollte gehofft werden, dass mit Hartz die Arbeitslosigkeit verschwindet.

Aber wer glaubt noch, dass »Arbeit für alle« herbeiregierbar wäre, wie es auch Jürgen Rüttgers, der trunkene Wahlsieger, am Abend seines Triumphes versprach? Wann muss er den Arbeitslosen, die in Scharen übergelaufen sind von der SPD und diesmal CDU gewählt haben, eingestehen, dass auch seine Partei keine Arbeitsplätze schaffen kann? Läge nicht große Entlastung darin, ein Aufatmen, wenn die Politik ihre Feigheit vor dem Volk endlich ablegte und das Offensichtliche zugäbe?

Über Armut zu reden ist schwer in einem Land, das so reich ist. Die Deutschen sagen schon Slum zu einem Viertel, wenn dort die Fenster nicht frisch geputzt blinken. Es wird deshalb gern auch gespöttelt

über das große deutsche Jammern, es wird den Urlaubsweltmeistern und Zweitautofahrern entgegengehalten, sie sollten sich nicht so haben, sie sollten lieber ihre gesparten Milliarden ausgeben und endlich lernen, ohne tiefergelegte Autos, Designer-Klobrillen und dicke Kreolen in beiden Ohren zu leben. Das sind amüsante Debatten.

Und den amüsantesten Beitrag hat Alexander von Schönburg geliefert. Sein Buch, ein Bestseller, unterweist in der Kunst des »stilvollen Verarmens«, und es sei, sagt er, »keine Koketterie«. Er sagt, der Bruder von Gloria von Thurn und Taxis, er habe selbst viel Reichtum erlebt, aber als Spross des verarmten Adels habe er die längste Zeit selbst nicht zu den Reichen gezählt. Nur unter ihnen gelebt, sozusagen. Und er habe gelernt: Geld macht nicht glücklich.

Er sitzt beim Frühstück in einem Berliner Hotel wie ein in die Jahre gekommener Gymnasiast, er kommt eben aus Hamburg zurück, dort hat man ihn zum Chefredakteur eines Magazins gemacht, das »Park Avenue« heißt. Seine Armbanduhr ist eine Rolex, und man könnte nach dieser Entdeckung das Gespräch mit ihm über Armut und Abstieg eigentlich beenden. Aber der Mann hat viel Kluges zu sagen. Und er ist die Galionsfigur einer neuen versnobten Kulturkritik.

In seinem Buch breitet er aus, wie die Deutschen nach dem Krieg an einer »Kultur des Anspruchnehmens« krank geworden seien, und zwar alle, von ganz oben, von Ackermann, bis nach ganz unten. Es gebe, sagt Schönburg, »das Gefühl des Ganzen« nicht mehr, keine Verantwortung für das Land, jeder »delegiert seine Probleme an den Staat«.

Aber nun, da die Zeiten des Wohlstands vorbei seien, ticke eine Zeitbombe. »Die am meisten Aufgepäppelten, die Mittelschichtler, die meinen, es gebe ein Lebensrecht auf Fernreisen, die wird es jetzt erwischen.« Schönburg holt sich Lachs vom Büfett, er klingt freudig erregt, wenn er über den Abstieg der Aufgepäppelten spricht, er bestellt Zigaretten, hastig, er isst, redet und raucht, alles sehr schnell.

Er habe, sagt er, am eigenen Leib erfahren, wie ihm »das Prasserische, das Verschwenderische unseres Lebensstils« widerlich geworden sei. »Wissen Sie, ich bin selbst der Karotte am Stock nachgelaufen, dem Ich-will-schön-reich-berühmt-Werden. Aber dann merkte ich, wie dumm das war, wie gefühllos und kalt.«

Nun ist er auf dem Sprung dazu, reich und berühmt zu werden, und er ist gerührt, wenn er von seinen Erkenntnissen spricht. Wenn er davon redet, wie gut es tut, das Schöne im Einfachen zu finden. Das Teure nicht unbedingt haben zu wollen. Im Glitzer die Kratzspuren zu sehen. Es könnte wirklich Trost darin liegen. Wenn es nur nicht so zynisch wäre. »Zynisch?«, fragt er scharf zurück, »ich bin nicht zynisch. Zynisch ist es, den Leuten vorzugaukeln, sie könnten alles haben. Zynisch ist, vom Wohlstand für alle zu reden.«

Die meisten Debatten über den Abstieg werden von Leuten geführt, die mit Abstieg nicht viel zu tun haben. Sie sagen: Armut, das ist in Deutschland gar kein Begriff mehr, und sie haben in absoluten Begriffen ja Recht. Bis auf weiteres wird es den Deutschen hundertfach besser gehen als dem großen Rest der Welt, immer wieder werden Ausländer fröhlich ins deutsche Sozialsystem flüchten, weil sie in ihrer Heimat, auch nicht durch Arbeit, jemals so »reich« werden könnten. Aber sind diese Einwände von Belang? Muss Afrika Maßstab dafür sein, wie mit Menschen umzugehen ist? Muss sich Deutschland an Rumänien orientieren? Was ist Armut? In Deutschland?

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit nähert sich dem Problem zu

Fuß. Er begeht das Rollbergviertel in großem Tross, an seiner Seite laufen Menschen mit Klemmbrettern und Stelltafeln, sie führen Wowereit durch eine Betonsiedlung, 29 Hektar Fläche, 30 Nationen, die Polizei sagt »gefährlicher Ort« dazu, hier knallt es oft, manchmal sogar aus Pistolen, und trotzdem: Ein Slum sieht eigentlich anders aus.

Der zuständige Bezirksbürgermeister findet das nicht. Er hat ein bisschen Furore gemacht, weil er irgendwann anfing, von »Elendsgebieten« zu reden, und weil er der »Jungen Freiheit« sagte, dass er das ganze Multikulti-Getue für einen Irrweg hält. Talkshow-Einladungen waren die Folge, Leitartikel, und meist hieß es, es fehle nicht an Geld, sondern an Bildung, Kultur. Und für die ausländischen Mitbürger: an ausreichend Kursen in deutscher Sprache.

Wowereit absolviert ein Besuchsprogramm, aus dem ersichtlich wird, dass das öffentliche Leben des Kiezes eigentlich nur noch aus Sozialarbeit besteht. Ihm werden Schautafeln hingehalten, Organigramme der »Präventionsarbeit« im Viertel, die aussehen, als sollte eine Stadt aus der Luft angegriffen werden. Grellorange Pfeile, hundert wirre Linien, Angriffspunkte.

Wowereit hat den Leuten außer guten Worten nicht viel mitgebracht. Wenn er sich mit Sozialarbeitern unterhält, schweigt er und zwinkert bekannten Gesichtern im Pressetross zu. Im Mädchentreff »Madonna« erzählen die Betreuerinnen von Gewalt und Rohheit, von misshandelten Töchtern, von arabischen Zwangsheiraten im Viertel, es ist ein anrührender Moment, die Frauen sprechen klar und hart. Die ausländischen Väter seien kaum zu erreichen. Die Mädchen, entrechtet, müssten geschützt werden. »Wir müssten denen sagen können«, sagt eine Ehrenamtliche, »wenn ihr ALG-II wollt, dann müsst ihr das und das bringen. Das Geld könnte ein Hebel sein.« Wowereit nickt. Eine Pause entsteht. Er hätte jetzt die Chance, etwas Gutes zu sagen, einen markanten Satz, der Ernst beweist, ein klares Wort der Politik. Er sagt: »Also, recht herzlichen Dank. Und trotz der vielen Probleme wünschen wir uns natürlich weiterhin viel Engagement.«

Es gibt alte und neue Armut im Land, die neue hört auf den Namen Hartz IV, sie lässt Menschen aus Festanstellungen rasend schnell in die Sozialsysteme stürzen, das ist so gewollt, die Politik hat es entschieden, um Deutschland fit zu machen für den weltweiten Kampf um Märkte. Aber das heißt erstmals: Vielen wird es schlechter gehen.

Arm sein in Deutschland heißt nicht: zu verhungern, heißt nicht: zu krepieren, heißt nicht: ohne Obdach zu sein. Es hat auch nicht viel Sinn, über Prozentzahlen zu reden, über soundsoviel vom Durchschnittsverdienst, über die und die zwei Euro fünfzig, die fehlen. Arm sind hierzulande Menschen, »die an normalen, notwendigen Gesellschaftsvollzügen nicht mehr teilnehmen können«, das sind elf Millionen Deutsche.

So sagt es Ulrich Schneider, Geschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, ein Sozialprofi mit Halbglatze und Ansatz zum Backenbart; in seiner Büroschrankwand an Berlins Oranienburger Straße steht ein Paar Schienbeinschoner von Eintracht Frankfurt. Schneider weiß, wie Grätschen geht.

Er kann Fragen in zwei krachenden Sätzen beantworten, die auch ProSieben-Zuschauer problemlos verstehen. Aber er kann auch ausgiebig und so fein argumentieren, dass es für Fernsehdebatten nicht mehr taugt. Schneider sagt, er habe in die Diskussionen mit den Handelnden, den Regierenden, den Ausschüsslern, »eine Rigidität und Kaltherzigkeit« einziehen sehen, die neu sei. Bis vor ein paar Jahren noch habe man »entspannt« diskutieren können über soziale Probleme im Land. »Jetzt ist die Panik greifbar, und man hat das Gefühl, die Politik will die Probleme loswerden, indem sie sie einfach nicht mehr zur Kenntnis nimmt. Sie zieht sich zurück«, sagt Schneider, und er lacht dabei scheppernd wie über einen schmutzigen Witz, »sie erklärt sich für nicht länger zuständig. Es gibt die Frage nicht mehr: Wie geht es den Menschen? Es gibt nur noch die Frage: Wie viel kostet es?«

Die neuen Proletarier hadern mit den Regierenden, und die reden von Heuschrecken und Tigerstaaten, und weit und breit keine Erlösung in Sicht. Die Angst geht um, es könnte alles falsch gewesen sein, es könnte alles schief gehen, aber zum Glück gibt es Städte wie Erlangen, wo alle bangen Fragen schweigen.

Erlangen ist eine erstaunliche Stadt, wo jeder vierte Bewohner einen Universitätsabschluss hat. Auf 102 000 Einwohner kommen 84 500 Beschäftigte, das ist eine Dichte wie aus dem Märchen, 40 000 Pendler zieht die kleine Stadt täglich an, sie kommen zu Siemens und zur weltweit renommierten Universität. Erlangen ist anders. In Erlangen wird Hartz IV funktionieren.

Der Oberbürgermeister heißt Siegfried Balleis, ein CSUler neuen Schlags, er ist nicht Lederhose, sondern vor allem Laptop, ein Stadtmanager, der einst selbst bei Siemens war, jung, schnell, sportlich. Er sagt: »Institutionen können Sie gründen ohne Ende. Aber die Menschen müssen schon auch dazu passen.«

Damit meint er seine Leute, die Abteilungsleiter für Soziales, Arbeit, sie sitzen um den Tisch im Besprechungszimmer, wo ein großes Luftbild der Stadt hängt. Sie haben hier schon auf Hartz gemacht, als es die neuen Gesetze noch gar nicht gab. Denn auch die alten kannten schon die Idee des »Förderns und Forderns«. Auch nach Bundessozialhilfegesetz konnte man schon bestrafen und anordnen und Billigjobs vergeben und qualifizieren, nur hieß das alles noch anders. Und hier, wirklich,

weil es ja auch Arbeit und Steuereinnahmen gab, hatten sie damit Erfolg. Sie brachten Alkoholiker und Drogenabhängige und Ältere in ein Berufsleben zurück, nichts Großes, aber für die Einzelnen doch sehr viel, ein Leben eben, eines mit Terminen und Pflichten und regelmäßigen Überweisungen. Das alles, wie gesagt, schon vor Hartz I bis IV.

Wer den Erlangern zuhört, kommt auf die Idee, dass es die ganze Nummer namens Hartz am Ende gar nicht gebraucht hätte, als Heilmittel gegen Arbeitslosigkeit jedenfalls nicht. Als wäre alles nur ein Trick, um Sparpläne zu bemänteln, um die Arbeitslosenhilfe abzuschaffen und im selben Abwasch gleich das Arbeitslosengeld zu kürzen und die Sozialhilfe, unter dem Strich, zu vermindern. Eine Operation am Ende, deren Macher eigentlich wissen, dass es Arbeit für alle gar nicht mehr gibt.

Auf Rügen sind sie ganz sicher, dass alles nur Propaganda ist, im neuen Kreml zumal, dort sagen sie: Deutschland wird an der Nase herumgeführt. Die PDS-Kreisleitung in Bergen ist umgezogen ins Gewerbegebiet, sie hat den Bau der einstigen SED verlassen müssen und sitzt neuerdings in einem räudigen Würfel in Nachbarschaft zu einem giftgrünen Marktkauf, daneben ein Teppichmarkt, wo die Auslegeware bei einem Euro pro Quadratmeter anfängt, und gegenüber die Arbeitsagentur, dort heißen die Arbeitslosen jetzt Kunden.

Der PDS-Vorsitzende heißt Thorulf Becker, er ist ein für Ostverhältnisse geradezu lässiger Mann, 64 Jahre alt, Vater von 6 Kindern, Großvater von 13 Enkeln. Er erzählt die jüngere Geschichte Rügens als geradlinigen, steten Niedergang. 67 Fischfangschiffe gab es zu DDR-Zeiten in Sassnitz, davon sind nur noch 7 übrig, in den Fischfabriken arbeiten nicht mehr 800, sondern nur noch 240 Leute, und in der großen Molkerei Bergen, die auch einst an die 800 Mitarbeiter hatte, sind noch 60 übrig geblieben. »Das ist schon eine katastrophale Situation«, sagt Becker.

Im Raum, mit dem Rücken zum Faxgerät, über dem ein schön gerahmter Ché Guevara hängt, steht Karl Bögemann auf ein leeres Regal gestützt, er ist 44, ein Ein-Mann-Unternehmer, Computerbranche, er krebst seit vier Jahren am Minimum, obwohl er sich selbst ausbeutet, jeden Tag.

Ständig tauchen neue Konkurrenten auf, die alles noch billiger machen, vor allem kommen jetzt die großen Konzerne aus ihren luftigen Höhen herunter und scheuen sich, selbst in Auftragsnot, auch vor Kleinkram nicht mehr. »Mein Hartz-IV-Antrag liegt zu drei Vierteln ausgefüllt zu Hause«, sagt Bögemann. »Ich trau mich nur noch nicht, ihn abzuschicken.«

In Trent, 16 Kilometer nordwestlich von Bergen, hat Kerstin Jahn ihren Antrag schon abgeschickt und Antwort bekommen: 0,00 Euro für sie. Sie ist eine lustige, sprudelnde Frau mit gefärbten kurzen Haaren, sie sagt, dass es Arbeit nicht gibt auf Rügen und dass sie, mit 39, auch nicht mehr darauf hofft, welche zu finden. Dass sie weggehen würde, sofort. Aber dass ihr Mann, ein Arbeiter mit Bluthochdruck bei der Müllabfuhr, nicht aus der Heimat weg will. Und dass ihr Sohn Hansa Rostock über alles liebt. »Mit mir geht ja keiner«, sagt sie. Das Jammern ist gespielt. Sie ist keine, die jammert.

»Das Schlimme ist nur die dauernde Rechnerei«, sagt sie. 1100 Euro verdient ihr Mann, 300 ihre Tochter. Dazu Kindergeld für den Sohn, das muss reichen, für vier Leute, für die Schulden auf dem Haus, in dem sie wohnen. Es ist ein kleines, altes Haus, nichts Besonderes, der Garten mit den Bäumen ist schön, Landleben auf Rügen, man riecht das Meer.

»Wenn wir zur Miete wohnen würden«, sagt Kerstin Jahn, »wär's einfacher, sag ich mal, weil dann müsste der Staat uns die ja vielleicht bezahlen.« So bezahlt der Staat gar nichts. Die Bedarfsgemeinschaft Jahn bekommt 0,00 Euro, so steht es in der letzten Zeile ihres ALG-II-Bescheids. »Und so bleibt das nun wohl«, sagt Kerstin Jahn.

Im Sommer hat sie immer mal einen Job gefunden, an einer Cafeteria-Theke, zwei Monate in der Saison. Aber es läuft nicht so gut mit dem Tourismus, und dieses Jahr wird Kerstin Jahns Cafeteria, wie es aussieht, niemanden brauchen.

Die Familie hat Angst, dass einer krank wird, und sowieso gibt es dauernd Ärger wegen Praxisgebühren und wegen Zuzahlung bei Medikamenten. Kerstin Jahn überlegt genau, wann sie hingeht, um sich die Pille verschreiben zu lassen, früh im Quartal, damit sie sich später notfalls eine Überweisung anderswohin schreiben lassen kann, ohne Gebühr dann.

Sie kauft keine Kosmetik, sie hat mit dem Rauchen aufgehört, nur zum Friseur geht sie noch, »das muss schon sein, so als Frau«. Sie will, sagt sie, »keine Schlösser bauen und keine Villen. Nur mal aufwachen ohne Sorgen«. Aber die Sorgen nagen an ihr. Und manchmal, wenn sie zusammensitzen, die Schwestern, die Schwager, die Kinder, dann wollen sie eigentlich nicht reden über Hartz IV und das alles.

Aber sie tun es doch, immer wieder, und dann wird es am Tisch meistens laut, und irgendeiner sagt dann früher oder später, die Mauer, die können sie wieder aufbauen meinetwegen, und ein anderer sagt, es brauche in Deutschland wieder mal einen, der für klare Verhältnisse sorgt.

Die da unten stürzen Regierungen, es werden Schuldige gesucht. Vielleicht ist es Ratlosigkeit. Vielleicht endet gerade die Hoffnung, dass alles wieder gut wird. Vielleicht wird eine Vision gebraucht, eine, die trägt, oder vielleicht braucht es nur einen ganz neuen Realismus, der zur Wirklichkeit der Welt nicht dauernd Krise sagt. Deutschland sucht. Und findet, derzeit noch überall: Schuldige. Aber darin liegt, jeder weiß es, kein Trost. Es ist nur ein Vertrösten.

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