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EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Die Schläfer

Drei Monate im Bett liegen - im Dienst der Aufklärung
aus DER SPIEGEL 5/2002

Pascal Delavaux sitzt auf dem Rand seines Betts. Er trägt nur ein T-Shirt und eine kurze Sporthose. Seine Füße sind nackt, sie berühren den kalten Linoleumboden. Delavaux fühlt sich verletzlich.

Das Zimmer ist weiß, kahl und unpersönlich. Anschlüsse für medizinische Geräte ragen über dem Bett aus der Wand. Ärzte stehen im Zimmer und beobachten Delavaux interessiert.

Dann nimmt Delavaux einen tiefen Atemzug, hebt die Füße und legt sich auf den Rücken ins Bett. Es fühlt sich ungewohnt an, das Gestell des Betts ist um sechs Grad geneigt, das Kopfende niedriger als das Fußende. Delavaux legt seinen Kopf auf das Kissen und spürt, wie sich das Blut darin sammelt. Die Ärzte sind zufrieden und verlassen den Raum. Das Experiment hat begonnen.

Drei Monate lang wird Delavaux so liegen. Drei Monate wird er die Erde nicht betreten. Einmal am Tag wird er vom Bett in eine Duschwanne gerollt, deren Boden ebenfalls um sechs Grad geneigt ist. Manchmal wird er vom Bett auch vor ein Fitnessgerät gerollt werden, eine Spezialanfertigung, die ihn ebenfalls in der liegenden Position hält. Das Experiment wurde von der Europäischen Weltraumorganisation ESA geplant. Das Liegen ahmt die Wirkung der Schwerelosigkeit auf den menschlichen Körper nach. Das Experiment soll helfen, den Muskel- und Knochenschwund von Astronauten besser zu verstehen und Übungen zu entwickeln, die den Schwund verhindern.

Delavaux hatte im Radio von dem Experiment gehört. Er saß in seiner Wohnung in Gray, und ein Moderator sagte, dass die ESA 14 Freiwillige suche, die bereit seien, drei Monate lang in einem Bett zu liegen. Man würde sie 24 Stunden am Tag filmen, man würde aufs Gramm genau notieren, was sie wann essen, und auch jede Ausscheidung ihres Körpers würde penibelst betrachtet und untersucht werden. Hohlnadeln würden in ihre Körper geschoben, in Kernspintomografen würden sie bis ins Mark durchleuchtet werden.

Die Teilnehmer des Experiments sollen künftigen Raumfahrern einen wichtigen Dienst leisten. Sie seien selbst beinahe Astronauten, sagte der Moderator. Als Junge hatte Delavaux davon geträumt, ein Astronaut zu sein. Geworden ist er ein Geschichtslehrer. Delavaux schrieb einen Brief und hoffte auf sein Abenteuer.

Sieben Monate später liegt er in einem Bett im Rangueil-Krankenhaus in Toulouse. Er ist einer von 14, die verteilt auf sieben Zimmer in einer abgesperrten Sektion des Hospitals untergebracht sind, umgeben von einem Schwarm Wissenschaftler, die sie immer wieder messen, wiegen, untersuchen.

Nach zwei Wochen vermisst Delavaux das Gefühl, aufrecht zu stehen und umherzugehen. Sein Körper fühlt sich komisch an.

Es scheint, als besäße er kein Gewicht mehr. Die Ärzte und Wissenschaftler hatten ihm während der Vorbereitungsgespräche gesagt, dass dies passieren werde. Der Grund ist die geneigte Lage im Bett. Die Position verändert die Flüssigkeitsverteilung im Körper. Einerseits fühlt sich Delavaux befreit. Andererseits ist es unheimlich.

Auch seine Haut verändert sich. Sie scheint dünner zu werden, empfindlich und weich. Nach sechs Wochen sehnt sich Delavaux nach einem Luftzug auf der Haut und nach der Berührung eines vertrauten Menschen. Er vermisst den Sex. Und er verflucht die Kamera über dem Bett, die jede Bewegung von ihm aufzeichnet.

Andere Teilnehmer des Experiments klagen über den Verfall ihrer Muskeln, die einfach verschwinden. Am schlimmsten ist es an den Beinen. Die Waden verwandeln sich in Hautsäcke, die mit Wasser gefüllt zu sein scheinen.

Delavaux ist der Meinung, dass die 11 200 Euro, die die ESA jedem Teilnehmer zahlt, schwer verdientes Geld sind. Zwischen der sechsten und der achten Woche denkt er oft daran aufzugeben. Er telefoniert mit seiner Familie.

Seine Mutter sagt, sie sei stolz auf ihn, ihren Sohn, den Astronautenhelfer. Delavaux gibt nicht auf. Auch die anderen Teilnehmer des Experiments halten durch.

Nach drei Monaten kehrt Delavaux zurück auf die Erde. Er setzt sich vorsichtig auf, tastet mit den Füßen nach dem Boden, und als einer der Wissenschaftler zu ihm sagt, »Stehen Sie auf«, bewegt sich Delavaux ein paar Sekunden nicht, obwohl er es will. Der Wissenschaftler findet das interessant: »Es sieht aus, als wäre im Gehirn das Programm für das Benutzen der Beine nicht sofort greifbar gewesen, man könnte sagen, es musste erst wieder geladen werden.«

Die Erde fühlt sich fremd an unter Delavaux' Beinen, und sein Körper scheint mehrere Zentner zu wiegen. Zwei Wochen braucht Delavaux, bis er sich wieder unbeschwert bewegen kann. Dann werden er und sechs andere Teilnehmer des Experiments der Öffentlichkeit präsentiert.

Es wird über »Mut« gesprochen, über die »Bereitschaft zu leiden«, über »Ausdauer« und den »Respekt vor den Teilnehmern«, und die glorreichen sieben glänzen im Licht der Kameras.

Einer der letzten Redner ist ein Professor aus Berlin. Auch er lobt die Ausdauer der Teilnehmer, die Fülle des Materials. Im Sommer dieses Jahres wird er ein ähnliches Experiment beginnen, und er bietet den sieben an, daran teilzunehmen.

Die sieben lächeln. Die Teilnahme an anderen Experimenten ist ihnen verboten. Sie sind froh darüber. Sie haben die Nase voll. Sie wollen nach Hause. UWE BUSE

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