Dolmetscherin für Gebärdensprache Wie übersetzt man für Gehörlose »Inzidenz«?

Ständig neue Regeln bedeuten auch stetig neue Begriffe. Claudia Franz ist Dolmetscherin für Gebärdensprache, etwa für Sachsens Ministerpräsidenten. Wie verwandelt sie die Worte der Pandemie in Bilder?
Ein Video von Marco Kasang
DER SPIEGEL

Claudia Franz baut Bilder mit Händen auf. Als Dolmetscherin übersetzt sie etwa die Worte des sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer in die Gebärdensprache. Die Corona-Pandemie hat dafür gesorgt, dass sie neue Begriffe verwenden muss. Ein Lexikon oder eine zentrale Stelle gibt es nicht - die Bilder dafür entstehen in der Gemeinschaft der Gehörlosen.

Claudia Franz: »Die Pandemie hat uns aber alle überrascht, sodass zum Beispiel der Begriff 'Corona' abgeleitet worden ist von dem Bild, wie das Coronavirus aussieht. Es ist rund und darum ist eine Krone. Und darum wird Corona so gebärdet. Ich mach es langsam, so. Das hat sich mittlerweile auch international durchgesetzt.«

»Da nehmen wir nur den Robert, dann nehmen wir den Koch, und dann kommt das Institut dazu. So können wir die Information ganz schnell herübertransportieren. Und der Gehörlose weiß, das ist ein Institut mit dem Namen Robert Koch, denn wir nehmen die Gebärde für den Koch mit dazu.«

»Der Lockdown ist eine ganz interessante Gebärde. Wir stellen uns das Bild vor, es wird alles geschlossen, es ist alles zu, und es wird alles heruntergefahren. Ruhe. Und daraus hat sich die Gebärde ergeben: Lockdown.«

Die Herausforderung: Einige der neuen für die Pandemie zentralen Begriffe sind leichter zu übertragen, andere schwerer.

»Inzidenz ist ja innerhalb von sieben Tagen die Neuinfektionen auf 100.000. Für diesen Prozess hatten wir keine Gebärde. Ich hatte anfangs die Gebärde gehabt: sieben Tage, Zahl so. Das hat sich nicht etabliert. Etabliert hat sich in Deutschland für die Inzidenz diese Zahl. Nachdem irgendwann mal die Möglichkeit da war, diesen Begriff inhaltlich zu erklären. Das ist ja eigentlich keine Gebärde, weil es das 'i' vom Fingeralphabet ist, gibt es jetzt deutschlandweit die Inzidenz so. Immer mit Mundbild.«

Bei einer Pressekonferenz im Landtag wechselt sich Franz mit ihrer Kollegin alle fünf bis sechs Minuten ab. Im Tandem schaffen sie es so, bei dem hohen Tempo der gesprochenen Sprache mitzuhalten. Bei der ersten PK zur Pandemie im März 2020 allerdings war sie allein für Ministerpräsident Kretschmer zuständig, stand direkt hinter ihm und musste 20 Minuten am Stück sprechen.

Michael Kretschmer: »Guten Abend meine Damen und Herren. Wir haben heute eine Kabinettssitzung mit dem wichtige Thema Corona und Maßnahmen der Staatsregierung absolviert und werden dazu morgen im sächsischen Landtag dazu auch eine Debatte haben.«

Mittlerweile übersetzt Franz die Worte der Parlamentarier aus dem Homeoffice heraus. Da neue Corona-Regeln und Verordnungen sehr viele Fakten enthalten, bleibt die Teamarbeit weiterhin wichtig. Claudia Franz beobachtet ihre KollegInnen in anderen Bundesländern. Coronavirus, Inzidenz und Pandemie werden bundesweit anscheinend gleich übersetzt. Beim Robert-Koch-Institut ist sie nicht sicher.

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