Drach-Prozess 14,5 Jahre Haft für Reemtsma-Entführer

Das Hamburger Landgericht hat den Entführer des Millionenerben Jan Philipp Reemtsma zu einer langjährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Von dem bis heute größtenteils verschwundenen Lösegeld habe Thomas Drach noch etliche Millionen, sagte der Richter in seiner Begründung.

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Thomas Drach hat noch elf Jahre Gefängnis vor sich
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Thomas Drach hat noch elf Jahre Gefängnis vor sich

Hamburg - Mit den Händen in den Hosentaschen schlendert Thomas Drach die paar Schritte von der Treppe, die ihn direkt in den Verhandlungssaal führt, zu seinem Platz vor der Richterbank. Gelassen wie immer blickt er in die Kameras und Fotoapparate, die sich vor ihm aufbauen. Cool ist wohl das richtige Wort für die Pose des 40-Jährigen. An diesem letzten Verhandlungstag sitzt er erstmals während des Prozesses nicht seinem früheren Opfer vis-a-vis gegenüber: Jan Philipp Reemtsma ist nicht gekommen.

14 Jahre und sechs Monate Haft wegen erpresserischen Menschenraubs lautet das Urteil. Die 28 Monate Untersuchungshaft in Argentinien werden ihm im Verhältnis 1,2 zu 1 angerechnet. Inklusive der in Deutschland bereits abgesessenen U-Haft macht das fast dreieinhalb Jahre: Das heißt, er muss noch gut elf Jahre absitzen.

Keine "milde Strafe"

Mit dem Urteil nahe an der Höchststrafe von 15 Jahren folgten die Richter deutlich dem Staatsanwalt. Eine anschließende Sicherheitsverwahrung, wie der Anwalt des Nebenklägers Reemtsma, Johann Schwenn, gefordert hatte, lehnte das Gericht allerdings ab. Die Verteidiger hatten in der vergangenen Woche "eine milde Strafe" für ihren Mandanten verlangt. In ihrem Plädoyer hatten sie versucht, plausibel zu machen, dass Drach keinesfalls der Drahtzieher der Entführung von Jan Philipp Reemtsma war.

Doch Richter Dietrich Preuß macht in seiner Urteilsbegründung klar, dass er Drach sehr wohl als den Kopf der Entführerbande sieht. Noch einmal malt er detailliert aus, wie Drach ab Mitte 1995, gut ein dreiviertel Jahr vor der Tat, mit den Vorbereitungen der Entführung begonnen hatte. Wie das Versteck angemietet, das Opfer ausgesucht, später observiert und schließlich gekidnappt wurde. Preuß zeigt noch mal auf, wie skrupellos Drach Reemtsma mit dem Abschneiden eines Fingers und auch mit dem Tode gedroht hatte, wie wenig Verständnis er für die Qualen seines Opfers aufbrachte, als er Reemtsma erklärte, er erlebe die Luxus-Version einer Entführung.

Während der Ausführungen des Richters sitzt Drach relativ ruhig in seiner braunen Lederjacke da - das Strafmaß hat ihn wohl nicht sehr überrascht. Er hat den Oberkörper nach vorn über den Tisch gebeugt, stützt das Kinn mal in die rechte, mal in die linke, mal in beide Hände. Von Reue ist auch an diesem Tag nicht viel zu sehen. Auch nicht als der Richter ausführt, wie sehr Reemtsma und seine Familie auch fünf Jahre nach der Tat noch unter den Folgen der 33 Tage Geiselhaft leiden.

"Drach hat noch etliche Millionen"

Das hohe Strafmaß erklärt Richter Preuß unter anderem auch mit der hohen Lösegeldsumme von 30 Millionen Mark. Bis heute sind erst 1,2 Millionen Mark davon wieder aufgetaucht. Drach hatte während des Prozesses immer wieder beteuert, er habe nur noch etwa zwei Millionen Dollar. "Drach hat noch etliche Millionen," sagt dagegen Preuß.

Am Ende der Verhandlung steht Drach auf und geht auf die Justizbeamten zu, die ihn in seine Zelle zurückbringen sollen. Doch die sind noch nicht soweit. Etwas ungelenk steht er den drei Uniformierten gegenüber, verlagert sein Gewicht vom linken auf den rechten Fuß und wieder zurück - ungeduldig und genervt wie ein Teenager beim Verwandtenbesuch. Draußen erklären seine Anwälte derweil den Journalisten, dass sie prüfen werden, ob sie in Revision gehen.



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