Diktator Than Shwe Die Bulldogge von Burma

Seit Jahren knechtet er sein Volk, doch in der Katastrophe zeigt sich nun das ganze Ausmaß seiner Niedertracht: Während die Burmesen hungern und sterben, macht sich Militärdiktator Than Shwe rar - und verhindert aus dem Hintergrund, dass die Leidenden Hilfe bekommen.


Bangkok - Es zählt vermutlich nicht zu den untypischen Verhaltensweisen von Diktatoren, dass sie in Krisenzeiten abtauchen und sich - so sie darüber verfügen - in ihre "Führerbunker" zurückziehen. Der burmesische Militärmachthaber Twan Shwe, 75, ist da keine Ausnahme.

Grausamer Diktator: General Shwe während einer Parade im März 2008
AFP

Grausamer Diktator: General Shwe während einer Parade im März 2008

Seitdem der Wirbelsturm "Nargis" das Land, das der General kontrolliert, heimgesucht hat, ward Shwe nicht mehr gesehen. Als Helfer in der Not produziert sich in der Öffentlichkeit lediglich die zweite Garde des Regimes.

Dabei ist Than Shwe, "Bulldogge" genannt, ansonsten in Burma allgegenwärtig. In jedem Amtszimmer, in jedem Geschäft hängt ein Bild des gedrungenen Mannes, in frisch gebügelter Uniform, die Brust voller Orden. Streng blickt er von den Wänden auf seine Mitbürger herab. Die Menschen fürchten ihn.

Lockerer zeigte sich Shwe nur bei der Hochzeit seiner dicklichen Tochter Thandar, wie sich auf YouTube beobachten lässt: eine meterhohe Torte, ein Turm aus Champagnergläsern - zynischer lässt sich in einem Land, das zu den ärmsten der Welt gehört, nicht feiern.

Frauen und Kinder als menschliche Minen-Spürhunde

Doch wie feinfühlig kann schon jemand sein, der seit 55 Jahren einer Armee dient, die furchtbare Massaker an der eigenen Bevölkerung verübt hat? Angeblich hat der frühere Postangestellte, der zunächst einer Einheit für psychologische Kriegsführung angehörte, sogar den Vernichtungsfeldzug gegen das Karen-Volk, eine Minderheit in Burma, zu verantworten. Die Armee überrennt Nachrichtenagenturen zufolge bis heute deren Dörfer, stiehlt Ernten, zwingt Männer in den Frondienst und jagt Frauen und Kinder als menschliche Minen-Spürhunde über die Felder.

Das oppositionelle Internetmagazin "The Irrawaddy" bezeichnet Shwe als "geisteskranken Diktator, der sein Volk am Ende eines Pistolenlaufs gefangenhält".

Beim Sturz der ersten und einzigen freien Regierung 14 Jahre nach der Unabhängigkeit stand der Diktator 1962 dem General Ne Win zur Seite. Während des brutalen Militäreinsatzes gegen die Demokratiebewegung 1988, bei dem mindestens 3000 Menschen getötet wurden, bewährte er sich in den Augen seiner skrupellosen Kameraden, so dass er 1992 das höchste Staatsamt übernehmen konnte. Nachrichtenagenturen zufolge ließ er seither Tausende Oppositionelle in Foltergefängnisse werfen.

Kontrolle behalten statt Leben retten

"Das Militärregime ist außerordentlich fremdenfeindlich. Die Machthaber fürchten sich vor allem", sagt der Burma-Experte Sean Turnell von der australischen Macquarie-Universität. So sorgten sie sich um einen möglichen Ansehensverlust in der Bevölkerung: "Wenn sie die Situation nicht in den Griff kriegen und dann die Leute aus dem Westen mit ihren Hubschraubern kommen, würde das ihrem eigenen Volk die Missstände vor Augen führen."

Die Junta kümmere sich mehr darum, die Kontrolle zu behalten und den Anschein von Allwissenheit zu wahren, als Leben zu retten. Die Generäle fürchten sich offenkundig vor einem Aufstand, vor der Globalisierung und vor einer US-Invasion. Deshalb bekräftigte das burmesische Außenministerium am Freitag, man sei zwar dankbar für Versorgungsgüter aus dem Ausland, wolle diese aber selbst verteilen.

Die Präsenz internationaler Militärs wäre ein erhebliches Zugeständnis des Regimes. "Sie befürchten, dass ausländische Soldaten die Vorhut für einen Sturz der Regierung sein könnten", sagt Josef Silverstein, emeritierter Professor der Rutgers-University und langjähriger Burma-Experte. Aus Sicht der Junta "könnten Helfer den Menschen Waffen bringen und ihnen Ideen in den Kopf setzen, wie sie die Regierung stürzen können".

Touristen durften jahrelang gar nicht ins Land, in den siebziger Jahren konnten sie sieben Tage gültige Visa mit strengen Auflagen erhalten. Derzeit bekommen sie Aufenthaltsgenehmigungen für einen Monat, aber Journalisten werden weiter nur zu besonders ausgewählten Gelegenheiten ins Land gelassen - wie zum jährlichen Tag der Streitkräfte, um die Macht der Militärs zu feiern.

Abergläubischer Buddhist

Das Regime hat zahlreiche Gesetze erlassen, mit deren Hilfe die einheimische Kultur vor äußeren Einflüssen bewahrt werden soll. So dürfen Burmesen kein ausländisches Geld besitzen oder Ausländer bei sich übernachten lassen. Diplomaten benötigen eine Erlaubnis der Regierung, um die Wirtschaftsmetropole Rangun zu verlassen.

Ein Teil des Misstrauens gegen die Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi rührt von ihren Verbindungen in den Westen her. Die Friedensnobelpreisträgerin hat in Großbritannien gelebt und war mit einem Briten verheiratet. Deshalb gilt sie für die Junta als Verräterin, obwohl ihr Vater gegen die Kolonialherrschaft kämpfte und als Nationalheld verehrt wird.

Than Shwe seinerseits steht in dem Ruf, ein tief religiöser Buddhist, aber höchst abergläubisch zu sein. Auch soll er Astrologen beschäftigen, die ihm den richtigen Weg ins Paradies weisen sollen. Auch wichtigste Entscheidungen lässt er demnach von dem Sternendeuter seines Vertrauens treffen, wie "The Irrawaddy" berichtet. Der soll ihm nämlich eingeflüstert haben, es sei an der Zeit, eine neue Hauptstadt zu bauen.

Möglicherweise wurde deshalb der neue Regierungssitz Naypyidaw 300 Kilometer von der Küste entfernt und fernab jeder Zivilisation aus dem Boden gestampft. Laut "The Irrawaddy" für eine Milliarde US-Dollar. Der Umzug fand übrigens ganz überstürzt am 6. November 2005 statt - um 6.37 Uhr morgens, weil dies die Glücksstunde des Generals sein soll.

jdl/AP/dpa

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