Trauerfeier für von Polizei erschossenen 16-Jährigen »Wir verbitten uns jede Schuldzuweisung«

Zahlreiche Menschen haben in Dortmund um einen 16-Jährigen getrauert, der durch Schüsse aus einer Polizeipistole starb. Ein Trauerredner forderte Aufklärung – und warnte vor Vorverurteilungen.
Zwei Tage nach den tödlichen Schüssen auf einen 16-Jährigen protestierten Hunderte in Dortmund

Zwei Tage nach den tödlichen Schüssen auf einen 16-Jährigen protestierten Hunderte in Dortmund

Foto: Roberto Pfeil / dpa

In Dortmund haben hunderte Menschen in einer Moschee eines von der Polizei erschossenen 16-jährigen Senegalesen gedacht. Vertreter der muslimischen und afrikanischen Gemeinde in der Stadt forderten Aufklärung, warnten aber auch vor Vorverurteilungen. An der Feier nahmen auch Dortmunds Oberbürgermeister Thomas Westphal (SPD) sowie Vertreter der evangelischen und katholischen Kirche teil.

»Der Sachverhalt muss aufgeklärt werden«, sagte Ahmad Aweimer, der Sprecher des Rates der muslimischen Gemeinde in Dortmund. »Wir verbitten uns jede Schuldzuweisung.« Wichtig sei nun der Zusammenhalt in der Stadt. »Die Tatsache, dass wir heute alle zusammenstehen, zeigt das eindeutig.«

Westphal: »Was für eine schwere Schicksalssituation für einen solchen jungen Mann«

»Ich spüre, dass man aufgewühlt ist«, sagte Oberbürgermeister Westphal mit Blick auf die Stimmung in der Stadt. »Weil in unserer Stadt ein 16 Jahre junger Mann durch einen Polizeieinsatz zu Tode gekommen ist.« Er spüre eine große Erschütterung. »Wir brauchen einander alle in dieser Stadt«, sagte er. Der Jugendliche habe auf der Flucht alles verloren: seinen Vater, seine Mutter und seinen Bruder, sagte Oberbürgermeister Westphal. »Was für eine schwere Schicksalssituation für einen solchen jungen Mann.« Der Rechtsstaat tue alles, um aufzuklären. Man dürfe andere nicht vorverurteilen.

Der Jugendliche war am Montag in einer Jugendeinrichtung in Dortmund mit einem Messer gesichtet worden. Betreuer riefen die Polizei. Trotz Einsatzes von Pfefferspray und Taser war der Jugendliche laut Staatsanwaltschaft mit einem Messer auf Polizisten losgegangen. Ein 29-jähriger Beamter hatte schließlich aus einer Maschinenpistole eine Salve von sechs Schüssen abgefeuert. Der 16-Jährige wurde von fünf Kugeln getroffen und schwer verletzt. Er starb wenig später bei einer Notoperation.

Ahmad Aweimer sagte am Rande der Trauerfeier, die Stimmung in seiner Gemeinde sei erschüttert. Bei manchen rufe der Polizeieinsatz vielleicht Erfahrungen und Erinnerung an Diskriminierungen hervor, die sie selbst erfahren hätten. Manche fragten sich, ob die Polizei genau so gehandelt hätte, wenn der Jugendliche weiß gewesen wäre.

Bei einem Protestzug des linken Spektrums und der afrikanischen Community im Anschluss durch die Stadt wurden dann schwere Vorwürfe laut. »Wer schützt uns vor der Polizei?«, »No Justice, no Peace« oder »Wer hat geschossen? – Die Polizei« wurde gerufen, Bilder des Getöteten hochgehalten. Vergleiche zu anderen von der Polizei getöteten Schwarzen, etwa zu George Floyd, wurden gezogen. Es wurde gefragt, ob elf Beamte einen Jugendlichen nicht anders hätten stoppen können.

Jugendlicher kurz vor dem Einsatz in der Psychiatrie

Der Jugendliche aus dem Senegal war wohl erst seit Kurzem in der Stadt. Nach den dort vorliegenden Erkenntnissen sei der 16-Jährige im April 2022 als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling in Deutschland angekommen, teilte die Stadt Dortmund auf Nachfrage mit. Erst Anfang August sei er in Dortmund untergebracht worden.

»Er hat in Deutschland keine Familie«, teilte eine Sprecherin der Stadt mit. Nach seiner Ankunft wurde er nach dem Königsteiner Schlüssel – der die Verteilung von Flüchtlingen regelt – Rheinland-Pfalz zugewiesen. In der ersten Augustwoche sei er von dem dort zuständigen Jugendamt, das die Vormundschaft für ihn habe, in der Einrichtung im Nachbarbundesland Nordrhein-Westfalen untergebracht worden.

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In einem Interview  mit dem Deutschlandfunk erklärte Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU), bei dem 16-Jährigen habe es sich um einen »psychisch kranken Menschen« gehandelt, der sich am Vortag noch in einer Klinik befunden habe, aber entlassen worden sei. Wie lange der Jugendliche in der Klinik war, ist nicht bekannt.

Helfer hätten am Montag die Polizei gerufen, so Reul weiter, »weil er da sitzt und mit einem 20 cm langen Messer sich selbst umbringen will«. Auch die Dortmunder Staatsanwaltschaft bestätigte gegenüber der Nachrichtenagentur dpa, der Jugendliche habe sich kurz vor dem Einsatz wegen psychischer Probleme selbst in eine Psychiatrie begeben.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieser Meldung wurde der Name des Sprechers des Rates der muslimischen Gemeinde falsch angegeben. Wir haben dies korrigiert.

bbr/swe/dpa
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