Tödlicher Gletscherbruch in den Dolomiten Rettungskräfte orten Leichenteile – Suche nach 14 Vermissten

Gibt es nach dem Gletscherabbruch in den Dolomiten noch Überlebende, die vom Eis eingeschlossen sind? Rettungskräfte suchen am Marmolata-Massiv mit Drohnen nach Spuren.
Rettungshubschrauber über der Marmolata: Suche nach Verletzten und Leichen

Rettungshubschrauber über der Marmolata: Suche nach Verletzten und Leichen

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Luca Bruno / dpa

Mit Drohnen suchen die Einsatzkräfte nach Überlebenden, auch Wärmebildkameras sind im Einsatz: Die Rettungsaktion nach der tödlichen Gletscherlawine in den Dolomiten dauert an. Doch die Hoffnung, Opfer der Lawine noch lebend zu finden, schwindet. Sieben Menschen sind tot, die Zahl wird wahrscheinlich noch weiter steigen.

Die italienischen Rettungskräfte suchen nach 14 Vermissten. Ihre Angehörigen hätten die Namen den Behörden gemeldet, weil sie keine Nachrichten mehr von ihnen erhielten. Das sagte der Regionalpräsident von Trentino-Südtirol, Maurizio Fugatti, in Canazei am Fuße des 3340 Meter hohen Berges Marmolata. Dort, an der Grenze der Regionen Trentino-Südtirol und Venetien, waren am Sonntag mehrere Bergsteigerinnen und Bergsteiger in Massen aus Eis und Geröll verschüttet worden.

Acht Menschen wurden laut Fugatti verletzt. Darunter auch zwei Deutsche, wie eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes der Nachrichtenagentur dpa bestätigte. Die zwei seien verletzt und würden in einem Krankenhaus von Belluno, südöstlich des Unglücksortes, behandelt, teilt die Klinik mit. Demnach handelt es sich um einen 67-jährigen Mann und eine 58-jährige Frau.

Die Behörden suchen weiter nach den Haltern von vier Autos mit ausländischen Kennzeichen – darunter auch ein deutsches. Die Wagen standen auf dem Stellplatz, den in der Regel die Bergsteigerinnen und Bergsteiger nutzen, die Richtung Marmolata-Gipfel wandern.

Suche könnte Wochen dauern

Es könnte Wochen oder sogar noch länger dauern, bis alle Toten am Hang des Marmolata-Massivs gefunden und geborgen werden. Das sagte Maurizio Dellantonio, der Präsident der italienischen Bergrettung. Riesige Mengen an Eis und Gestein seien durch den Gletscherbruch in Fels- und Gletscherspalten gerutscht. Die Felsspalten sollten noch im Sommer freigelegt werden, auch dank des schmelzenden Eises.

»Falls aber jemand im oberen Bereich des Berges in Gletscherspalten gestürzt ist, dann wird es schwierig«, sagte Dellantonio: »Es ist aktuell nicht möglich, zu graben, weil die Masse an Eis sich schon so festgesetzt hat und hart geworden ist.« Das sei nur mit mechanischen Geräten möglich, die man aber nicht auf den Gletscher bringen könne.

Gletscherabbruch an der Marmolata

Gletscherabbruch an der Marmolata

Foto: Autonomous Province Of Trento / dpa

Weil die Gefahr besteht, dass sich weitere Eisbrocken lösen und abstürzen, dürfen vorerst keine Retter mehr die Flanke des Berges betreten. Mit Drohnen wird nach Leichen und Material gesucht. Das Eis sei teilweise bis zu zehn Meter dick, sagte der Bergretter. Deshalb sei die Lokalisierung und Bergung der Leichen so schwierig.

Bevor sie zwischenzeitlich wegen des Schlechtwetters vom Gletscher abgezogen wurden, lokalisierten die Drohnen Leichenteile und Material wie Seile und Rucksäcke, sagte Alex Barattin von der Bergrettung Belluno. Es gebe aber praktisch keine Chance mehr, noch Überlebende unter den Eis- und Geröllmassen zu finden. Vielmehr dürfte nach Einschätzung der Bergungsteams die Identifizierung der Leichen schwierig werden in Anbetracht der Kräfte, mit der die Lawine die Menschen erwischt hatte.

Italien weint

»Heute weint Italien um die Opfer«, sagte ein sichtlich emotionaler Ministerpräsident Mario Draghi bei einem Besuch in Canazei am Fuße der Marmolata. Er dankte außerdem den Einsatzkräften und drückte den Familien der Toten, Vermissten und Verletzten seine Anteilnahme aus. Der Regierungschef traf vor Ort auch Angehörige der Opfer.

Staatschef Sergio Mattarella und andere Politiker drückten den Opfern und Hinterbliebenen ihre Anteilnahme aus und dankten den Helfern. Papst Franziskus betete für die Toten und Verletzten. »Die Tragödien, die wir gerade mit dem Klimawandel erleben, müssen uns dazu drängen, dringend neue menschen- und naturbewusste Wege zu finden«, forderte das Oberhaupt der katholischen Kirche bei Twitter .

Nach Einschätzung von Klimaexperten und Gletscherforschern ist das Unglück auch auf die steigenden Temperaturen zurückzuführen. Diese lassen die Gletscher immer weiter schmelzen und bröckeln; wegen des geringen Niederschlags in diesem Winter fehlte Schnee, der den Gletscher zusätzlich vor der Sonne hätte schützen können.

Auch der Extrembergsteiger Reinhold Messner hat eine Erklärung für das Unglück. »Der Hauptgrund ist die Erderwärmung und der Klimawandel. Diese fressen die Gletscher weg«, sagte der 77-Jährige der dpa. Just an den Abbruchkanten bilden sich dann sogenannte Eistürme, Séracs genannt – »die so groß sein können wie Wolkenkratzer oder Häuserzeilen«, erklärte Messner.

ptz/dpa
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