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SCHAUSPIELER Die Wut-Probe

Claude-Oliver Rudolph darf nun auch fürs große Kino das tun, was er am besten kann: böse sein. Als James-Bond-Gegner ist der Schauspieler ganz oben - und ganz unten zugleich.
aus DER SPIEGEL 7/1999

Bei anderen Dreharbeiten hätte Claude-Oliver Rudolph, 42, wahrscheinlich längst sein Hotelzimmer zertrümmert. Oder das Nasenbein des Regisseurs. Er hätte sich vollaufen lassen bis zum Anschlag, mit Puffkumpels die Nacht durchgefeiert und wäre grölend zum Set getorkelt: ohne Text, aber mit Stinklaune und einem Gesicht wie eine Abrißbirne. Rudolph kann das.

Statt dessen harrte der Schauspieler wochenlang geduldig seines Einsatzes. Mal sollte er nach Tadschikistan, mal nach Istanbul. Am Ende war es London. Den ganzen Tag hockte er dort im Hotel und wartete ebenso geduldig wie vergebens auf einen Anruf der Produktion.

Er nippte nur Weißweinschorle, ging früh zu Bett und bleibt sogar jetzt ruhig, als er im Kantinenzelt der Londoner Pinewood Studios 3,50 Pfund fürs Mittagessen bezahlen soll. Die Kassiererin lächelt. Vor ihr steht ein englisch radebrechender Bulle im Kampfanzug mit Akne wie Streuselkuchen unter dem Hitler-Haarschnitt. Sie kennt ihn nicht. Sie hat keine Angst vor ihm.

Sie weiß nicht, daß er in Deutschland als TV-Star berühmt ist und als verurteilter Schläger berüchtigt. Daß er alles gespielt hat, was Rollen und Realität an Abgründen zu bieten haben: Zuhälter, Rausschmeißer und Schläger, Killer und wieder Zuhälter wie in Dieter Wedels »König von St. Pauli«. Seither steht in Berichten hinter seinem Namen oft in Klammern »Chinesen-Fiete«.

Auf dem Drehplan steht vor Rudolphs Namen eine Zahl. Nummer eins im neuesten James-Bond-Dramolett »The World is not Enough« gehört dem 007-Akteur Pierce Brosnan, ganz klar. Nummer drei ist die Französin Sophie Marceau. Das amerikanische Bond-Girl Denise Richards ist sechs. Rudolph ist 14. Vierzehn! So relativ kann Ruhm sein.

Nummer 14 hat ein viel kleineres Wohnmobil als Brosnan, wird vorm Showdown sterben und sich nicht auf dem Filmplakat wiederfinden. Nummer 14 bebt, beschwert sich aber nicht. Vielleicht ist das hier eine Prüfung. Eine Wut-Probe. Vielleicht will dieses ganze Team britisch-versnobter Teetrinker sehen, wie lange man eine Zeitbombe wie ihn herumschubsen kann, bis es kracht.

Es wird nicht krachen. Diesmal nicht. Rudolph wird seine ganze Explosivität in dem einen Satz kanalisieren, den er als russischer Oberst in den nächsten Stunden sagen darf. Er wird brüllen, daß es selbst Robert Carlyle durch alle Glieder fährt. Der dürre Schotte spielt einen Top-Terroristen. Carlyle ist Nummer zwei.

Rudolph wäre auch gern der Oberböse geworden, zumal sein Manager das zu Hause bereits vorschnell hinausposaunt hat. Ein international anerkannter Irrer wie Gert Fröbe als »Goldfinger«, Curd Jürgens als psychopathischer Reeder Stromberg oder wenigstens Gottfried John als alkoholisierter General. Aber Rudolph wird immer dann engagiert, wenn nackte Gewalt vonnöten ist. Tumbe Härte. Brutalität ohne den Ballast eines eigenen Gedankens. Eine Killermaschine. Ein Vollstrecker.

Insofern ist er als Gegner und Zielscheibe von James Bond nun ganz oben. Und ganz unten, weil er sich wieder einmal einreden muß, daß das seine Nische ist: blöde und böse.

Wer weiß schon, daß Rudolph seinen Mitschülern früher gegen Bezahlung Liebesgedichte für deren Freundinnen schrieb? Oder daß er sich zu Hause auf dem Klo in wechselnden Star-Rollen selbst interviewte?

Er wollte berühmt werden. Ruhm bedeutete für ihn Autos, Geld und Weiber. Wie sein Schulfreund Herbert Grönemeyer wollte er raus aus Bochum. Doch Rudolphs Elend begann damit, nicht mal ein anständig-armseliges Arbeiterkind zu sein.

Seine reichen Eltern quälten ihn mit Reit- und Fechtstunden, Segelkurs und Griechischunterricht. Rudolph quälte zurück, indem er sich die Haare wachsen ließ und es zum mehrfachen Meister in diversen Kampfsport-Disziplinen brachte. Nach dem Abitur (Schnitt 1,6) studierte er Psychologie und Philosophie, bis ihn Theaterleute wie Werner Schroeter baten: »Spiel einfach mal den Unhold.« Dabei blieb es. Einfach. Unhold. Von »Derrick« bis »Das Boot«.

Während seiner Dreharbeiten zu dem TV-Bergbau-Mehrteiler »Rote Erde« fuhr ein silbergrauer Rolls-Royce vor. Ein kleines Männchen im Kamelhaarmantel stieg aus, parlierte mit dem Regisseur und raste wieder davon, daß der Schotter nur so staubte. Das war Klaus Kinski. Rudolph beschloß, genauso zu werden: viel Schotter, viel Staub aufwirbeln.

Er dekorierte sein Leben mit den Insignien des Ruhms, bevor der so richtig da war: Porsche mit Perserteppichen, Prügeleien und gewalttätiger Größenwahn. Seine größte Trophäe wurde Sabine von Maydell, eine ätherische Adlige, die seiner Meinung nach damals das falsche Auto fuhr (VW Cabrio), die falschen Freunde hatte ("Hubsi« Burda) und die falschen Rollen spielte ("Traumschiff-Scheiße").

Die Heirat mit ihr sei »der Sieg des Proletariats gegen die Aristokratie« gewesen, sagt er, als glaube er diesen Quatsch selber. Rudolph redet gern und viel. Nur paßt selten irgendwas zusammen.

Mal sagt er: »Ich wollte nie schleimen. Ich bin keine Hure.« Dann wieder: »Für Geld mach'' ich alles.« Mal schimpft er auf die ganze »Kultur-Kacke«. Dann träumt er davon, irgendwann Intendant am kleinen Frankfurter Avantgarde-Theater am Turm zu sein, wo er einst die weibliche (!) Hauptrolle in dem Fassbinder-Stück »Die bitteren Tränen der Petra von Kant« spielte.

»Er ist einer unserer bedeutendsten Schauspieler«, sagt Regisseur Wedel nach allerlei Pleiten und Prozessen mit Rudolph heute, »und ein Paradebeispiel dafür, wie widersprüchlich der Mensch sein kann.«

Rudolph kann blind eine Beretta zerlegen und wieder zusammenbauen. Er kann einen Menschen mit einem Schlag töten. Und er kann in Tränen ausbrechen, wenn irgendwo ein Kind weint. Eine Mimose aus Stahl. Narziß und Schmollmund in Personalunion.

* Bei Dreharbeiten in den Pinewood Studios, London.

Er ist Vizepräsident des französischen Thaibox-Verbandes und Fördermitglied im Waldorf-Verein. Er ist liebevoller Vater zweier Kinder und Herrchen eines Bullterriers namens Mike Tyson. Er trägt Darstellerpreise mit der gleichen mörderischen Hackfresse zur Schau wie seine ausgeleierte Jogginghose oder das Goldkreuz an seinem dicken Hals. Er glaubt an Gott, hält sich selbst für einen Anarchisten und Jesus für einen Vorläufer von Che Guevara.

Wenn Rudolph nicht Macho wäre, sondern Musik, könnte man ihm unmöglich zuhören. Er wäre nur Krach, eine endlose Folge von Dissonanzen zwischen Punk und Beethoven, den er gerne mal spielen würde, weil er sich in dem Komponisten wiederzuerkennen glaubt: »Immer schlecht gelaunt, lange Haare, und die Weiber liebten ihn.«

Dabei ist sein Ehering mittlerweile fast festgewachsen an seiner ebenso wulstigen wie babyweich-gepflegten Pranke. Über 15 Jahre ist er mit der Maydell jetzt verheiratet, in guten und vor allem schlechten Tagen.

Sie hörte ihm zu, wenn er davon träumte, auf die großen Filmplakate zu kommen, wo sonst Schwarzenegger steht. Sie tröstete ihn, als ein belgischer Fön-Fuzzi wie Jean-Claude Van Damme ihm den erhofften Ruhm als Hollywood-Actionheld stahl. »Dabei kann der nicht mal fehlerfrei stehen.« Und sie blieb bei ihm, als er zu 14 Monaten Haft verurteilt wurde wegen Körperverletzung und Brandstiftung.

Er hatte die Türsteherin eines Münchner Nachtclubs verprügelt und danach einen selbstgebastelten Molotow-Cocktail durchs Fenster geschmissen. Eine Woche war er im Gefängnis. Dann kam er gegen Kaution frei. Das war Glück. Die Richter hielten ihm zugute, daß er selber die Feuerwehr alarmiert hatte. Das ist Rudolph.

Ein paar Jahre ging es gut, bis ihn ein Polizeikommando 1996 bei einer Filmpremiere wieder verhaftete. Seither wird ihm immer mal wieder Betrug oder Veruntreuung vorgeworfen. Und ständig soll er Geld bezahlen, das er nicht hat, weil die alten Schulden seiner noch älteren Träume jede Zukunft aufzufressen drohen.

Rudolph schrieb mit Robert Wilson ein Drehbuch, das niemand haben wollte. Er kaufte für viel Geld die Rechte an dem Orgasmus-Klassiker »Je t''aime« und ließ es von seiner Frau erfolglos neu verstöhnen. »Fickmusik ist heute kein Skandal mehr.« Und er produzierte Filme über Filme, die zwar viel Geld verschlangen, aber niemand sehen wollte. Nicht mal »Ebbies Bluff«, zu dem er all seine Kiez-Kumpane um einen jungen Schauspieler namens Til Schweiger postierte.

»Meine Entdeckung«, schwadroniert er gern, »mein Homunkulus.« Aber das nutzt ja nichts. »Til ist heute in Hollywood«, sagte Rudolphs Mama zu ihm, »bei uns ist der Gerichtsvollzieher.«

Jede Gage wird Rudolph »unterm Arsch weggepfändet«. Die Häuser in München und am Ammersee, in Frankfurt und in der Champagne - alle weg. Die Jaguars und Porsches - weg. Im März spielt er wieder eine Hauptrolle. Vor Gericht.

Um zum James-Bond-Casting nach London zu kommen, mußte Rudolph sich das Geld fürs Flugticket von einem Freund borgen. Und im Hotel baten sie ihn um seine Kreditkarte, weil die Produktion nur sein Zimmer zahlt. Er hat aber gar keine Kreditkarte. Er hat auch kein Handy.

Er hat eigentlich überhaupt nichts mehr außer einem schlechten Ruf, einer schönen Frau und dieser Rolle als Nummer 14. Als er seinen Eltern davon erzählen wollte, erreichte er nur ihren Anrufbeantworter. Sie riefen nicht zurück.

Rudolph weiß, daß er nur deshalb hier ist, weil der Krawallfilm eine Identifikationsfigur für den deutschsprachigen Absatzmarkt braucht. Er ahnt, daß sie Heinz Hoenig genommen hätten, wenn der besser Englisch könnte. Oder vielleicht seinen Freund Heiner Lauterbach, wenn der seine Statur besäße.

Aber er will sich diesen Auftritt als Chance nicht kaputtmachen lassen - erst recht nicht von sich selbst. Kinski ist tot. Rudolph lebt, bis er hier den Drehbuch-Tod stirbt. Daran hält er sich fest wie an einem Baseballschläger. Die wollen das Böse? Er wird es ihnen liefern: echt und pur.

»Drrrop the gun!« schreit er plötzlich mit russischem Akzent und gibt der millionenteuren Kulisse endlich einen Sinn als versiffte Atombunkerheimat eines vom Leben enttäuschten russischen Killers. »I say: Drrrop it!«

»Wonderful«, haucht der Regisseur am Ende. Rudolph lächelt. THOMAS TUMA

* Bei Dreharbeiten in den Pinewood Studios, London.

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