Dioxin-Welle aus Tschechien Greenpeace warnt vor Verseuchung der Elbe

Durch die Flutwelle in Tschechien droht nun eine Fabrik überschwemmt zu werden, in der tonnenweise dioxinhaltige Chemikalien lagern. Das Gift könnte über die Elbe auch schnell nach Deutschland schwappen. Das sächsische Umweltministerium sieht bisher keine Gefahr.

Dresden/Prag - Direkt am Zusammenfluss von Moldau und Elbe, etwa 25 Kilometer nördlich von Prag, liegt die ehemalige Chemiefabrik Spolana Neratovice, in der Giftstoffe wie Dioxin und Quecksilber in einer nur zu schätzenden Menge lagern. Das Fabrikgelände gilt laut einer Greenpeace-Studie als "eine der meistverseuchtesten Industriebrachen der Welt".

Greenpeace hat nach eigenen Angaben Mitarbeiter vor Ort, welche die Lage beobachten. Sie beschrieben die Lage auf dem Fabrikgelände als dramatisch. "Seit 11.30 Uhr ist ein großer Teil des Geländes etwa einen halben Meter unter Wasser", sagte der Greenpeace-Mann Andreas Bernstorff zu SPIEGEL ONLINE. Schon jetzt würde das Wasser der Moldau massiv mit Quecksilber kontaminiert, da das gesamte Fabrikgelände mit dem Giftstoff verseucht sei. "Die Folgen dieser Katastrophe sind noch nicht abzusehen", warnte Bernstorff, der sich seit Jahren für die umweltgerechte Entsorgung des Fabrikgeländes einsetzt. Schlimmer könnte die Lage werden, wenn sowohl die Moldau als auch die Elbe weiter steigen und das Gelände komplett überfluten.

Behörden sehen keine Gefahr

Das sächsische Umweltministerium in Dresden sieht indes derzeit keine Gefahr durch die Chemiefabrik. Nach Auskunft der tschechischen Behörden gehe von der Fabrik an der Elbe bislang keine Gefahr aus, da das Wasser von den Gebäuden noch mehrere hundert Meter entfernt sei. Intern war jedoch zu hören, dass es am Mittwoch von tschechischer Seite immer ausweichendere Auskünfte über den Pegelstand gegeben habe. Für Greenpeace ist die offizielle Aussage eine glatte Lüge. "Unsere Leute stehen direkt neben der Fabrik und sehen, wie die Gebäude langsam voll laufen", so Andreas Bernstorff.

Dramatische Dioxinkontamination

Doch die schlimmste Gefahr geht nicht von den verseuchten Böden aus, glaubt Greenpeace. Denn in zwei Gebäuden auf dem Gelände, die notdürftig mit einem Betonsarg wie der Atommeiler in Tschernobyl abgeschottet sind, lagern seit Jahren zahllose Fässer mit hochgradig dioxinhaltigen Resten aus der Herstellung von chemischen Kampfstoffen. Diese fielen in den sechziger Jahren bei der Produktion des im Vietnam-Krieg eingesetzten Gifts "Agent Orange" an. In der Greenpeace-Studie wird die Summe der stark dioxinhaltigen Reststoffe auf mehrere Tonnen geschätzt.

Würden diese Gebäude vom Hochwasser erreicht, drohte der Elbe die größte Naturkatastrophe aller Zeiten, glaubt Greenpeace. "In den Gebäuden lagert etwa fünfmal so viel Dioxin, wie alle Müllverbrennungsanlagen in Deutschland pro Jahr ausstoßen", sagte Bernstorff. Zwar seien die Greenpeace-Mitarbeiter von der Polizei abgedrängt worden, trotzdem sei deutlich zu erkennen, wie sich das Wasser den Gebäuden schnell nähere.

Schweine überlebten nur sieben Tage

Dioxin gilt als eines der gefährlichsten Gifte überhaupt. Es schleicht sich in die Nahrungskette des Menschen ein und führt schon nach kurzer Zeit zu einer immensen Gefahr für das Immunsystem und die Fruchtbarkeit von Mann und Frau. Fast alle lebenswichtigen Organe des Menschen werden durch das Gift geschädigt. Wie giftig die in Tschechien eingelagerten Chemikalien sind, bewies ein Experiment mit Schweinen in den betroffenen Gebäuden auf dem Gelände in Spolana Neratovice. Schon nach sieben Tagen starben nach Angaben einer Greenpeace-Studie die ersten Schweine, die den Giften nur durch pure Atmung ausgesetzt waren.

Greenpeace warnte eindrücklich davor, das Problem zu unterschätzen. "Werden die Gebäude überflutet, droht der Elbe der Garaus", sagte Andreas Bernstorff. Die deutschen Behörden müssten schon jetzt überlegen, ob nicht auch für das Trinkwasser in Deutschland eine Gefahr bestehe.

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