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EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Die Tour seines Lebens

Wovon Taxifahrer träumen: einmal Peking-London
aus DER SPIEGEL 52/2002

Niemals im Leben würde Tony Arnold öffentlich zugeben, dass er chinesisches Essen nicht ausstehen kann. Tony drückt sich lieber so aus: »Es schmeckt ein wenig exotisch, nicht wahr?« Und: »Ich brauche sowieso nicht viel, um satt zu werden.«

Tony ist Brite, ein Gentleman. Kein schlechtes Wort, über nichts und niemanden. Russland zum Beispiel mag er zwar nicht; im Grunde hält er Russland für so liebenswert wie ein Schlagloch. Aber wenn man ihn öffentlich nach seiner Meinung zu Russland fragt, dann sagt er lediglich: »Oh, hm. Ich fand Finnland besser.«

Tony ist Taxifahrer in London, und zwar einer von den netten. Ein höflicher, freundlicher Typ, genau richtig, wenn man auf der Fahrt durch die City angenehm unterhalten werden will.

Natürlich hat Tony Ja gesagt, als die vom Fernsehen ihm den Peking-London-Job angeboten haben. Die Tour seines Lebens: von Peking nach Norden bis zur russischen Grenze, anschließend das russische Reich von Ost nach West durchfahren, im Fond zwei chinesische Passagiere, die von ihm Englisch lernen wollen. Dass Tony mit starkem Cockney-Akzent spricht, störte niemanden, am wenigsten ihn selbst.

Vor zwei Jahren war Tony schon einmal in einer Werbung für LTI aufgetreten, den Hersteller der Londoner Taxen. Die BBC brachte einen Beitrag über die Produktion des Werbefilms, und Tony galt fortan als fernsehtauglich.

Heute ist Tony in China ein Star. 190 Millionen Chinesen konnten auf TSTV das 13-teilige »Taxi to London« verfolgen, eine Mischung aus »Big Brother« und verfilmtem Erdkundeunterricht. Per Internet hatten sich vorher fast 40 000 Chinesen um die beiden Passagierplätze beworben. Liang Yuchun, ein 27-jähriger Werbegrafiker, überzeugte die Jury mit der Behauptung, schon ein wenig Englisch zu können. Und die PR-Beraterin Wang Yuanchun, 26, schrieb in ihren Bewerbungsbogen: »Ich will einmal im Leben in einer finnischen Sauna sitzen, einmal französisch essen und einmal auf dem Zebrastreifen stehen, den man auf dem Coverfoto der Beatles-LP ,Abbey Road' sieht.« Und dass sie sich unterwegs verlieben wolle, schrieb sie auch.

Am 31. August dieses Jahres geht es schließlich los. Tony war samt Taxi nach Peking geflogen, für den Fall der Fälle hatten sie einen Mechaniker und einen Ersatzwagen dabei, die Fahrgäste und die Kameras standen bereit. Yuchun sagt seinen ersten englischen Satz: »Come on Tony, let's go.«

Viel mehr Englisch kann er gar nicht, und Tony wiederum kapituliert vor den Namen seiner Passagiere. Yuchun und Yuanchun klingen verdammt ähnlich, und Tony weiß nie so genau, welcher Name jetzt zu wem gehört und wie man ihn korrekt ausspricht. Der Taxifahrer beschließt deshalb, seinen Passagieren Spitznamen zu geben. Den Mann nennt er Chin Chin. Hart ausgesprochen klingt das fast wie Yuchun, hat aber den Vorteil, dass »Chin« das englische Wort für »Kinn« ist. Chin Chin heißt folglich Doppelkinn, das erleichtert Tony insgeheim die Zuordnung. Die Frau tauft er Scarlett, nach Scarlett O'Hara.

Sie fahren nach Norden, Richtung Manzhouli an der russischen Grenze. Für Tony ist hier alles fremd, nicht nur das Essen. Aber er fühlt sich gut aufgenommen, auch wenn ihm nie klar ist, ob irgendjemand versteht, was er meint. Einmal treffen sie auf ein Hochzeitspaar, Tony bietet sich den beiden als Chauffeur an, aber beim Übersetzen läuft offenbar etwas schief. Erst nehmen Braut und Bräutigam überraschend Reißaus, dann wendet sich genauso plötzlich die Angelegenheit, und Tony ist Ehrengast und soll von den Spezialitäten kosten. »Nein danke, ich bin wirklich schnell satt.«

Ein andermal steht das Taxi still, weil eine Schafherde vorüberzieht. Als guter Englischlehrer könnte Tony jetzt eine kleine Unterrichtseinheit über Wollpullover oder Lammkoteletts improvisieren, aber Tony zeigt stattdessen mit dem Finger auf ein Schaf in der ersten Reihe: »Sieht aus wie meine Schwiegermutter.«

Es dauert eine Weile, bis seine Passagiere den Witz verstehen.

An der Grenze zu Russland das erste Hindernis: Die Grenzer lassen das Taxi nicht durch. Fahrer, Passagiere und Filmcrew dürfen rüber, das Fahrzeug nicht. Die Reisenden müssen ein russisches Taxi nehmen, von Irkutsk fliegen sie, dann fahren sie Zug nach St. Petersburg. Das englische Taxi wird via Peking nach Helsinki verfrachtet, und Tony kriegt schlechte Laune, die bis Finnland anhält.

»In Russland war alles kalt«, sagt er. »Das Wetter, die Menschen, das Essen. Sogar das heiße Wasser war dort kalt.«

Ab Finnland, endlich, wird alles besser: Scarlett kriegt ihren Saunagang, Tony sein Taxi zurück, und Chin Chin stellt fest, dass er mittlerweile tatsächlich ein wenig Englisch kann.

In Berlin verliebt sich Scarlett in Sebastian, einen deutschen Studenten, der in dem Hotel jobbt, in dem sie untergekommen ist. Sie würde ihn gern mitnehmen. Aber sie traut sich nicht, ihm ihre Liebe zu gestehen.

Und in London, am Trafalgar Square, stellt Tony nach neun Wochen das Taxameter aus. Es zeigt 24 882 Pfund und 50 Pence, rund 39 000 Euro.

ANSBERT KNEIP

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